Friedrich August Calau: Leipziger Tor, Aquarellierte Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

"Berliner Klassik? Strukturelemente einer urbanen Kultur. Eine verdrängte Alternative zu Weimar"

Sonnabend/Sonntag, den 6./7. Oktober 2001,
Akademiegebäude Jägerstraße 22-23, 5. Etage, Tagungssaal

Die erste Gesamtkonferenz der AG "Berliner Klassik" widmet sich der Frage, welcher soziokulturellen Dynamik sich die singuläre Berliner Kulturblüte um 1800 verdankt. In welchem Verhältnis steht sie zum deutschen Identitätsmythos der "Weimarer Klassik", der die historische Erinnerung an die Berliner Alternative bekanntlich verdrängt hat? Und wie verhält sie sich zu den Kulturmustern des klassischen Athen und des klassischen Rom, die im damaligen Europa Vorbildcharakter besassen?
Ziel der Konferenz ist, erste Umrisse einer komplexen, emanzipierten und toleranten Metropolenkultur in Deutschland zu ermitteln.

Programm

Sonnabend, 6. Oktober 2001

9:30
Begrüßung: Conrad Wiedemann

10:00
Christian Meier, München: Auf gleicher Höhe. Zu Eigenart und Bedingungen dessen, was man später Griechische Klassik nennen sollte.

11:30
Manfred Fuhrmann, Konstanz: Roms literarische Klassik. Zur Geschichte der Entstehung eines Kanons.

13:00 Mittagspause

14:00
Klaus Manger, Jena: Das Ereignis Weimar-Jena - um 1800 konkurrenzlos?

15:30
Conrad Wiedemann, Berlin: Grundzüge einer Berliner Klassik.

17:00 Kaffeepause

17:30
Reinhard Rürup, Berlin: Juden in Berlin um 1800. Ein Beitrag zur "Berliner Klassik"?

19:00 Abendpause

20:00
Lesung: Günter de Bruyn "Preußens Luise"

Sonntag, 7. Oktober 2001

10:00
Cord Berghahn, Braunschweig: "Wiedergeburt der Architektur". Heinrich Gentz und Friedrich Gilly als europäische Klassizisten in Berlin.

11:30
Helmut Pfotenhauer, Würzburg: Verschmelzungseffekte. Moritz in der Akademie. Jean Paul im Salon - Beispiele urbaner Herausforderung.

13:00 Mittagspause

14:00
Laurenz Lütteken, Zürich: Zwischen Sehnsucht und Selbstgenügsamkeit. Die Zeit um 1800 und die Schwierigkeiten der Musikhistoriographie.

15:30
Yvonne Pauly, Berlin: Von der Autonomie zur Zweckmäßigkeit. Hegels Moritz-Rezeption in seinen Berliner "Vorlesungen über die Religion".

Tagungsbericht

"Berliner Klassik? Strukturelemente einer urbanen Kultur. Eine verdrängte Alternative zu Weimar" lautete der programmatische Titel der ersten Tagung im Oktober, der gleichzeitig die Grundidee der AG widerspiegelt. Denn die Aspekte einer "urbanen Kulturblüte in Berlin zwischen 1786 und 1815" seien zu untersuchen, wie der Sprecher der Arbeitsgruppe Conrad Wiedemann nochmals eindringlich erläuterte. Dabei sei der integrale Blick auf die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, d. h. das Nebeneinander von Spätaufklärung, Romantik und Klassizismus, notwendig, um die Charakteristika und Spezifika der Kulturverdichtung in Berlin in diesem Zeitraum erfassen zu können.
Demgegenüber werde in den Arbeitspapieren des Sonderforschungsbereichs "Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800" der Begriff "Klassik" bewusst vermieden, wie dessen Sprecher Klaus Manger erklärte. Vielmehr gelte es Weimar und Jena als gemeinsamen "Ereignisraum" in seiner gesamten kulturellen und sozialen Dimension zu untersuchen, neben den großen Vertretern auch "Nebenfiguren" einzubeziehen und somit die bisherige Komplexitätsreduktion innerhalb der Rezeptionsgeschichte der Weimarer Klassik zu überwinden.
Weimar als Idyll in der Provinz, Berlin als lebendige Metropole. Diesen von Wiedemann aufgestellten Gegensatz wollte Manger nicht gelten lassen. Daß das Berliner und das Weimarer Projekt trotzdem nicht als konkurrierende Unternehmen aufgefasst, sondern die Möglichkeit einer konstruktiven Auseinandersetzung bevorzugt werde, zeigte sich in der Diskussion.
Mit dem klassischen Altertum als Bezugspunkt für die "Klassik" in einem eher traditionellen Verständnis setzten sich die Beiträge von Christian Meier (München) und Manfred Fuhrmann (Konstanz) auseinander: Während Meier die Bedingungen untersuchte, die das griechische Altertum in der Rezeption zur Griechischen Klassik und somit zum Modell für spätere "Klassiken" werden ließ, trug Fuhrmann Aspekte der Kanonbildung im Hinblick auf die römische Literatur vor.
Der aus Weimar nach Berlin kommende Jean Paul habe sich, so der Würzburger Germanist Manfred Pfotenhauer, immer wieder aus dem von diesem als faszinierend empfundenen geselligen Leben Berlins zurückgezogen. Denn Jean Paul habe das geschriebene Leben dem realen vorgezogen, so dass große Teile seines literarischen Werkes als Konjekturalbiographie gelesen werden können. Die Begegnung mit Berlin habe bei Jean Paul am Ende zum Rückzug in die Provinz geführt, aber "ohne die Salons hätte er nicht die Veranlassung gehabt".
Die ästhetische Theorie von Karl Philipp Moritz sei nach Pfotenhauer ein weiteres Beispiel für das "komplexe diskursive Feld", in dem sich Berlin in dieser "Umbruchsphase zur Moderne" bewege.
Mit Karl Philipp Moritz "Vorlesungen über römische Mythologie" (Anthousa) und dessen Rezeption durch Hegel befaßte sich der Vortrag von Yvonne Pauly (Arbeitsstelle der Karl-Philipp-Moritz-Ausgabe).
Moritz stelle die römischen Mythen in ihrem Charakter als vom unmittelbaren Nutzen emanzipiert dar, Hegel hingegen habe in seinen Vorlesungen die römische Religion als utilitaristisch beurteilt, wobei die unterschiedliche Bewertung in der teleologischen Sicht Hegels begründet liege.
Der Bezug auf Hegel im Beitrag von Frau Pauly löste unter den Teilnehmern eine Diskussion über den Zeitrahmen (1786-1815) aus, den sich die Forschung der AG "Berliner Klassik" gesetzt hat. Dieser müsse, so Wiedemann, insofern flexibel gehandhabt werden, als der Bezug auf für die Forschung der AG wichtige, aber außerhalb des zeitlichen Rahmens liegende Aspekte einbezogen werden sollten.
Ute Tintemann