Friedrich August Calau: Leipziger Tor, Aquarellierte Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Gertrud Platz-Horster

Die Götterlehre von Karl Philipp Moritz als Vorlage für die Gemmen des Prinzen Poniatowski

Gertrud Platz-Horster, Berlin

Die Berliner Antikensammlung besitzt ein Konvolut von 295 Zeichnungen des Gemmenschneiders Giovanni Calandrelli, datiert von 1816 bis 1849. Es sind dies Skizzen, Bewegungsstudien, sorgfältig ausgeführte Entwürfe und gerasterte Zeichnungen zur maßstabsgetreuen Übertragung des Motivs auf einen Edelstein. Die meisten Blätter sind auf der Vorder- und oft auch auf der Rückseite beschriftet und in mehrere thematische Gruppen gegliedert.

Während sich die Angaben zu Homers Ilias und Odyssee auf die deutsche Übersetzung von Heinrich Voss (1781/1793) beziehen, zitieren die Beischriften zu "Moritz" die Götterlehre oder mythologischen Dichtungen der Alten von Karl Philipp Moritz: diese erschien erstmals 1791 mit 65 illustrierenden Kupferstichen nach Gemmenabgüssen, deren Vorlagen Asmus Jacob Carstens gezeichnet hatte. Dieses Werk erfreute sich besonders unter den Deutschrömern und im Kreis um Bertel Thorvaldsen in Rom größter Beliebtheit und erfuhr bis 1832 bereits 7 Neuauflagen.

Die Zeichnungen Calandrellis lassen sich zum größten Teil als Entwürfe für Gemmen der Sammlung Poniatowski identifizieren. Prinz Stanislaw Poniatowski (1754-1833), der Neffe des letzten polnischen Königs Stanislaw August und dessen designierter Nachfolger, siedelte 1795 nach Rom über. Er baute die damals größte private Gemmensammlung auf, die er zwischen 1828 und 1832 in dem Catalogue des Pierres Gravées Antiques publizierte und der das einzig erhaltene Dokument der nach Poniatowskis Tod in alle Welt zerstreuten Sammlung ist. In dem Katalog entsprachen die Classe I bis IV genau der Gliederung von Moritz' Götterlehre.
Calandrellis Zeichnungen und seine ausgeführten Gemmen für den Prinzen Poniatowski können als Beleg für das zeitgenössische Interesse an der Götterlehre von Karl Philipp Moritz dienen.