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Zweiter Teil: Die Innenarchitektur resp. Innenraumdekoration

2. Zum Prozeß der Geschmacksbildung und Geschmacksvermittlung

Im ersten Teil dieser Arbeit wurde versucht aufzuzeigen, daß sich in Berlin schrittweise eine stilistische Veränderung der Fassaden vollzog und welche quantitative Tendenz sich hierbei abzeichnete.[94] Berücksichtigt man nun proportional hierzu die in den Statistiken aufgeführten Daten hinsichtlich der Bevölkerungszunahme und der Bautätigkeit im allgemeinen, so kann, eingedenk der politisch-ökonomischen Situation jener Jahre, festgehalten werden, daß hieran insbesondere die nicht überlieferten Baumeister einer bürgerlichen Baukunst maßgeblichen Anteil hatten. Selbst wenn die stilprägenden architektonischen Solitäre der bürgerlichen oder besser einer verbürgerlichten Baukunst in deren Inkunabelzeit Werke der namhaften Architekten sind, darf dieses nicht darüber hinwegtäuschen, daß erst der Zusammenklang der Solitäre mit den vielfältigen anderen neuen Fassadengestaltungen, den allgemeinen kulturellen Umbruch um 1800 auch im Stadtbild sichtbar durchzusetzen vermochte. Wenn also die Bürgerhäuser von Berlin zuerst "größtentheils von keinem guten Geschmack"[95] seien und als "Copien von französischen überhaupt wenig empfehlungswürdiges haben"[96] ; und dann ein Dezennium später ein Bauwerk bereits "in der Geschichte des Geschmacks Epoche macht, indem es die edle Simplicität der Alten in ihren Werken (uns) wieder näher vors Auge rückt"[97] ; und noch wenige Jahre später bereits die "Privat-Gebäude geschmackvoller und in einem einfachen edleren Styl erbauet" [98] seien als "dergleichen Palais in Wien"[99] - so muß nach den begünstigenden Faktoren gefragt werden, die eine derartige Entwicklung und zeitgenössische Beurteilung vorantrieben.
Hinsichtlich der Themenstellung dieser Arbeit soll nun dieses nicht anhand der Architekturentwicklung im allgemeinen geschehen[100] , sondern vielmehr soll gefragt werden, ob eine derartige Entwicklung auch für die Dekoration des bürgerlichen Innenraums zwischen 1785 und 1820 symptomatisch gewesen ist.[101] Insbesondere deshalb wird sich die Arbeit im folgenden den einzelnen Faktoren zuwenden, deren Zusammenspiel die konstituierende Basis für die Entwicklung der bürgerlichen Innenraumdekoration insbesondere in Berlin darstellte. Hierzu sollen an Stelle einer Analyse, die nicht Gegenstand einer ersten Materialerfassung sein kann, lediglich zeitgenössische Quellen erfaßt, einführend knapp skizziert und unter kategoriebildenden Begriffen zusammengestellt werden. Innerhalb dieser nicht interpretierenden Kategoriebildung werden dabei die historisch relevanten Begriffe benutzt, deren zeitgenössische Konnotation aus den angegebenen Quellen entnommen werden kann. 2.1. Zum Begriff des "Geschmacks" "Der Geschmack besteht in der Kenntniß der Schönheiten und der Fehler in allen Künsten. Sein Gegenstand ist weder das Nöthige noch das Nützliche, sondern das Schöne." Der in verschiedenen Begriffskombinationen und mit Rücksicht auf verschiedene Gattungen der Architektur sehr häufig genutzte Begriff des Geschmacks findet sich nicht nur in den klassifizierenden Titeln oder Artikelüberschriften der jeweiligen Literatur wieder, sondern wird auch zumeist als Subtitel in Zeitungen oder Zeitschriften geführt. Aufgrunddessen seien hier die Werke aufgeführt, die bezüglich der Architektur resp. Innenarchitektur unter den Stichwörtern "Geschmack" oder Schönheit" den zeitgenössischen Horizont aufzeigen.
Eine Aufstellung der Literatur, die sich im 18. Jahrhundert mit den ästhetischen Kategorien Schönheit, Geschmack etc auseinandersetzt, soll hier aber nicht erfolgen, da sie bereits andern Ortes vorliegt. Vielmehr soll diejenige Literatur hier verzeichnet werden, die hinsichtlich der bürgerlichen Architektur um 1800 leicht verfügbar und insbesondere bezüglich der praktischen Anwendbarkeit für die Architekten relevant gewesen ist. Daß in der folgenden Auflistung auch in Teilen architektonische Lehrwerke (gekennzeichnet mit *) mit aufgenommen wurden, resultiert aus dem Umstand, daß gerade die hierin unter den entsprechenden Artikeln berücksichtigten Ausführungen besonders populär waren.


[94] Auf Grund der lückenhaften Quellenlage kann nur von einer Tendenz gesprochen werden. Dennoch erscheint mir diese Tendenz für die folgenden Argumente repräsentativ zu sein.

[95] Millenet 1776, S. 25.

[96] Ebd.

[97] Rumpf 1793, S. 9.

[98] Bratring 1805 II, S. 157.

[99] Ebd.

[100] Die entsprechende Literatur hinsichtliche der Architekturtheorie und -kritik liegt bereits vor. Vgl. Bollé 1988, Philipp 1997.

[101] Die Innenarchitektur, mehr aber noch die Innenraumdekoration werden selten oder peripher in der Literatur (vgl. die in der vorhergehenden Fn. genannte Lit.) thematisiert, so daß deren Fokussierung dadurch legitimiert ist. Ausgespart bleiben aber muß die Frage Dekorationsmalerei vs. Tapeten, weil hiermit ein neuer Themenkreis eröffnet würde.


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