Gerda Haßler
Typologie und Anthropologie bei Lorenzo Hervás y Panduro
Gerda Haßler, Potsdam
Viele Legenden wurden in der Geschichte der Sprachwissenschaft über den spanischen Jesuiten Lorenzo Hervás y Panduro (1735-1809) und seinen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Sprachwissenschaft verbreitet. Anliegen dieses Vortrags ist es, seine sprachtheoretischen Aussagen zu rekonstruieren und in ihrer Relevanz für die Berliner Sprachdiskussion um 1800 zu beschreiben. Dabei wird zunächst von seinem wenig verbreiteten und in italienischer Sprache geschriebenen enzyklopädischen Werk (Idea dell'Universo 1778-1787) ausgegangen, in dem er bereits Sprachen vergleicht und über ihren Ursprung nachdenkt. Hervás ist insofern ein Mann des 18. Jahrhunderts, als er den Stand des fortgeschrittenen Wissens erfassen wollte. Die bis dahin größte Sprachensammlung legte er mit seinem Catálogo de las lenguas de las naciones conocidas, y numeración, división, y clases de estas, según la diversidad de sus idiomas y dialectos (1800-1805) vor, der i
Die Benutzung gemeinsamer Quellen legt eine Untersuchung der Beziehung zu Wilhelm von Humboldt nahe. Zeugnisse zum Baskischen waren in ihrer typologischen Differenz zu den indoeuropäischen Sprachen Herausforderung für die großen Sprachensammlungen, insbesondere sind mehrere materialbezogene Vernetzungen zwischen Hervás und Humboldt nachweisbar. Dies ist auf dem Hintergrund der Relevanz der Begegnung mit dem Baskischen für das sprachtheoretische Denken Humboldts von besonderer Tragweite. Zugleich wird damit ein Erkenntnishorizont präsentiert, der für die Beschäftigung mit dem Baskischen Ende des 18. / Anfang des 19. Jahrhunderts kennzeichnend war und eine philosophisch-spekulativ geprägte Epoche des Sprachdenkens abschließt.
Die unterschiedlichen Sprachen sind für Hervás ein sicheres Kriterium für die Einteilung der Völker, insbesondere belegt für ihn gerade die Sprachverschiedenheit göttliche Einwirkung. Die der menschlichen Kommunikation dienenden "künstlichen (artificiales)" Sprachen sind in ihrer Verschiedenheit grundsätzlich von der mentalen und natürlichen Sprache zu trennen. Aufgrund seiner vorrangig anthropologischen Interessen, die auf eine Trennung des menschlichen Geistes von seinen körperlichen Manifestationen abzielten, erscheint es problematisch, Hervás als einen Wegbereiter der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft zu betrachten.