Ulrike Münter
Wie lassen sich Autonomieästhetik und Handbuchdidaktik zusammendenken? Diese Frage stellt sich unweigerlich bei der Lektüre der Moritzschen Götterlehre - entstanden 1791 in Zusammenarbeit mit dem Zeichner Asmus Jakob Carstens. Moritz gibt die Antwort in seinem Vorwort kurzerhand selbst: "Die mythologischen Dichtungen müssen als eine Sprache der Phantasie betrachtet werden: Als eine solche genommen machen sie gleichsam eine Welt an sich aus und sind aus dem Zusammenhange der wirklichen Dinge herausgehoben." In dieser Eigengesetzlichkeit der Mythologie sei die unbegrenzte Aussagekraft der antiken mythologischen Dichtungen begründet. Allerdings bedürfe es für die nachfolgenden Generationen jeweils einer Transferleistung in eine zeitgemäße Form. Der "Gesichtspunkt" des Interpreten antiker Zeugnisse werde zum bestimmenden Faktor dieses Aktualisierungsprozesses. In den Dienst dieser Aufgabe stellen sich Moritz und Carstens gleichermaßen.
Vor dem Hintergrund der ästhetisch-theoretischen Thesen von Moritz und der zeichnerischen Praxis von Carstens soll der interdisziplinär ausgerichtete Vortrag (Literaturwissenschaft/Kunstgeschichte) einen Interpretationsansatz zur Götterlehre skizzieren, der für das sie auszeichnende - doch bisher wenig beachtete - Verhältnis von Bild und Text sensibilisiert. Besondere Bedeutung wird in diesem Kontext der produktionsästhetisch ausgerichteten Schrift Die Metaphysische Schönheitslinie (1793) beigemessen. In der Signatur des Schönen (1788) hingegen werden die Möglichkeiten und Grenzen von Sprache und Linie als Medium der Kunstbeschreibung direkt problematisiert.