Urbane Musikkultur in Berlin. Von der spätfriderizianischen Zeit bis ins frühe 19. Jahrhundert
Urbane Musikkultur in Berlin. Von der spätfriderizianischen Zeit bis ins frühe 19. Jahrhundert
Musikgeschichtliche Tagung des Vorhabens „Berliner Klassik. Eine Großstadtkultur um 1800“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie Wissenschaften, 8.–10. März 2007
Musikwissenschaftliche Konzeption: Eduard Mutschelknauss, Berlin
Mit der Tagung zur außergewöhnlichen Beschaffenheit der musikgeschichtlichen Situation in Berlin um 1800 soll die Musikkultur im Kontext einer differenzierten, heterogenen und zugleich in sich kohärenten Großstadtkultur erfasst werden.
Die Besonderheit des Berliner Musiklebens soll unter Berücksichtigung detaillierter Darstellungen konturiert werden. Behandelt wird unter anderem
• die Gründung (1791) der bis in die Gegenwart fortbestehenden Berliner Sing-Akademie durch Carl Friedrich Christian Fasch
• die kompositorische wie publizistische und damit ebenfalls musikkritische Tätigkeit Johann Friedrich Reichardts
• das Wirken des Verlegers, Publizisten und Komponisten Johann Carl Friedrich Rellstab. Vorgestellt wird auch die Gründung der legendären Liedertafel, die unter Carl Friedrich Zelters Leitung stand.
• die Vertonungen von Gedichten Goethes und Schillers durch die Komponisten Reichardt und Zelter.
Mit der Emanzipation des Bürgertums, einer zunehmend sich selbst tragenden und nach geeigneten Repräsentationsformen suchenden Bevölkerungsschicht, die sich durch Interessenvielfalt und umfassende Bildungsambitionen auszeichnet, setzt auch auf musikalischem Gebiet zur Wende ins 19. Jahrhundert ein signifikanter Wandel ein, der sich in Ansätzen seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts anzukündigen begann. In Berlin, einer ökonomisch wie kulturell sich rasant entwickelnden Stadt, entfaltet sich im Untersuchungszeitraum des Projekts „Berliner Klassik“ (1786–1815) neben der höfischen eine spezifisch urban-bürgerliche Musikkultur, wobei signifikante Überschneidungsmomente dieser kulturellen Spektren benennbar sind und noch lange bestehen bleiben.
Der Austausch von Tonkünstlern untereinander und der produktive Ideentransfer zwischen diesen und Kulturschaffenden anderer Bereiche war durch das städtische Gesellschaftsklima in besonderem Maße begünstigt.
In den Zeitabschnitt fallen geschichtswirksame Ereignisse, die teils mit Institutionen und teils primär mit dem Wirken einzelner Individuen in Verbindung stehen, häufig aber weit über das großstädtische Berlin hinaus Bedeutsamkeit erlangen. So fällt in den Zeitraum der „Berliner Klassik“ die Gründung der bis in die Gegenwart fortbestehenden Berliner Sing-Akademie, durch Carl Friedrich Christian Fasch im Jahr 1791.
Zu nennen ist auch die kompositorische wie publizistische Tätigkeit Johann Friedrich Reichardts, ferner die des Verlegers, Publizisten und Komponisten Johann Carl Friedrich Rellstabs. Außerdem ist die Gründung der legendären Liedertafel, die unter Zelters Leitung stand, hier anzuführen. Überschattet wurde die Epoche durch die politischen Umwälzungen, zumal die Napoleonische Okkupation. Das öffentliche Musikleben kam in der kurzen Notzeit nahezu zum Erliegen.
Die enge künstlerische Liaison zwischen Musik- und Literaturgeschichte wird in der Entwicklung des Kunstlieds besonders deutlich. Hier gilt ein besonderes Augenmerk der produktiven Verbindung der Weimarer Dichter Goethe und Schiller zu den Komponisten Reichardt und Zelter mit deren zeitgenössischen Vertonungen. Zumal die Liedästhetik Reichardts strahlte weit aus und bot sinnfällige Anknüpfungspunkte für spätere Generationen, am prominentesten gewiss Schuberts hoch entwickelte Liedkompositionen in Wien. Musik- wie literaturwissenschaftlich aufschlussreich sind die Korrespondenzen von Berliner Komponisten. Sie spiegeln stadtgeschichtliche Ereignisse wider, artikulieren zeitgenössische ästhetische Positionen und bilden mit den individuellen Formulierungen ihrer Autoren jeweils Mosaiksteine einer sich im modernen Sinne plural gestaltenden urbanen Musikkultur.
