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Künstler(auto)biographien

Transkription von 14 Autobiographien von Gründungsmitgliedern des Berliner Künstlervereins

Bearb. von Reimar F. Lacher, 2005

Daniel Berger (1744 – Berlin - 1824)

Reproduzierender Kupferstecher in Berlin

Quellen: Nicolai: Beschreibung der kgl. Residenzstädte Berlin und Potsdam, 3. Aufl. 1786; K. L. Oesfeld: Anzeige sämmtlicher Werke von Herrn Daniel Berger, Rector und Lehrer der Kupferstecherkunst bey der Königlichen Preussischen Akademie der Künste … zu Berlin. Mit Genehmigung des Künstlers herausgegeben … Leipzig 1792; J. G. Meusel: Teutsches Künstlerlexicon, 2. Ausg. 1808/09; Lit.: Thieme/Becker 1907-1950, Saur Allgemeines Künstlerlexikon. Die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker. Begr. v. Günter Meißner, München u. a. 1992 ff.

Autobiographie, 1821,[1] kommentiert von Reimar F. Lacher

Daniel Berger ist zu Berlin d 25ten 9ber [November] 1744 gebohren, erhilt bei seinem Vater den Unterricht in Kupferstechen,[2] aber Schrift oder Landkarten zu stechen, hatte er keinen Sin, sich ferner in dißem Fache zu üben.

Aus alter Bekandt- und Freundschaft für den Vater des p Berger hatte der Hofkupferstecher George Frid. Schmidt die Güte, ihn als Lehrling anzunehmen,[3] ihm Leitung und Unterricht in seinem Hauße ertheilte. Da der Tod des p Schmidt aber leider in Zeit von 8 Monathe nach deßen Aufnahme erfolgte,[4] war er sich wider selbst überlaßen.

Jedoch blieb er unter der Führung und Unterricht des Director Blasius Nicolas Leseur,[5] deßen Schüler er in Zeichen zu erlernen Zeit [seit] 1757[6] war. Er hat nach Seiner Zeichnung einige in Kupfer geätz, so auch ein Zeichen Buch in der bekanten Rothstein Manier, welches in 16 Blätter folio Größe besteht. Dißes Werk wird noch in dem Elementar Werk zum Unterricht benutz.[7]

Durch Empfehlung Leseur erhilt p Berger den Zutrit bei Hofrath Tribel, Galleri Inspector Ostereich, Geheimrath Cesar, anatomischer Profesor Meck etc.[8] Durch diße Bekandtschaft erhilt p Berger Arbeiten wodurch er sich sein Leibes Unterhalt erwarb. Die meisten Aufträge, die er erhilt und nicht ablehnen konte, verursachten ihm besonders die anatomische Zeichnung in Kupfer zu stechen vihl Zeit Verlust.[9]

Der Geheim Rath Oesfeldt hat ein Catalogi von p Berger Arbeiten druken laßen, vom Jar 1763 bis 1792 enthält 825 No. Nach deßen Ableben ist die Vorsetzung von 1792 bis 1821 unterbliben. Fehlt also eine Vortsetzung des p Berger Arbeiten von 29 Jar. Jedachter [Gedachter] Catalogi ist verlegt in der Kunst & Buch Handlung des H Rost in Leipzig, in der Vorrede hat p Oesfeldt einige Nachrichten des p Berger mit angezeigt.[10]

In denen Zeiten des 7 järigen Krige unterhilt B. N. Leseur in seiner Wohnung Zeichen Classen, die man Academie nante. Dennoch versammelten sich einige Künstler des Sontags Vormittag bei dem Mahler Falbe, was ein unterhalten[d]er Verein war, wo Kunst Werke oder eigene Arbeiten zu beurtheilen vorgelegt wurde.[11] H Chodowieki legte eine Zeichnung seiner ersten Ubungen aus der comedie Minna von Barnhelm vor, unzufrieden das in der Composition die Haupt Fig nicht in Zeichnen gelingen wolte, das diße fest stünde.[12] H Falbe erwiderte liber H Chodowieki haben Sie Geduldt, diße Kinder werden wohl gehen lernen. Außer bei H Falbe konte man auch bei Hofrath Tribel Geh Rath Cesar, die beide mit Mahlen und Kupferstechen Libhaber und auch Händeler waren, freyen Zutrit erhalten. Das war aber auch alle Unterhaltung, die zur Bildung für Künstler sich darbot.

