Sprache und Sprachen in Berlin um 1800. Herausgegeben von Ute Tintemann und Jürgen Trabant
Language and Languages in Berlin around 1800. Edited by Ute Tintemann and Jürgen Trabant

Online-Publikation des gleichnamigen Tagungsbandes des Projektes
"Berliner Klassik. Eine Großstadtkultur um 1800".
Gefördert von der VolkswagenStiftung


Inhalt

Abstracts in English

Suche

Lesehilfe

Impressum


Alle Texte im Überblick
Tintemann/Trabant:
Vorwort
Teil 1
Gessinger:
Campe und die Preisfrage zur Reinheit der deutschen Sprache
Böhm:
Mehrsprachigkeit am Waisenhaus der Französischen Kolonie
Volmer:
Sprachbewußtsein durch Diglossie
Wiedemann:
Deutsch-französische Rederaison
Gruschka:
Jiddisch und jüdische Identität: Euchels "Reb Henoch"
Schmidt:
Mendelssohns Versuch einer Bibelübersetzung
Teil 2
Trabant:
Mithridates in Berlin
Haßler:
Typologie und Anthropologie bei Hervás
Kaltz:
Kraus zu Pallas' »Vergl. Glossarium aller Sprachen«
Ute Tintemann:
Zu den Sprachstudien J. H. Klaproths
Schlieben-Lange/Weydt:
Jenischs Antwort auf die Preisfrage der Berliner Akademie
Marazzini:
Deninas Beitrag zur Geschichte der Sprachwissenschaft
Rousseau:
Schlözer et Humboldt

Thouard:
Humboldt et Bernhardi

Zollna:
Bernhardi und Destutt de Tracy
 

 

 

 

Vorwort

1.

Der vorliegende Band Sprache und Sprachen in Berlin um 1800 dokumentiert die Beiträge einer Tagung, die am 28. Februar und 1. März 2003 im Rahmen der interdisziplinären Arbeitsgruppe »Berliner Klassik« an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften stattfand. Mit dem provokanten Ausdruck »Berliner Klassik« bezeichnet Conrad Wiedemann, der Initiator des Projekts, die Kulturblüte Berlins zwischen 1786 und 1815. Der Name »Berliner Klassik« sollte nicht so sehr auf »Klassisches« im traditionellen Verständnis verweisen (obwohl Berlin um 1800 durchaus eine Menge »Klassisches« aufzuweisen hat), als vielmehr ein Unternehmen in Gang setzen, das die erste deutsche Großstadtkultur zu rekonstruieren und als Alternative zur Weimar-Jenaischen Idylle zu profilieren versucht. Zu untersuchen ist die »soziokulturelle Chemie« (Wiedemann), aus der die Berliner Großstadtkultur um 1800 hervorgegangen ist.

Ein Hauptferment in dieser »soziokulturellen Chemie« von Großstädten ist natürlich die Zusammensetzung ihrer Bewohner: Menschen aus den umliegenden Provinzen, aus verschiedenen nahen und fernen Ländern mischen sich mit der autochthonen Bevölkerung einer Stadt. Um 1800 machten Zuwanderer aus dem märkischen Umland, aus Böhmen, Frankreich, Schlesien und Polen einen nicht geringen Teil der Berliner aus. Zuwanderer kommen mit ihren Sprachen in die Stadt, sie sind oder werden in der Regel zwei- oder mehrsprachig und befördern die Sprachkenntnis der Gesamtbevölkerung. In Berlin sprechen in dieser Zeit nicht nur die Mitglieder der Französischen Kolonie Französisch, vielmehr ist Französisch die Sprache des Hofes und der Kultur und der Wissenschaften. Der große König selbst ist ein französischsprachiger Schriftsteller von einigem Rang. Doch das Gefüge der Sprachen einer großen lebendigen Stadt ist in ständiger Bewegung. So wird der Status des Französischen nach dem Tod Friedrichs des Großen im Jahre 1786 zunehmend in Frage gestellt. Innerhalb der Königlichen Akademie der Wissenschaften wird im Zuge der Reorganisation der Akademie nach der Zuwahl zahlreicher deutschsprachiger Mitglieder diskutiert, ob nicht das Deutsche neben das Französische als Publikationssprache treten soll. Diese Debatte wurde nicht nur deswegen geführt, weil die deutschen Mitglieder das Französische nicht ausreichend beherrschten, sondern auch weil das Deutsche trotz Friedrichs schlecht informierter Absage an die deutsche Literatur in De la littérature allemande (1780) inzwischen zu höchster literarischer Blüte gelangt war.

