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Mittwochsgesellschaft

auch: Geheime Mittwochsgesellschaft, Berlinische Mittwochsgesellschaft, Gesellschaft von Freunden der Aufklärung

Gründung: Herbst 1783

Auflösung: November 1798

Zweck: Gedanken- und Meinungsaustausch mit dem Ziel gegenseitiger und gesellschaftlicher Aufklärung

Ort und Zeit der Zusammenkünfte: wechselnd bei einem der Mitglieder; sommers am 1., winters am 1. und 3. Mittwoch im Monat jeweils 17.30 - 20 Uhr

weitere Regeln: Mitgliederhöchstzahl 24; keine Aufnahme von Exzellenzen; Aufnahme neuer Mitglieder nur einstimmig

Sekretär: J. E. Biester

Mitglieder: siehe unten

Beitrag: 16 Groschen monatlich

Am 3. Oktober 1783 verschickte der Oberkonsistorialrat Karl Franz von Irwing die Einladung zu einer ersten Sitzung einer neuen Gesellschaft. Der Endzweck der Organisation „könnte in nichts anderem bestehen, als behülflich zu seyn, daß die gesunde Vernunft immer mehr und mehr auf den Thron aller menschlichen Angelegenheiten erhoben werde, und unumschränkt über alles, was in das Gebiet des menschlichen Wissens einschlägt, regiere“ (Irwing, zitiert in Tholuck, Sp. 57). Zu der neuen Vereinigung gehörten schon wenige Wochen später eine Reihe von - meist im Staatsdienst tätigen - Juristen, Theologen und Publizisten an, darunter Christian Wilhelm von Dohm, Ernst Ferdinand Klein, Friedrich Nicolai, Wilhelm Abraham Teller und, als Ehrenmitglied, Moses Mendelssohn. Ein Grundsatz der Gesellschaft war die Geheimhaltung. Jedes Mitglied versprach „auf seine Ehre strenge Verschwiegenheit über alles in der Gesellschaft vorgetragene; auch selbst von gleichgültigen, die Gesellschaft betreffenden Dingen; ja von ihrer Existenz nicht viel zu sprechen“ (Biester, zitiert in Nehren, S. 92). Gesellschaftsintern wurde mit Nummern, nicht mit Namen gezeichnet. Damit sollte sichergestellt werden, daß die Diskussionen offen und frei und ohne Rücksicht auf eine eventuelle größere Öffentlichkeit geführt werden könnten. Die monatlich bzw. vierzehntägig stattfinden Sitzungen wurden mit dem Vortrag eines Mitglieds eröffnet. Dieser Vortrag war vorher schriftlich allen Mitgliedern zur Kenntnisnahme zugestellt worden, welche wiederum schriftlich ihre Kommentare dazu niederlegten. Die Themen der Vorträge und Gespräche „waren aus der Staats- und Finanzverwaltung, Gesetzgebung, speculativen und practischen Philosophie, sehr selten aus der Literatur hergenommen“ (Goeckingk, zitiert in Hellmuth, S. 318). Ein Schwerpunkt der Diskussionen lag auf dem Thema „Aufklärung“. Vorträge wie Moses Mendelssohns „Ueber die Frage: was heißt aufklären?“ fanden, nachdem sie von den Mitgliedern besprochen worden waren, als Zeitschriftenartikel in der von den Gesellschaftsmitgliedern Biester und Gedike herausgegebenen Berlinischen Monatsschrift ihren Weg an die allgemeine Öffentlichkeit. Aber auch juristisch-politische Fragen von großer Tragweite wie die Pressefreiheit oder die Kodifizierung des preußischen Rechts wurden debattiert, wobei die im Kreise der Mittwochsgesellschaft gesammelten Anregungen über die Vereinsmitglieder Carl Gottlieb Svarez und Ernst Ferdinand Klein, die beide im Staatsdienst tätig und führend an der Erarbeitung des Allgemeinen Landrechts beteiligt waren, direkten Eingang in das Gesetzeswerk fanden. Gerade in den ersten Jahren ihres Bestehens diskutierte die Gesellschaft wiederholt über ein verstärktes Engagement an der Öffentlichkeit. Alle Vorschläge in dieser Richtung scheiterten jedoch an dem Umstand, daß dafür die Geheimhaltung des Vereins hätte aufgegeben werden müssen. Das am 20. Oktober 1798 veröffentlichte Edikt „wegen Verhütung und Bestrafung geheimer Verbindungen, welche der allgemeinen Sicherheit nachteilig werden können“, stellte die Mittwochsgesellschaft vor die Entscheidung, die eigene Geheimhaltung aufzugehen, sich bei den Staatsbehörden anzumelden und der üblichen Überwachung zu unterwerfen oder sich aufzulösen. Die Mitglieder entschieden sich für den zweiten Weg. Vermutlich wurde aus diesem Anlaß auch der größte Teil der Vereinspapiere vernichtet. Die heute der Forschung zur Verfügung stehenden Quellen sind daher ausgesprochen bruchstückhaft und genügen nicht, um ein geschlossenes Gesamtbild der Organisation herauszuarbeiten. Die neuesten Arbeiten konzentrieren sich auf Einzelaspekte, z. B. auf die Debatte über die Pressefreiheit (Hellmuth) oder auf Aufklärungsverständnis, Gesellschaftsauffassung und Staatsideal (Birtsch) in der Mittwochsgesellschaft.

