Friedrich August Calau: Leipziger Tor, Aquarellierte Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Hahn

Matthias Hahn, Berlin.

„Mit einer Schnelligkeit, die keinesgleichen hat, wirkten Gefühl und Betrachtung.“


Carl Friedrich Langhans’ Inszenierung von Lebenden Bildern im Königlichen Schauspielhaus zu Berlin (1811/12).



Als am 3. März 1812 im Konzertsaal des Königlichen Schauspielhauses „Gemälde-Darstellungen durch lebende Personen“ aufgeführt wurden, war damit in Berlin nicht nur die erste öffentliche Vorführung sogenannter Lebender Bilder zu sehen, sondern auch eine Neuinterpretation der um 1800 in ganz Europa beliebten Tableaux vivants erfolgt. Wie in der bereits im Dezember 1811 vorausgegangenen Privataufführung hatte der Bauinspektor Carl Ferdinand Langhans Nachstellungen von prominenten Kunstwerken arrangiert, bei denen ihre Kompositionen durch lebende Personen imitiert wurden. Während der Vorführung war das „Gemälde“ - wie es in einer zeitgenössischen Rezension heißt – „von einem goldenen Rahmen gefaßt, dieser mit Gaze im Innern überzogen, der Hintergrund genau dem Normalbilde nachkopirt und die Personen gleichfalls so kostümirt, als sie der Pinsel des Meisters dargestellt hat“. Ergänzt wurde die Darbietung durch eine „effektvolle Beleuchtung sowie Gesänge“. Mit dieser Form der Inszenierung überbot Langhans die gängige Aufführungspraxis der zwischen attitude und Abbild angesiedelten Tableaux vivants und bereicherte sie zugleich um weitere Facetten, die – so die These - die ursprüngliche Intention der Tableaux vivants zur Disposition stellte. Inwieweit damit eine neue und auf den Ideen der Romantik basierende Sinngebung erfolgte, wird zu diskutieren sein.

Im Vortrag sollen die Form und die Funktion der Aufführung der Lebenden Bilder untersucht werden. So wird zunächst die Inszenierung an sich im Zentrum stehen und eine knappe Analyse ihrer Komponenten erfolgen. Es wird zu zeigen sein, daß neben der von der zeitgenössischen Kritik betonten Vorbildhaftigkeit von „Göthe’s Wahlverwandschaften“ oder den Vorführungen „der Madame Händel Schütz“ ein anderer Referenzpunkt als Inspirationsquelle für Langhans weitaus maßgeblicher war, und zwar die Inszenierungen der „perspectivisch-optischen Schaubilder“ von Karl Friedrich Schinkel, die ab 1809 verstärkt in Berlin stattfanden. Denn sowohl bei den Inszenierungen der Schaubilder als auch bei der Inszenierung der Lebenden Bilder erweisen sich die Lichtdramaturgie und mehr noch das Medium der Musik als substanzielle Elemente, wobei der Musik (Komposition) eine Schlüsselposition zukommt. Dadurch daß es sich - hier wie dort - bei den Kompositionen nicht um beliebige Musikstücke oder Intermezzi (Bühnenzwischenspiel zur Abwechslung), sondern um Charakterstücke (Übertragung des Stimmungsgehalt eines außermusikalischen Gegenstandes in Musik) handelt, vermitteln beide Inszenierungsformen den Totaleindruck des präsentierten Objekts und erheben damit die Vorführung über eine „fromme Kunstmummerei“ (Goethe).

Es wird also einerseits zu fragen sein, welche Relevanz der Auswahl der nachgestellten Gemälde (Themen/Künstler) beizumessen ist, welche Intentionen mit der neuen Form der Inszenierung verbunden sind und welche wirkungs- bzw. rezeptionsästhetischen Konsequenzen daraus resultieren; andererseits, welche Position die Zuschauer in diesem Beziehungsgeflecht einnehmen, welche Bedeutung der Aufführungsort (Nationaltheater!) in diesem Zusammenhang besitzt und schließlich, ob sich damit Langhans’ Inszenierung von Lebenden Bildern als ein weiteres Phänomen der um 1800 entstehenden Massenkultur oder aber als eine Art säkularisierter Ritus mit programmatischer Absicht interpretieren läßt.