Christoph Asmuth
2. Fichtes Berliner Religionsphilosophie
3. Philosophische Rekonstruktion
4. Fichte - ein moderner Klassiker
1. Die "Anweisung zum seeligen Leben" bildet einen Schlüsseltext zum Verständnis des späten Fichte. Das liegt einerseits an seiner zurückhaltenden Veröffentlichungspraxis: Wirkung bei einem größeren Publikum erzielten nur die wenigen Texte Fichtes, die er nach 1800 zum Druck brachte. Nennenswert sind einzig die drei populären Schriften aus dem Jahre 1806, darunter die "Anweisung", sowie die "Reden an die deutsche Nation" (1808). Andererseits handelt es sich bei der "Anweisung" - nach Fichte - ausdrücklich um eine populäre Schrift, die deshalb als Hinleitung zu den komplexen Texten der Wissenschaftslehre gelesen werden kann. Diese hermetisch wirkenden Textgebilde der Wissenschaftslehre werden seit 1962 unter Leitung von Reinhard Lauth sukzessive veröffentlicht und geben Anlaß, ein erneuertes Bild des Berliner Fichte zu entwerfen.
2. Zugleich ist die "Anweisung" auch ein Schlüsseltext für die Entwicklungsgeschichte der Religionsphilosophie bei Fichte. Der frühe "Versuch einer Critik aller Offenbarung" (1792) erregte aufsehen, weil man es für ein Werk Kants hielt, auf dessen Äußerungen zur Offenbarungsreligion man schon länger wartete. Der Atheismusstreit war ein literarischer Skandal erster Güte, mit allen Implikaten einer medialen Inszendierung. In der "Bestimmung des Menschen" scheint Fichte frühere Positionen zu revidieren - Zeugnis eines grundlegenden Wandels oder Krisenschrift? Ein anderes Bild zeigt dann die "Anweisung" sowie die Texte aus dem Umfeld des Jahres 1806: Fichte strebt eine Vernunftreligion an, welche die Gegensätze der Konfessionen überwindet, eine Vernunftreligion, die durchaus Vorbilder in der Französischen Revolution hat. Viele Texte Fichtes aus dieser Zeit zeugen daher von einem gewissen Revolutionspathos, das auc
3. Eine philosophische Rekonstruktion zeigt Fichtes optimistischen Vernunftbegriff: Das reine Denken sei das Auge, mit dem man Gott schauen könne. Denken ist Vollzug: - Dynamisierung der Vernunft. Gott und Vernunft fallen nicht auseinander, sondern bilden eine komplexe Synthese, in der immanente Differenzen konstruiert und nachkonstruiert werden können. Die Vernunft ist das Bild Gottes, das eben nicht statisches Abbild, sondern bildendes Bild, genauer: sich bildendes Bild Gottes ist. Ziel ist eine logische Genese der Welt: Die Welt wird konstituiert durch Perspektivität. Perspektive ist dabei zugleich Multiperspektive, einerseits uneinholbar individuelle Welt - die jeweils mir zugehörige Weise, in welcher die Welt für mich ist -; andererseits basale fünffache Struktur der Weltansicht. Die intellektuelle Liebe, mit der Gott sich selbst liebt, spiegelt sich in jedem Einzelnen, in seinen Affekten, in seiner Moralität und Religiosität. Die Liebe ist ein Band, das Liebendes
4. Fichtes Programm der Transzendentalphilosophie ist modern, Fichte daher ein moderner Klassiker. Jede Form von Substanzmetaphysik oder Ontologie (verstanden als Lehre vom Seienden als solchen) wird von ihm aufgelöst. Die Welt hat keinen festen Boden. Kulturelle Leistungen, die Welt und das Haben von Welt, sind eingebettet in eine frei schwebende Intellektualität, die sich selbst trägt. Die Grenze der Fichteschen Transzendentalphilosophie und ihrer Modernität besteht dagegen in ihrem Universalcharakter, die in dem Anspruch besteht, alles in sich einzuschlingen. Wirkliche Differenz, die nicht schon immer vorgängig substantiell geeint ist, läßt sich in Fichtes Konzeption nicht denken.