Jens Thiel
"Von 'Lustbarkeiten' und 'Armen-Sachen'."
Alltags- und Lebenswelt um 1800 im Spiegel der Berliner Polizeiakten
Berlin in den Jahren zwischen 1785 und 1815, das war keine in sich ruhende, sondern eine sich dynamisch entwickelnde Stadt. Der Stadtraum Berlins veränderte sich in jenen Jahren grundlegend in Richtung einer urbanen Großstadt europäischen Zuschnitts. Damit sind nicht in erster Linie die architektonischen Veränderungen gemeint, die gleichwohl wichtig waren, sondern vielmehr die soziokulturellen Wandlungen innerhalb dieses Raumes.
Das Projekt "Berliner Stadtkultur um 1800" muß sich notwendigerweise auf einige, bisher eher vernachlässigte Aspekte dieser Entwicklung beschränken. Ein wichtiges Merkmal der spezifisch Berliner Entwicklung scheint es zu sein, daß sich im urbanen Raum Standesunterschiede tendenziell abschwächten.
Die Untersuchung wird daher der Frage nachgehen, ob und in welchem Maße das der Fall war und wie sich diese Entwicklung an bestimmten "Markierungen" im öffentlichen Raum zeigte. "Markierung" meint dabei sowohl einen topographischen Ort als auch eine Institution. Untersuchungsbeispiele werden sowohl der städtische Raum im allgemeinen, also die für das öffentliche Leben relevanten Straßen und Plätze der Stadt, als auch die Theater, das Fest- und Vergnügungswesen oder die Gastwirtschaften der Stadt sein.
Nicht bzw. nur am Rande in die Untersuchung einbezogen werden können Phänomene, die aber zumindest benannt sein wollen: der Hof, die Salons, die Vereine, Gesllschaften und Logen, die Akademien sowie die schriftlichen und publizistischen Formen städtischer bildungsbürgerlicher Kommunikation, wie der Zeitschriften -und Büchermarkt, aber auch die Briefkultur. Diese Themen sind entweder in der Forschung bereits gut bearbeitet oder sie werden Gegenstand weiterer Projekte der Arbeitsgruppe "Berliner Klassik" sein.
Anhand der Aktenbestände im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin (u.a. Polizeipräsident von Berlin, Oberregierungskommissio Berlin) und des Brandenburgischen Landeshauptarchivs Potsdam (u.a. Polizeidirektorium Berlin) sowie der zeitgenössischen Zeitschriften, Beschreibungen (u.a. Nicolai, Denkwürdigkeiten der Mark Brandenburg) sowie editierter Briefe und Erinnerungen soll das kultur- und sozialgeschichtliche Umfeld der "Berliner Klassik" um 1800 beschrieben und eine moderne "Kultur- und Sittengeschichte" Berlins skizziert werden. Die obengenannten Aktenbestände der Polizeibehörden stellen eine hervorragende und bisher noch zu wenig ausgewertete Quelle für dieses Themenfeld dar. Die Rapporte und Anordnungen vermitteln aufschlußreiche Blicke auf das alltägliche und festliche, auf das gesellige und auf das "geheime" Berlin. Berichtet wird von den Gastwirtschaften und Bordellen, von den Märkten, Festen und Karn
Sichtbar gemacht werden soll, wie das städtische Umfeld aussah, in dem die "Berliner Klassik" gedieh. Es waren die spezifischen urbanen Strukturen der preußischen Hauptstadt und die kommunikativen Strukturen zwischen bürgerlichen und aristokratischen Schichten, aber auch die Konfrontation mit den Unterschichten und sozialen Verwerfungen im städtischen Raum, die die "Berliner Klassik" - etwa im Gegensatz zur kleinstädtisch geprägten und von manchen Entwicklungen abgeschotteten "Weimarer Klassik" - zu einer "Klassik" großstädtischer Ausprägung werden ließ. Die Untersuchung des städtischen Umfeldes gehört daher ebenso zu ihrer Kontextualisierung wie die Beschreibung der geistig-kulturellen Einflüsse ihrer Protagonisten.