Friedrich August Calau: Leipziger Tor, Aquarellierte Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Bodo Plachta

„der teutschen Thalia und Melpomene soll Unterstützung widerfahren“ – Aspekte einer Debatte über das deutschsprachige Musiktheater in Berlin

Das gesamte 18. Jahrhundert hindurch wurde europaweit eine Debatte über die Oper geführt. Gegenstand waren Fragen nach der sozialen Dimension der Oper, dem Verhältnis zwischen Musik- und Sprechtheater und der ästhetischen Relevanz von Operntexten. In Deutschland spitzte sich die Debatte schon früh auf die Frage zu, wie ein deutschsprachiges Musiktheater auszusehen habe und an welchen Vorbildern – italienische Opera seria oder französische Tradition – man sich orientieren sollte. Berlin war stets ein Zentrum dieser Debatte, von hier gingen seit den 1740er Jahren u. a. wichtige Impulse für ein deutschsprachiges Singspiel aus. Das deutschsprachige Singspiel (in der Ausprägung von Weiße/Hiller) war ein beliebtes Element des Berliner Musiktheaterrepertoires. Die Gründung des Berliner Nationaltheaters befeuerte diese Debatte noch einmal. Viele Äußerungen zeigen, wie skeptisch man anfangs war, der Hofoper ein neues Konzept entgegenzusetzen. Letztlich trug aber die Schwäche der italienischen (Hof-)Oper dazu bei, dass das Nationaltheater durchaus erfolgreich war; ansonsten lebten beide Institutionen in friedlicher Koexistenz. Kritische Stimmen, die sich z. B. gegen das ‚modische‘ „Gemozarte“ wandten, machen die Problematik deutlich, in Berlin ein neues originäres deutschsprachiges Musiktheater zu stimulieren. Die im Vergleich mit Wien oder Mannheim verspätete Berliner Nationaltheatergründung hatte zunächst keine spektakuläre Veränderung des Repertoires zur Folge – in Berlin übernahm man vorwiegend Erfolgsstücke aus dem süddeutschen Raum. Erst mit der Aufführung von Glucks Iphigenie auf Tauris (1795) ist ein Paradigmenwechsel erkennbar, der publizistisch – insbesondere durch Reichardt – vorbereitet worden war. Man feierte die Gluck’schen Reformopern als deutsche Opern. Diese nationale Vereinnahmung Glucks – ein typischer Zug der deutschen Gluck-Rezeption – ist insofern problematisch, als Gluck das traditionelle (höfische) Opernsystem keineswegs in Frage stellte, sondern nur das italienische mit dem französischen Opernmodell erfolgreich kombinierte. Wenn sich auch das Musiktheaterrepertoire des Nationaltheaters zeittypisch in Richtung auf ein populäres Unterhaltungstheater veränderte und während der Intendanz Ifflands vom Sprechtheater und von neuen Inszenierungskonzepten profitierte, blieb es doch hinter den Erwartungen an eine genuine deutsche Oper zurück. Diese sollten erst 1821 mit der Uraufführung von Webers Freischütz eingelöst werden, wodurch der „musikalische Freiheitskrieg“ (N. Miller) um die deutsche Oper in Berlin erst wirklich eröffnet wurde.