Hartmut Traub
Fichtes Philosophie der Bildung und Erziehung oder: Drei Fragen an Platons Höhlengleichnis
Hartmut Traub, Mülheim
Durch Erziehung und Bildung pflanzt sich die Menschheit in ihrem kulturellen, gesellschaftlichen, sozialen und individuellen Dasein fort. Weil es dabei um das geistige und kulturelle Überleben geht, war und ist die Frage nach den Mitteln und Wegen dieses Fortpflanzungsprozesses in allen Kulturen und zu allen Zeiten eine umstrittene Kardinalfrage. Diese Frage gering zu schätzen, bedeutet, die Zukunft aufs Spiel zu setzten und das eigene und das gemeinsame intellektuelle Überleben zu riskieren. Am Anfang der europäischen Bildungs- und Erziehungsphilosophie steht die Geschichte einer gewaltsamen und schwierigen Befreiung eines Gefangenen aus einem finsteren, unterirdischen Gefängnis, in das er später wieder zurückkehren muss, um dort, unter Einsatz seines Lebens, weitere Gefangene aus ihren Ketten zu befreien. Das "Höhlengleichnis" aus dem Siebten Buch von Platons Dialog über den Staat und die politische Gerechtigkeit gilt als philosophischer Archetypus, der
Von Friedrich Nietzsche stammt ein anderes Bild. Es beschreibt die Auseinandersetzung zwischen den großen Denkern der Geistesgeschichte als ein Gespräch, das die Giganten in unerreichter Höhe, weit über den Niederungen des aktuellen Kulturgezänks, von Berggipfel zu Berggipfel führen.
Mit drei Fragen an das "Höhlengleichnis" soll ein Ausschnitt aus dem "Gipfelgespräch" zwischen Fichte und Platon eingefangen werden. Die Fragen ergeben sich dabei aus der Unterbestimmtheit von drei bildungsphilosophisch relevanten Aspekten des Gleichnisses:
1. Wie kommen die Menschen in die Lage ihrer Fesselung und was hält sie darin fest?
2. Wer oder was entfesselt die Gebundenen aus ihrer Fixierung und führt sie zielgenau auf den Weg ihrer Bildung?
3. Warum folgen die Befreiten, wenn auch anfangs nur widerwillig, dem unsicheren und holperigen Leidensweg ihrer Bildung und pädagogisch-politischen Bestimmung?
Diese Fragen in einem "Gipfelgespräch" zwischen Platon und Fichte zu erörtern, ist in zweierlei Hinsicht fruchtbar. Zum Einen kann Platons "Höhlengleichnis" für Fichte als anschauliches Schema benutzt werden, um dessen systematisch höchst unterschiedliche und über das gesamte Werk verstreute Aussagen zum Thema Bildung, Erziehung und Pädagogik zu reduzieren und zu ordnen. Zum anderen verhilft Fichtes bildungs- und erziehungsphilosophische Konzeption dazu, die ungeklärten Passagen des „Höhlengleichnisses„ in das Licht einer ausgearbeiteten und differenzierten Interpretationsperspektive zu stellen.
Zur ersten Frage: Wie kommen die Menschen in die Lage ihrer Fesselung und was hält sie darin fest? Um Bildung und Erziehung als eine Geschichte der Befreiung zu verstehen, ist der Zustand der Unfreiheit vorausgesetzt. Unfrei ist der Mensch nach Fichte sowohl im transzendentalen Sinne, d.h. im Zustand des natürlichen Bewusstseins, als auch im kulturgeschichtlichen Sinne, d.h. in Epochen politischer und geistiger Unterdrückung und Bevormundung. Zur Verdunklungs- und Verfallsgeschichte des Geistes werden beide Zustände dann, wenn sich die Entwicklung der individuellen und kollektiven Ressourcen auf den Horizont des "natürlichen Bewusstseins" und die Einrichtung unter der Macht des Faktischen einschränkt und dabei Aspekte des geistigen Lebens, die über diesen Zustand hinaus reichen, bewusst unterdrückt werden.
Zur zweiten Frage: Wer oder was entfesselt die Gebundenen und führt sie zielgenau auf den Weg ihrer Bildung?
Die Frage nach den Umständen oder dem Subjekt der Befreiung, wodurch die Wendung des Höhlenschicksals herbeigeführt wird, eröffnet bei Fichte ein komplexes Themenfeld. Platons kurze Überleitung "Nun betrachte die Lösung und Heilung von ihren Banden und ihrem Unverstande" rückt Fichtes überaus vielschichtige und richtungsreiche Analysen der Bedingungen möglicher und wirklicher Erziehung und Bildung des Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung. Ein entscheidender Gesichtspunkt ist dabei die Klärung der bildungsphilosophischen Grundsatzfrage nach der Erziehung der Erzieher.
Eine Richtung von Fichtes Bildungs- und Erziehungsphilosophie verweist auf die unmittelbare erzieherische Verantwortung von Eltern und Gesellschaft (Erziehungspläne aus den Reden an die deutsche Nation, Grundsätze einer vernünftigen Erziehung von Kindern und Jugendlichen, Fichtes Erfahrungsreflexion aus seiner Zeit als Hauslehrer).
Eine zweite Richtung verweist auf die vernünftige und eigenverantwortliche Gestaltung von Ausbildung und Studium bei "Zöglingen", Studierenden und vor allem bei den s.g. "Gelehrten" (Das Wesen des Gelehrten, Die Bestimmung des Gelehrten).
Eine dritte Richtung verweist auf die institutionelle Ebene und damit auf Fichtes gesellschafts-, kultur- und wissenschaftspolitische Reformkonzepte (Gründung von Schulen und kulturkritischen Instituten, Pläne zur Universitätsreform).
Eine vierte Richtung zielt auf den im engeren Sinne philosophischen Kern von Fichtes Bildungsphilosophie, d.h. sein personalistisch-dialogische Menschenbild, und dem daraus abgeleiteten Zweck des menschlichen Daseins, auf den hin die konkreten Bildungs- und Erziehungsreflexionen ausgerichtet sind (Die Bestimmung des Menschen).
Zur dritten Frage: Warum folgen die Befreiten, wenn auch anfangs nur widerwillig, dem unsicheren und holperigen Leidensweg ihrer Bildung und pädagogisch-politischen Bestimmung?
Diese Frage fragt nach der Befreiungsfähigkeit der Gefangenen (Liberabilität) und dem Sinn der Befreiung. Damit werden konkrete Elemente von Fichtes Menschenbild thematisiert. Ohne einen eigenen Beweggrund und Anteil an der Befreiung, bleibt der Befreite das Objekt und Produkt seines Befreiers. Er wäre zwar befreit, aber selbst nicht frei. Befreiung bedarf zu ihrer Vollendung der eigenverantwortlichen und vernünftigen Selbstbestimmung des Befreiten. Die Grundlagen dafür schafft nicht der Befreier, sondern sie steuern als "Strebe- und Triebimpulse", als "Sehnsucht" und "Glücksverlangen", in ihrer wahren Bedeutung jedoch meist unverstanden, bereits das Leben der Gefesselten in ihrer Höhle. Der Weg der Bildung und Erziehung wird somit zu einem teils geleiteten, zunehmend aber selbstbestimmten Weg der Aufklärung und Realisierung der Bestimmung des Menschen. Ziel der Bildung am und durch den Menschen ist es, dass er in Freiheit an sich und ander