Überhaupt diskutiert die Berliner Akademie ja nicht nur ihre eigene Sprachenfrage, sondern sie war das ganze 18. Jahrhundert hindurch, seit Leibnizens »Brevis designatio« von 1710, der herausragende Ort für die Diskussion um die Sprache in Europa. Es sei nur daran erinnert, daß aus einer Preisfrage der Berliner Akademie der wichtigste Beitrag zur Sprachphilosophie des 18. Jahrhunderts hervorgegangen ist, Herders Abhandlung über den Ursprung der Sprache von 1772. Und eine weitere sprachbezogene Preisfrage von 1784 beantwortet Rivarol mit seiner berühmten Abhandlung über die Universalität des Französischen. Rivarols triumphale Lobpreisung des Französischen trifft ganz offensichtlich nicht nur die Meinung des friderizianischen Berlin und seiner Akademie, sondern auch die Überzeugung des gesamten frankophonen Europa. Sie wird noch heute in französischen Schulen gelesen.

// zum Seitenanfang //        1


Acht Jahre später, 1792, werden gleich zwei Preisfragen ausgeschrieben, die die inzwischen veränderte kulturelle und sprachliche Situation nach dem Tod des frankophonen Königs reflektieren. Die erste Preisfrage wurde von der »Deputation zur Kultur der vaterländischen Sprache« gestellt. Zu dieser Gruppe hatten sich einige der erwähnten deutschsprachigen Mitglieder der Berliner Akademie 1791 zusammengeschlossen, um sich für die Pflege und Kultur der deutschen Sprache einzusetzen. Ihr historischer Bezug ist Leibniz, ihr aktuelles Problem ist die sprachliche Situation bei der wissenschaftlichen Arbeit an der Akademie selbst. Claudia Sedlarz hat diese Auseinandersetzungen noch einmal in ihrem Vortrag dargestellt, der in der Reihe Berliner Aufklärung1 publiziert wurde. Die von der »Deutschen Deputation« formulierte Preisfrage schließt an die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts immer wieder beklagte Beobachtung an, daß zu viele französische Wörter in die deutsche Sprache eingedrungen seien:

Ist vollkommene Reinigkeit einer Sprache überhaupt, und besonders der Deutschen, möglich und nothwendig? Wie und nach welchen Grundsätzen kann die Reinigkeit der Deutschen Sprache am besten befördert werden? Wie weit kann und muß dieselbe getrieben werden, ohne ihr noch wesentlichere Vollkommenheiten aufzuopfern; und welche Theile des Deutschen Sprachschatzes bedürfen vorzüglich die Absonderung des Fremdartigen, in welchen andern hingegen würde diese Absonderung unthunlich oder nachtheilig seyn?

Die zweite im selben Jahr gestellte, jedoch wegen mangelnder Beteiligung zwei Jahre später noch einmal wiederholte Preisfrage knüpft an die Frage zur Universalität des Französischen an: es geht um die vollkommene Sprache und darum, welche Sprache Europas dieses Ideal verkörpert:

Vergleichung der Hauptsprachen Europas, lebender und todter, in Bezug auf Reichtum, Regelmässigkeit, Kraft, Harmonie und anderer Vorzüge; in welchen Beziehungen ist die eine der anderen überlegen, welche kommen der Vollkommenheit menschlicher Sprache am nächsten?

// zum Seitenanfang //        2


Wir haben die beiden Preisfragen der Berliner Akademie als Ausgangspunkte für die thematische Strukturierung unserer Tagung genommen, weil sie die Aktualität zweier sprachbezogener Fragestellungen in Berlin um 1800 belegen: die gesellschaftliche Problematik der Sprachkultur einerseits und die gelehrte Problematik der Sprachvergleichung andererseits. Diese beiden Aspekte gliedern den vorliegenden Band.

2.

