"Die Königsstadt". Berliner urbane Topographie um 1800
Sonnabend/Sonntag, den 20./21. April 2002,
Akademiegebäude Jägerstraße 22-23, Plenarsaal
Eduard Biermann: Wohnzimmer der Kronprinzessin Elisabeth im Berliner Schloss (1828)
Aquarell Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

Die
folgende Veranstaltung ist inhaltlich auf die Tagung "Schöner Wohnen im Schönen Staat. Wohnen in Berlin um 1800"
bezogen und beschäftigt sich ebenfalls mit der Nutzung, Gestaltung und
Wahrnehmung von Räumen innerhalb der Stadt.
"Die Königsstadt". Berliner
urbane Topographie um 1800
Sonnabend/Sonntag, den 20./21. April 2002,
Akademiegebäude Jägerstraße 22-23, Plenarsaal
Die
Tagung "Urbane Topographie" hat den städtischen Raum und
bestimmte Orte und Ordnungen in demselben zum Thema. Gefragt wird noch
einmal, ob sich Veränderungen in der Wahrnehmung des Raums verzeichnen
lassen und wie sie in Wechselwirkung mit einem verändertem Verhalten der
Stadtbewohner stehen? Der städtische Raum ist in verschiedene Zonen
geteilt, manche davon sind deutlich markiert, andere existieren nur im
Bewußtsein der Berliner. Können solche Zonen beschrieben werden?
Begrenzt wird die Stadt durch die Zollmauer mit den 14 Stadttoren. Jeder
Ein- und Austritt wird registriert. Wie gestaltete sich das am
prominentesten dieser Passageorte, dem Brandenburger Tor? Wie
organisieren sich Arbeit, Verkehr, Handel, Freizeitvergnügen im
Stadtraum?
Programm
Samstag, 20. April 2002
9.30
Begrüßung, Einleitung: Conrad Wiedemann, Berlin
10.00
Florian Maurice, München: Identität und Immersion. Neue Erlebnisräume in Berlin um 1800
10.45
Jens Thiel, Berlin: "Von 'Lustbarkeiten' und 'Armen-Sachen'." Alltags- und Lebenswelt um 1800 im Spiegel der Berliner Polizeiakten
11.30
Thomas Biskup, Oxford: Eine patriotische Transformation des Stadtraumes? Königliches Zeremoniell und nationales Ritual um 1800
anschließend: Diskussion der Vormittagsvorträge
12.30 Mittagspause
14.00
Laurenz Demps, Berlin: Die königliche Grundstücksvergabe als Mittel der Stadtplanung um 1800
14.45
Christof Baier, Berlin: Handel mit Seide und "Spezerey" am königlichen Lustgarten. Der Bau der Berliner Börse von 1797 bis 1805
15.30
Godehard Janzing, Paris/Berlin: Sicherheitsarchitektur. Das Brandenburger Tor und die Berliner Öffentlichkeit zur Zeit der Französischen Revolution
anschließend: Diskussion der Nachmittagsvorträge
Ende ca. 16.30
Sonntag, 21. April 2002
10.00
Claudia Sedlarz, Berlin: Stadt und Stil. Ornamentale Kommunikationen
10.45
Marc Schalenberg, Berlin: Die Lust am Zitieren: Internationale Referenzen in der Berliner Stadtgestaltung um 1800
11.30
Thorsten Sadowsky, Odense, Dänemark: Reisen durch den Mikrokosmos. Berlin und Wien in der bürgerlichen Reiseliteratur um 1800
anschließend: Diskussion der Vormittagsvorträge
12.30 Mittagspause
13.45
Christiane Salge, Berlin: Das adelige "Land-Gut" in Brandenburg und der Einfluß der Berliner Architektur um 1800
14.30
Annette Dorgerloh: "Vollgenuss im Schoose der Natur" - Stadt und Garten in Berlin um 1800
anschließend: Abschlußdiskussion
Ende der Tagung ca. 16.00
Tagungsbericht
"Schöner Wohnen im schönen Staat. Wohnen in Berlin um 1800"
(23.-24.03.2002)
"Die 'Königsstadt'. Berliner urbane Topographie um 1800"
(20.-21.04.2002)
Die Tagungen beschäftigten sich mit der Nutzung, Gestaltung und
Wahrnehmung
von Räumen innerhalb der Stadt. Mit der Entstehung einer modernen
Großstadtgesellschaft gehen Veränderungen des urbanen Raums einher, die
einer gezielten Untersuchung bedürfen. “Raum” wird sowohl als gebauter,
architektonisch gefasster Raum als auch als sozialer Handlungsraum
verstanden. In jedem Fall hat “Raum” etwas mit “Stil” zu tun: sei es
der architektonische Stil, der die Gestaltung der Räume prägt, seien es
zeitgenössische Lebensstile und Verhaltensmodi, deren Muster sich nicht
zuletzt im “öffentlichen Raum” über visuelle Zeichen ordnen. "Stil"
stellt ein kohärentes Regelsystem dar, das so flexibel und flüssig ist,
daß es in alle Lebensbereiche vordringt, auch noch in die privatesten.
