Friedrich August Calau: Leipziger Tor, Aquarellierte Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Achim Stiegel

Achim Stiegel, Kunstgewerbemuseum (SMB/SPK), Berlin

Meubliers und Möbelmagazine in Berlin - Anfänge der Möbelherstellung für den Markt und ihre gewerbepolitischen Voraussetzungen (um 1795-1806)

"Dieser Tage traf sichs, daß ich bey einem großen Upholsterer vorüber ging, in dessen Laden gerade die Sonne schien. Die vielen Spiegel, Vergoldungen und Polituren warfen das strahlende Sonnenlicht so blendend zurück, daß die Vorbey gehenden wenigstens einen Augenblick zögerten, um sich an der Pracht der dadurch hervorgebrachten Wirkung zu weiden. Ich ging hinein." (London und Paris, 2. 1799, Bd. 3, S. 210)

Als im Sommer 1799 dieser Bericht über die Londoner upholsterer erschien, hatte im deutschsprachigen Raum allein das Berliner Publikum die nötige Erfahrung, um zumindest annähernd zu begreifen, wovon hier die Rede war.
Wenn wir den Zeitraum von der Mitte der 1790er Jahre bis zur französischen Besatzung im Herbst 1806 betrachten, begegnen uns in Berlin eine Vielzahl von Möbelherstellern, die mit ihren Aktivitäten die Abkehr von der traditionellen Auftragsarbeit markieren. Darin zeigt sich der Wandel der grundlegenden Herstellungsverhältnisse, der noch vor der Veränderung des Herstellungsprozesses selbst erfolgt und grundsätzliche Konsequenzen für die Gestaltung der Möbel besitzt - also ihre Herstellung und ihr Aussehen entscheidend verändert. Die traditionelle Auftragsarbeit spiegelt dabei die gesellschaftlichen Machtverhältnisse des Ancien régime ebenso wider, wie die neuartige Anonymität des Marktes die beginnende Auflösung dieser Gesellschaftsstruktur. Mit dem Wandel treten verschiedene Formen des Übergangs auf, die den Bogen von der Auftragsarbeit bis zur fabrikmäßigen Herstellung und einem davon getrennten Handel in großen Möbe
Entgegen der geläufigen Auffassung sind die Voraussetzungen dafür nicht erst in der Einführung der Gewerbefreiheit (1810) und den weiteren preußischen Reformen zu sehen, sondern haben ihren Ursprung bereits in einer Reihe von gewerbepolitischen Maßnahmen aus den 1790er Jahren: 1794 verlieren die Zünfte das Monopol auf den Entwurf des Meisterstücks und 1797 auf die alleinige Ausübung ihres Handwerks; geichzeitig wandelt sich der Status der Gesellen zukunftsweisend - immer mehr werden sie zu Arbeitern. Der Großraum Berlin bot den geeigneten Boden für diese zunächst für ganz Preußen gültigen rechtlichen Bestimmungen - was nahezu umgehend zur beschriebenen frühen Berliner Möbelproduktion für den Markt führte.
Die stark zugespitzte These von einem ursächlichen Verhältnis zwischen den gewerbepolitischen Veränderungen und der aufkommenden Produktion für den Markt bedarf sicherlich einer weitgehenden Differenzierung. Der Verfasser - ein Kunsthistoriker - hofft auf eine lebhafte Diskussion.