Mitglieder

Beneke, Friedrich Wilhelm von (Kammergerichtsrat)
Biester, Johann Erich (Bibliothekar)
Diterich, Johann Samuel (Theologe)
Dohm, Christian Wilhelm von (Geheimer Archivar und Kriegsrat im Departement für auswärtige Angelegenheiten)
Engel, Johann Jacob (Philosophieprofessor)
Gebhard, Johann Georg (reformierter Prediger)
Gedike, Friedrich (Pädagoge)
Göckingk, Leopold Friedrich Günther von (Geheimer Oberfinanzrat)
Irwing, Karl Franz von (Oberkonsistorialrat)
Klein, Ernst Ferdinand (Jurist)
Leuchsenring, Franz von (Prinzenerzieher)
Mayer, Johann Siegfried (Geheimer Obertribunalrat)
Mendelssohn, Moses (Unternehmer) - Ehrenmitglied
Möhsen, Johann Karl Wilhelm (Königlicher Leibarzt)
Nicolai, Friedrich (Buchhändler)
Schmid, Gottlieb Ernst (lutherischer Prediger)
Selle, Christian Gottlieb (Königlicher Leibarzt)
Siebmann, H. C. (Domänenrat)
Spalding, Johann Joachim (Theologe)
Struensee, Karl August von (Geheimer Finanzrat, später Minister)
Svarez, Carl Gottlieb (Geheimer Justiz- und Obertribunalrat)
Teller, Wilhelm Abraham (Oberkonsistorialrat)
Wlömer, J. H. (Jurist)
Zöllner, Johann Friedrich (Theologe)

Quellen

Davidson, Wolf: Briefe über Berlin. Landau: Francini 1798.
BER 188: 38/78/23048 (1) (nur LS)

Nachlaß Johann Carl Wilhelm Möhsen, Staatsbibliothek zu Berlin PK (Ms. Boruss. fo. 433).

Literatur

Birtsch, Günther: Die Berliner Mittwochsgesellschaft. In: Über den Prozeß der Aufklärung in Deutschland im 18. Jahrhundert. Personen, Institutionen und Medien (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte; 85). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1987, S. 94-112.
BER 1: 30 SA 3331-85; BER 1a: HB 7 Xc 665

Georges, R. I.: Nachrichten über die geheime Mittwochsgesellschaft; in: Der Bär 13 (1887), S. 335-339.
BER 1: Tc 6582-13 (20.08.2001: im Geschäftsgang)

Goeckingk, Leopold Friedrich.Günter von (Hg.): Friedrich Nicolai's Leben und literarischer Nachlaß. Berlin: Nicolai 1820.
BER 1: Bibl. Varnhagen 412 bzw. an 168 169 Mus (Mendelssohn-Archiv); BER 1a: 704 862-Erg.Bd. 1

Gronau, W.: Christian Wilhelm von Dohm nach seinem Wollen und Handeln; 1824.
BER 1a: Au 1911

Hellmuth, Eckhart: Aufklärung und Pressefreiheit. Zur Debatte der Berliner Mittwochsgesellschaft während der Jahre 1783 und 1784. In: Zeitschrift für Historische Forschung 9 (1982), S. 315-345.
BER 1: 35 PA 118-9