Insofern stellten die Tagungen einen Versuch dar, nicht nur bestimmte
Werke und kulturelle Konzepte, sondern ebenso das Alltagsleben im
Untersuchungszeitraum in den Blick zu nehmen.
Unter “Berliner Klassik” versteht die AG bekanntlich sowohl das Normbildende, Zukunftsweisende der Berliner Kultur um 1800 als auch die intensive Neuausrichtung an der griechisch-römischen Antike in den wissenschaftlichen, ästhetischen und politischen Diskursen. Die Etablierung des Klassizismus als Baustil für königliche Bauten war 1786 die erste sichtbare Modernisierungsmaßnahme, mit der sich Friedrich Wilhelm II. von seinem Vorgänger Friedrich II. bewußt absetzte. Klassizismus sollte deshalb nicht nur deskriptiv als lokaler Baustil untersucht werden, sondern auch als Kodierungsinstrument einer kollektiven Identität.
Auf der ersten Tagung
“Wohnen in Berlin um 1800” ging es um Innenräume und deren Ausstattung.
Am ersten Tag wurden höfische und bürgerliche Interieurs der Zeit
vorgestellt und gefragt, wie bestimmte Geschmacksvorstellungen sich
innerhalb der soziale Schichtung behaupten.
Was galt wem als
schön? Was bedeutete der antikische Stil, der durch die ornamentale
Gestaltung auch der alltäglichsten Gebrauchsgegenstände in fast alle
Lebensbereiche eindrang? Anstösse zu einem Stilwandel ergaben sich, so
zeigten die Beiträge von Carola Zimmermann, Adelheid Schendel und Jörg
Meiner, durch die Konzeptionen einzelner Architekten, durch Anregungen
aus dem Ausland, durch neue Produktionsweisen des Handwerks, technische
Innovationen und auch durch die Auflösung des Zunftwesens, die eine
neue Konkurrenzsituation unter Kunsthandwerkern herbeiführte.
Luxusmöbel wurden nicht mehr nur auf Bestellung angefertigt, sondern
konnten in Möbelmagazinen erworben werden (Achim Stiegel). Der Blick
auf die höfischen Interieurs zeigt, daß sich Luxus des Wohnens auch
dort nicht nur in der Verwendung neuer kostbarer Materialien und
Techniken, sondern zunehmend in einer Individualisierung der
Wohneinrichtung ausdrückt.
Für das Entwerfen von Ornamenten wurde ein spezieller Handwerkerunterricht in der Akademie der Künste eingeführt, die Vereinheitlichung
des Stils wurde also staatlich gefördert. Die Verwendung der Ornamentik
an Außenfassaden von Wohnhäusern und in den Wohnräumen wurde in den
Vorträgen von Matthias Hahn und Sabine Grimmig-Haga/Karl Hiller
thematisiert.
