Justus von Hartlieb
Die 1791/92 an der neu gegründeten Berliner Académie militaire gehaltenen und 1793/94 veröffentlichten Vorlesungen über den Styl sind Moritz' einziges umfängliches literaturtheoretisches Werk seiner nachitalienischen Jahre.
In ihrer Propagierung einer ‚natürlichen', nicht regelgeleiteten Ausdrucksweise wie in ihrer Ausformung eines differenzierten Inventars zur Beschreibung der konkreten Sprachgestalt als "epochemachend in der Geschichte der deutschen Stiltheorie" (R. M. G. Nickisch) anerkannt, haben sie in der neueren Moritz-Forschung vergleichsweise flüchtige Beachtung gefunden. Insbesondere fehlen Proben darauf, wie Moritz' "Ästhetisierung der Stilkunde" (H. J. Schrimpf) sich im einzelnen vollzieht.
Einen derartigen Versuch unternimmt der Vortrag, und zwar in der Annahme, daß sich die Vorlesungen nur über den Weg einer begrifflichen und diskursiven Vermittlung mit Moritz' kunstphilosophischen Arbeiten als diskrete Schöpfungsgeschichte und "Realästhetik" (P. Szondi) der literarischen Rede zu erkennen geben. Inwiefern sich hinter der eigenwilligen Terminologie der Stilvorlesungen eine Adaption der ästhetischen Leitsätze ihres Verfassers verbirgt, soll dabei anhand des Begriffs "Erschöpfung" untersucht werden. Komplementär hierzu soll am Beispiel der "Spur" den Differenzmomenten in der Verwendung solcher Begriffe nachgegangen werden, die sowohl in Moritz' kunstheoretischen wie in seinen stilistischen Überlegungen von Bedeutung sind.
Warum die stilpraktische Grundforderung der Vorlesungen "Was wirklich schön gesagt seyn soll, muß auch vorher schön gedacht seyn" in das gleiche diskursive Umfeld einer "Transzendierung der Zeichen" (S. M. Schneider) einzuordnen ist wie die emphatische Rede vom "in sich selbst Vollendeten" des Kunstschönen, wird in einem zweiten Schritt erörtert werden. Die streng immanente Motivierung des "schönen und wahren Ausdrucks" erweist sich dabei als ebenso avancierte wie anfällige Strategie der Kontingenzbewältigung. - Hauptbezugstexte sind die Abhandlungen Über die bildende Nachahmung des Schönen und Die Signatur des Schönen.