Sprache und Sprachen in Berlin um 1800. Herausgegeben von Ute Tintemann und Jürgen Trabant
Language and Languages in Berlin around 1800. Edited by Ute Tintemann and Jürgen Trabant

Online-Publikation des gleichnamigen Tagungsbandes des Projektes
"Berliner Klassik. Eine Großstadtkultur um 1800".
Gefördert von der VolkswagenStiftung


Inhalt

Abstracts in English

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Impressum


Alle Texte im Überblick
Tintemann/Trabant:
Vorwort
Teil 1
Gessinger:
Campe und die Preisfrage zur Reinheit der deutschen Sprache
Böhm:
Mehrsprachigkeit am Waisenhaus der Französischen Kolonie
Volmer:
Sprachbewußtsein durch Diglossie
Wiedemann:
Deutsch-französische Rederaison
Gruschka:
Jiddisch und jüdische Identität: Euchels "Reb Henoch"
Schmidt:
Mendelssohns Versuch einer Bibelübersetzung
Teil 2
Trabant:
Mithridates in Berlin
Haßler:
Typologie und Anthropologie bei Hervás
Kaltz:
Kraus zu Pallas' »Vergl. Glossarium aller Sprachen«
Ute Tintemann:
Zu den Sprachstudien J. H. Klaproths
Schlieben-Lange/Weydt:
Jenischs Antwort auf die Preisfrage der Berliner Akademie
Marazzini:
Deninas Beitrag zur Geschichte der Sprachwissenschaft
Rousseau:
Schlözer et Humboldt

Thouard:
Humboldt et Bernhardi

Zollna:
Bernhardi und Destutt de Tracy
 

 

 

 

Annett Volmer

Sprachbewußtsein durch Diglossie

Der Übersetzer Samuel-Henri Catel

Abstract

The following paper examines an individual case of linguistic fate at the end of the 18th century - that of the translator and journalist Samuel-Henri Catel. Here we are dealing with a speaker who consciously experienced and reflected on the diglossic situation in which he found himself. The two languages between which he lived are French as the language of his forefathers, the Huguenots, and German as the language of his everyday life and homeland. Historical roots versus regional rooting in the Diaspora? This constellation creates identity problems that I want to pursue in the first part of my paper. The linguistic dilemma of the Huguenot Catel represents the language situation confronting the third generation of Huguenots in Prussia and is resolved - in this individual case - in works that are culturally educational and that deal with methodological aspects of teaching language. I will devote the second part of my paper to this topic.

Inhalt

1. Eine zweisprachige Biographie

2. Catels Übersetzertätigkeit

3. Sprachvermittlung durch Übersetzen

4. Fazit

Bibliographie

Anmerkungen

Der folgende Beitrag setzt sich mit einem sprachlichen Einzelschicksal des ausgehenden 18. Jahrhunderts auseinander: dem des Übersetzers und Journalisten Samuel-Henri Catel. Wir haben es mit einem Sprecher in einer Diglossie-Situation zu tun, der diese bewußt erlebt und reflektiert. Zwischen zwei Sprachen zu stehen, bedeutet für Catel, sich zwischen der französischen Sprache als der Sprache seiner Vorfahren, den Hugenotten, und der deutschen Sprache als der Sprache seines Alltags und seiner Heimat zu bewegen. Historische Wurzeln versus regionale Verwurzelung in der Diaspora? Diese Konstellation bringt Identitätsprobleme mit sich, denen ich im ersten Teil nachgehen werde. Das sprachliche Dilemma des Hugenotten Catels steht exemplarisch für die Sprachsituation der dritten Hugenottengeneration in Preußen und findet - in diesem individuellen Fall - seine Lösung in einem kulturvermittelnden Schaffen mit sprachdidaktischen Aspekten. Dem werde ich mich im zweiten Teil widmen.

1. Eine zweisprachige Biographie

Das Interessante am Schicksal Catels ist seine Sprachreflexion, seine bewußte Entscheidung für das Deutsche, das er als seine Muttersprache ansieht.

