Friedrich August Calau: Leipziger Tor, Aquarellierte Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Claudia Stockinger

Von Mendelssohn zu Maimon: Moritz und die jüdische Aufklärung in Berlin

Zu Moritz' wichtigsten Lehrern vor der Italien-Reise gehörte der jüdische Philosoph, Übersetzer und Literaturkritiker Moses Mendelssohn, dessen Auseinandersetzung mit Friedrich Heinrich Jacobi seit 1783 Moritz zur Beschäftigung mit Spinoza (in der Spielart des spätaufklärerischen ‚Spinozismus') anregte und so eine geschichtsphilosophische Neuorientierung in Fragen der Ästhetik und Moralphilosophie begründete. Bis zuletzt war Moritz sehr daran interessiert, die eigenen Freunde - wie etwa seinen zeitweiligen Mitbewohner Karl Friedrich Klischnig - in den Kreis um Mendelssohn einzuführen; und nach Mendelssohns Tod am 4. Januar 1786 veröffentlichte er in den Denkwürdigkeiten in mehreren Fortsetzungen eine Hommage an den verstorbenen Gelehrten.

In diesem Nachruf setzte Moritz Mendelssohns Lebensgeschichte als Fallbeispiel für die spätaufklärerische Anthropologie des 'Mängelwesens' (Herder) ein und demonstrierte daran zugleich den zentralen ‚Gesichtspunkt' der ‚moralischen Wochenschrift': "Um den Verstand des Menschen zu schärfen, und seine Denkkraft zu üben, schuf ihn die Natur bedürftiger, als irgend eines der lebenden Geschöpfe, welche sie hervorbrachte. Der menschliche Geist sollte sich unter dem Druck der körperlichen Bedürfnisse emporarbeiten". Die Konstruktion der Bildungsgeschichte Mendelssohns erfolgte damit analog zu derjenigen Anton Reisers, der ebenfalls unter widrigen Umständen "gebohren" und demnach "von der Wiege an unterdrückt" worden war.

Moritz' inszenatorisches Konzept beruht auf der Annahme, die Einzelbiographie und damit die 'Aufklärung' des Individuums bilde exemplarisch die Aufklärung der 'Gattung Mensch' ab. In dieser Hinsicht überrascht es nicht, daß sich Moritz seit seiner Rückkehr nach Berlin für Salomon Maimon (eig. Schlomo Ben Joschua) einsetzte, der sich - völlig mittellos und auf Förderer angewiesen - seit 1780 zeitweilig und von 1787 bis 1795 dauerhaft in Berlin aufhielt; etwa indem er ihm nach dem Zerwürfnis mit Karl Friedrich Pockels die Redaktion des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde übertrug oder indem er Maimons Lebensgeschichte zum Druck beförderte (1792/1793). Auch Maimons Lebensweg steht demzufolge für die Ausbildung der "Denkkraft" "unter den drückendsten Umständen" und läßt sich so als Fallgeschichte nicht nur für das Perfektibilitäts-Programm der Denkwürdigkeiten gebrauchen, sondern auch für erfah

Zwar mag die offensichtliche strukturelle Vergleichbarkeit der Lebensläufe von Mendelssohn und Maimon Moritz' Interesse an beiden Figuren der jüdischen Aufklärung erklären - die eigentliche Brisanz dieser Verbindung wird dadurch aber eher verdeckt. Der radikale jüdische Aufklärer Maimon nämlich muß philosophisch, weltanschaulich und habituell als Antipode Mendelssohns gelten. Dem jüdischen 'Sokrates' steht mit Maimon ein jüdischer 'Diogenes' gegenüber - auf der einen Seite also der Protagonist der Aufklärung in der Tradition der Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie, die etablierte bürgerliche Existenz, der bekennende Anhänger der jüdischen Religion und Tradition; auf der anderen Seite der Kantianer, der antibürgerliche Kyniker, der Kämpfer für eine genuin jüdische Identität jenseits der jüdischen Religion.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach Erklärungsansätzen für Moritz' Arbeit an der Ikonographie dieser beiden so unterschiedlichen Vertreter der jüdischen Aufklärung. Eine mögliche Lösung dürfte die vielbesprochene Zweiteilung der Lebens- und Werkgeschichte in die Phase vor und nach der Italien-Reise liefern - die Ausbildung einer Theorie des intentionslos Schönen läuft zur Faszination an der Weltabkehr des 'Freidenkers' und 'Bürgerschrecks' Maimon parallel (bzw. geht dieser voraus). Die Auseinandersetzung mit der weitgehend unbekannten 'Beziehung' zwischen Moritz und Maimon im Spannungsfeld von 'observanter' und 'freidenkerischer' Haskala versteht sich damit auch als ein Beitrag zur Berliner Aufklärung; der Vortrag soll zudem Ergebnisse der Kommentierungsarbeit von Bd. 10 der Kritischen Karl-Philipp-Moritz-Ausgabe präsentieren, der die 'voritalienischen' Denkwürdigkeiten ebenso umfaßt wie die 'nachitalienische' Herausgebe