Hinske, Norbert: Was ist Aufklärung? Beiträge aus der Berlinischen Monatsschrift. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 31981 (11973).
BER 1a: 593 360

Hümpel, Henri: Was heißt aufklären? Was ist Aufklärung? Rekonstruktion eines Diskussionsprozesses, der innerhalb der Gesellschaft der Freunde der Aufklärung (Berliner Mittwochsgesellschaft) in den Jahren 1783-1789 geführt wurde. Ein Editionsbericht. In: Jahrbuch für die Geschichte Ost- und Mitteldeutschlands 42 (1994), S. 185-226.
BER 1a: Zsn 6392

Keller, Ludwig: Die Berliner Mittwochs-Gesellschaft. Ein Beitrag zur Geschichte der Geistesentwicklung Preußens am Ausgange des 18. Jahrhunderts. In: Monatshefte der Comenius-Gesellschaft 5 (1896), S. 67-94.
BER 1a: Ne 5425-5

Krüger, Gerhard: Ernst Ferdinand Klein. Das allgemeine Landrecht und die Mittwochsgesellschaft; in: Quatuor-Coronati-Jahrbuch 17 (1980), S. 175-196.
HAM 18: X/12857

Löschburg, Winfried: Die Berliner Mittwochsgesellschaften. Bemerkungen zur Berliner Kulturgeschichte. In: Berliner Heimat, Berlin (Ost) 1957, S. 53-55.
BER 1: 12 Per 2476

Meisner, Heinrich: Die Freunde der Aufklärung. Geschichte der Berliner Mittwochsgesellschaft. In: Festschrift zur 50jährigen Doktorjubelfeier Karl Weinholds. Straßburg 1896, S. 43-54.
BER 1a: Yc 7663

Nehren, Birgit: Selbstdenken und gesunde Vernunft. Über eine wiederaufgefundene Quelle zur Berliner Mittwochsgesellschaft. In: Aufklärung 1,1 (1986), S. 87-101.
BER 1: 42 SA 146-1; BER 1a: Zsn 70902

Stölzel, Adolf: Die Berliner Mittwochsgesellschaft über Aufhebung oder Reform der Universitäten (1795). In: Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte 2 (1889), S. 201-222.
BER 1: HA 7 Ga 60

Tholuck, Friedrich August: Die Gesellschaft der Freunde der Aufklärung in Berlin im Jahre 1783. In: Litterarischer Anzeiger für christliche Theologie und Wissenschaft überhaupt 1 (1830), S. 57-64 und 86f.
SAX 15: Theol.Zs. 25 HB

Vierhaus, Rudolf: Friedrich Nicolai und die Berliner Gesellschaft. In: Fabian, Bernhard (HG.): Friedrich Nicolai 1733-1811. Essays zum 250. Geburtstag. Berlin (West): Nicolai 1983, S. 87-98.
BER 1: 38 MA 588

Hinweis

In Berlin wurden im 18. und 19. Jahrhundert mindestens fünf Mittwochsgesellschaften gegründet. Sie sollen hier kurz aufgezählt werden, damit einer Verwechslung vorgebeugt wird.

Mittwochsgesellschaft, gegr. 1783 - siehe oben.

Mittwochsgesellschaft, gegr. 1796 - siehe Kurzportrait.

Mittwochsgesellschaft, gegr. am 26. Oktober 1824 durch Julius Eduard Hitzig, musisch-literarisch orientiert - siehe: Geiger, Ludwig: Die Berliner Mittwochsgesellschaft. In: Der Bär 14 (1888), S. 570-573 und 15 (1889), S. 48. BER 1: Tc 6582-14 bzw. -15
Liederbüchlein der Mittwochs-Gesellschaft. Mit einer Nachricht über die Gesellschaft und ihre Verfassung. H. 1-3. Berlin 1827-1837. BER 1: Bibl. Varnhagen 1893; BER 1a: Yd 5633

Mittwochsgesellschaft, gegr. am 19. Januar 1863 durch Moritz August von Bethmann-Hollweg, sehr exklusiv, tätig bis 1945 - siehe: Oncken, Hermann: Geschichte der Mittwochs-Gesellschaft. Festvortrag gehalten bei der 1000. Sitzung am 19. Juni 1940. Berlin 1940.

Mittwochgesellschaft, gegr. im Oktober 1871 im Kreis der Französischen Kirche, tätig bis in den 2. Weltkrieg, Wiederbegründung 1953.

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