Im ersten Teil, Deutsch und andere Sprachen, werden die »Berliner Sprachen« thematisiert, d. h. es werden vor allem Fragen nach der soziokulturellen Stellung des Deutschen, des Französischen und des Jiddischen in der Stadt erörtert: So ist in der Konkurrenz mit dem als Universalsprache anerkannten Französischen der Status des Deutschen durchaus noch prekär, es muß daher »verteidigt« werden, indem an seinem Ausbau oder an seiner Reinigung gearbeitet wird. Auf der anderen Seite aber wird trotz seiner europäischen Geltung die Position des Französischen in der Stadt immer schwächer. Es hält sich noch in zweisprachigen Konstellationen, deren soziale und psychische Implikationen interessante Einsichten in mehrsprachige Gesellschaften gewähren. Dringender stellt sich bei den jüdischen Einwanderern die Frage nach der Sprache, d. h. nach ihrer kulturellen Identität im neuen gesellschaftlichen Umfeld. In dieser dynamischen multilingualen Situation wächst die Notwendigkeit interkultureller Vermittlung. Die historische Perspektive auf die Sprachsituation der großen Stadt vor zweihundert Jahren wirft ein interessantes Licht auf Probleme, die heute noch aktuell sind.

Den Preis für die 1792 ausgeschriebene Preisfrage zur Sprachreinigung des Deutschen erhält Joachim Heinrich Campe. Anhand einer Rekonstruktion der Genese der Preisfrage zeigt Joachim Gessinger, wie sich zwischen 1790 und 1793 das Interesse der »Deutschen Deputation« und Campes von Fragen des Ausbaus der deutschen Sprache im allgemeinen auf die Reinigung des Lexikons von Fremdwörtern reduziert. Mit seiner puristischen Preisschrift kann sich Campe gegenüber den moderateren Positionen eines Friedrich Gedike oder Karl Philipp Moritz durchsetzen.

Wenn sich die deutschen Berliner um 1800 vor allem mit der Frage des Status und des Ausbaus des Deutschen im spannungsreichen Verhältnis zur Weltgeltung des Französischen befassen, so stellt sich bei den französischen und jüdischen Berlinern die Frage nach ihrer sprachlichen und kulturellen Identität umgekehrt gerade in Beziehung auf das gestiegene Prestige des Deutschen. So kann bei den Berliner Hugenotten um 1800 der Sprachwechsel zum Deutschen als weitgehend abgeschlossen angesehen werden. Eine Ausnahme bildete jedoch das Waisenhaus der Französischen Kolonie. Manuela Böhm zeigt anhand der Akten des Waisenhauses, daß die Kinder dort bis 1825 komplett zweisprachig aufwachsen und daß erst danach das Französische wie eine Fremdsprache gelehrt wird.

// zum Seitenanfang //        3


Einen weiteren Fall von deutsch-französischer Zweisprachigkeit dokumentiert Annett Volmer am Beispiel des Predigers Samuel-Henri Catel. Als Angehöriger der dritten Generation der Hugenotten in Berlin fühlt sich Catel mehr der deutschen Kultur und Sprache zugehörig als der französischen. Er begreift seine Zweisprachigkeit jedoch als Auftrag und arbeitet durch Übersetzungen sowie durch die Erstellung von Lehrmaterialien für den Erwerb der deutschen Sprache für Franzosen an der Vermittlung zwischen der deutschen und französischen Kultur.

Einem aufregenden Beispiel von deutsch-französischem code-switching ist Conrad Wiedemann schließlich anhand des Briefwechsels der Hugenottin Pauline Wiesel mit dem Prinzen Louis Ferdinand und ihrer Freundin Rahel Levin nachgegangen. Die Entscheidung für die eine oder die andere Sprache ist von emotionalen Nähe- bzw. Distanzmomenten bestimmt, deren kulturelle und soziale Hintergründe im einzelnen nicht einfach zu rekonstruieren sind. Die Analyse der emotionalen Konnotationen der beteiligten Sprachen in der Berliner Gesellschaft um 1800 ist ein Kapitel einer historischen Psycholinguistik, wie es für jede multilinguale Gesellschaft geschrieben werden müßte.

Hochgradig emotional geladen war natürlich um 1800 auch das Sprachproblem bei den eingewanderten jiddischsprachigen Juden: das Jiddische wurde von den jüdischen Aufklärern als Zeichen kultureller Rückständigkeit abgelehnt. Sie empfahlen ihren Zeitgenossen das Deutsche als Sprache des öffentlichen Lebens und der Kultur und das Hebräische als Sprache des Kultus. Diese Problematik spiegelt die bisher unbekannte Komödie »Reb Henoch« von Isaak Euchel von 1793, die Roland Gruschka vorstellt. Durch die Charakterisierung der Figuren über die verschiedenen Sprachen vermittelt dieses Theaterstück einen ganz neuen Einblick in die Sprachenvielfalt in Berlin und in die Konflikte, die innerhalb der jüdischen Gemeinde in dieser Zeit ausgetragen wurden.

