Thomas Biskup
Thomas Biskup, Oxford
Eine patriotische Transformation des Stadtraums? Königliches Zeremoniell und nationales Ritual um 1800
In den beiden Jahrzehnten zwischen dem Tod Friedrichs II. und der Niederlage Preußens gegen Napoleon 1806 wurde das Verhältnis von Monarchie, Hof und Stadt neu bestimmt. Nicht nur waren nach 1786 Monarchie und Hof in der Hauptstadt stärker präsent als während der Regierung des meist in Potsdam weilenden Friedrich II.; die Monarchie und ihre im Spannungsfeld zwischen betont 'bürgerlich'-schlichtem Alltagsauftritt und hochzeremoniellen Situationen zu verortende Nutzung des Stadtraums wurde im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts auch in den Mittelpunkt des politisch-patriotischen Diskurses in Preußen gerückt. Während des Siebenjährigen Krieges waren erstmals Versuche diskutiert worden, "zeremonielle Situationen" (M. Bojcov) wie beispielsweise königliche Einzüge patriotisch zu nutzen.
Daran knüpften die Bestrebungen der bildungsbürgerlichen Eliten der Hauptstadt an, das durch Herrschaftsverständnis und Repräsentationsbedürfnis des dynastischen Fürstenstaates geprägte Zeremoniell zu sozial integrativ wirkenden 'Volksfesten' im Sinne der Aufklärung umzugestalten und zur patriotischen Mobilisierung größerer Bevölkerungsteile zu nutzen.
Zielte die Einbindung möglichst weiter Bevölkerungsschichten in bis dahin vor allem höfisch geprägte Ereignisabläufe vor dem Hintergrund der Radikalisierung der Französischen Revolution in der ersten Hälfte der 1790er Jahre darauf, ein ständeübergreifendes Bekenntnis zur Dynastie zu beweisen, das in der Öffentlichkeit als Affirmation der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung gewertet werden konnte, so trat nach der Etablierung des Direktoriumsregimes in Frankreich und dem Ende des preußischen Engagements in den Revolutionskriegen das Legitimationsbedürfnis hinter der ‚nationalen Integration‘ zunehmend zurück. Insbesondere jüngere Schriftsteller, Künstler und Architekten beschäftigten sich nun vielmehr damit, wie die Revitalisierung Preußens als 'Nation' eingeleitet werden könne. Die Stadt sollte durch eine symbolische Topographie der durch ein unauflösbares Beziehungsgeflecht von Monarchie und Volk kon
Allerdings trafen diese Projekte, die das Verhältnis von Monarchie und nunmehr als „Staatsbürger„ verstandener Untertanenschaft neu begründen sollten, nicht nur auf den Unwillen Friedrich Wilhelms III., der seinem von Friedrich II. geprägten und als unhintergehbare preußische Tradition erachteten Bild eines aus persönlichem Verantwortungsbewußtsein über die Stände seiner Provinzen herrschenden, durch persönliche Tugenden vorbildhaft wirkenden und zeremonieller Repräsentation abholden Monarchen verhaftet blieb; sie waren selbst innerhalb der sich als patriotisch aktiv verstehenden Eliten umstritten. Die Debatten um den zeremoniellen Auftritt der Monarchie lassen sich somit auch als Geschichte der zunehmenden Heterogenität aufklärerischer und patriotischer Programme um 1800 lesen, die auch durch den Rückgriff auf die letztinstanzliche Monarchie nicht mehr eingefangen werden konnte.