Fichte in Berlin
Sonnabend, den 2. November 2002 im Akademiegebäude Jägerstraße 22-23, Tagungssaal, 5. OG
Organisation: PD Dr. Ursula Baumann
Die Veranstaltung dieser Tagung erfolgt mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Preussische Seehandlung
Die Tagung "Fichte in Berlin" soll der Korrektur tradierter Einseitigkeiten dienen, dabei kann die Untersuchung von Fichtes Wirken in Berlin zugleich neues Licht auf die Philosophie dieser Epoche werfen.
Üblicherweise taucht Fichte in der Philosophiegeschichte hauptsächlich mit seinen frühen in Jena entstandenen Werken auf, der Wissenschaftslehre (1794) und der Grundlage des Naturrechts (1796). Die Vernachlässigung seiner in Berlin entstandenen Arbeiten ist aber sowohl in historischer als auch in systematischer Hinsicht nicht gerechtfertigt. Mit der Fortschreibung seiner Wissenschaftslehre (1805, 1811) arbeitete der Begründer des Deutschen Idealismus an einer Selbstaufhebung seines ureigenen Projekts, wobei ihn die radikale Depotenzierung des Subjekts sowohl mit seinem Zeitgenossen Schelling als auch mit wesentlichen Strömungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts verbindet.
Das Thema "Fichte in Berlin" wirft darüber hinaus Licht auf einen engagierten Intellektuellen, der mit einer bis dahin unerhörten Emphase eine Philosophie der Praxis vertrat und mit seinen öffentlichen Vorträgen u.a. zur Geschichtsphilosophie und zur Zivilreligion immer auch die Ideale der Französischen Revolution verbreiten wollte. Dieses Vorhaben verfocht er auch noch in den Reden an die deutsche Nation, einer antikolonialistischen Selbstvergewisserung gegen Napoleon, die dann im 20. Jahrhundert als Dokument eines kulturalistischen Nationalismus eine höchst problematische Wirkungsgeschichte entfalteten.
Mit dem Ziel, den "Berliner" Fichte für eine breitere wissenschaftliche Öffentlichkeit aus dem Schatten des "Jenaer" herauszuholen, soll diese Tagung auch heute noch interessante Denkwege eines großen Philosophen verfolgen und deren Verortung in der sozialen Topographie der preußischen Hauptstadt aufzeigen.
Programm
Samstag, 2. November 2002
9.30
Conrad Wiedemann, Ursula Baumann: Begrüßung
10.00
Günter Zöller, München: Idealismus zum Realismus beim späten Fichte
11.00
Christoph Asmuth, Berlin: J.G. Fichtes Berliner Religionsphilosophie
12.00
Hartmut Traub, Mühlheim/R.: Fichtes Philosophie der Bildung und Erziehung oder: Drei Fragen an Platons Höhlengleichnis
13.00 Mittagspause
14.30
Stefan Reiß, Frankfurt/M.: Der Philosoph als Politikberater: Fichte in Berlin
15.30
Jean-Christophe Merle, Tübingen: Fichtes Machiavelli-Schrift als Anwendung des Kantschen Erlaubnisgesetzes
16.30 Kaffeepause
16.45
Ursula Baumann, Mannheim/Berlin: Frühnationalismus und Freiheit. Fichtes Berliner Perspektiven einer deutschen Republik
17.45 Abschlußdiskussion, Ende ca. 19.00
Tagungsbericht
Üblicherweise taucht Fichte in der Philosophiegeschichte hauptsächlich mit seinen frühen in Jena entstandenen Werken auf, der Wissenschaftslehre (1794) und der Grundlage des Naturrechts (1796). Die Vernachlässigung seiner in Berlin entstandenen Arbeiten ist aber sowohl in historischer als auch in systematischer Hinsicht nicht gerechtfertigt. Ziel der Tagung war es, einen vielfältigen Zugang zu den Berliner Denkwegen des Philosophen zu ebnen.
Günter Zöllner (München) thematisierte das Verhältnis von "Idealismus und Realismus beim späten Fichte" und stellte dessen in Berlin entstandene Versionen der Wissenschaftslehre in den Kontext des Gesamtwerks. Gegen eine weitverbreitete Lesart, die Fichtes Entwicklung von einem an Kant orientierten Idealismus des endlichen Subjekts hin zu einem Realismus des Absoluten versteht und damit eine starke Affinität zum späten Schelling behauptet, betonte der Vortrag die Kontinuität von Fichtes "erster Philosophie" als "Real-Idealismus", der durchgängig dem Kantischen Konzept von Philosophie als Wissenschaft von den Grenzen der Vernunft verpflichtet bleibt und sich von den zeitgenössischen Romantikern des Absoluten scharf abgrenzt.
