Friedrich August Calau: Leipziger Tor, Aquarellierte Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Stefan Reiß

Der Philosoph als Politikberater: Fichte in Berlin

Stefan Reiß, Frankfurt/Main

Seine Berliner Jahre zeigen einen Fichte, der nach dem demütigenden Atheismusstreit in Jena vorsichtig geworden ist. Fichte brennt zwar nur darauf, es seinen philosophischen und persönlichen Widersachern zu zeigen und sich zu rehabilitieren, erkennt zugleich aber auch - wohl eine erste Einsicht aus seinem undiplomatischen Verhalten in Jena -, daß er in Berlin erst langsam Beziehungen und Kontakte knüpfen muß, bevor an eine öffentliche Wirksamkeit zu denken ist. Sein Engagement bei der Berliner Freimaurerloge Royale York gibt erste Hinweise auf seinen »Plan mit dem Preussischen«, von dem er seiner Frau gegenüber spricht: Anders als in Jena sucht Fichte in Berlin weniger den Umgang mit Philosophen und Literaten als vielmehr den Kontakt zu Mitgliedern von Regierung und Administration, von denen er sich Rückendeckung erhofft und die er von seinen politischen Ideen überzeugen möchte. Ein erster Schritt dazu sollte eigentlich der »Geschloßn

Nach weiteren Rückschlägen und einer eingehenden Revision seiner Wissenschaftslehre erkennt Fichte schließlich, daß seine Philosophie durch Verschriftlichung und Druck gerade das verliert, was ihr eigentliches Wesen ausmacht: Lebendigkeit, Spontaneität und Tatkraft. Von nun an trägt er seine Lehren nur noch öffentlich vor und erreicht mit diesen Vorlesungen die preußischen Politiker, mit denen es auch zu zahlreichen persönlichen Begegnungen kommt, tatsächlich weitaus nachhaltiger, als ihm das wohl mit weiteren Publikationen wie dem »Geschloßnen Handelsstaat« gelungen wäre.

Wie groß der politische Einfluß Fichtes war, zeigen dann die Preußischen Reformen, die nach dem verlorenen Krieg gegen Napoleon einsetzen: Fichtes Lehren vom Handeln nach ersten Grundsätzen und der bewußten Gestaltung der Wirklichkeit nach apriorischen Vernunftideen, seine Forderung nach einem Bündnis von Politik und Philosophie und einer höheren Staatsidee, aus der sich alles politische Handeln legitimieren muß, seine Verständnis von Wissenschaft als tätigem Wissen und von Erziehung als Voraussetzung einer innigen Durchdringung von Bürger und Staat bzw. Nation geben den Reformern Orientierung, Anregung und Sicherheit und ihrem Werk einen geistigen Rahmen.

So lassen sich die Spuren Fichtes nicht nur in den Denkschriften Altensteins und Hardenbergs, sondern auch in der Universitätsgründung Humboldts und den Plänen der Militärreformer zu einem Volkskrieg nachweisen.