Daniel Jenisch - Kant-Exeget, Popularphilosoph und Literat in Berlin
Donnerstag/Freitag, den 19. und 20. September 2002
im Akademiegebäude am Gendarmenmarkt
Jägerstrasse 22/23, Tagungssaal, 5. OG
Tagung der "AG Berliner Klassik" an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Kooperation mit dem "Forschungszentrum Europäische Aufklärung" Potsdam
Die Organisation durch die "AG Berliner" erfolgt mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Preussische Seehandlung.
Die Organisation seitens des "Forschungszentrums Europäische Aufklärung" Potsdam wird unterstützt durch die DFG.
Daniel Jenisch
Auf die Stadt Berlin.
Fremdling! du sahst Lutetien's weltberühmte Palläste:
sahst den Marktplatz der Welt, London, der Üppigkeit Thron:
Sahst Vindobona's hochberühmte Tempel,
und seine stoltze Donau! Nun kommst du auch zu sehen, Berlin?
Schau denn sie an die Stadt, Gebilde Friedrichs-Perikles,
dessen erhabener Geist über der thronenden schwebt.
Kärglich spendete hier Natur, mit den Spitzen der Finder, ihre Gaben. Doch wir fassten die Geitzerin kühn
mit dem Spaten und Karst, mit Hammer und Meissel und Pflugsterz;
wühlten den Busen ihr auf; zwangen sie gütig zu seyn.
Und sie lächelte: gab den Arbeitsamen des Schweisses
Früchte mit Zinsen zurück. Seitdem erhebet die Stadt,
Denkmaal des allbesiegenden Fleisses sterblicher Menschen,
ohne Stolz nicht, ihr Haupt unter den Schwestern hervor.
Mögen andre das Gold des Ganges und Tagus verschwellgen
Möge der Üppigkeit dort fröhnen die kleinere Kunst!
Mögen sie unzählbares Gewimmel von Menschen versammeln!
Möge ihnen Natur hold seyn, wie dir sie nicht ist,
o Berlin! du entbehrst mit Gewinn des Indischen Goldes,
und der Kunst, die nur schwelgt; selbst auch der Gunst der Natur,
welche du rühmlich besiegt. Wie Diana, ragest du hoch her
unter den Schwetsern: und wer gleicht dir an Cypriens Huld?
Würde mit Anmuth gepaart, mit Weisheit, Schönheit und Reichthum
mit dem Maas des Geschmaccks, findest du nirgends so hold,
Freund! im Bunde, wie hier in Friedrichs Stadt, die, wie Er, sich
kühn mit den trefflichsten gleicht, aber mit Mässigung kühn.
Oder sahst an der Thems'? an der Seine du? Oder an der Ister.
Diese harmonische Reihn glänzender Strassen sich ziehn?
Sahst du Plätze voll athmender Helden des Künstlers? und stolze
Göttergebäude, wie dies? oder Palläste, wie den?
Duften Linden auch dort die Straßen hinunter? und athmen
Blumen aus Gärten, wie hier, lieblich in Mitte der Stadt?
Nimmt den bestäubten Wandrer ein lustiger Hayn der Dryaden
in den grünenden Schoos dicht vor dem prangenden Thor?
Aber lassen wir Marmor und Stein. und blühende Auen!
Welche Wohner umschliesst diese bewunderte Stadt?
Nüchternheit mit dem kleinern Pokal, mit dem glänzenden Finder
Reinlichkeit; und die Hand emsig am Werke, der Fleiss;
Mittelmässiges Glück, nicht reich, nicht arm, mit dem weisen
Blick, der Vergnügen nur kiest, welche die schöneren sind :
heller Geist, der mit Ungetrübtem Auge die Dinge schauet, von Schwärmerey fern
und von Vorurtheil fern: Fester, kühnerer Sinn im tiefen Busen verschlossen,
welcher nicht Frevel erträgt, übte sie Jupiter selbst;
Diese wohnen bei nuns, o Freund in Pallästen und Hütten;
kleine Götter! doch werth, Herrscher der Erde zu seyn,
Immer verschönerten wir mit Geschmack die spärlichen Gaben
einer kargen Natur bis zum entzückenden Reiz.
Hatt Aufklärung nicht stets bey uns ihr heiliges Feuer
wie auf eigenem Heerd? Teutschland ward helle davon.
