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Carl August Elsner (geb. Alt-Beckern, Schlesien 1785-1835 [?])

Militäringenieur und Malerdilettant in Berlin

Autobiographie, 1834,[1] kommentiert von Reimar F. Lacher

Mein Name ist Carl August Elsner, ich wurde im Jahre 1785 den 6ten December zu Alt Beckern bei Liegnitz in Schlesien geboren, wo mein Vater Besitzer der dortigen und gegenwärtig noch im Besitz meiner Familie befindlichen Papierfabrik war.

Meinen Unterricht erhielt ich bis zum 14ten Lebensjahr von einem besonders für mich und meine Geschwister bestimten Hauslehrer, während welcher Zeit ich auch nebenbei privat Unterricht im freien Handzeichnen erhielt.

Meine jugendliche Neigung für wissenschaftliche Fächer und namentlich für zeichnende und mathematische, bestimten mich bald für das Vermessungsfach, wo ich um dies praktisch zu erlernen, im Laufe meines 15ten Jahres als Pensionair in das Institut für junge Forstmänner des K. Oberförster Hessenland in Lüben (in Schlesien) aufgenommen wurde, und dort während 3 Jahren an der Ausführung vieler bedeutender Forst- und Landvermessungen theil nahm. Meinen Vater hatte ich zu dieser Zeit bereits durch den Tod verloren.

Meine gegenwärtige Beschäftigung war mir der höchste Inbegriff von Kunst, welches bei dem so großen Mangel an Kunstsinn, den meine Vaterstadt hatte, und der gegenwärtig dort noch ruhig schläft, kein Wunder war. Hätte Liegnitz eine Kunstschule gehabt, ich würde gewiß diesem Wege gefolgt sein, auf dem mich stets ein inneres, aber doch unbewußtes Gefühl hintrieb, denn nach Verlauf von einigen Jahren genügte mir das Vermessungsgeschäft nur noch, weil es mir eine hinreichende Subsistenz gewährte. Aus bloßer Neigung beschäftigte ich mich dagegen gern mit dem Studium der Baukunst.

Der unglückliche Krieg des Jahres 1806, welcher die Hoffnungen so vieler Zöglinge zerstörte, wirkte nicht minder nachtheilig auf mich, und ich entschloß mich, um meine Zeit möglichst zu nutzen und nicht durch ein vergebliches Harren auf eine königliche dienstliche Anstellung zu verlieren, die Bauakademie in Berlin zu besuchen, und dieses Fach, welches meinen Neigungen mehr zusagte, zugleich aber meiner Zukunft bessere Aussichten eröfnete, meinen früheren Beschäftigungen zu substituiren.

Ich kam am 1ten Octbr. 1810 in Berlin an, erhielt vom damaligen Director pp Frisch die Matrikel und besuchte außer dem Unterrichte der Bauakademie auch den der Akademie der Künste, und namentlich die 1te Zeichenklasse des Professors Kubeil, den Kursus des Professor Hummel über Säulenordnungen und Perspektive, die Vorlesungen der Professoren Lewezow und Hirt über Mythologie und Geschichte der bildlichen Monumente und zuletzt den Unterricht über Anatomie für bildende Künster bei dem Professor Schumann,[2] den ich aber leider nicht zu Ende frequentiren konnte, weil der Ruf unseres Königs am 3ten Februar 1813 auch mir so wie vielen meiner damaligen Collegen die theure Pflicht auferlegte, zur Befreiung des Vatelandes mitzuwirken.[3] Im Februar 1813 in Breslau angelangt, legte ich daselbst die Prüfung zum Ingenieurs Pantogr. Fähnrich ab, wurde in deren Folge zum Ingenieur Geographen ernnant und zum 1ten Armeecorps (v. York) beordert, bei welchem ich dem thatenreichen Feldzuge von 1813 und zugleich den Schlachten von Gr. Görschen – Bautzen – an der Katzbach, Leipzig, dem Rheinübergange bei Caub, der Schlacht von Laon und Paris beiwohnte. Nach der Schlacht von Leipzig wurde ich zum Offizier befördert. Beim nachmaligen Ausbruch des Krieges von 1815 trat ich zum 2ten Armeecorps (v Borstel) über, wohnte daselbst den Schlachten von Ligny und Belle Alliance, so wie den Belagerungen von Maubeuge, Landrecys, Rocroy, Philippville und Quiet bei, kehrte im December 1815 nach Berlin zurück und wurde bei der neuen Formation des Ingen. Korps im Anfange des Jahres 1816 diesem Korps einverleibt, wobei ich den Befehl zum Dienste nach Stralsund zu gehen erhielt. Noch in demselben Jahre zum Prem. Lieutnant befördert und ad interim zum Ingenieur des Platzes dieser Festung bestimt.