Selbstverständlich galt auch Moses Mendelssohn die Beherrschung des Hochdeutschen als Voraussetzung für die kulturelle und politische Integration der jüdischen Minderheit in die preußische Gesellschaft. Wie Mendelssohn sich für einen Dialog zwischen den Religionen und ihren Sprachen und Schriften einsetzt, zeigt Hartmut Schmidt anhand seiner Bibelübersetzung für jüdische und christliche Leser, die den großen Aufklärer auch als einen Meister der deutschen Sprache ausweist. In Mendelssohns Bibel-Ausgabe wird der kommentierte hebräische Text parallel zur deutschen Übersetzung in hebräischen Lettern gedruckt, die durch eine Ausgabe in lateinischen Lettern ergänzt werden sollte.

// zum Seitenanfang //        4


3.

Der zweite Teil des Bandes, Sprachen im Vergleich, rückt die gelehrte Sprachdiskussion und damit den in der zweiten Frage der Akademie 1792 angesprochenen komparativen Blick auf die Sprachen (»Vergleichung der Hauptsprachen Europas«) in den Vordergrund. In einer linguistischen Leidenschaft und Kuriosität »gärt«, um die chemische Metapher von Wiedemann noch einmal zu bemühen, um 1800 in Berlin eine Wissenschaft von den Sprachen, die einerseits zwar noch weit von der späteren historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft entfernt ist, andererseits aber auch schon ins zwanzigste Jahrhundert vorausweist. Zugegebenermaßen nehmen wir hier »Berlin« sehr großzügig und weiträumig und präsentieren sprachwissenschaftliche Projekte, die nicht unbedingt in Berlin realisiert werden, die aber Berlin als einen bedeutenden europäischen Bezugspunkt linguistischer Forschung ausweisen. Diese Serie von Untersuchungen zu einzelnen Sprachgelehrten - Johann Christoph Adelung und Johann Severin Vater, Peter Simon Pallas, Lorenzo Hervás y Panduro, Julius H. Klaproth, Daniel Jenisch, Carlo Denina - findet ihren Fluchtpunkt in der großen Berliner Gestalt Wilhelm von Humboldts, dessen Werk in mehreren Beiträgen thematisiert wird.

Mit dem Titel des Mithridates verbindet sich in Europa seit dem 16. Jahrhundert das Projekt der Erfassung und Beschreibung der Vielfalt und Verschiedenheit der Sprachen. Jürgen Trabant zeigt am Mithridates von Conrad Gesner (1555) und von Adelung und Vater (1806-1817), daß bei aller Vermehrung des Wissens über die Sprachen der Welt das Ziel der Sprachuntersuchung, nämlich die geschichtliche Herkunft der Völker, und damit die Heteronomie der Sprachforschung gleich bleibt. Explizit hatte Leibniz in der schon erwähnten »Brevis designatio« die Sprachforschung unter die Gesetzgebung der Geschichte der Völker gestellt: »De originibus gentium ductis potissimum ex indicio linguarum«. »Ex indicio linguarum«, die Sprachen nur als Indiz. Erst mit Wilhelm von Humboldt wird das »Vergleichende Sprachstudium« zu einer autonomen Disziplin, in deren Zentrum die Erforschung der strukturellen Vielfalt der Einzelsprachen als Spiegel des menschlichen Geistes rückt.

So versteht nach Gerda Haßler auch Lorenzo Hervás y Panduro, einer der großen Sprachgelehrten des 18. Jahrhunderts und einer der wichtigsten linguistischen Informanten Humboldts, seine Sprachuntersuchungen durchaus nicht als autonome Forschung, sondern vor allem noch als Mittel, die Aussagen der Bibel zum Sprachursprung und zur Sprachenvielfalt zu belegen. Seine Sprachgelehrsamkeit, die im Kontext des Entwurfs einer mit der Bibel übereinstimmenden Anthropologie steht, dient auch der ethnographischen Klassifikation der Völker: »ex indicio linguarum«.

Der andere große Sprachenzyklopädist des 18. Jahrhundert ist der in Rußland wirkende Berliner Naturforscher Peter Simon Pallas. Dessen zweibändige Vocabularia comparativa (1786-1789) präsentiert Barbara Kaltz im Lichte einer auf zukünftige Linguistik vorausweisenden zeitgenössischen Kritik, die nicht nur die Reduktion des Sprachvergleichs auf den Wortschatz als unzureichend erkennt, sondern auch Pallas' Hoffnung für illusorisch hält, über das vergleichende Vokabular Auskunft über die Ursprache zu erhalten.

