Friedrich August Calau: Leipziger Tor, Aquarellierte Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Sybille Peters

Populäre Grazie: Die Theaterfehde der Berliner Abendblätter

Auf den ersten Blick haben die von Heinrich von Kleist 1810/11 herausgegebenen Berliner Abendblätter und das Berliner Nationaltheater vieles gemein: Beide sprachen ein sehr heterogenes Publikum an, beide versuchten Massenvergnügen und ästhetischen Diskurs zu verbinden, um auf diese Weise zur Entstehung einer Bürgerkultur beizutragen, beide mussten dem Druck täglichen Erscheinens begegnen, während unterschiedlichste Interessen sich in ihnen verbanden oder gegeneinander arbeiteten.

Vor dem Hintergrund dieser Ähnlichkeiten geht es in meinem Beitrag um die ausgesprochene Feindseligkeit der Berliner Abendblätter gegenüber dem Nationaltheater. Seit langem wird sie in politische Kontexte eingelesen, die auf eine partielle Identifikation von „Ifflandschem Darstellungsstil und Hardenbergschem Regierungsstil“ (Alexander Weigel) hinauslaufen. Tatsächlich zwang Kleist mit der Schärfe und der Wendigkeit seiner Angriffe die staatliche Exekutive und das Nationaltheater in einen Schulterschluss, der es schließlich ermöglichte, letzteres anzugreifen, um erstere zu treffen. Kleists 'Theaterfehde' erweist sich damit quasi als überspitzte Version der (Habermas-)These, Theaterkritik sei eine Art Übungsfeld für die entstehende kritische Öffentlichkeit der bürgerlichen Welt.

In erster Linie ist der Federkrieg, den Kleist gegen Iffland anzettelt, jedoch eine Strategie, gerade das zu erreichen, was beide öffentlichen Foren anstreben, nämlich Publikumswirksamkeit. In einer Vorwegnahme massenmedialer Strategien geht es den Abendblättern darum, an der Produktion der Ereignisse, über die sie berichten, selbst Anteil zu nehmen. Was könnte dafür geeigneter sein, als eine öffentliche Feindschaft mit dem anderen populären Medium der Stadt? Dabei finden die Abendblätter ihre Strategie, ein heterogenes Publikum anzusprechen, nicht zuletzt in Abgrenzung vom Programm des Nationaltheaters. Dies lässt sich insbesondere anhand des Textes "Über das Marionettentheater" zeigen, in dem die Theaterfehde kulminiert. Der berühmte Text scheint in diesem Zusammenhang zu demonstrieren, wie sich Massenvergnügen und Hochkultur (im Sinne der Teilnahme am ästhetischen Diskurs der Zeit) im Zeichen eines Verständnisses von Grazie verschränken lassen, das demjenigen, für das Iffland in den Abendblättern immer wieder einstehen muss, entgegengesetzt wird.