Samuel-Henri Catel, 1758 in Halberstadt geboren, durchlief noch die typische Karriere eines Pastors in der hugenottischen Gemeinschaft (Hitzig 1826: 43-44; Denina 1791: 87; Deutsches Biographisches Archiv: fiches 239-248).1 Der junge Catel gehörte zu den ersten Absolventen des Theologischen Seminars, welches 1770 in Berlin gegründet worden war, um den geistlichen Nachwuchs der französischen Kolonie zu fördern. Nachdem Catel Pastor in Strasburg und Brandenburg war und sozusagen seine Lehrjahre in der Provinz abgeleistet hatte, konnte er 1783 nach Berlin zurückkehren. Für seine Karriere war die Heirat mit der jüngsten Tochter von Jean-Henri-Samuel Formey, Maria Justine Julie (1761-1819), im Jahre 1782 sicherlich nicht von geringer Bedeutung.2 Seit 1793 war er Professor für Griechisch am französischen Gymnasium. Fast zwanzig Jahre, ab 1806 hatte er die Redaktion der Vossischen Zeitung inne, einer der wichtigsten Tageszeitungen Berlins.

Der junge Catel, der in der Provinz ein eindrucksvolles Bildungsprogramm absolvierte, machte in seinen Briefen an den zukünftigen Schwiegervater sein Verhältnis zur französischen und deutschen Sprache zum Thema.

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Immer aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch liege Bayles Dictionnaire, nicht zuletzt »pour étudier le génie de cette langue.« (Catel an Formey, 23. Juni 1779). Er liest Bayle regelmäßig zur Erbauung nach den täglichen Studien. Die protestantischen Klassiker des Refuge, Le Clerc und Beausobre, überzeugen ihn nicht vollständig mit ihren Überlegungen zu theologischen Problemen. Über die neueste Literatur hält er sich dank Nicolais Allgemeiner Deutscher Bibliothek und Dohms Deutschem Museum auf dem laufenden. Daneben liest er lateinische und griechische Autoren, hebräische und englische Texte. Seine Studien schlagen sich in ausführlichen Notizen und bald in Übersetzungen nieder. So berichtet er seinem Briefpartner Formey, daß er Anakreon, Bion und Plinius ins Deutsche übersetzen will und begründet die Wahl der Zielsprache mit der besseren Beherrschung dieser: »parce que je suis plus maître de cette langue que de la française« (Catel an Formey, 2. November 1779). Er klagt über seinen schlechten französischen Stil, sogar im Latein fühle er sich sicherer und bittet Formey, ihm nützliche Ratschläge zu geben: »[...] mon style françois est malheureusement fautif, et j'ai la langue allemande, ou même la latine plus à ma disposition« (Catel an Formey, 30. August 1780). Und tatsächlich schleichen sich deutsche Ausdrücke in seine Briefe: für »pile de bois« schreibt er »la Hauffe de bois«, was soviel wie ein »Stapel Holz« bedeutet. Catel beobachtet sein sprachliches, dialektal geprägtes Umfeld in Strasburg (Uckermark) und stellt fest, daß sich die deutsche Sprache extrem der englischen Sprache annähere. Oft werde der Artikel weggelassen, das e im Wortauslaut fast überall verschluckt und häufig bediene man sich der englischen Vergleichspartikel as, die ja nun überhaupt keine Bedeutung im Deutschen habe. Offensichtlich wird das l von als so verschliffen, daß as herauskommt (Catel an Formey, 18. Juni 1780).

Catel spricht nur noch in der Kirche und zu Hause französisch, alle öffentlichen Angelegenheiten und Gespräche mit Freunden laufen in deutscher Sprache ab. Er hat in Strasburg bei der Familie Hellstab freundschaftliche Aufnahme gefunden und verbindet diese positive Gefühlsbindung auch mit der deutschen Sprache:

Si quelqu'un me séduit pour l'allemand, c'est la maison Hellstab. Je ne parle ici françois qu'en chaire et chez moi. Rarement le parle-t-on chez les Hellstab à cause de Monsieur qui le comprend, mais ne le parle pas (Catel an Formey, 30. Dezember 1779).

