Porträtmaler (Pastell, Miniatur, Öl) in Berlin, St. Petersburg, Wien. Gründungsmitglied des Berlinischen Künstler-Vereins
Quellen: Neues allgemeines Künstler-Lexikon ... Bearb. v. G. K. Nagler, Leipzig 1835-1852; Thieme/Becker 1907-1950
Werke: Stadtmuseum Berlin, Gemäldeslg.
Autobiographie,[1] undatiert, kommentiert von Reimar F. Lacher
Ich war gebohren im Jahre 1769 auf einem Dorfe zu großen Quenstedt bey Halberstadt, mein Vater war Landmann und Schumacher daselbst. Als Knabe spürte ich in mir eine besondere Neigung zu einer Kunst oder Wißenschaft, aber mein Vater war nicht Vermögend um mir ein solches erlernen zu laßen. Ich wurde also gezwungen, das Schumacher Handwerck zu erlernen, und mein Vater brachte mich zu Halberstadt bey einem Schumacher auf drey Jahre in die Lehre. Ich muste nun damit zufrieden seyn, aber in der Hoffnung, das drey Jahre auch bald vorüber gehen würden, wo ich alsdann frey bin, um in die große Welt gehen zu können, und die Gelegenheit abzusehen, wie ich etwas beßeres erlernen könte, ohne selbst noch zu wißen, was es eigendlich seyn wird. Die Musik, welche ich als Kind in meinem Geburtzorte hatte kennen gelernt, machte mir den Kopf sehr vedrehet, das ich nichts anderes als ein Musikant werden wolte. Da mein Vater es durchaus nicht zugeben, und der siben Lehr Jahre bey einem Stadtmusikanten mich mit nichts Unterstützen zu können, muste ich wider meinen Willen bey meinem auserkornen Lehrmeister als Schumacher in die Lehre gehen. Meine Selige Mutter war schon lange Todt, und von deßen Seite hatte ich noch ein Müterliches, aber sehr geringes Erbtheil, welches mir mein Vormund nach und nach zur Unterstützung meiner drey Lehrjahre für Kleidungsstücke, für ein und losschreiben, auszalte. Hiermit betrat ich also die Bahn. Mein Lehrmeister war mit mir zufrieden, und ich mit ihm. Des Sonntags ging ich in die Kirche, wo ich hin und wieder Gemälde hängen sahe, welche meine Aufmerksamkeit ganz auf sich hinzogen. Ich lies dem Prädiger zuhören, wer dazu Lust hatte. Ich schlich mich leise von einem Gemälde zum anderen, welche auf mir einen sehr tifen Eindruck machten, das ich nur immer die natürliche Farben mischung im Gesicht bewunderte, welche mir, wenn ich zu Hause eins Malte, mir durchaus nicht glücken wolten. So ging ich denn von einem zum andern, bis die Kirche geschloßen wurde. Es dauerte nicht lange, so hatte ich alle Kirchen in ganz Halberstadt besucht, und wo ich die mir am meisten ansprechende Gemälde fand, ich die heufigsten Besuche abstattete. So entstand nun bald eine solche Neigung zu dieser Kunst, welche beinahe nicht zu Unterdrücken war, selbige vieleicht noch Erlernen zu können. Ich suchte in Halberstadt jemand auf, welcher wohl im Zeichnen und Malen Untericht ertheile. Ich fand endlich einen, welcher mir die Stunde für einen Groschen des Sonntags Unterichtete, Ich zeichnete bey demselben einige unbedeutende Sachen, welche ich mit großer Begierde nach machte! Ich ging bey disen Lehrer alle Sonntage, bis wohl ein halbes Jahr vorüber seyn konte, wo selbiger mir nicht mehr zu Unterichten Lust hatte, weil er selbst nichts von der Kunst Verstand, und nicht wuste, was er mir vorlegen solte. So blieb ich mich denn ganz allein überlaßen, und trieb mein Wesen so gut ich konte.
Werend dem verstrichen endlich meine Lehr Jahre, und im vierten nahm ich meinen Abschied, um in die Welt zu gehen und mein Glück zu versuchen. Ich schnürte mein Felleisen, warf es auf meinen Rücken und nahm von meinem Lehrmeister einen herzlichen Abschied. Ich ging nun zum Thor hinaus auf meinen Geburtzort zu, um von meiner Fammilie ein Lebewohl zu sagen. Ich nahm Abschied, und mein Vater begleitete mir eine kleine Meile. Bey Abschied nehmen überreichte mir mein Vater ein stück Broth, und versicherte, mir nichts besseres geben zu können, wünschte mir eine glückliche Reise, und ferneres Wohlergehen.
