Friedrich August Calau: Leipziger Tor, Aquarellierte Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Christof Baier

Handel mit Seide und "Spezerey"- am königlichen Lustgarten. Der Bau der Berliner Börse von 1797 bis 1805

Christof Baier, Berlin

Der Bau eines Börsengebäudes für die Berliner Kaufmannschaft, vorangetrieben von der „Tuch- und Seiden-Handlungs-Gilde„ und der „Spezerey- und Material-Handlungs-Gilde„ war eines der anspruchsvollsten und meistbeachteten Bauprojekte der Zeit um 1800 in Berlin. Dieses Gebäude erregte über einige Jahre die Gemüter nicht nur der Berliner Öffentlichkeit. Umfangreiche Berichte in der Presse, mehrere Planungswechsel und zahlreiche Entwürfe im Umfeld der Planungen belegen den hohen Stellenwert den die Zeitgenossen dieser Bauaufgabe zubilligten. An der langwierigen Planungsphase waren neben der Berliner Kaufmannschaft auch ein Hamburger Kaufmann, weiterhin der Bauinspektor Meinicke, der Oberhofbaurat Becherer, Francois Philipp Berson, David und Friedrich Gilly sowie König Friedrich Wilhelm III. beteiligt.

Wie in einem Brennspiegel konzentrieren sich in diesem Projekt die verschiedensten gesellschaftlichen, verwaltungsinternen und künstlerischen Entwicklungen. Das eine derart fokussierende Wirkung der Börsenbauten ein europaweites Phänomen der Jahrzehnte um 1800 war, wird deutlich, wenn man einen Blick auf die zahlreichen anspruchsvollen Börsenbauprojekte und Börsenentwürfe des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts etwa in London, St. Petersburg, Mailand oder Stockholm wirft. Es drängt sich die Frage auf, was die Börse um 1800 zu einem so hervorragenden Sinnbild des Fortschritts machte, dass einerseits Zar Alexander I. 1804 persönlich den Grundstein für den architektonisch und städtebaulich höchst imposanten Börsenneubau in seiner Hauptstadt St. Petersburg legte und dass andererseits Giovanni Antolini 1800 wie selbstverständlich eine Börse in seinen grandiosen Entwurf für ein „Foro Bonaparte„ in Mailand einbezog

Auch in Berlin räumt König Friedrich Wilhelm III. dem Börsenbau der Kaufmannschaft einen städtebaulich herausragenden Platz in unmittelbarer Nähe zum Schloss ein. Zwar ging der Plan von der Kaufmannschaft aus, doch zeigte den König und seine Bauverwaltung größtes Interesse an der baulichen Lösung. Die ersten Künstler des Staates waren an dem Bau beteiligt. Welche Interessen verbanden die auf den ersten Blick so verschiedenen Beteiligten aber mit dem Börsenneubau?

In meinem Vortrag soll ein Schwerpunkt auf das Gegenüber oder Miteinander von Kaufmannschaft und „bürgerlicher Öffentlichkeit„ auf der einen sowie Bauverwaltung und König auf der anderen Seite gelegt werden. Ausgehend von den generell um 1800 mit „Börse„ verbundenen Vorstellungen in den staatstheoretischen, kameralistischen u.ä. Schriften soll u.a. auf folgende Fragestellungen eingegangen werden:
- Handel, Geselligkeit und Repräsentation. Die Börse als Ort der bürgerlichen Gesellschaft, der sich entwickelnden bürgerlichen Öffentlichkeit.
- Kräfteverhältnis und Interessenlage zwischen Kaufmannschaft, König und Bauverwaltung
- Umgang mit dem zwischen bürgerlich-öffentlichem und königlich-repräsentativem Raum angesiedelten Standort am Lustgarten.

Der Berliner Börsenneubau soll nicht allein baugeschichtlich betrachtet werden. Vielmehr soll seine Planungs-, Bau- und Nutzungsgeschichte die Möglichkeit eröffnen, einen genaueren Blick auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorstellungen der Beteiligten zu werfen. Schließlich wurde in dem von Oberhofbaurat Friedrich Becherer entworfenen und mit Reliefs Gottfried Schadows geschmückten Börsengebäude nicht nur gehandelt. Dort wurde auch gelesen und debattiert, gespielt und gefeiert. Das Gebäude soll daher als ein zentraler Ort der "Berliner Klassik" vorgestellt werden.