Aber selbst die exklusiven französischen Sprachbereiche werden zunehmend brüchig: 1781 predigt er in der Gemeinde von Strasburg auf deutsch. Das ist nicht nur für Catel ein Ereignis, sondern auch für die Gemeinde: Die Kirche ist überfüllt, und Gemeindemitglieder, die normalerweise den Gottesdienst nicht besuchten, sind dieses Mal gekommen: »J'ai préché en allemand [...] C'est la quatrième fois en ma vie, que j'évangélise en cette langue. J'avais tout le beau du monde de Strasburg à l'Eglise« (Catel an Formey, 1. März 1781). Seine Predigten in deutscher Sprache finden weitaus größeren Zuspruch als in Französisch: »Madame Hellstab me fait aussi l'aveu sincère que mes sermons all[emands] lui plaisent mieux que mes sermons français« (Catel an Formey, 2. November 1779).

Als Catel aus dem ländlichen Strasburg in das kleinstädtische Brandenburg kommt, findet er jedoch andere Verhältnisse vor: Hier kommen viele deutsche Reformierte in seine französischen Predigten: »Tout le beau monde est ici français, ou veut l'être,« beschreibt er seinen ersten Eindruck (Catel an Formey, 1. November 1781). Soziale Kontakte knüpft er in zwei Lesegesellschaften, beide seien deutsch, vermerkt er. Die französische Sozietät in Potsdam, der er gern beigetreten wäre, war jedoch in Auflösung begriffen. Die Kinder, denen er Katechismusunterricht erteilt, erscheinen ihm intelligenter als die Jugend in Strasburg, obwohl sie ein sehr nachlässiges Französisch sprechen. Catels Vorgänger in der Gemeinde Brandenburg, so wird ihm kolportiert, habe die Hälfte seiner Zöglinge mit den Worten »Allez aux Allemands, vous n'êtes que des bêtes« davongejagt (Catel an Formey, 1. November 1781). Catel ist ein geduldigerer Lehrer und bessert seine finanzielle Lage durch Französischunterricht in den adligen Häusern vor Ort auf.

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Catel steht zwischen zwei Sprachen, nicht aber zwischen zwei Kulturen. Er ist der protestantischen Geistestradition des Refuge mit ihren verbindlichen Autoren und Texten verbunden. Die häufige Thematisierung der Sprachwahl richtet sich an die frankophone Sprechergemeinschaft, vor der er sich bemüßigt fühlt, seinen Sprachgebrauch zu legitimieren. Noch im Jahr 1804 erachtet er eine Anmerkung über die Sprachwahl seiner Publikation als notwendig. In der Vorrede zu einer biographische Skizze über Johann Peter Erman schreibt er:

Daß ich in der Sprache unseres Vaterlandes zu Ihnen rede, darf Sie nicht befremden, sobald Sie bedenken, daß ganz Berlin, daß ein Teil der preussischen Staaten an diesem allgemein bekannten und geschätzten Manne lebhaften Anteil nimmt (Catel 1804: 5).

Die Identifikation mit Preußen als seinem Vaterland, dessen Sprache er sprechen will, wird hier ebenso deutlich wie seine Ablehnung des französisch-reformierten Sonderstatus. Das Wirken von Jean-Pierre Erman, dem Catel seine Anerkennung zollt, verließ den engen Kontext der französischen Gemeinde. Erman stellte sich in den Dienst des Staates und erst das verleiht seinem Schaffen in den Augen Catels die eigentliche Bedeutung. Aus diesem Grund kann nur die deutsche Sprache das angemessene Mittel der Würdigung sein, nicht die französische Sprache, die das Kommunikationsmittel einer in-group geworden zu sein scheint.

Der junge Gelehrte Catel entscheidet sich frühzeitig bewußt für die deutsche Sprache, nicht nur weil sie seine täglichen Lebensbereiche bestimmte, sondern auch, weil er Sprache und Kultur in Einklang zu bringen sucht. Bereits 1779, 21jährig, schreibt er an Formey:

J'avais commencé et poussé mes études en allemand, et venant à Berlin, je traduisais en parlant français. Malheureusement donc, cette langue n'est pas ma langue maternelle, et je ne sais jamais comment éviter et découvrir les germanismes en parlant français. Je ne m'en défie point, ils ne me frappent pas, tant j'y suis accoutumé. [...] C'est cette raison qui me fait cultiver l'allemand, afin que du moins il y ait une langue, dont je puisse dire qu'elle est ma langue maternelle et que je la possède (Catel an Formey, 30. Dezember 1779).

