Hans-Joachim Hinrichsen
Reichardt –Goethe –Schubert. Textvertonung als Klassikerrezeption
Kein anderer zeitgenössischer Komponist hat die lyrische Produktion Goethes so zeitnah und so systematisch produktiv verfolgt wie Johann Friedrich Reichardt. In seiner Bedeutung für die Gattungsgeschichte des Liedes jedoch hat er schon bald nach dem Einsetzen der Gattungsgeschichtsschreibung die Stafette an Franz Schubert abgeben müssen. In dem Vortrag soll dem Einfluß Reichardts auf Schubert genauer nachgegangen werden. Schuberts Anknüpfung an Reichardt bei der Goethe-Vertonung erscheint dabei in einer doppelten rezeptionsgeschichtlichen Perspektive: Einerseits kann Reichardt als einer der bedeutenden Auslöser von Schuberts Goethe-Rezeption und auch als Katalysator für dessen Goethe-Bild angesehen werden, andererseits hat die Liedhistoriographie gerade an den ersten Goethe-Vertonungen Schuberts stets den gattungsgeschichtlichen Quantensprung hin zum „romantischen Kunstlied“ wahrgenommen und emphatisch hervorgehoben. Auf der anderen Seite steht dagegen der Umstand, daß auf die enorme Vielseitigkeit von Vertonungsmodi, die in Reichardts auf Goethe bezogenem Œuvre nachzuweisen sind, eine geschichtsmächtige Verengung der Perspektive auf Goethe folgte, die in der Germanistik erst allmählich als Ideologie des „Erlebnisgedichts“ überwunden worden ist und an deren Genese, wegen ihrer wirkungsgeschichtlichen Bedeutung, auch Schuberts Goethe-Rezeption ihren Anteil hat.