In Detailstudien sollen Kristallisationspunkte vertiefend dargestellt werden. Bei der Gesamtkonzeption der Tagung ist gleichzeitig die Einbindung und Verankerung der Einzelbeiträge in ein stadthistorisches Spektrum hervorzuheben, wie es durch das Vorhaben der „Berliner Klassik“ maßgeblich für den Zeitraum zwischen 1786 und 1815 definiert wurde. Die Musikgeschichte betreffend schlägt sich das spezifisch Urbane im regen Austausch zwischen den Kunstschaffenden und in den nach vielen Seiten hin offenen musikkritischen Diskursen nieder. Ferner ist die Entstehung und Zusammensetzung des ersten gemischten Chors in Deutschland, der uns mit den Sängern und wohlgemerkt Sängerinnen der von Fasch begründeten Berliner Sing-Akademie begegnet, ein Ereignis von epochaler Bedeutung mit Signalwirkung weit über die Grenzen Berlins hinweg. Nicht allein musikalisch-qualitative Gesichtspunkte rücken hier ins Zentrum. Ein emanzipiertes Modell dieser Art, das Elemente der Geselligkeit mit festem Blick auf ein außerordentlich ambitioniertes Kunstziel – das einer von Fasch propagierten komplex gesetzten Gesangspolyphonie des mehrstimmig ausgearbeiteten Satzes – einband, war um 1800 nur im liberalen Kontext bürgerlicher Urbanität denkbar. Hier treten erstmals bürgerliche Frauen auf musikalischem Gebiet in einem gemischten Chor aus dem Privaten und einer Halböffentlichkeit heraus in den öffentlichen Raum musikalischer Darbietung.
Donnerstag, 8. März 2007
14.00 Uhr Begrüßung: Conrad Wiedemann, Eduard Mutschelknauss
Sektion I: Amt, Organisation und Gesellschaftsgegenwart
14.20 Uhr: Gottfried Eberle (Berlin):
Sozialhistorische Komponenten der Sing-Akademie zu Berlin. Horizonte im Verbürgerlichungsprozess
15.00 Uhr: Matthias Röder (Harvard/Berlin):
Berliner Musikgeschmack um 1800 im Spiegel von Johann Carl Friedrich Rellstabs Musikalienkatalogen
15.40 Uhr: Pause
16.00 Uhr: Karim Hassan (Berlin):
Bernhard Anselm Webers künstlerische Ziele als Kapellmeister
16.40 Uhr: Günter Hartung (Halle/Saale):
Johann Friedrich Reichardts politisches Profil im Wandel der Zeiten
17.20 Uhr: Pause bis zum Abendprogramm
18.30 Uhr: Abendveranstaltung im Leibniz-Saal mit einen Vortrag von
Norbert Miller (Berlin):
Shakespeare statt Schikaneder. Ludwig Tieck, Johann Friedrich Reichardt und die Oper des Wunderbaren
Chormusik von Leonardo Leo
Lieder von Franz Schubert, Johann Friedrich Reichardt und Carl Friedrich Zelter
Duos für Violoncelli von Joseph Zyka
Freitag, 9. März 2007
Sektion II: Öffentliche, halböffentliche und privat gestaltete Kulturräume
09.30 Uhr: Petra Wilhelmy-Dollinger (München):
Musikalische Praxis und Diskussion in den städtischen Salons während der „Berliner Klassik“
10.10 Uhr: Walter Salmen (Kirchzarten):
In Gesellschaft singen um 1800
10.50 Uhr: Pause
11.20 Uhr: Günther Wagner (Berlin):
Geistliche Musik und ihre Räume in der Residenzstadt Berlin zwischen 1786 und 1815
12.00 Uhr: Helmut Loos (Leipzig):
Beethoven–Wirkungen in Berlin
12.40 Uhr: Mittagspause
14.30 Uhr: Ingeborg Allihn (Berlin):
„Die Musik wurde allgemeiner…“ – Räume öffentlichen Musizierens in Berlin um 1800
15.10 Uhr: Eduard Mutschelknauss (Berlin):
Die „schönen und edlen Töchter“ Finckenstein. Madlitzer Gesangskultur und urbane Kontexte
15.50 Uhr: Pause
Sektion III: Diskursivität und Zeitkritik
16.20 Uhr: Michael Heinemann (Dresden):
Musiktheoretische Diskurse als Urbanität
17.00 Uhr: Ulrich Tadday (Bremen):
Diskussionsforen der Musikkritik und ästhetische Manifestationen in Berlin um 1800
17.40 Uhr: Abschlußdiskussion
18.00 Uhr: Ende des 2. Tagungstages
Samstag, 10. März 2007
Sektion IV: (Chor-)Liedästhetiken: Ursprünge und Rezeptionswege
09.30 Uhr: Hans-Joachim Hinrichsen (Zürich):
Johann Friedrich Reichardts Liedschaffen. Verbindungen zu Schubert
10.10 Uhr: Helen Geyer (Weimar):
,ein Meister in derjenigen Composition, wo die Musik sich als Begleiterin der Composition anschmiegt" - Zu Zelters Schillervertonungen
10.50 Uhr: Pause
11.10 Uhr: Andreas Meier (Wuppertal):
Johann Friedrich Reichardts Schiller-Vertonungen
11.50 Uhr: Friedhelm Brusniak (Würzburg):
Die Liedertafel unter Zelter. Originalität und historische Kontexte
12.30 Uhr: Diskussion, Schlusswort
13.00 Uhr: Ende der Tagung