Das Französische hat für ihn etwas Künstliches, Unauthentisches im deutschsprachigen Umfeld, es ist eben nicht das Französisch Frankreichs, sondern jener style réfugié - wie ihn Voltaire bezeichnet, um die in ihrer Entwicklung stehengebliebene Sprache zu charakterisieren. Gegen diese fortschreitende Sprachvermischung wehrt sich Catels Sprachempfinden, was ihm in Berlin als einer frankophonen Insel bewußt wird. Catel begreift sich aber zugleich durch seine französischen Sprachkenntnisse als privilegiert und macht diese Fähigkeit in seinen Übersetzungen fruchtbar.

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2. Catels Übersetzertätigkeit

Zwischen 1780 und 1810 hat Catel zahlreiche Übersetzungen veröffentlicht, von denen nur einige mit Sicherheit angegeben werden können, da die meisten ohne Nennung des Übersetzers erschienen sind.3

Drei wesentliche Gebiete lassen sich bei der Analyse seiner Übersetzungen herausstellen: Catel interessiert sich erstens - und das ist der wichtigste Teil seiner Übersetzerarbeit, dem ich mich genauer widmen werde - für Fragen des Fremdsprachenerlernens durch Übersetzung. Sein zweites wichtiges Schaffensgebiet sind die literarischen Übersetzungen. Er publizierte Übersetzungen von Tibull, Bion, Moschus, Anakreon und Sappho. Er wollte diesen Autoren eine größere Popularität und Verbreitung beim deutschen Publikum verschaffen. Daher hat er die Ausgaben auch dementsprechend aufbereitet: Den übersetzten Texten geht eine kurze biographische Einordnung des jeweiligen Dichters voran. Catel übersetzt jeweils aus den Originalsprachen, nicht aus dem Französischen, zudem gibt er den deutschen Text in Versen wieder. Diese Vorgehensweise war eher ungewöhnlich, oft haben die Autoren auf französische Übersetzungen zurückgegriffen und Verse in Prosa umgewandelt. Da Übersetzungen - der Sprachauffassung der Klassik zufolge - nie an das Original heranreichen können bzw. die Zielsprache die Schönheiten des Originals nicht wiederzugeben vermag, müssen die Texte der Zielsprache angepaßt werden. Catel vertrat demgegenüber die modernere Auffassung der absoluten Texttreue. Auch in der Übersetzungspraxis stand er in der deutschen Übersetzungstradition. So war Anonymität ein wesentliches Merkmal des deutschen Übersetzungsmarktes im 18. Jahrhundert, denn hier war Schnelligkeit gefordert, die Qualität blieb mitunter auf der Strecke. Im Falle Catels wäre dieser Aspekt zwar noch gesondert zu prüfen, doch bleibt es eine Tatsache, daß die Hälfte der von ihm übersetzten Werke anonym erschienen sind. Wir bleiben auf die mitunter schwer überprüfbaren Angaben und Hinweise von Zeitgenossen angewiesen.4

Catel widmete Tibull, seinem bevorzugten Dichter, eine seiner ersten Übersetzungen.5 Dabei wollte er den Poeten von dem Vorurteil befreien, einer der gefährlichsten, schmutzigsten und unmoralischsten Autoren zu sein. In dem Vorwort zur Ausgabe von 1780 erklärte Catel, daß er die Übersetzung mit dem Vorsatz begonnen habe, alles, was eine unmoralische Assoziation hervorrufen könnte, zu verändern oder zu beseitigen. Doch er hat lediglich zwei oder drei Verse geändert, weil er nichts Unmoralisches finden konnte. Ursprünglich wollte er auch die männlichen Personennamen durch weibliche ersetzen, um keine niederträchtigen Gedanken zu erwecken, doch letztendlich hat er nicht einmal das als notwendig angesehen. Diese Vorgehensweise spiegelt Selbstbewußtsein: Er sah die deutsche Sprache als fähig an, den Originaltext sogar in Versen treu zu reproduzieren.

Aus dem Deutschen übersetzte er einige populäre Romane ins Französische, wie Elise, ou le modèle des femmes von Wilhelmine Caroline von Wobeser und die Lettres à Nina von Sophie von Laroche.6 Hält man diese Übersetzungen in den Händen, so findet man zwar den Hinweis auf Catel als Übersetzer, jedoch keine weiteren Anmerkungen, Stellungnahmen oder Vorreden.