Ich hatte nun Brodt, und meine Baarschaft bestand aus einem Thaler und zwanzig Groschen. Damit Reisete ich getrost auf Magdeburg loß, und kam denselben Abend ganz abgemattet zu Magdeburg auf der Herrberge an. Den andern Tag kam ein Meister aus der Stadt, fragte mir, ob ich bey ihm Arbeit nehmen wolte. Ich nahm sie an in der Absicht, noch einges Reisegeld zu verdinen. Ich hatte kaum 8 Tage gearbeitet, bekam ich eine kranke Hand, das ich virzehen Tage nicht habe Arbeiten können. Wärent der Zeit bekam ich wöchentlich eine Unterstützung. Meine Hand war doch nicht ganz so schlimm, das ich nicht hätte zeichnen und Malen können. Ich Copirte alle Kupferstiche, welche ich habhaft werden konte, und verschenkte solche.
Nachdem meine Hand wieder hergestellt war, arbeitete ich noch einige Wochen beym Meister und nahm alsdenn den Abschied, um nach Berlin zu reisen. Der Meister wolte mich gern behalten und both mir beßern Lohn an! Ich erwiderte aber, das wenn er mir auch noch einmal so viel böte, ich doch nicht bleiben könte, weil ich weder Ruhe noch Rast hätte, um von der Reise nach Berlin abstehen zu können! Da bekam ich zur Antwort, nun wenn es so ist, so Reisen sie mit Gott.
Ich machte sogleich mein Felleisen im stande. Da meine Baarschaft nur aus sechzehn Groschen bestand, so verkaufte ich mein spanisches Rohr für achtgroschen. So hatte ich doch einen Tahler Reisegeld voll.
Ich ging und suchte mir einen Schiffer auf, welcher vieleicht nach Berlin fahren würde, und war so glücklich, einen sogleich zu finden, wolte aber von mir fürs mitnehmen einen Taler haben. Als ich ihm aber versicherte, das meine ganze Baarschaft nur in einem Thaler bestände und ich ihm nur achtgroschen davon geben könte, so hatte er doch so fiel Mitleiden und lies es dabey bewenden. Ich verproviantirte mir sogleich und ging den andern Morgen frühe unter Segel. In fünf Tagen kam ich in Berlin, ich zahlte meine acht Groschen Frachtgeld und ging dankent davon.
Ich bekam in Berlin sogleich Arbeit, wekselte einige mal mit den Meistern und bey dem letztern suchte ich mir mit der Zeit die Schumacherei gänzlich vom Halse zu wälzen. Ich arbeitete bey letztern eine Zeit, während dem ich mich schon lange bemühet hatte, lernte ich einen jungen Akademisten namens Heybaum kennen,[2] welcher mir von seine Anfangsgründe, Augen, Nasen und Ohren sehen lies, und welche ich so sehr Natürlich vorgestellet fand, das ich darüber eine große Freude hatte. Ich eilte mit diesen Zeichnungen um selbige auch meiner Fraumeisterin sehen zu laßen; welche so manchmal von Kunst und große Künstler mir erzält hatte, hoffte ich, das selbige auch auf sie den Eindruck machen würden; worinn ich mir aber sehr betrog, denn ich bekam darüber einen derben Verweis mit den Worten; Wie ich mich unterstehen könte, ihr, und sogar in ihrer Tochter Gegenwart so etwaß zu zeigen; denn sie sehe wohl, was es bedeute und ich solte mich doch was Schämen. Ich mocht dagegen protestiren wie ich wolte, das es Nasen und Münder währen, es half alles nichts. Ich ging ärgerlich davon.
Ich nahm nun alle Sontage bey den Herrn Heybaum Unterricht im Zeichnen. Während dem traf es sich, das eine Kunstausstellung auf der Academi zu sehen war,[3] welches mir mein Lehrer erzälte, und das ich dise sehen müste. Denselben Nachmitag eilte ich auf die Ausstellung. Als ich hinauf kam, stand ich wie Versteinert da. Alle dise manigfaltigen Bilder zu betrachten. So etwaß hatte ich noch in meinen ganzen Leben nicht gesehen. Ich wurde nun auf einmal wie beseßen und nahm mir fest vor, Maler zu werden, es möchte auch gehen, wie es wolte, wenn ich auch nur Brod und Waßer dabey genißen müste ich doch zufrieden seyn wolte.
Nach einiger Zeit machte ich mich auf, und ging zum Herrn Frisch,[4] beschrieb Ihm meine ganze Lage, das ich gerne Maler werden wolte! Herr Frisch stelte mir alle die Schwürigkeiten und die Jahre, welche dazu gehörten, vor, weil ich doch garkeine Untersützung hätte, ich diesen Plaan nur ganz aufgeben möchte und lieber bey der Schumacherey zu bleiben. Ich gab hierauf zur Antwort, das es mir nicht möglich sey, davon abzustehen, ich müste Maler werden, es möchte mir dabey auch so schlecht gehen, wie es wolt, wenn nur Herr Frisch so gefällig seyn wolten, und mir einige Zeichnungen zu leyhen, welche ich zu coupiren wünsche. Herr Frisch erwiderte, wenn sie es sich so fest vorgenommen haben, dises durch zu setzen, so will ich ihnen gerne von meine Zeichnungen zu coupiren mitgeben.
