Günter Hartung
Das Schaffen und Wirken Reichardts in dem Vierteljahrhundert zwischen 1780 und 1806 hatte für Berlin eine erhebliche Bedeutung, und zwar sowohl für die musikalische als auch die literarische Kultur der Hauptstadt. Mit Reichardts „Musikalischem Kunstmagazin“ (1782 - 1791) wurden die Berliner Traditionen der Musikkritik und -theorie auf höherer Stufe fortgesetzt, indem die vorherige Verbindung mit der Berliner Aufklärung (Ramler, Sulzer, Nicolai u.a.) durch Einflüsse des literarischen Sturms und Drangs (Rousseau, Herder, Goethe u.a.) ergänzt oder ersetzt wurde. Dabei verlieh die Wirkungsintention auf umfassende „Veredlung der Menschheit“ bei vorausgesetzter „natürlicher Gleichheit der Menschen untereinander“ der Reichardtschen Musikästhetik bereits einen spürbaren Demokratismus. Bestimmteres Profil erhielt dieser nach Beginn der französischen Revolution, als an die Stelle philosophisch-religiöser Fronten des Aufklärungs-Streites bald politische traten. In seiner großen Frankreich-Reportage vom Frühjahr 1792 optierte Reichardt für eine konstitutionell beschränkte Monarchie, in der er Volkswohl und Volksrechte am besten gewahrt sah; während der französischen Republik von 1792 bis 1799 äußerte er sich als Analytiker, welcher „das Verfahren einer Gesellschaft, die sich eine democratische Verfassung zu geben strebt, als konsequent und zweckmäßig beurtheilt“, ohne jedoch solche Verfassung für „alle anderen Gesellschaften“ zu fordern; und derselbe Demokratismus machte ihn 1803 zum Kritiker und Gegner des Ersten Consuls Napoleon Bonaparte. Gestützt auf Erfahrungen einer Paris-Reise von November 1802 bis April 1803, sowie auf Informationen seines alten Freundes Gustav v. Schlabrendorf und seines Stiefsohns Wilhelm Hensler-Richard, schrieb er 1803/04 das größtes Aufsehen erregende Buch „Napoleon Bonaparte und das französische Volk unter seinem Consulate“, in dem erstmals sachhaltig der Aufstieg des Korsen als ein zielbewußter Weg zur Alleinherrschaft gedeutet wurde. Ein 1805 erschienener satirischer Roman und die 1808/09 entstandenen „Vertrauten Briefe geschrieben auf einer Reise nach Wien …“ zeigen ihn als entschiedenen Gegner des Kaisers von Frankreich auf der Position ungefähr der preußischen Reformer.