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Zweiter Teil: Die Innenarchitektur resp. Innenraumdekoration

1. Bürgerliche Innenraumdekorationen in Berlin zwischen 1785 und 1820

Nachdem die quantitative und qualitative Entwicklung der Fassadengestaltung jener Jahre statistisch erfaßt wurde, soll die Frage anknüpfen, ob auch eine derartige Entwicklung hinsichtlich der Innenraumdekoration heute noch nachgewiesen werden kann.[48] Denkbar ungünstiger sind hier die Voraussetzungen. Da die Außenarchitektur im allgemeinen der öffentlichen Sphäre zugehörig ist und damit stärker im kollektiven Bewußtsein verankert, erfolgte und erfolgt sowohl die Auseinandersetzung mit ihr wie auch die Aneignung derselben durch spezifische soziale Gruppen in starkem Maße. Dahingegen entzieht sich die Innenarchitektur und in noch stärkerem Maße die Ausgestaltung eines Innenraums der kollektiven Kenntnisnahme und somit der Verankerung im kollektiven Erinnerungsvermögen. Gilt dieses für die höfische Kultur mit Einschränkungen, so gilt das im bürgerlichen Milieu fast ausschließlich. Weder opulente Stichwerke existieren, noch zusammenfassende Darstellungen, die einen etwaigen spezifisch bürgerlichen Dekorationsstil als authentisches Zeugnis heute noch aufzeigen könnten. trotzdem verbleiben mehrere Stränge, die zumindest einen Einblick vermitteln können, um d???[49] woran sich vergleichsweise das Überlieferte überprüfen ließe, sei folgende Überlegung vorangestellt. Bei dem ausgewerteten Material mußten im wesentlichen Beschreibungen berücksichtigt werden, deren einer Teil archivalischen Prämissen folgt,[50] deren anderer Teil aber literarisch-biographischer Literatur entnommen ist.[51] Demgemäß ist mit dem Material kritisch umzugehen. Denn zum einen läßt sich dessen Wahrheitsgehalt heute nicht mehr verifizieren. Zum anderen stellt sich die Frage nach der beabsichtigten Genauigkeit seitens des Chronisten. Daher wäre es fatal, diese Beschreibungen als photographisches Abbild zu lesen,[52] und so sollte man besser diese Beschreibungen als Skizzen denn als fertige Bilder betrachten. Dennoch bleibt deren hoher Informationswert, zumal andere Quellen insbesondere zu Berlin fehlen.
Eine weitere Quelle stellen die bildlichen Zeugnisse in Form von Kupferstichen, Aquarellen und Gemälden dar.[53] Allein ihre Zahl ist auf Berlin bezogen für diesen Zeitraum nicht sehr hoch, weil eine diesem spezifischen Genre gewidmete Malerei sich erst ab 1828 hier etablierte.[54] Ob hierbei die "Präzision der Darstellung"[55] auch mit ihrem Wahrheitsgehalt gleichgesetzt werden kann, erscheint zumindest problematisch. Denn weder der Aspek der künstlerischen Freiheit noch der Wunsch nach einer angemessenen Darstellung seitens des Auftraggebers dürfen hierbei unberücksichtigt bleiben. Jedoch auf Grund der Tatsache, daß sie nur einen Argumentationsstrang hinsichtlich der bürgerlichen Innenraumdekoration von 1785 - 1820 in Berlin repräsentieren können, ist deren Berücksichtigung innerhalb einer ersten Erfassung durchaus legitim.
Um nun aber zu einer verläßlichen Aussage darüber zu kommen, wie in der Tat der Bürger in Berlin um 1800 die Wände und Decken seiner Wohnung dekorierte, bedürfte es weiterer Informationen.[56] Hierzu müßte das innenarchitektonische ?uvre der in Berlin um 1800 tätigen Architekten[57] herangezogen werden, und zwar dabei diejenigen Zeugnisse von Dekorationen, die zwar für die Bauten des Hofes konzipiert wurden, nicht aber einer vordergründigen repräsentativen Funktion unterworfen waren.[58]
Vorerst also soll das den zuvor genannten Quellen entnommene Material erfaßt werden und unter Angabe der Quellen tabellarisch aufgelistet werden. Da eine vollständige Beschreibung über Art und Weise der jeweiligen Dekoration nicht geleistet werden kann, muß eine Kurzcharakteristik genügen, die aber mit Hilfe der angegebenen Literatur jeder Zeit problemlos erweitert werden kann.


[48] Schmitz vertritt die Ansicht: "Der Fest- und Wohnraum, das Innere eines Gebäudes überhaupt, wandelt seinen Stil immer zugleich mit der Außenarchitektur" (Schmitz 1920, S. 24).

[49] Auf Grund der großflächigen Zerstörung Berlins im 2. Weltkrieg sind kaum Häuser verblieben, die bezüglich dieser Fragestellung im Rahmen einer restauratorischen Untersuchung Auskunft hätte geben können. Vergleichbare Dekorationen, die in anderen deutschen Städten entstanden und noch heute erhalten sind, sollen hier nicht erfaßt werden. Zumal sich diese Arbeit thematisch auf Berlin konzentriert und als Quellen- und Materialsammlung versteht, kann eine derartige Unternehmung nur Gegenstand einer umfänglicheren Untersuchung sein.

[50] Herangezogen wurden hierzu die Schriften der zeitgenössischen Berlin-Historiographen Nicolai, Gädicke, Mila etc. trotz deren Akribie verblieben Informationen, die sich einer Auswertung verweigern. Insbesondere handelt es sich hierbei um Allgemeinauskünfte wie beispielsweise: "Er (d. i. Johann Wilhelm Rosenberg) malte nach eigener Erfindung verschiedene Dekorationen in Berlin ..." (Nicolai 1786 III, S. 43). Oder: "Der Architekt L. Catel ... beschäftigte sich vielfach mit der innern Ausschmückung und Verzierung mehrerer Gebäude ..." (Mila 1829, S. 423, Anm. 2).

[51] Auf Grund der unermeßlichen Fülle basieren diese Angaben mehr auf Zufallsfunden. Eine genauere Untersuchung hierzu stünde noch aus.

[52] Hinsichtlich dieser Problematik vergleiche u. a. Mittendorfer 1991, S. 192ff.

[53] Eine Recherche und Auswertung wurde angesichts der schwierigen Quellenlage im Rahmen der Arbeit nicht unternommen, insbesondere weil hiermit ein eigener Forschungsbereich betreten werden würde. Einen kleinen berlinbezogenen Einblick bietet Wirth 1970.

[54] Börsch-Supan nennt das Jahr 1828 für den Beginn einer Produktion von "Zimmerbildern". Vgl. Börsch-Supan 1976, S. 19f.

[55] Börsch-Supan 1976, S. 9.

[56] Einen weiteren Teilaspekt berücksichtigt diese Arbeit an späterer Stelle, und zwar dort, wo Fragestellungen hinsichtlich der geschmacksbildenden Literatur bzw. Vorlagen erörtert werden.

[57] Um einen möglichst großen Einblick zu gewähren, wäre es auch nötig, Beispiele heranzuziehen, die zwar außerhalb Berlins angesiedelt sind, wohl aber mit Berlin kontextuell verbunden sind. Ob in einer derartigen Materialerfassung die spezifische Problematik der Innenraumdekoration von Landhäusern vernachlässigt werden könnte, resultierte aus der Fragestellung und Quellenlage.

[58] Gemeint sind hier in erster Linie Gästezimmer, Zimmer für Personen von geringerem Stand und die Wohnbereiche, die der gänzlich privaten Nutzung vorbehalten blieben.


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