Friedrich August Calau: Leipziger Tor, Aquarellierte Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Petra Wilhelmy-Dollinger

Musikalische Praxis und Diskussion in den städtischen Salons während der „Berliner Klassik“

Die Entstehung der Berliner Salonkultur fällt zeitlich in etwa mit der „Berliner Klassik“ und der Ausdifferenzierung des Berliner Musiklebens zusammen. Obgleich die Musik naturgemäß nicht im Mittelpunkt der Interessen der Salons („Konversationssalons“) lag, war sie doch Teil der umfassenden Bildungskonzeption, welche die Basis der Salonkultur seit ihrer institutionellen und ideellen Ausprägung im 17. Jahrhundert ausmachte. In zahlreichen Salons wurde über Musik diskutiert und gelegentlich spontan musiziert. An der Schwelle des 19. Jahrhunderts kam es dann zur Ausformung von Salons um Frauen mit herausragender musikalischer Begabung und einem relativ hohen Anteil musikalisch interessierter Gäste. Die Gewichtung zwischen Musik, musikalischen und sonstigen Gesprächen konnte allerdings spontan wechseln. Während für unser Zeitalter insgesamt eine starke Tendenz hin zum Aufschwung der Instrumentalmusik (auf Kosten der Vokalmusik) zu beobachten ist, blieben die Berliner Salons, sofern in ihnen musiziert wurde, ökologische Nischen für die Vokalmusik (wennschon meist mit Klavier- oder Gitarrenbegleitung). Es ist auch kein Zufall, dass personale Überschneidungen der musikalisch interessierten Salonkreise und der Singakademie nachzuweisen sind. Zwar gab es auch Instrumentalmusik in diesen Kreisen, doch fand sie häufiger in musikalischen Soiréen oder kleinen Konzerten statt, die als zusätzliche Veranstaltungen (mit speziellen Einladungen) den Salonalltag ergänzten. Was die Positionen in den musikalischen Gesprächen und die geschmacklichen Präferenzen angeht – die in der Regel selten direkt überliefert, aber doch z. T. rekonstruierbar sind –, so ist bei den Gastgeberinnen meist eine traditionelle Grundhaltung (Vorliebe für die Musik ihrer eigenen Jugendzeit) zu beobachten, die sich allerdings durchaus mit einer interessierten Offenheit für neue Impulse vertrug, welche oft von jüngeren Gästen und Familienmitgliedern eingebracht wurden. Natürlich spiegelten sich aktuelle musikalische Tagesereignisse (Opern-Uraufführungen, Konzerte von Virtuosen) in den Gesprächen der Salons; doch waren „Zeitmoden“ und „Epochengrenzen“ dort weniger verbindlich als anderswo: „Berliner Klassik“ in den Salons umfasste ein sehr breites und jeweils individuell geprägtes Spektrum musikalischer Interessen.