Anthony Krupp
Warum geht es bei Moritz immer um das Gehen? Jedem aufmerksamen Leser von Anton Reiser wird aufgefallen sein, daß vom Gang, von Schritten, von Seelenlähmung und sogar vom Fuß häufig die Rede ist. Man kann diesen Komplex teilweise mit Blick auf das traditionelle Pilgermotiv erörtern, aber sowohl die Insistenz als auch die Vielfalt der Figur bei Moritz zeigen, daß es sich um mehr als eine Nachahmung von Paul Bunyans The Pilgrim's Progress handelt. Nicht nur in Anton Reiser und in Moritz' beiden Reiseberichten, sondern in den verschiedensten Texten taucht diese Figur immer wieder auf. Von der Verneinung des Müßiggangs in den Unterhaltungen mit meinen Schülern bis zur Bejahung des Tanzens in der Kinderlogik kann man den Wechsel von Moritz' Gesichtspunkten vor der Italienreise an der Figur des Gehens ablesen.
Meine Hypothese lautet, daß man an der Figur des Gehens Moritz' Auseinandersetzung mit der Fortschrittsphilosophie der Aufklärung beobachten kann. Die Beschäftigung mit einer Autonomie-Ästhetik, die zur Berliner Klassik beigetragen hat, schlägt sich auch in dieser Figur nieder - das Tanzen definiert Moritz als ein schönes Gehen (im Gegensatz zur nützlichen Fortbewegung) mit krummen statt geraden Linien. Bei einem nützlichen Gehen will man von Punkt A aus Punkt B durch eine gerade Linie erreichen. Bei einem schönen Gehen hingegen geht man, um zu gehen. Dort gibt es kein äußerliches Ziel und also keinen Fortschritt. Das Tanzen ist ein 'in sich selbst vollendetes' Gehen, das Gehen ist hier Selbstzweck. Erstes Ziel des Vortrags ist, diese Materie überhaupt zur Sprache zu bringen. Zweites Ziel ist zu untersuchen, ob ein Sinnwechsel dieser Figur nach der Italienreise zu beobachten ist. Dabei werden vor allem die Kinderbücher und die ästhetische