// zum Seitenanfang //        5


Dennoch ist das Werk von Pallas noch Vorbild für den von Ute Tintemann vorgestellten Berliner Ostasienforscher Julius Heinrich Klaproth, dessen Hauptwerk Asia polyglotta (1823) sich als Revision der Vocabularia comparativa versteht. Auch Klaproths Klassifikation der Sprachen des asiatischen Kontinents, versucht noch - wenn auch methodisch »wissenschaftlicher«, d. h. über eine ausgearbeitete Diluvialtheorie - die biblische Frage nach der Ursprache und der Sprachenvielfalt zu lösen.

Ganz anders als die bisher behandelten Autoren, die enzyklopädisch auf umfängliche lexikalische Materialien aus Hunderten von Sprachen rekurrieren, geht die Sprachvergleichung vor, die von der Berliner Akademie durch ihre Preisfrage 1792 nach dem Ideal der Sprache initiiert wird: In seiner preisgekrönten Schrift (1796) nimmt der Berliner Theologe Daniel Jenisch eine Beurteilung der Hauptsprachen Europas anhand der Werke ihrer besten Schriftsteller vor, d. h. er vergleicht die Sprachen nach den literarischen und rhetorischen Qualitäten von Texten. Wir haben in unseren Band eine Studie aufgenommen, die Harald Weydt und Brigitte Schlieben-Lange 1988 geschrieben haben,2 um diese nun wirklich klassische Berliner Sprachvergleichung zu dokumentieren. Jenischs »altmodische« Form des literarischen Sprachvergleichs wird in gewisser Hinsicht als »Schlußstein der Sprachkunde« noch in Humboldts umfassendem modernem Programm des »vergleichenden Sprachstudiums« weiterleben.

Außerdem darf in einem Band über Sprache und Sprachen in Berlin um 1800 ein Beitrag über den Piemonteser Theologen und Historiker Carlo Denina nicht fehlen, der zwischen 1785 und 1804 vor der Berliner Akademie zahlreiche Vorträge über die europäischen Sprachen hält und damit sein linguistisches Hauptwerk vorbereitet. Claudio Marazzini, der leider seine Teilnahme an der Tagung absagen mußte, stellt in einem 2001 auf italienisch erschienenen Aufsatz,3 den wir hier in deutscher Übersetzung präsentieren, das dreibändige Werk La clef des langues (1804) von Denina vor.

Die letzten drei Beiträge dieses Bandes drehen sich um das sprachwissenschaftliche Werk Wilhelm von Humboldts, das den Höhe- und Endpunkt der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Sprachen in Berlin darstellt. Jean Rousseau untersucht ein Buch Humboldts, Prüfung der Untersuchungen über die Ureinwohner Hispaniens (1821), das sonst kaum Aufmerksamkeit findet und das sich von Humboldts sonstigen Sprachstudien radikal unterscheidet, insofern es der Frage nachgeht, ob man über eine Analyse von Ortsnamen Aufschluß über die Urbevölkerung erhalten kann, d. h. in dem ein historisch-ethnographisches Ziel »ex indicio linguarum« verfolgt wird. Humboldts Bezugspunkt bei dieser Analyse ist die Allgemeine Nordische Geschichte von August Ludwig Schlözer (1771), die erneut auf die »Brevis designatio« von Leibniz und deren heteronome Fragestellung verweist.

// zum Seitenanfang //        6


Auch Humboldts Beziehungen zur philosophischen oder allgemeinen Grammatik sind spannungsreich. Denis Thouard zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Humboldt und dem Berliner Grammatiker Bernhardi auf, der in seiner Sprachlehre (1801-1803) die allgemeine Grammatik im Lichte der Kantischen Philosophie reinterpretiert. Humboldt teilt durchaus Bernhardis Grundlegung der philosophischen Grammatik auf den Kantschen transzendentalen Formen der Anschauung und des Denkens sowie dessen Auffassung vom dialogischen Charakter der Sprache. Im Unterschied zu Bernhardi richtet sich Humboldts wissenschaftliches Interesse jedoch auf die Vielfalt und Verschiedenheit der Einzelsprachen und nicht auf die Sprache im allgemeinen.