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Letztendlich - das ist die dritte Gruppe seiner Übersetzungen - widmete sich Catel historischen Werken seiner Zeitgenossen,7 etwa der Schilderung Friedrichs des Großen nach den interessantesten und glaubwürdigsten Anekdoten von Bourdais8 oder den Berichtigungen einiger Stellen des Werks über den Religionsstand in den Brandenburgischen Staaten unter Friedrich dem Großen.

Catel übersetzte in erster Linie aus dem Französischen ins Deutsche. Der Förderung des Ansehens und des Gebrauchs der deutschen Sprache galten seine Bemühungen. Wenn er ins Französische übersetzte (wie im Fall der Wobeser oder Laroche), dann handelte es sich um erfolgreiche, deutsche Werke, denen mit der Übersetzung ins Französische zu noch größerer Popularität verholfen werden sollte. Damit stand er auch wieder im Dienst der deutschen Literatur.

3. Sprachvermittlung durch Übersetzen

Mich interessieren im letzten Punkt seine Übersetzungen (hier sind die Zuschreibungen sicher) zu Sprachlehr- und Sprachlernzwecken. Catel gibt Wörterbücher heraus, entwickelt Lehrbücher für die Spracherlernung, bereitet zweisprachige Texteditionen vor und übersetzt Lesebücher. Für Catel geht Kulturvermittlung explizit mit Sprachvermittlung einher. Einerseits möchte er den Franzosen das Erlernen der deutschen Sprache erleichtern, andererseits hofft er, das Interesse der Deutschen für ein systematisches Erlernen der französischen Sprache zu wecken. Um diesem Ziel gerecht zu werden, hat er eine Editions- und Übersetzungsstrategie mit didaktischem Anspruch entwickelt.

Mit seiner Methode will er den Zugang zur fremden Sprache erleichtern, auch wenn seine Vereinfachungen mitunter fragwürdig erscheinen mögen.

Als Hauptwerk Catels können die Exercises de prononciation, de grammaire et de construction pour faciliter aux français l'intelligence et l'usage de la langue allemande von 1798 gelten. Hier demonstriert er die enge Verbindung, die er zwischen dem Spracherwerb und der Übersetzung sieht. Diese Grammatik der deutschen Sprache für Franzosen sollte einen Nachteil aller deutschen Grammatiken beheben: das Aufstellen von Regeln und die anschließende Illustration durch Beispiele. Catel attackiert nicht die Regeln, sondern die Übersetzungen der Beispiele, um eine grammatische Regel zu erklären. An einem konkreten Beispiel wird das deutlich: Den deutschen Satz Du bist aber einer von denen, die gern hinter dem Berg halten fand Catel in den Grammatiken übersetzt mit Mais tu es un de ceux qui se tiennent toujours cachés. Diese Übersetzung kritisiert er, weil die deutsche idiomatische Wendung verloren gehe. Seiner Meinung nach entspricht hinter dem Berg halten nicht se tenir caché, sondern se tenir derriére la montagne. Er erläutert diese Vorgehensweise mit dem Argument, daß jemand, der im Begriff sei, eine Sprache zu erlernen, nicht bereits über lexikalische Kenntnisse verfügen könne. Vielmehr müßten wortwörtliche Übersetzungen der Beispiele angegeben werden. Diese Forderung begründet Catel mit dem Publikum, für das er seine Sprachlehrwerke gedacht hat; ein Publikum, das bisher noch keine Fremdsprache erlernt hat und auch grammatikalische Termini nicht kennt. Die Sprache müsse mit den Dingen gemeinsam erlernt werden, damit man inhaltlich ebensoviel verstehen wie man sprachlich ausdrücken könne.

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Catel erhebt nicht den Anspruch, Regeln zu vermitteln, diese werden durch seine Übersetzungsmethode eher überdeckt. An einem anderen Beispiel wird das ebenfalls deutlich: Es gibt im Deutschen keine festen Regeln für den richtigen Gebrauch der Artikel der, die, das. Catel rät nun, den männlichen Artikel im Französischen durch den männlichen im Deutschen und den weiblichen durch den weiblichen wiederzugeben. Der Sprecher würde mit dieser Methode immer noch weniger Fehler machen, als wenn er sich auf sein Gefühl verließe. Der Gebrauch und die Gewohnheit würden nach und nach die Fehler korrigieren. Auch wenn man für le soleil "der Sonne" sage, sei das nicht schlimm, denn es sei keineswegs sinnentstellend. Was für Catel zählt: Der Sprecher muß sich verständlich machen können und später seine Fehler mit Hilfe eines Muttersprachlers korrigieren.

