Renata Gambino
Moritz' Aufenthalt in Rom fällt in die gleiche Zeit, in der Goethe dort weilte. Es ist ein Moment der Entwicklung, die zu den großen Theorien der deutschen Klassik führen sollte, von denen Moritz' Name als einer der wichtigsten Protagonisten nicht wegzudenken ist. Die unmittelbare Begegnung mit den Zeugnissen der Antike einerseits und die Kontakte mit den widersprüchlichen und spannungsgeladenen Ideen des römischen Künstlerkreises andererseits lassen die Entwicklung der ästhetischen Theorien und die Antikenrezeption Moritz' nicht ganz so geradlinig und entschlossen erscheinen, wie das auf den ersten Blick aussehen mag.
Bei einer genaueren und aufmerksamen Überprüfung von Moritzens Beschreibung der italienischen Reise, seinen Texten über die Ästhetik und seinen Vorlesungen wird eine Berührung und eine fruchtbare Auseinandersetzung mit jenen grundlegenden Ideen sichtbar, die Kunsthistorikern als "Griechen-Streit" geläufig ist und die Winckelmann und Piranesi zu ihren Hauptfiguren zählt. Rom in all seiner Vielfalt und Komplexität wird in sämtlichen Texten Moritz' zum absoluten Mittelpunkt und so Grundlage und Schlüssel zu seinen Theorien. Die Beschreibung dieser Stadt innerhalb seiner Reisen eines Deutschen in Italien zeigt die Entwicklung seiner Idee des "Gesichtspunkts" auf und hebt die Wichtigkeit hervor, welche die Anschauung und die Perspektive innerhalb seiner Antikenrezeption und Kunstbeschreibung haben.
Beim Vergleich einiger wichtiger Veduten Piranesis mit Moritzens Beschreibung dieser Örtlichkeiten werden wir versuchen, die "Piranesische Optik" von Moritz' Beschreibungskunst zu analysieren und so einen Weg zu einer neuen Interpretation seiner Klassik und des Einflusses aufzuzeigen, den er mit seinen Vorlesungen an der Berliner Akademie ausübte. Die Verbindung Moritzens mit Piranesis Bildmustern und Werken führt unseres Erachtens zu einer Einsicht und Neubewertung jener gewissen Aufmerksamkeit, die Moritz der Ornamentik und der Allegorie widmet.