Nach dem Friden erhilt entlich durch vihle Bemühung Leseur den Neuen Flügel zur Einrichtung für die Academie, wo bis dahin ein großes Caffe und ander Getränke für Geldt konte genoßen werden.[13]

Die Mitglieder der Academie erhilten ein Zimmer zu Läbens Classe, die Kosten der Einrichtung entrichten diße.[14]

P Berger wurde zum ordentlichen Mitglid 1778 ernant.

So blib der Unterricht bis nach Abläben des Dir. Leseur. Der Mahler H Rode wurde durch die Wahl Director der Academie.[15] p Berger erhilt 1778 Sitz und Stimme in der Academie. Ihr Königl. Maj Fried. II ernanten Ihr Ex v. Heinitz als Courater der Academie.[16] Dißelben errichten eine Ordnung und andere Verhältniß an.

p Berger wurde als Rector 1787 ernant und das Lehr Amt, dem Unterricht für die Kupferstecher Kunst erteilt.[17] Unter das Couratorium Ihr Ex. v. Schukman ist p Berger 1816 als Vici Director ernant.[18]

Berlin d 16 Märtz 1821 / DBerger.


[1] Autograf, 5 Seiten, gebunden, 2°, als Leihgabe des Vereins Berliner Künstler in der Stiftung Archiv der Akademie der Künste Berlin, VBK Nr. 41, aus dem Bestand des Berlinischen Künstlervereins. Über eine Mitgliedschaft Bergers im Berlinischen Künstler-Verein ist bislang nichts bekannt; doch ist sie aufgrund des Vorhandenseins seiner Autobiografie unter dessen Akten anzunehmen.

[2] Friedrich Gottlieb Berger (1713- nach 1797), Kupferstecher, von dem außer handwerksmäßigen Porträts, die meist im Auftrag seines Lehrers J. G. Wolfgang entstanden, nur Karten und Pläne bekannt sind.

[3] Georg Friedrich Schmidt (1712-25.1.1775), Kupferstecher. Nach Studium an der Berliner Akademie zur Weiterbildung nach Paris; hier u. a. Stiche nach Lancret und Rigaud, Mitgliedschaft der Académie Royale. 1743 Hofkupferstecher in Berlin. Zahlreiche Stiche nach Pesne, Rembrandt und für die Werke Friedrichs II.

[4] Sollte Berger erst knapp dreißigjährig zu Schmidt in die Lehre gegangen sein? Andere Quellen sprechen von einer sechsmonatigen Lehre bei Schmidt im Alter von zwanzig Jahren. Der Widerspruch ist bislang nicht aufzulösen.

[5] Blaise-Nicolas Le Sueur (1716-1783), franz. Maler, 1748 vom König nach Berlin berufen, seit 1756 Direktor der Kunstakademie. Das im folgenden genannte Zeichenbuch ‚Principes du Dessin’ erschien 1765.

[6] Die letzten beiden Ziffern mit Bleistift durchgestrichen, statt der letzten Ziffer eine ‚5’ korrigiert. Den Unterricht Le Sueurs genoß Berger im Rahmen von dessen Lehrtätigkeit an der Akademie (seit Ende 1756).

[7] Die 11 Tafeln aus Le Sueurs ‚Principes du Dessin’ (1765) wurden aufgenommen in: ‚Elementar-Zeichenwerk zum Gebrauch der Kunst- und Gewerk-Schulen der preußischen Staaten’ (Berlin 1806), eine Sammlung von Musterzeichnungen mit Erläuterungen für den Zeichenunterricht. Vom Senat der Kunstakademie seit 1803 gemeinschaftlich erarbeitet, gestochen von Berger und seinen Schülern. Bereits seit 1764 hatte Berger Kompositionen und Studienköpfe von Le Sueur gestochen.