Ähnlich geht er auch bei der Vermittlung syntaktischer Differenzen vor. Er plädiert für die »traduction interlinéaire«. Damit ist eine Zwischenübersetzung gemeint, die weder syntaktische noch idiomatische Beziehungen berücksichtigen soll, sozusagen eine Wort-für-Wort-Übersetzung. Indem die französische Satzkonstruktion in dieser Zwischenübersetzung im Deutschen beibehalten wird, will er frankophonen Sprechern das Erlernen der Satzkonstruktion im Deutschen erleichtern. Erst in einem zweiten Schritt wird dann die richtige deutsche Satzkonstruktion angeführt.

In der Praxis setzt Catel dieses Konzept mittels einer dreispaltigen Tabelle um, die mit dem französischen Satz beginnt:

J'ai vu l'homme.

Ausgangssatz

Ich habe gesehen den Menschen.

Zwischenübersetzung

Ich habe den Menschen gesehen.

Korrekte deutsche Konstruktion

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Diese Wort-für-Wort-Übersetzung hat System, denn Catel unterstreicht des öfteren, daß er nicht die Feinheiten des Deutschen vermitteln, sondern Sprachbarrieren ausräumen und den sprachlichen Aufbau des Deutschen durchschaubarer machen wolle: Den Rest werde die Gewohnheit regeln. Catels Sprachauffassung, die seiner Lernmethode zugrunde liegt, geht davon aus, daß die deutsche Sprache unnatürlich und erzwungen sei, weil sie aus einer sklavischen Imitation der lateinischen Satzkonstruktion erwachsen sei. Das Französische hingegen folge der Natur und der Logik, jedes Wort habe seinen natürlichen Platz. Ein Franzose werde nur schwer das in Stücke zerrissene Deutsche verstehen, welches seine Glieder über den gesamten Satz verteilt. Mit dieser Auffassung stimmt Catel mit seinen Zeitgenossen überein.

Die vorgestellte Methode verlangt eine hohe Gedächtnisleistung und eine häufige Übung der Beispiele. Das Memorieren war auch im 18. Jahrhundert noch eine selbstverständliche Kulturtechnik. Den Exercises hat er daher ein Werk mit dem Titel Manuel du voyageur ou Recueil de Dialogues suivi d'un itinéraire raisonné à l'usage des François en Allemagne et des Allemands en France von Mme de Genlis als Übungsbuch beigefügt. Catel bedient sich dieses Textes, um seine Lernmethode vorzuführen: Anhand des in drei Kolonnen unterteilten Textes kann der Lerner Satz für Satz erst den französischen Text lesen, dann die interlineare Übersetzung angeben und zuletzt die deutsche Satzkonstruktion trainieren.

1800 veröffentlicht Catel dann eine vierbändige Ausgabe des Dictionnaire de l'Académie française, welches er mit der deutschen Übersetzung der Worteinträge angereichert hat.9 Hierbei ist er dem Vorbild von Trévoux und Richelet gefolgt, die ähnliches bereits für das Lateinische getan hatten. Interessant an diesem Wörterbuch ist unter anderem, daß Catel ein Supplement erarbeitet hat, welches die seit der Französischen Revolution in den Sprachgebrauch neu eingegangenen Wörter erfaßt. Bei der Präsentation der einzelnen Worteinträge verfolgte Catel wiederum sprachdidaktische Absichten: Er gibt nicht die lexikalische Vielfalt des entsprechenden französischen Wortes wieder, sondern wählt das deutsche Wort aus, das seiner Meinung nach am besten den Sinn des französischen wiedergibt. Er fügt weder Varianten noch Synonyme bei. Dabei hat er keineswegs die semantische Vielfalt eines Wortes übersehen oder verkannt, ein gut gemachtes Wörterbuch sollte diese - auch seiner Meinung nach - durchaus enthalten, aber für einen Fremdsprachenlerner sei das nur erschwerend. Seine vorrangige Absicht besteht darin, daß Franzosen sich in der deutschen Sprache ausdrücken können und Deutsche Erläuterungen eines französischen Wortes in ihrer eigenen Sprache vorfinden.