Frey auch sind wir am Fuss des Königsthrons; und der Scepter
misset, wie Themis Schwert, uns nur Gerechtigkeit zu.
Unsere Donner fürchtet der Feind: uns vertrauen die Freunde;
Fesseln wir ruhends doch jetzt eine entfesselte Welt.
Daniel Jenisch (1762 - 1804) gehört zu den beinahe vergessenen Protagonisten im Berlin des 18. Jahrhunderts, obwohl er ein nicht nur an Umfang bedeutendes Werk von einer erstaunlichen thematischen Breite hinterlassen hat.
Mit Gerhard Sauder läßt sich durchaus behaupten, daß Jenisch "geradezu exemplarisch den spätaufklärerischen Popularphilosophen verkörpert". Jenisch hat sich unter anderem als Kant-Exeget Verdienste erworben. 1796 verfaßt er auf eine Preisfrage der Berliner Akademie seine mit einem "Accessit" ausgezeichnete Schrift "Über Grund und Werth der Entdeckungen des Herrn Professor Kant in der Metaphysik, Moral und Ästhetik".
Wie die anderen beiden Berliner Kantianer, Markus Herz und Salomon Maimon, weigert sich auch Jenisch, eine kategorische Opposition der Transzendentalphilosophie zur Popularphilosophie zu konstatieren; er versucht vielmehr explizit, beide Traditionslinien zu vermitteln.
Darüber hinaus gibt es viele weitere Facetten im Werk dieses Autors zu entdecken, die von einer "Theorie der Lebensbeschreibung" über eine von der Akademie ausgezeichnete "Philosophisch-kritische Vergleichung und Würdigung von vierzehn ältern und neuern Sprachen Europens", eine dreibändige Studie über "Geist und Charakter des achtzehnten Jahrhunderts", mehrere literarische Satiren bis hin zu Übersetzungen etwa von Aristoteles "Nikomachischer Ethik" oder George Campbells "Philosophie der Rhetorik" reichen.
Programm
Donnerstag, 19. September 2002
19.00 Öffentlicher Abendvortrag
Gerhard Sauder, Saarbrücken: Dilettantische Enzyklopädik: Daniel Jenisch
Begrüßung: Conrad Wiedemann
Freitag, 20. September 2002
Arbeitsgespräch mit Kurzvorträgen zu Einzelaspekten von Jenischs Werk:
10.00
Begrüßung und Einführung
10.15
Iwan D'Aprile, Potsdam: Jenischs Rezeption der Kantischen Ästhetik
11.00 Kaffeepause
11.15
Steffen Dietzsch, Potsdam: Jenisch als Satiriker
12.00
Sven Haase, Berlin: Jenischs "Theorie einer Lebensbeschreibung"
12.45 Mittagspause
14.15
Ute Tintemann, Berlin: Jenisch als Sprachforscher
15.00
Stefan Lorenz, Potsdam: Jenisch und die Fortschritte in der Metaphysik
15.45 Abschlußdiskussion
Tagungsbericht
"Johann Jakob Engel (1741 - 1802). Ein Architekt der Berliner Aufklärungssozietät" (05.-06.07.02)
"Daniel Jenisch - Kant-Exeget, Popularphilosoph und Literat in Berlin" (19.-20.09.2002), in Kooperation mit dem „Forschungszentrum Europäische Aufklärunge. V.“ Potsdam)
Die beiden Berliner Spätaufklärer und „Popularphilosophen“ Johann Jakob Engel und Daniel Jenisch gehören unter den heute weitgehend vergessenen Protagonisten der Berliner Blütezeit zu jenen, die sich durch besondere Originalität, Theorie- und Streitfähigkeit sowie einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auszeichneten. Zeitzeugen dieser Art sind aufgrund ihrer Breitenwirkung für den Mentalitäts- und Kulturgeschichtler von besonderem Interesse. Dieser Sachverhalt war Gegenstand der Einführungsvorträge auf der von Alexander Kosenina (Darmstadt / Berlin) konzipierten Tagung Johann Jakob Engel (1741- 1802). Ein Architekt der Berliner Aufklärungssozietät und von Gerhard Sauder (Saarbrücken) in seinem Abendvortrag zu der Tagung Daniel Jenisch (1762-1804). Kant-Exeget, Popularphilosoph und Literat in Berlin.
