Friedrich August Calau: Leipziger Tor, Aquarellierte Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Geneviève Espagne

“Die Wahrnehmung des Berliner Nationaltheaters in den Pariser Medien”

Der Durchbruch von Frau v. Staëls De l’Allemagne wäre bekanntlich nicht ohne Pionierleistungen gewisser Publizisten gelungen, die zwar weniger gesellschaftliche Ausstrahlungskraft besaßen, dafür aber schon im Vorfeld strebsam im Sinne einer Erschließung des deutschen geistigen Lebens für das französische Publikum gewirkt hatten.

Eine Untersuchung der Pariser Wahrnehmung des Berliner Nationaltheaters gehört nämlich in den breitere Kontext der französischen Bemühungen um die nachbarliche Literatur und Kultur im Zeitraum zwischen Directoire und Empire. Sie kann nur angemessen bewertet werden, wenn man sich vor allen anachronistischen Kurzschlüssen hütet. Auf französischer Seite waren zahlreiche Hindernisse zu überwinden, nicht nur die Überzeugung von der eigenen Überlegenheit gerade im theatralischen Bereich. Auf deutscher Seite stießen die “etwas wilden Wege” der neuen Dramatik ebenfalls auf erheblichen Widerstand. Der Zusammenprall pragmatischer Wirkungspoetik und höherer Autonomieästhetik ist demzufolge nicht nur als deutsch-französischer Kleinkrieg anzusehen, sondern als Diskussionsgegenstand im transnationalen Raum.

Das Referat wird sich nicht ausschließlich, aber hauptsächlich der “gazette littéraire” widmen, die nicht ohne leichte Ironie von dem früher emigrierten Charles Vanderbourg (1765-1827) als Beigabe der Archives littéraires de l’Europe redigiert wurde und fünf Jahre lang (1804-1808) im Rahmen eines flächendeckenden Berichts über den europäischen Theaterbetrieb auch die Berliner Nationalbühne behandelte. Da das Zeitungsfeuilleton damals noch nicht so weit entwickelt war, daß eigene Korrespondenten an Ort und Stelle Informationen sammeln und an die Redaktion schicken konnten, mußte eine Berliner Publikation als Quelle herhalten. Nicht zufällig wurde Kotzebues und Merkels Freimüthiger gewählt, aus dem bequem zitiert, von dem in der Urteilsbildung gegebenfalls aber auch Abstand genommen wurde.

Die “gazette” vermittelte ein Bild der Berliner Bühnenproduktionen in ihrer ganzen Vielfalt (Oper, Singspiel, Ballett, Zauberstück, Lustspiel, Trauerspiel, Familiendrama, historisches Drama, etc.). Sie interessierte sich naturgemäß für die Bearbeitungen französischer Vorlagen. Der Schwerpunkt soll aber auf ihrer kritischen Darstellung der Neuerungen liegen (v.a. der Shakespeare-Aufführungen, auch in Schlegelscher Übersetzung, sowie der Schillerschen und Goetheschen Stücke), wobei sich herausstellen wird, daß Kritik nicht unbedingt auf dem objektiven Verständnis des Anderen beruhen muß, wohl aber Anerkennung seiner Existenz, seiner Gleichberechtigung, seiner Autonomie bedeutet.