Friedrich August Calau: Leipziger Tor, Aquarellierte Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Manfred Landfester

Die Altertumswissenschaften um 1800

In der 2. Hälfte des 18. Jahhunderts transformieren sich die unterschiedlichen altertumskundlichen Disziplinen zu einem neuen Fach: zur historischen "Alterthumswissenschaft". Diese neue Wissenschaft ist eine universale Kulturwissenschaft vom Altertum, die den Anspruch auf Autonomie als Wissenschaft erhebt und ihre Inhalte, die Humanität der Antike, zum Medium einer umfassenden ästhetischen und ethischen Bildung macht. Damit löst sich diese Wissenschaft aus ihrerdienenden Funktion für andere Wissenschaften, insbesondere aus ihren Bindungen an Philosophie und Theologie. Dabei wird die seit dem Renaissance-Humanismus übliche Vorstellung der Einheit von christlicher und heidnischer Antike aufgegeben. Die heidnische griechische Humanität erhält normative Bedeutung. Nicht die Theologie, nicht die Philosophie, sondern die neue Altertumswissenschaft wird zur "Wissenschaft von dem Höchsten und Wichtigsten, was es für den Menschen gibt" (Friedrich Pa

Diese Wende in der Altertumswissenschaft hat unterschiedliche Voraussetzungen: es sind einmal Prinzipien der Aufklärung, zum anderen die epochale Schrift "Gedanken über die Nachahmung der griechischen Wercke" J. J. Winckelmanns von 1755. Unter ihrem Eindruck haben C. G. Heyne (1729-1812) an der deutschen Mode- und Leituniversität des 18. Jahrhunderts in Göttingen und F. A. Wolf (1759-1824) in Halle (1783-1807) die neue Wissenschaft wirkungsvoll vertreten. Ihre Schüler haben als intellektuelle Avantgarde das zeitgenössische Denken stimuliert und geprägt. Zu den Hörern Heynes gehören W. v. Humboldt, die Brüder Schlegel, die Brüder von Stolberg und J. H. Voß. Was in Göttingen und Halle begann, hat dann durch die Neugründung der Berliner Universität im Jahre 1810 zur Etablierung der Altertumswissenschaft als Leitwissenschaft im 19. Jahrhundert geführt.