Friedrich August Calau: Leipziger Tor, Aquarellierte Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Roland Gruschka

Jiddisch und jüdische Identität in Berlin um 1800. Der Sprachenkosmos in Isaak Euchels Aufklärungskomödie Reb Henoch

Roland Gruschka, Düsseldorf

Die Zeit um 1800 stand für die Berliner Juden unter dem Zeichen fortgeschrittener Akkulturation an das nichtjüdische deutsche Bürgertum. Auf sprachlicher Ebene bedeutete die Übernahme des deutschen Bildungsideals bei den Juden die schrittweise Verdrängung des Jiddischen zugunsten des Hochdeutschen aus allen Bereichen des öffentlichen und — mit Verzögerung — auch des privaten Lebens. Die jüdischen Aufklärer in Deutschland, deren geistiges Zentrum in jenen Jahren Berlin war, hofften, eine moderne deutsche und jüdische Identität über eine Zweisprachigkeit von Hochdeutsch und modernem Hebräisch begründen zu können. Sie lehnten das Jiddische ab und trugen auf diese Weise zu dessen langsamen Untergang im deutschen Sprachraum bei.

1792, mitten in dieser Zeit kultureller und politischer Umbrüche, welche die jüdische Gesellschaft entzweiten, schrieb der jüdische Aufklärer Isaak Euchel (1756-1804) seine in Berlin spielende Komödie Reb Henoch, in welcher der Gebrauch unterschiedlicher sprachlicher Idiome (Hochdeutsch, Jiddisch, deutsche Dialekte, Englisch, Hebräisch, das gebrochene Deutsch von Ausländern usw.) nebeneinander auf humorvolle Weise der Zeichnung der auftretenden Figuren und ihrer Konflikte untereinander dient. Euchels Lustspiel Reb Henoch vermittelt nicht nur eine Ahnung von den vielschichtigen sprachlichen Sozialisationen ‘gewöhnlicher’ Berliner Juden Ende des 18. Jahrhunderts, sondern verdeutlicht auch exemplarisch die Haltung jüdischer Aufklärer zum Jiddischen und anderen Sprachen vor dem Hintergrund einer noch neu zu schaffenden modernen jüdischen Identität.