Weitere Versuche der sprachlichen Vermittlung unternimmt er 1795 mit den Fabeln Lafontaines und 1796 mit den Fabeln Florians, die er in einer zweisprachigen Ausgabe herausgibt. Er nutzt diese Form wiederum für Unterrichtszwecke. Soweit ich das überschaue, war die Praxis zweisprachiger Editionen zu dieser Zeit noch wenig verbreitet. Im zeitgenössischen Urteil erntete Catel mit diesen beiden Übersetzungen Anerkennung und wurde in das Handbuch für Dichter und Litteratoren von Giesecke aufgenommen, der über Catels Übersetzungen schreibt:

Durch diese Übersetzung in Versen hat er bewiesen, daß er mit der vollständigen Einsicht in das ganze Innere der französischen Sprache, eine weit umfassende Kenntnis seiner eigenen, ein feines critisches Gefühl, und die Gabe einer reinen und leichten Versifikation besitze (Giesecke 1793: 334).

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4. Fazit

Übersetzer stehen im Dienst einer Sprache, Catel steht mit der Vielzahl seiner französischsprachigen Publikationen immer vorrangig im Dienst der deutschen Sprache. Mit seinem Sprachlehrwerk rückte er das Deutsche in den Mittelpunkt, diese Sprache ist für ihn lernwürdig und damit auch wichtig geworden. Aus seiner Kenntnis beider Sprachen betont er die sprachpraktischen Fähigkeiten in seiner Vermittlungsmethode.

Catel hat als Hugenotte der dritten Generation eine völlig andere Gruppenidentität als seine Vorväter, die als Asylsuchende in ein fremdes Land kamen. Das Festhalten der ersten Generationen der Réfugiés an der französischen Sprache, die für sie sowohl Kommunikationsmittel als auch Identifikationselement war, bedeutete eine Grenzziehung im doppelten Sinne: hin zum verlassenen Frankreich, das den Abtrünnigen fehlende sprachliche Kompetenz vorhielt, wie auch hin zum aufnehmenden Preußen, dem gegenüber die Andersartigkeit und damit die Privilegien bewahrt werden sollten.

Für Catel und seine Generation hingegen ist Preußen »unser Vaterland« geworden. Sie begreifen sich nicht mehr als Angehörige der französisch-reformierten Religionsgemeinschaft, sondern als eine privilegierte und elitäre Gruppe frankophoner Kulturträger mit einem patriotischen Bekenntnis zum preußischen Staat. Die sprachliche Assimilation der Hugenotten war nicht zuletzt eine Voraussetzung dafür, daß die französische Kolonie 1809 aufgelöst werden konnte und ihre rechtliche Sonderstellung verlor.

Das Interessante am Fall Catel ist, daß er für die Generation der Hugenotten steht, die ihre Identität nicht mehr über die französische Sprache und Religion und damit über das Vertriebensein konstituieren. Er gehört zu denjenigen, für die die Fremde zur Heimat geworden ist und die diesen Ablösungsprozeß von der Generation ihrer Väter vollziehen. Diese Identifikation findet ihren öffentlichen Ausdruck zuerst in der Sprachwahl. Samuel-Henri Catel ist somit ein prägnantes Beispiel für diesen Loslösungs- und Assimilationsprozeß, der in seinen metasprachlichen Reflexionen und seinen Übersetzungen sichtbar wird. Catel entscheidet sich bewußt für die deutsche Sprache als seine Muttersprache, weil diese ein wesentlicher Teil seiner staatengebundenen, d.h. seiner preußischen Identität ist.

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Bibliographie

Quellen:

Nachlaß Formey, Staatsbibliothek zu Berlin, Samuel Henri Catel an Jean Henri Samuel Formey; 47 Briefe 1779-1790.

Sekundärliteratur:

Catel, Samuel-Henri

1798: Exercises de prononciation, de grammaire et de construction pour faciliter aux français l'intelligence et l'usage de la langue allemande, Berlin: Lagarde.

Denina, Carlo

1791: La Prusse littéraire sous Frédéric II., Bd. 3, Berlin: Rottmann (Nachdruck Genf: Slatkine Reprints 1968).

Deutsches Biographisches Archiv, fiches 239-248.

