Friedrich August Calau: Leipziger Tor, Aquarellierte Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Stefan Goldmann

Erfahrungsseelenkunde und Haskala: Jüdische Autoren in Karl Philipp Moritz' psychologischem Magazin

Stefan Goldmann, Berlin

In einem Berliner schulischen Kontext entworfen, präsentierte sich das von Moritz herausgegebene Magazin zur Erfahrungsseelenkunde zunehmend als ein überregionales, die verschiedenen Fakultäten einbeziehendes, zudem interkonfessionelles, mit den Beiträgen eines niederländischen Gelehrten schließlich internationales Forum des psychologischen Diskurses der 80er und 90er Jahre des 18. Jahrhunderts. Unter den rund 80 Beiträgern finden sich sechs jüdische Autoren, die in Berlin lebten und der Haskala, der jüdischen Aufklärung, zugehören: Moses Mendelssohn, Markus Herz, Salomon Maimon, David Veit, Lazarus Bendavid und Aaron Wolfssohn. Moses Mendelssohn, der Mittelpunkt dieser Gruppe jüdischer Aufklärer (Maskilim), gab dem von Moritz gegründeten Magazin den Titel. Markus Herz, der mehrere Beiträge beisteuerte, war Moritz' behandelnder Arzt. Bei den an der Medizin orientierten Rubriken des Magazins (Seelennaturkunde, -krankheitskunde, -zeiche

Moritz suchte als Lehrer am Grauen Kloster Anschluß an den jüdisch intellektuellen Kreis um Moses Mendelssohn. Aufgrund seines näheren Umgangs war seine illiterate Umgebung gelegentlich der Meinung, daß er selbst ein (blasphemischer) Jude sei. Darüber hinaus ist festzuhalten, daß auch andere christliche Beiträger des Magazins mit Mendelssohn in persönlicher Beziehung standen (Nicolai, Dohm, Fischer, van Goens u.a.).

Nach Moritz' Italienreise, besonders seit der Berufung Salomon Maimons zum Mitherausgeber des Magazins (1791), entspann sich ein Dialog über Aphasien und Träume, Selbsttäuschung und religiösen Mystizismus, an dem sich die erwähnten jüdischen Autoren beteiligten. Mendelssohn und Kant waren dabei lebendige Bezugsgrößen. Die vorgestellten Fallgeschichten reflektieren u.a. extreme Situationen jüdischen Lebens innerhalb einer fremden Majoritätsgesellschaft (Konflikte mit jüdischen Religionsgesetzen und staatlichen Verordnungen; wahnhafte Verleugnung jüdischer Abstammung). Den expliziten Bezügen auf textueller Ebene entspricht ein eng geknüpftes, von der Forschung noch nicht hinreichend berücksichtigtes biographisches Netzwerk, das die Autoren, die zum Teil auch hebräisch publizierten, miteinander verbindet.