3.1. Das Bürgerhaus zu Zeiten Friedrich Wilhelms II
Für die ersten Jahre der Regierung Friedrich Wilhelms II lassen sich hinsichtlich der Fassaden gestaltung ähnliche Kriterien bestimmen, die bereits den Spätstil der friederizianischen Architektur charakterisierten.[36] So werden repräsentative Immediatbauten[37] von palastartigem Charakter in exponierter Stadtlage errichtet, die Friedrich Wilhelm des Zweiten Verlangen Ausdruck verleihen sollen, "die Stadt zu embelliren".[38] Die noch stark in der spätfriderizianischen Bautradition verhafteten Fassaden orientierten sich hierbei an palladianischen und französischen Vorbildern,[39] zeigen aber bei den dem Zopfstil entlehnten Gestaltungselementen eine Vereinfachung und Verfeinerung im klassisch-antikischen Sinne. Hohe Pilaster und Halbsäulen zwischen Fensterachsen werden über zwei Geschosse hindurchgeführt und ruhen auf einem rustizierten Sockelgeschoß. Als oberen Abschluß erhält die Fassade eine mit Figuren oder Urnen nach griechisch-römischem Vorbild bekrönte Attika. Die ansonsten schlichten Wandflächen werden durch horizontale Streifen von zusammengefalteten Tüchern belebt, die über oder unter Fenstern aufgehängt werden. Insgesamt orientiert sich die Ornamentik an Vorbildern des klassischen Altertums. So werden Reliefs oder Löwenfälle als Dekoration ebenso verwandt wie Blumengirlanden oder Kopfplastiken im Scheitelpunkt über den Bogenfenstern. Auch einfachere Bauten zeigen, wenn auch in bescheidener Weise, die charakteristische Mischung von Elementen des Zopfstils[40] mit antiken Elementen.
Nach ca. 1792 setzt sich allmählich die klassisch-antikische Komponente stärker durch, was auf den Einfluß von Carl Gotthard Langhans (seit 1788 Direktor des Oberhofbauamtes) zurückzuführen ist. Fernerhin bestimmten neue, dem antiken Formencharakter abgeleitete Formengebungen die Fassaden, wie beispielsweise der Triglyphenfries am Hauptgesims, Konsolen an den Fensterverdachungen und eine stärkere Flächenbelebung. Beispielhaft sei hier auf das Haus Behrenstraße 66 verwiesen.
[36] Vgl. Giersberg 1986 und insbesondere Mielke 1972 und 1981. Überhaupt vermitteln die erhaltenen Bauten jener Jahre in Potsdam einen sehr lebhaften Eindruck hinsichtlich der bürgerlichen Baukunst vor 1800. Da viele der in Potsdam tätigen Baumeister (z. B. Carl von Gontard und Georg Christian Unger) ebenfalls in Berlin tätig waren, ließen sich die Berliner Bauten ähnlich deuten. Vgl. hierzu Kania 1929 I, 1939 und 1942 sowie Fick 2000.
[37] "Das Straßenverzeichnis in den Akten des Ober-Hof-Bauamtes berechnet die Zahl derselben auf 133" (Borrmann 1893, S. 133).
[38] Zitiert nach Borrmann 1893, S. 134.
[39] Mielke weist dieses für zahlreiche Potsdamer Bürgerhäuser nach, eine Tatsache, die auch für Berlin gelten könnte. Vgl. Mielke 1972, S. 303ff. und S. 348 ff.
[40] Vgl. Kania 1929 II und Zetzsche 1906.
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