In der von Isabel Zollna vorgenommenen Gegenüberstellung von Bernhardi und Destutt de Tracy scheint schließlich die große philosophische Opposition auf, die Deutschland Frankreich bzw. das kleine Berlin dem großen Paris gegenüberstellt: deutscher Idealismus vs. französischer Empirismus, d. h. »Idéologie«. Als philosophische Grammatiker stimmen Bernhardi und Destutt darin überein, daß die allgemeine Grammatik die universellen Prinzipien entschlüsselt, auf denen das menschliche Denken beruht. Während für Bernhardi die Sprache aber Ausdruck der Innenwelt des Subjekts ist, geht es Destutt de Tracy um die Darstellung einer vernünftig durchstrukturierten objektiven Außenwelt.

4.

Natürlich sind auf der Tagung längst nicht alle wichtigen Aspekte des Themas »Sprache und Sprachen in Berlin um 1800« angesprochen worden: So fehlt beispielsweise ein Beitrag über die dialektale (und damit soziolektale) Situation der Stadt. Die gesellschaftliche Spannung zwischen oben und unten scheint zwar am Beispiel des Jiddischen kurz auf, dies ist aber nur ein Spezialfall eines viel größeren soziolektalen Problemfeldes. Wir sind uns der Tatsache bewußt, daß die eingangs erwähnte »soziokulturelle Chemie« der Stadt im Bereich des Sprachlichen durch weitere Blicke in die historische Dialektologie, wie sie beispielsweise bereits von Hartmut Schmidt vorgenommen wurden, vervollständigt werden muß. Im Bereich der Sprachgelehrsamkeit haben wir den Bereich der klassischen Sprachen ausgelassen, der quantitativ und qualitativ sicher den Hauptbereich der gelehrten Beschäftigung mit Sprache in Berlin um 1800 ausmachte. Nicht nur sollte Friedrich August Wolf die klassische Philologie zu einer der tragenden Säulen der neugegründeten Berliner Universität machen (der schwierige Wolf konnte dann schließlich doch nicht gewonnen werden), sondern auch im Schulwesen spielten traditionellerweise die alten Sprachen eine zentrale Rolle. In dieser Hinsicht verweisen wir auf die von Bernd Seidensticker veranstaltete Tagung über die Altertumswissenschaften in Berlin, deren Beiträge ebenfalls in den Bänden zur »Berliner Klassik« publiziert werden sollen. In einen Zwischenbereich zwischen den gesellschaftlichen und den gelehrten Sprachfragen gehört schließlich das Feld der Vermittlung praktischer Kenntnisse moderner Sprachen: Wer lernte wann, wie, wo welche moderne Sprache, insbesondere natürlich Französisch, aber auch Italienisch (das z. B. in Weimar sehr chic war) und durchaus auch schon Englisch? Schließlich fehlt ein vergleichender Blick auf die Situation in anderen mehrsprachigen Großstädten der Zeit wie St. Petersburg oder Wien. Eine zweitägige Tagung kann nicht alles erfassen. Diese auf unserer Tagung nicht bearbeiteten Themen aber rufen geradezu nach einer Fortführung der in diesem Band dokumentierten Arbeiten über Sprache und Sprachen im Kontext der »Berliner Klassik«.

Der Volkswagen-Stiftung möchten wir an dieser Stelle ganz herzlich für die großzügige Förderung unserer Tagung danken. (JT / UT)

// zum Seitenanfang //        7


[1]

Claudia Sedlarz (2003): Ruhm oder Reform? Der »Sprachenstreit« um 1790 an der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin. In: Ursula Goldenbaum / Alexander Kosenina, Berliner Aufklärung. Kulturwissenschaftliche Studien, Bd. 2, Hannover-Laatzen: Wehrhahn, S. 245-276.

[2]

Brigitte Schlieben-Lange /Harald Weydt (1988): Die Antwort Daniel Jenischs auf die Preisfrage der Berliner Akademie zur »Vergleichung der Hauptsprachen Europas« von 1794. In: Jürgen Trabant (Hg.), Beiträge zur Geschichte der romanischen Philologie in Berlin, Berlin: Colloquium, S. 1-26. Für den Wiederabdruck hat Harald Weydt darauf verzichtet, neuere Literatur zu Jenisch aufzunehmen, jedoch die bibliographischen Angaben zu damals bereits vorliegenden, noch nicht veröffentlichten Texten ergänzt.

[3]

Claudio Marazzini (2001): Denina nella storia della linguistica. In: Marco Cerruti / Bianca Danna (Hg.) Carlo Denina fra Berlino e Parigi (1782-1813), Alessandria: Edizioni dell'Orso, S. 45-65.


© 2004 Berliner Klassik | Top