Genlis, Mme de (Stéphanie Félicité Ducrest de Saint-Aubin)

1798: Manuel du voyageur ou Recueil de Dialogues, de Lettres etc. suivi d'un itinéraire raisonné à l'usage des François en Allemagne et des Allemands en France, par Madame de Genlis, avec la traduction allemande par S. H. Catel, pour servir de suite ou de tome II au Exercises de prononciation, de Grammaire et de Construction, Berlin: Lagarde.

Giesecke, Johann

1793: Handbuch für Dichter und Litteratoren oder möglichst vollständige Übersicht der deutschen Poesie seit 1780, Magdeburg: im Verl. d. Verf.

Hamberger, Georg C. / Meusel, Johann G.

1796-1829: Das gelehrte Teutschland oder Lexikon der jetzt lebenden Schriftsteller, 5. verm. u. überarb. Auflage, Lemgo: Meyersche Buchhandlung.

Hitzig, Julius Eduard

1826: Gelehrtes Berlin im Jahre 1825, Berlin: Dümmler.

Knufmann, Helmut

1959: Das deutsche Übersetzungswesen des 18. Jahrhunderts im Spiegel von Übersetzer und Herausgebervorreden. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Band 9.

Meusel, Johann G.

1802: Lexicon der vom Jahr 1750-1800 verstorbenen teutschen Schriftsteller, Bd. 1-15, Leipzig: Fleischer.


[1]

Für wichtige Hinweise danke ich Manuela Böhm.

[2]

Über seinen Vater Jean-Henri-Balthasar Catel, der ebenfalls Pastor gewesen war, entstand der Kontakt zu Formey (Nachlaß Formey, Staatsbibliothek Berlin, Jean-Henri-Balthasar Catel an Formey). Diese Ehe wurde 1782 geschlossen und 1800 geschieden.

[3]

Die Identifikation der Übersetzungen basieren auf Hamberger/Meusel 1796-1829, Meusel 1802, Deutsches Biographisches Archiv: fiches 239-248.

[4]

Zur Übersetzungstradition in Deutschland im 18. Jahrhundert vgl. Knufmann 1959.

[5]

Albius Tibullus, Elegien des Albius Tibullus, übers. von Samuel Heinrich Catel, Leipzig 1780.

[6]

Wilhelmine Karoline von Wobeser, Elisa, oder das Weib, wie es seyn sollte, ins Französische übersetzt nach der 4. Auflage von S. H. Catel, Leipzig 1799; Sophie von Laroche, Lettres à Nina, ou conseils à une jeune fille pour former son esprit et son coeur, trad. de l'allemand sur la 3ème édit. par S. H. Catel, Leipzig 1799-1804. Offensichtlich hat Catel neben Friedrich Buchholz und Julius Eduard Hitzig an der Übersetzung von Mme de Staels De l'Allemagne mitgewirkt: Deutschland, von Frau von Stael. 6 Bde. Berlin 1814.

[7]

Als Biograph und Schüler von Jean-Pierre Erman kann man davon ausgehen, daß Catel das Geschichtswerk der hugenottischen Kolonien in Preußen übersetzt hat: Historische Nachricht von der Stiftung der französischen Kolonien in den Preußischen Staaten, herausgegeben bey Gelegenheit des 100jährigen Jubiläums, so den 29sten Oktober 1785 gefeyert werden soll; aus dem Französischen der Herren Erman und Reclam, Berlin 1785; vgl. auch J. P. Erman, Eine biographische Skizze bey Gelegenheit seines am 9ten December gefeyerten Amtsjubiläums, Berlin 1804.

[8]

Schilderung Friedrichs des Großen, nach den interessanten und glaubwürdigsten Anekdoten seines öffentlichen und Privatlebens entworfen von S. F. Bourdais, Berlin 1788; Sébastien F. Bourdais, Portrait de Frédéric le Grand, tiré des anecdotes les plus intéressantes et les plus certaines de la vie militaire, philosophique et privée, Berlin, Lagarde, 1788. Die Zurückhaltung Catels, die grundsätzlich wenigen Anmerkungen und die ausschließliche Konzentration auf die Textwiedergabe stellen in diesem Fall ein erschwerendes Faktum für die sichere Zuschreibung der Übersetzung dar.

[9]

Catel stützt sich auf die Ausgabe des Akademiewörterbuchs von 1799.


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