Matthias Röder
Für die Zeit um 1800 läßt sich in den einschlägigen Musikjournalen Norddeutschlands eine eigentümliche Diskussion um die Beschaffenheit und den Charakter von "wahrer" und "guter" Musik (so die Bezeichung in den zeitgenössischen Quellen), sowie um den in Berlin vorherrschenden "neuen" Musikgeschmack beobachten. Bei näherer Untersuchung der Texte entsteht der Eindruck, daß es sich hierbei um eine Gegenüberstellung von Unterhaltungsmusik und ernster Kunstmusik im modernen Sinne handeln könnte. Da in den schriftlichen Quellen oft genaue Angaben zu konkreten Kompositionen fehlen, bleibt diese Gegenüberstellung von "neuer" und "wahrer" Musik äußerst diffus. Welche Stücke des "neuen" Musikgeschmacks könnten hier gemeint sein? Der Vortrag nähert sich dieser Fragestellung durch eine Analyse der Musikalienkataloge Johann Carl Friedrich Rellstabs (1759-1813).
Für die Berliner Musikkultur in den Jahren um 1800 spielte Johann Carl Friedrich Rellstab eine wichtige Rolle. Als Konzertveranstalter und Musikalienhändler prägte Rellstab das Musikleben der Stadt wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen. Rellstabs Kompositionen fanden in Berlin einen beachtlichen Absatz und als Musikschriftsteller und Kritiker beteiligte er sich aktiv am musikalischen Diskurs der Zeit. In den Jahren 1779 bis 1813 führte Rellstab eines der erfolgreichsten Musikunternehmen Berlins. Das anfangs lediglich als Druckerei geführte Unternehmen wurde schnell um ein Verlagshaus und ein Musikgeschäft erweitert. Ab 1783 konnten bei Rellstab auch Musikalien entliehen werden, was den Einfluß seines Geschäft beträchtlich steigerte, denn die Noten wurden so auch im weiteren Umland Berlins verbreitet. Die Kataloge dieser Unternehmungen sind zum Teil noch vorhanden. So besitzt die Staatsbibliothek zu Berlin beispielsweise eine Sammlung von Rellstabs Musikalienkatalogen, die, zusammen mit anderen Katalogen der Zeit, einen genaueren Blick auf das Musikleben Berlins zulassen. Als Unternehmer war Rellstab offensichtlich daran gelegen, den Absatz der von ihm angebotenen Musikalien zu steigern. Dabei machte er, wie zu zeigen ist, auch nicht Halt vor leichter und eingängiger Musik, die den Geschmack einer breiteren Öffentlichkeit traf. Zugleich war Rellstab jedoch daran gelegen, Kompositionen, die in den Augen seiner Kollegen als qualitativ hochwertig und vorbildlich galten, zum Verkauf und Verleih anzubieten. Die Kataloge Rellstabs bieten somit einen direkten Einblick sowohl in das von den Zeitgenossen als "wahr" und "gut" bezeichnete Repertoire, als auch in die Zusammensetzung des "neueren" Musikgeschmacks, der von Seiten der professionellen Musiker oftmals kritisiert wurde.
Der hier beschriebene Vortrag stellt in einem ersten Teil die Diskussion um die Beschaffenheit von "wahrer" (beziehungsweise "guter") und "neuer" Musik in Berlin um 1800 schlaglichtartig vor. Daran anschließend wird ein kurzer Überblick auf Rellstabs Wirken in Berlin gegeben. In einem dritten Teil werden die noch vorhandenen Musikalienkataloge Rellstabs vorgestellt und in Hinblick auf den vorherrschenden Publikumsgeschmack genauer analysiert.