Ich nahm diese Zeichnungen mit zu Haus, und wenn ich des Abends bey meinen Meister Feuerabend gemacht hatte, so ging ich oben auf meine Schlafkammer und coupirte mehrentheils des Nachts meine Zeichnungen. Der Meister, welcher bemerkt hatte, das ich beym brennend Licht des Nachts auf meiner Kammer zeichnete, wurde darüber sehr böse und verboth mir durchaus kein Licht auf meiner Kammer zu brennen, weil ich ihm das Haus in Brand stecken könte. Ich sahe mir genötiget, bey einer Fammilie, welche ich schon lange kante, eine Kammer mit Bette zu mihten, wofür ich monatlich sechzehn Groschen bezahlte, wo ich des Nachts so viel zeichnen konte, als ich nur Lust hatte. Am Tage arbeitete ich widerum bey Meister.
Gelegentlich erkundigte ich mir bey den Herrn prophessor Eckert,[5] wie viel es kostete, wenn ich Mittwochs und Sonabend die Zeichenklaßen mit beywohnen könte. Ich vernahm den Preiß von mehreren Thalern um eine Matrikel zu lösen. Da ich nicht Geld dazu hatte, so verkaufte ich meine Taschen Uhr, welche ich zwar sehr lieb hatte, und bezahlte damit die Gebühren des Matrikels und ging alle Mitwoch und Sonnabend fleißig auf die Academi und zeichnete.
Mit meinem Meister hatte ich mir so gesetzt, das er sich dises gefallen lis, muste aber doch sehr oft mit anhören, das er mit mir gar nicht zu friden sey und das ich mit dieser brodlosen Kunst mein Glück verscherzen würde, da er doch ganz andere Abschichten mit mir vorgehabt hätte, (nemlich, er wolte eigentlich mich mit seiner Tochter verheiraten) wo ich aber noch nimals daran gedacht hatte.
So vergingen wohl noch einige Monathe, bis endlich ein Schulehrer mir auforderte, in seiner Schule im Zeichnen zu unterrichten. Ich nahm solches mit Vergnügen an und bekam nach einen Monath eine zweite Stelle. Nun berechnete ich meine Einkünfte und fand, das wenn ich alle Tage mir mit Brodt und Waßer begnüge, ich im Nothfall bestehen könte. Ich nahm nun von meinem Meister Abschied und sagte, das ich die Schumacherey nun gänzlich aufgeben würde und danckte für seine Arbeit.
Nun stand ich da, froh und bange, diese mir so am Herzen liegende Bahn zu betreten. Ich faste Muht, war fleißig und meine Umstände verbeßerten sich nach und nach durch Untericht geben.
Endlich wurde ich, nach einer Zeit, von einem, welchen ich auf der Flöte zu blasen unterichtete, aufgefordert, selbigen in Miniatur zu malen. Ich versicherte aber, das ich dises noch nicht imstande wäre. Allein er plagte mir alle Tage damit. Ich machte mit ihm einen Versuch und zeichnete seine Züge, so gut ich konte aufs Pappier, wuste aber selbst nicht, ob es gehörig ähnlich sey. Nachdem aber andere versicherten, das es schprechend ähnlich sey, bekam ich Muht und muste noch eine Kopie davon machen und verlangte den Preis à Stück zwölf Groschen, welches ich denn auch bekam. Da nun diese mir recomandirte, muste ich eine Dame von Stande malen für denselben Preiß, welche mir aber unter Herrschaften Bekantschaft machte für den doppelten Preiß, so das ich fast bey jeder neuen Anforderung meinen Preiß erhöhete. Daß portretiren riß von der Zeit an nicht mehr ab, so schlecht selbige damals auch ausfielen, fanden sich doch immer mehr, ihr portait in profiel von mir malen zu laßen. Und bey den vielen portretiren wurde freilich das Zeichnen vernachläsiget, blieb daher immer bey den portrait malen stehen.
[1] Autograf, 11 Seiten, gebunden, 4°, als Leihgabe des Vereins Berliner Künstler in der Stiftung Archiv der Akademie der Künste Berlin, VBK Nr. 58, aus dem Bestand des Berlinischen Künstlervereins.
[2] Heybaum oder Heybom, Beteiligung an den Akademieausstellungen 1791 und 1793 mit Blumenstücken in Aquarell.
[3] Die erste Akademieausstellung fand 1786 statt, danach jährlich bzw. alle zwei Jahre.
[4] Johann Christoph Frisch (1738-1815), Porträt- und Historienmaler. 1786 einer der Rektoren der Akademie, 1801 Vizedirektor, 1805 Direktor.
[5] Heinrich Gottlieb Eckert (1751-1817), Maler und Stecher. Sohn der Aufwärterin des früheren Akademiedirektors Le Sueur. Seit den 1770er Jahren Zeichenlehrer an der Akademie, 1786 Professor. Inspektor der Akademie.
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