Gunhild Berg und Rainer Godel (Halle) zeigten in ihrem Vortrag, dass Engel mit seinem einflußreichen Traktat Philosoph für die Welt nicht nur der so genannten Popularphilosophie ihren Namen gab, sondern auch die lebenspragmatische Ausrichtung aufklärerischen Denkens und Erkennens festzuhalten versuchte. Dass er dabei der Praxis des kritischen Dialogs eine entscheidende Rolle beimaß, konnte Mark Georg Dehrmann (Berlin) anhand von Engels zweiter bedeutender Schrift Über Handlung, Gespräch und Erzählung nachweisen. Poetologische und handlungstheoretische Aspekte von Engels Werk wurden in den Beiträgen von Stefan Trappen (Cluj Napoca) und Sieglinde Grimm (Köln) vorgestellt.
Manfred Beetz (Halle) würdigte Engels Roman Herr Lorenz Stark als einen originellen, volksaufklärerischen Beitrag zur zeitgenössischen Vorurteilsdebatte. Originell sei dabei nicht die Handlungsstruktur, wohl aber das Erzählverfahren, das den Kunstgriff der „erlebten Rede“ so einsetze, dass der Roman quasi als suggestives Sprachtraining in Sachen Vorurteilsabbau wirken musste.
Auf die produktive Rezeption der ästhetischen und anthropologischen Theorie Engels durch seinen prominentesten Schüler Wilhelm von Humboldt ging der Vortrag von Iwan D'Aprile (Potsdam) ein, auf die Rezeption Engels in Italien der Beitrag von Giulia Cantarutti (Bologna).
In dem Arbeitsgespräch zu Aspekten des umfänglichen und vielseitigen Werks von Daniel Jenisch lag ein Schwerpunkt auf dessen Kant-Rezeption. Iwan D'Aprile (Potsdam) konnte zeigen, wie Jenisch in seiner 1796 von der Akademie ausgezeichneten Preisschrift Über Grund und Werth der Entdeckungen des Herrn Professor Kant in der Metaphysik, Moral und Ästhetik versuchte, zwischen der Transzendentalphilosophie Kants und dem Anliegen der Popularphilosophie zu vermitteln. So fand bspw. die Logik des Geschmacksurteils aus der Kritik der Urteilskraft zwar Jenischs höchste Wertschätzung, gleichzeitig wurde diese jedoch insofern pragmatisch gewendet, als Jenisch von einem ästhetischen Gemeinsinn als Basis von Geselligkeit und Gesellschaftlichkeit ausging und darüber hinaus den Begriff des Geschmacks stärker als Kant im Sinnlichen verankerte.
Die Auseinandersetzung Jenischs mit der Kantischen Metaphysik analysierte Stefan Lorenz (Potsdam) anhand des dreibändigen Werks Über Geist und Charakter des 18. Jahrhunderts. Dass Jenisch sich auch in seinen sprachtheoretischen Texten auf Kant bezog, zeigte Ute Tintemann (AG Berliner Klassik) anhand des bisher der Forschung unbekannten Aufsatzes Idee einer psychologischen Symbolik der deutschen Sprache von 1804. In diesem Text versuchte Jenisch, ausgehend von der Annahme einer sprachlichen Verfasstheit des menschlichen Denkens, die Kantische Erkenntnistheorie auf die Sprachtheorie zu übertragen und darauf aufbauend das Projekt eines sprachphilosophischen Wörterbuchs zu entwerfen.
Jenischs Entwurf einer historischen Biographik stellte Sven Haase (AG Berliner Klassik) anhand von Jenischs Theorie einer Lebensbeschreibung vor. Dass Jenisch' von seinen Zeitgenossen nicht besonders geschätzt wurde, wird in der Regel seinen zahlreichen, hauptsächlich in Zeitschriften erschienenen, Satiren zugeschrieben. Wie Steffen Dietzsch (Berlin) zeigen konnte, hat Jenisch sich auch theoretisch mit der Textsorte „Satire“ auseinander gesetzt und genaue theoretische und begriffliche Differenzierungen von Satire und Komik herausgearbeitet.
Mit der Rückbesinnung auf den spätaufklärerischen Intellektuellentypus des Popularphilosophen steht die AG Berliner Klassik in der heutigen Forschung nicht allein. Allerdings konnte sie zeigen, dass das damalige Berlin ein, wenn nicht der Mittelpunkt der Popularphilosophie in Deutschland war.
Ute Tintemann