Friedrich August Calau: Leipziger Tor, Aquarellierte Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Der gesellschaftliche Wandel um 1800 und das Berliner Nationaltheater

Die Tagung wird vom Akademienvorhaben „Berliner Klassik“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ausgerichtet. Die zu Grunde gelegte Arbeitshypothese der „Berliner Klassik“ besagt, daß die deutsche Kulturblüte um 1800 nicht einen, sondern zwei gleichwertige, wenn auch der Erscheinungsform nach sehr unterschiedliche Verdichtungspunkte besitzt, nämlich Weimar und Berlin. Das Berliner „Königliche National-Theater“ wurde 1786 wenige Monate nach dem Tod Friedrich des Großen gegründet und spielte anfangs im ehemaligen französischen Komödienhaus. Es handelt sich nicht um die Umwandlung eines Hoftheaters, wie das bei den meisten anderen Nationaltheatern in Deutschland der Fall war, sondern um eine Neugründung. 1796 übernahm August Wilhelm Iffland, der bedeutendste deutsche Schauspieler seiner Zeit, die Leitung. 1802 wurde Langhans’ klassizistischer Theaterbau eröffnet, der modernste und einer der größten im deutschen Sprachraum. Der Bau beherbergte neben dem Theatersaal mit 2000 Plätzen auch einen Konzertsaal, in dem über 1000 Zuhörer Platz fanden. Um 1800 ist dieses Theater das wichtigste Repräsentationsinstrument des preußischen Hofes und der großstädtischen Bürgergesellschaft. Das Berliner Nationaltheater dominiert nach 1800 den Diskurs über Theater im deutschen Sprachraum. Seit 1802 etabliert sich in Berlin eine tägliche Theaterkritik in den Tageszeitungen. Damit beeinflussen die Berliner Publizistik und das Berliner Theater die Herausbildung des deutschen Feuilletons maßgeblich. Der Berliner Romantiker und Theaterkritiker August Ferdinand Bernhardi bringt die Bedeutung des (Berliner) Theaters um 1800 auf den Punkt, wenn er feststellt: das Theater ist „die merkwürdigste und charakteristischste Erscheinung der Zeit und Thermometer der Bildung“ einer Nation. Das Theater war derjenige Ort, an welchem sich durch das Ineinandergreifen verschiedener Differenzierungs-, Rarefizierungs- und Ausgrenzungsprozesse das moderne zweigliedrige System von Klassik und Massenkultur herausbildete, welches sich in der Folge mit Unterstützung der Kritik immer wieder regenerierte. Bei der Herausbildung eines klassischen Kanons spielt das Berliner Theater eine herausragende Rolle: Schillers Jungfrau von Orleans ist das meistaufgeführte Stück überhaupt.

Im Gegensatz zur Bedeutung des Berliner Theaters im 18./19. Jahrhundert, ist die wissenschaftliche Aufarbeitung unterrepräsentiert, sie steht im Schatten des Weimarer Theaters, dessen Wirkung tatsächlich aber viel geringer gewesen sein dürfte.

Donnerstag, 18. Oktober 2007

9:30 Begrüßung: Conrad Wiedemann

9:50 Erika Fischer-Lichte (Berlin):
Theater als öffentlicher Raum

10:35 Kirsten Thietz (Berlin):
Die Theaterkritiken von August Ferdinand Bernhardi. Polemik und Programm

11:10 Conrad Wiedemann (Berlin):
Julius von Voß und das Berliner Boulevardtheater

12:00 Mittagspause

14:00 Paul S. Ulrich (Berlin):
Die Gesetze und Anordnungen für das Königliche National-Theater zu Berlin (1802). Ein Schlüssel zur Betriebspraxis und zum Repertoire in Berlin 1802-1812

14:35 Uta Motschmann (Berlin):
Private Öffentlichkeit. Privattheater in Berlin um 1800

15:10 Kaffeepause

15:40 Sybille Peters (Hamburg):
Populäre Grazie: Die Theaterfehde der Berliner Abendblätter

16:15 Geneviève Espagne (Amiens):
Die Wahrnehmung des Berliner Nationaltheaters in den Pariser Medien

Abendveranstaltung

19:30 Klaus Gerlach (Berlin):
Levezows „Iphigenia in Aulis“: Das Vaterländische und das Allgemeinmenschliche

19:50 Iphigenia in Aulis. Trauerspiel von Konrad Levezow
Szenische Lesung von Schauspielern des Maxim Gorki Theaters Berlin

Es lesen:

Anika Baumann, Eberhard Kirchberg, Ruth Reinecke, Ulf Schmitt, Gunnar Teueber

Ausstattung: Eva Swoboda
Regie: Ronny Jakubaschk

Freitag, 19. Oktober 2007

9:30 René Sternke (Berlin):
Französische und Berliner Klassik. Die historische Variabilität des Klassischen

10:05 Francine Maier (Rennes):
Sing-, Lieder- und andere (Lust-)Spiele. Theater und Gesellschaft im Spiegel des „Vaudevilles

10:40 Bodo Plachta (Amsterdam):
„der teutschen Thalia und Melpomene soll Unterstützung widerfahren“ – Aspekte einer Debatte über das deutschsprachige Musiktheater in Berlin

11:15 Christine Siegert (Köln):
Französische, italienische und deutsche Opern am Berliner Nationaltheater

12:00 Mittagspause

14:00 Carola Zimmermann (Berlin):
„Ist es denn nur für Konversazionsstücke gebauet?“ – Das Berliner Schauspielhaus von Carl Gotthard Langhans

14:35 Matthias Hahn (Berlin):
Carl Ferdinand Langhans’ Inszenierung von Lebenden Bildern am Nationaltheater (1811/12)

15:10 Kaffeepause

15:40 Bastian Wiegelmann (Berlin):
Pantomime, Tanz und Ausdruckstheorie. Das Berliner Ballett unter Etienne Lauchery

16:15 Alexander Košenina (Bristol):

Berliner Schauspielkunst bei Engel und Iffland

16:50 Abschlussdiskussion