Das Thema des Wohnens in der Stadt wurde um 1800 auch zum Gegenstand der Literatur. Ulrike Münter zeigte, wie bei E.T.A. Hoffmann im Übergang von realistischer zu fiktionaler Stadtbeschreibung soziales Unbehagen und Entfremdungsgefühle dargestellt werden, die in dieser Zeit, wohl im Rückgriff auf Rousseau, mit dem großstädtischen Leben in Verbindung gebracht wurden. Elke Katharina Wittichs Vortrag behandelte die Fassadenentwürfe für städtische Wohngebäude um 1800 und die damit verbundene Neudefinition des Verhältnisses von Innen- und Außenraum. Es zeichnet sich eine neue Aufmerksamkeit für die ästhetische Einbindung des einzelnen Bauwerkes in seinem städtischen Umfeld ab.
Damit leiteten die beiden letzten Vorträge zur zweiten Tagung “Urbane Topographie” über, die den städtischen Raum und seine topographische Akzentuierung zum Thema hatte. Die Auflösung bzw. Neuorganisation ständischer Ordnungen und die sich innerhalb des Untersuchungszeitraums mehrfach verändernde Rolle des Hofes zogen neue Nutzungen des städtischen Raums nach sich. Halböffentliche Räume wie Logenhäuser, Cafés, Salons, Theater, die Gesellschaftsräume der neu erbauten Börse (Christof Baier) führten zu Verschiebungen innerhalb des sozialen Austausches und der bürgerlichen Kommunikationsformen (Florian Maurice).
Bürgerliche Identität profiliert sich immer mehr durch kollektive Vereinbarungen über einen Bildungskanon, in dem die Beschäftigung mit Literatur, Kunst und Geschichte weit in den Vordergrund trat. Bildung bedeutet einen lebenslangen Prozess der Selbsterziehung, in dem der Gebildete zugleich zum Subjekt und Objekt eines gesellschaftlichen Gestaltungswillens wird. Zu den geforderten kommunikativen Fähigkeiten gehört die kontrollierte Selbstdarstellung durch Körpersprache und den Gebrauch der Moden. Die Stadt ist die Bühne, die die Ausbildung dieser Fähigkeiten provoziert und ihnen durch die Gestaltung des Straßenraums, der Innenräume und der Nutzgegenstände im idealischen klassizistischen Stil Resonanz verleiht. (Claudia Sedlarz).
Der fremde und eigene Blick auf die Stadt wurde in Reisebeschreibungen, in den statistisch-topographischen Stadtlexika und in zahlreichen essayistischen Selbstbeschreibungen der Berliner thematisiert. Anhand dieser Schriften zeigte Thorsten Sadowsky , daß der städtische Raum um 1800 das erste Mal als ein eigenständiges Gebilde, die Stadt als autonomes Ganzes mit eigenem ästhetischen Wert wahrgenommen wurde. Dabei wurde vielfach Kritik an sozialen und hygienischen Mißständen geübt. Die in der Literatur thematisierten Merkmale des großstädtischen Lebens wurden damals auch Gegenstände der Berliner Polizeiakten. Diese wurden von Jens Thiel daraufhin gelesen, wie im Stadtraum ständische Grenzen aufgehoben und unter welchen Umständen Grenzüberschreitungen geahndet wurden.
Der Beitrag Thomas Biskups über
Formen des Hofzeremoniells im Stadtraum zeigte, wie im letzten
Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts "zeremonielle Situationen" genutzt
wurden, das durch Herrschaftsverständnis und Repräsentationsbedürfnis
des dynastischen Fürstenstaates geprägte Zeremoniell zu sozial
integrativ wirkenden 'Volksfesten' umzugestalten und zur patriotischen
Mobilisierung der Bevölkerung zu aktivieren. Um die Begrenzung der
Stadt ging es in Godehard Janzings Vortrag über das Brandenburger Tor
und dessen architektonische und skulpturale Gestaltung im Hinblick auf
seine Doppelfunktion als repräsentativer Bau und “Sicherheits-
architektur” zur Kontrolle und Bewachung der Stadtbewohner.
Das Tor wird zum Symbol eines Ineinandergreifens monarchischen
Repräsentationsbedürfnisses und stadtbürgerlicher Selbstdarstellung.