[8] ‚Hofrat Tribel’, wohl identisch mit dem bei Nicolai 1769 genannten ‚Kommerzienrat Tribble’, wohnhaft auf dem Werder, Besitzer einer Sammlung italienischer, niederländischer und französischer Gemälde.
Matthias Österreich (1716-1778), Maler, Radierer, Kunstkenner. Nach Anstellung in Kupferstichkabinett und Gemäldesammlung Dresden seit 1757 Inspektor der Gemäldegalerie in Sanssouci. Autor eines beschreibenden Verzeichnisses der Gemälde und anderer Kunstwerke der Schlösser Sanssouci, Potsdam, Charlottenburg (1764) und der kgl. Bildhauerwerke (1775).
Carl Philipp Caesar, von den 1760er bis in die 90er Jahre nach den Adressbüchern Direktor zunächst im kgl. Bank-Comptoir, später in der Generalzollkasse. Nach Nicolai (1769 und 1786) Besitzer einer Sammlung von Galerie- und Kabinettstücken der italienischen, französischen und niederländischen Schulen.
Johann Friedrich Meckel (1724-1774) seit 1751 Professor der Anatomie, Botanik und Geburtshilfe am Collegio Medico-Chirurgicum. Stammvater einer Anatomendynastie.

[9] Nach dem unten genannten Werkverzeichnis von 1792 nahm Berger 1759 mit ersten Gemäldereproduktionen die Arbeit auf. Seit 1765 war er mit Aufträgen zu Radierungen von anatomischen und botanischen Zeichnungen, meist von J. B. G. Hopfner, beschäftigt. Ab 1766 stach er dann im Auftrag Österreichs nach ausgewählten Werken der Potsdamer Gemäldegalerie. Seit 1763 schuf Berger außerdem Kalenderkupfer und weiteres für den Buchhandel, womit der biografisch nicht weiter  faßbare ‚Hofrat Tribel’ zu tun haben mag.

[10] Karl Ludwig Oesfeld (1741-1804), Landkartenzeichner, Topograf, Militärschriftsteller. 1759 Zeichner im Ingenieurcorps, 1786 geadelt, 1788 Geheimrat. Landkarten- und Kupferstichsammler.
Karl Christian Heinrich Rost (1742-1798), namhafter Leipziger Verleger, Kunstschriftsteller und (spätestens seit 1779) –händler. Vertrieb Gipsabgüsse eigener Produktion sowie Eisengüsse aus Lauchhammer. Nach seinem Tod wurde sein Geschäft von Verwandten weitergeführt. Das Werkverzeichnis erschien unter dem Titel ‚Anzeige sämmtlicher Werke von Herrn Daniel Berger, Rector und Lehrer der Kupferstecherkunst bey der Königlichen Preussischen Akademie der Künste … zu Berlin. Mit Genehmigung des Künstlers herausgegeben … Leipzig 1792’. Die von Berger erwähnten biografischen Nachrichten gehen nicht über die hier Informationen der vorliegenden Autobiografie hinaus.

[11] Berger verknüpft seine Autobiografie mit der Geschichte der Berliner Kunstakademie und der Künstlergeselligkeit. Die Akademie war 1696 gegründet worden. Ihr Etat war unter dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. und seinem Nachfolger Friedrich II. radikal gekürzt worden. Bei einem Brand hatte sie 1743 zudem ihr Lokal und sämtliche Lehrmittel eingebüßt. Die Elementarfächer wurden seitdem in der Wohnung des Direktors Le Sueur mit dessen eigens angefertigten Musterblättern unterrichtet. Regelmäßige Konferenzen des Mitgliederkollegiums, die seit dem 17. Jahrhundert zum grundsätzlichen Programm der Kunstakademien gehörten, wurden unter Le Sueur nicht abgehalten. Über den Künstlerverein des Berliner Rokoko, über den Berger im folgenden berichtet, ist bislang nichts weiter bekannt. Außer Berger erwähnt ihn nur der Kaufmann und Malerdilettant L. L. Müller – ebenfalls in seiner für den Berlinischen Künstlerverein geschriebenen Autobiografie. Beiden mag dieser bisher unbekannte Verein im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Künstlerverein erwähnenswert gewesen sein, dessen Programm ebenfalls den kollegialen Kunstdiskurs beinhaltete, der an der Akademie auch zu dieser Zeit offenbar nur ungenügend geführt wurde.
Auch in Müllers Ausführungen erscheint der Maler und Radierer Joachim Martin Falbe (1709-1782) als Haupt dieses alten Künstlervereins. Falbe hatte bei J. Harper und bei Pesne, dessen Lieblingsschüler er war, gelernt, anschließend einige Zeit lang für den Hof von Anhalt-Cöthen gemalt. Zurück in Berlin etablierte er sich als Porträtist höfischer, aristokratischer und hoher bürgerlicher Kreise. Mitarbeiter an Heineckens ‚Nachrichten von Berliner Künstlern’ (1768).