In seinem Vortrag über "Religion, Revolution und Transzendentalphilosophie" führte Christoph Asmuth (Berlin) in die späte Religionsphilosophie Fichtes ein. Ausgehend von den populärphilosophischen "Anweisungen zum seligen Leben" von 1806 hob er hervor, dass es Fichte zentral um eine rationalisierte Fassung der christlichen Metaphysik gegangen sei. Der Grundsatz, dass das Christentum vor der Kritik der Philosophie bestehen können müsse, der im zeitgenössischen Berlin eine durchaus verbreitete Überzeugung artikulierte, schlägt sich in Fichtes Gottesbegriff nieder. Als Ausgang moralischer Verpflichtung, (die aber auch ohne Gott besteht), und als oberste transzendentale Bedingung des Wissens verweist der Titel "Gott" auf die Realität = das Vernünftige schlechthin, von dem es keinen, gerade auch keinen theologischen Begriff geben kann. Gegen die These, dass Fichtes Philosophie als negative Theologie verstanden werden könne, w
Hartmut Traubs (Mühlheim/Ruhr) Vortrag über "Fichtes Philosophie der Bildung und Erziehung" belegte die Anschlußfähigkeit der Fichteschen Pädagogik gegenüber aktuellen didaktischen Konzepten und leitete mit dem Hinweis auf den starken pädagogischen Impuls, der sich generell durch Fichtes Denken in seiner Handlungsorientierung zieht, zu dem Teil der Tagung über, der dem Zeitgenossen Fichte im engeren Sinn gewidmet war, dem engagierten Intellektuellen, der mit einer bis dahin unerhörten Emphase eine Philosophie der Praxis vertrat und mit seinen öffentlichen Vorträgen immer auch politisch wirken wollte. Stefan Reiß (Frankfurt/Main) ("Der Philosoph als Politikberater") führte das Berliner Beziehungsnetz Fichtes vor. Anders als in Jena suchte Fichte in Berlin weniger den Umgang mit Philosophen und Literaten als vielmehr mit Mitgliedern der Regierung und Administration. Auch wenn Fichte wie die Hörerlisten seiner öffentlichen Vorträge beweisen, diesbezüglich durchaus erfolgreich war, lassen die Preußischen Reformen einen politischen Einfluß des Philosophen nur sehr indirekt erkennen. Spuren Fichtes kann man finden in den Denkschriften Altensteins und Hardenbergs, in der Universitätsgründung Humboldts und den Plänen der Militärreformer zu einem Volkskrieg.
Jean-Christophe Merle (Tübingen) ("Fichtes Machiavelli-Schrift als Anwendung des Kantschen Erlaubnisgesetzes") setzte sich kritisch mit der gerade in letzter Zeit wieder stark vertretenen Interpretation auseinander, die Fichtes Machiavelli-Schrift als Abkehr von den Idealen der Französischen Revolution liest und Fichte daher einen Verrat an den früher von ihm selbst verfochtenen Idealen vorhält: In einem zynischen außenpolitischen "Realismus" würden Macht und Gewalt als einziges Prinzip der internationalen Beziehungen behauptet. Völlig ausgeblendet - so Merle - bleibe bei diesem Vorwurf der Regimewechsel, der zwischen Fichtes Revolutionsschrift (1793) und seiner Machiavelli-Schrift (1807) in Frankreich selbst stattfand. Dass Fichte 1807 die Menschenrechte als alleinige Prinzipien zur Errichtung eines neuen Gemeinwesens für ungeeignet findet, kann nicht als generelle Absage an die Menschenrechte interpretiert werden, sondern ist als Resultat einer po
Fichte vertritt 1807 die Position, dass die Menschenrechte durch ein Rechtssystem und ein Staatsrecht ergänzt werden müssen, wenn man einem neuen, republikanischen Staat ein sicheres Fundament geben will. Die Klugheitsrezepte, die Fichte bei Machiavelli und Clausewitz tatsächlich findet, dienen ausschließlich dem Ziel der Errichtung einer Republik und stehen im Rahmen einer systematischen Anwendung des in Kants "Zum ewigen Frieden" formulierten Erlaubnisgesetzes.
Ursula Baumann (Mannheim/Berlin) betonte in ihrem Beitrag über "Frühnationalismus und Freiheit: Fichtes Berliner Perspektiven einer deutschen Republik" die Kontinuität zu den Ideen von 1789. Die aggressiv-polemischen Töne der "Reden" sind der antikolonialistischen Selbstvergewisserung gegen Napoleon geschuldet. Das zentrale Thema der "Reden", die im 20. Jahrhundert im Kontext eines kulturalistischen Nationalismus eine höchst problematische Wirkungsgeschichte entfalteten, ist die Frage, wie sich ein stabiles Gemeinwesen konstituieren kann, in der die Individuen das Gemeinwohl als ihre eigene Sache begreifen. Fichte entwirft hier das Projekt einer sittlichen Gemeinschaft, die über einen bloß legalen Rechtszustand hinausgeht und als ideale deutsche Republik die ursprünglichen Ideale der Französischen Revolution in ganz Europa verbreiten soll.