Am 3ten Februar 1819 erhielt ich die Beförderung zum Kapitain und zugleich auf eine kurze Zeit den Ruf nach Berlin zu besonderen Dienstleistungen. Das Jahr 1820 stand ich in Spandau zur Dienstleistung als Ing des Platzes kommandirt, und 1821 den Rufe als Lehrer an der Artillerie- und Ingenieursschule folgend, wurde mir in diesem Jahr der Unterricht im Fortifikations- und Architekturzeichnen nebst den Vermessungsübungen, und später der Unterricht in der speciellen Kriegs- und bürgerlichen Baukunst übertragen, dem ich im gegenwärtigen Augenblicke noch vorstehe, zugleich aber die Stelle als Mitglied der Ob. Milit. Examinationskomission bekleide. Im Jahre 1827 machte ich mein großes Examen zum Premier Capitain, war so glücklich, das Zeugniß Nr 1 zu erhalten, und im folgenden Jahre zu dieser Stelle befördert zu werden.

Was mein künstlerisches Treiben anlangt, so war dies in meinen Erholungsstunden auf die Landschaftsmalerei gerichtet, durch die Bekantschaft mit dem H Professor Blechen war ich so glücklich, der Schüler dieses treflichen Meisters seit zwei Jahren zu werden, in dessen Attelier ich auch jezt noch wöchentlich einige Stunden meiner Lieblingsbeschäftigung huldige.[4] Die Leistungen in diesem Kunstfache, die ich Früchte meiner Erholungsstunden nennen kann, machten mich so glücklich, meinen Wunsch, als Mitglied des verehrten Kunstvereins aufgenommen zu werden, am 30ten Januar 1833 erfüllt zu sehen, und ich schließe meine Lebensbeschreibung mit dem Wunsche, daß mir das Schicksal vergönnen möge, diesem hochachtbaaren Bunde recht lange anzugehören.[5]

Berlin im Jahr 1834 / Carl Aug. Elsner / Hauptmann im Ing. Korps


[1] Autograf, 4 Seiten, 2°, als Leihgabe des Vereins Berliner Künstler in der Stiftung Archiv der Akademie der Künste Berlin, VBK Nr. 44, aus dem Bestand des Berlinischen Künstlervereins.

[2] Johann Christoph Frisch (1738-1815) Porträt- und Historienmaler. 1786 einer der Rektoren der Kunstakademie, 1801 Vizedirektor, 1805 Direktor. Die Bauakademie war 1809 (ebenso wie die Singakademie) der Kunstakademie eingegliedert worden, Frisch war somit auch deren Direktor.
Carl Ludwig Kuhbeil (um 1770-1823), Berliner Historien- und Landschaftsmaler und Radierer. 1805 Prof. und Lehrer einer der Zeichenklassen der Akademie. 1814 Mitglied des Künstlervereins.
Johann Erdmann Hummel (1769-1852), Maler. Nach Studium in Kassel und Italienaufenthalt seit 1800 in Berlin, seit 1809 als Nachfolger Wagners und F. L. Catels Prof. für Perspektive und Geometrie an der Akademie, 1811 Mitglied des akademischen Senats. Bekannt für Architekturdarstellungen mit komplexer Perspektive, Reflexion und Beleuchtung.
Jakob Andreas Konrad Levezow (1770-1835), anerkannter Altphilologe, seit 1804 Prof. für Altertumskunde und Mythologie, las seit dem Wintersemester über Kunst und Mythologie der Antike.
Aloys Ludwig Hirt (1759-1837), Archäologe. Auf Betreiben der Gräfin Lichtenau 1796 Mitglied und Professor der Berliner Akademien der Wissenschaften und der Künste; 1810 Hofrat. Vielbeachteter Kunsttheoretiker und Architekturhistoriker.
Carl Franz Jacob Heinrich Schumann (1767-1827), Historienmaler. Schüler Frischs und der Berliner Akademie. 1802 Prof. für anatomisches Zeichnen an der Akademie, 1815 deren Sekretär.

[3] Am 3.2.1813 erging als der erste einer Reihe von königlichen Aufrufen zur Mobilmachung die ‚Bekanntmachung in Betreff der zu errichtenden Jägerdetaschements’, in welchem derjenige Teil der gebildeten Jugend, der wohlhabend genug war, für die Ausrüstung selbst aufzukommen, zur Formierung von Freiwilligenverbänden aufgerufen wurde. Einige Tage später erging der berühmte Aufruf ‚An mein Volk’, der zum Kampf rief.

[4] Karl Blechen (1798-1840) studierte nach einer Kaufmannslehre ab 1822 an der Berliner Akademie. 1824 Dekorationsmaler am Königsstädtischen Theater, 1829 Italienreise, 1831 als Nachfolger Lütkes Prof. für Landschaftsmalerei an der Berliner Akademie. Seit 1826 Mitglied des Künstlervereins. Litt in den 30er Jahren an fortschreitender Depression.

[5] Der 1814 gegründete ‚Berlinische Künstlerverein’ um J. G. Schadow, für dessen Archiv Elsner seine Autobiografie verfaßte. Möglicherweise wurde er hier durch seinen Lehrer Blechen eingeführt. Im Jahr vor der Aufnahme in den Verein hatte er sich erstmals mit einer romantischen Landschaft (in Öl) auf der Akademieausstellung präsentiert (1834 erneut).


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