[12] Daniel Chodowiecki (1726-1801) entwickelte sich vom Maler in Miniatur und Öl zu einem der führenden Illustratoren seiner Zeit. Seine Zeichnungen zu Lessings ‚Minna von Barnhelm’ (uraufgeführt 1767), die von Berger für den ‚Genealogischen Calender auf das Jahr 1770’ gestochen wurden, sind seine früheste Arbeit dieser Art.

[13] Einige Jahre nach dem Brand von 1743 wurde das Akademiegebäude zwar wieder aufgebaut, doch aus bisher nicht bekannten Gründen konnte die Akademie ihr altes Lokal nicht beziehen. Nach lange verschleppten Verhandlungen wurde dem Kaffewirt Brückner, der sich hier breit gemacht hatte, gekündigt; 1768 bezog die Kunstakademie ihren Flügel in dem Gebäude, das sie gemeinsam mit der Akademie der Wissenschaften inne hatte, wieder.

[14] Seit dem Winter 1777/78 wurde in Berlin wieder Akt gezeichnet. Die Initiative dazu ging von einigen jungen Schülern um den Potsdamer Maler Carl Daniel Bach aus. Die Akademie wurde für die Sache gewonnen und stellte die notwendige Räumlichkeit zur Verfügung. Das Modell, Heizung etc. wurde von den Zeichnenden selbst bezahlt; arrivierte Künstler arbeiteten hier ebenso wie die Kunststudenten.

[15] Bernhard Rode (1725-1797), Maler und Radierer. Schüler von Pesne. Umfangreiches Schaffen für Hof, Adel, Kirchen; Dekorationen ebenso wie Historiengemälde und Porträts. Exponent des friderizianischen Rokoko. 1783 zur Ernennung zum Direktor von der Akademie selbst vorgeschlagen. Später einigen der Mitglieder nicht energisch genug in der Erneuerung und Hebung der Akademie.

[16] Friedrich Anton Freiherr von Heinitz (1725-1802), Staatsmann, 1777 Minister des preußischen Bergbauwesens. 1786 vom König auf eigenes Ersuchen mit der Aufsicht über die Kunstakademie betraut und mit weiteren Zuständigkeiten im Kunstbetrieb ausgestattet. Reformierte das Institut von Grund auf und führte es binnen Kurzem zu respektabler Höhe. Die Akademieausstellungen (erstmals 1786) nahmen bis in die Entstehungszeit von Bergers Autobiografie von Jahr zu Jahr an Glanz zu.

[17] In der ersten Akademieversammlung unter dem Kuratorium des Freiherrn v. Heinitz am 11.2.1786, bei der auch Berger anwesend war, wurden die sechs Rektorate neu besetzt. Nach dem Tod des Bildhauers und Rektors Meyer 1787 wurde Berger zum Rektor ernannt. Als Lehrer für Kupferstich an der Akademie entfaltete er eine bedeutende Schulwirkung.

[18] Seit Heinitz hatte immer ein Staatsmann der Akademie als Kurator vorgestanden. 1809 wurde das Kuratorium aufgelöst und die Akademie im Zuge der Umwandlung der preußischen Regierung und Verwaltung dem Chef der neu formierten Sektion für Kultus und öffentlichen Unterricht innerhalb des Innenministeriums unterstellt. Die Akademie weigerte sich beharrlich, diesem neuen Vorgesetzten die Kompetenzen des früheren Kurators zuzugestehen und vermied in ihrem Sprachgebrauch diesen Titel. Friedrich von Schuckmann (1755-1834) stand seit 1779 im preußischen Staatsdienst, zuerst in Schlesien und Ansbach-Bayreuth, seit Ende 1810 in Berlin als Chef der Abteilungen für Handel und Gewerbe sowie für Kultus und den öffentlichen Unterricht. In letzterer Funktion löste er W. v. Humboldt ab. 1814 wurde er mit Beibehaltung dieser Zuständigkeit zum Innenminister ernannt. 1817 wurde Freiherr von Altenstein als Chef eines nun selbständigen Ministeriums für Geistliche-, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten Vorgesetzter der Akademie. Zum 50jährigen Dienstjubiläum erhielt Schuckmann von der Akademie einen Aristides auf einem Marmorsockel zum Geschenk.


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