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Jürgen Trabant Mithridates in BerlinAbstract Since the 16th century, the project of documenting and describing the multitude and diversity of languages has been connected with the title Mithridates. With reference to Mithridates from Conrad Gesner (1555) and from Adelung and Vater (1806-17) it will be shown that, despite all the increase in knowledge about the languages of the world, the aim of linguistic investigations remains the same: the aim is to research the historical origin of peoples. Languages are only an indication of this: "De originibus gentium ductis potissimum ex indicio linguarum" (Concerning the origins of peoples principally on the basis of linguistic evidence), as Leibniz formulated it in his Brevis designatio (1710). Comparative linguistic studies first became an autonomous discipline with Wilhelm von Humboldt's Vergleichendes Sprachstudium, in which research into the structural diversity of individual languages as a mirror of the human mind is central. Inhalt
»Es gibt keinen bekannteren Namen als Mithridates«, schreibt Racine im Vorwort zu seiner Tragödie, die diesen Namen trägt. Aber das war 1673, als römische Geschichte zum Allgemeinwissen gehörte. Dreihundert Jahre später muß vielleicht doch ein Wort zu diesem Namen gesagt werden. Die zu unserer Tagung »Sprache und Sprachen in Berlin um 1800« versammelten Sprach- und Literaturforscher wissen natürlich, daß ein berühmtes Buch über die Sprachen, das 1806 bis 1817 in Berlin erschien, Mithridates hieß. Ich will trotzdem noch einmal daran erinnern, warum das Buch so hieß: Mithridates war der König von Pontus, der sich im ersten Jahrhundert vor Christus als letzter ernstzunehmender Gegner dem siegreichen Rom an der Ostflanke des sich ausdehnenden Imperiums entgegenstellt. Nach erbitterten Kämpfen wird Mithridates besiegt. Da er gegen alle Gifte resistent ist, kann er sich nach seiner Niederlage 63 v. Chr. nicht einmal selbst vergiften, sondern muß sich von einem Sklaven erschlagen lassen. Mithridates, den das Imperium besiegt hat, war des weiteren - und das interessiert uns Linguisten natürlich - dadurch bekannt, daß er eine große Anzahl von Sprachen konnte, jedenfalls pflegte er die Soldaten seiner Heere in ihren Sprachen anzusprechen, auch dies ein völlig unrömisches Verhalten. Die Zahl der Sprachen, die man meistens im Zusammenhang mit Mithridates findet, ist zweiundzwanzig, manche Geschichtsschreiber sprechen allerdings auch von fünfzig Sprachen. 1. Mithridates 1555Es war vor allem die letzte Eigenschaft, die Vielsprachigkeit des Königs, die den Schweizer Gelehrten Conrad Gesner veranlaßte, seine 1555 bei Froschauer in Zürich verlegte kleine Sprachenzyklopädie Mithridates zu nennen: Mithridates sive de differentiis linguarum, »Mithridates oder über die Verschiedenheiten der Sprachen«. Der Titel enthält das zentrale mithridatische Wort: »differentia«, das bei Humboldt »Verschiedenheit« heißt, etwa im Titel seines Hauptwerks Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues (1836). Und mit dem Namen Humboldts ist die Spanne der Mithridatesse bezeichnet, die ich hier skizzieren möchte: von 1555 bis 1820, dem Jahr von Humboldts erster Rede vor der Berliner Akademie »Über das vergleichende Sprachstudium«. Sicher war dem Protestanten Gesner auch die Tatsache nicht unrecht, daß Mithridates ein Gegner Roms gewesen ist, aus seiner Sicht ein Gegner also der universalen, d. h. »katholischen« Macht und ihrer katholischen Sprache Latein. Der Mithridates ist auch ein Dokument des sprachlichen Protestantismus gegenüber dem alten lateinischen Sprach-Katholizismus (auch das weist schon auf Berlin um 1800 voraus). 1555 schreibt Gesner - natürlich noch auf Latein - einmal alles auf, was er in der europäischen Bibliothek zu den Sprachen der Welt findet. 1.1.Aber das war natürlich nicht sehr viel. Ich sage »natürlich«, nicht nur weil die europäische Welt noch klein war und man daher auch nur wenige Sprachen in den Blick nehmen konnte, sondern auch weil dieser europäische Blick bisher zumeist über die Sprachen hinweggeschaut hatte. Er hatte ihre Verschiedenheiten gleichsam übersehen, und zwar aus zwei Gründen: aus einem kultur- und sozialpolitischen und aus einem philosophischen. Der kultur- und sozialpolitische Grund war derjenige, daß die lateinisch schreibenden Gelehrten Europas die Sprachen der europäischen Völker als niedrigere Ausdrucksformen wenig beachteten und ihre Aufmerksamkeit ganz dem katholischen und hochangesehenen Latein schenkten, neuerdings allerdings auch den beiden anderen Sprachen des Kreuzes, linguae crucis, Griechisch und Hebräisch. Daß auch die Volkssprachen gelehrte Beachtung fanden, ist dann erst ein Effekt des Humanismus, aber auch der Reformation und der politischen Organisation Europas in moderne Nationalstaaten. Der - vermutlich tiefere - philosophische Grund für das Übersehen der sprachlichen Vielfalt liegt aber darin, daß die europäische Gelehrsamkeit sprachliche Verschiedenheit entweder furchtbar oder einfach uninteressant - oder beides - fand: furchtbar seit dem Turmbau zu Babel, der mit sprachlicher Verschiedenheit bestraft wurde, und langweilig seit Aristoteles. Die biblische Geschichte war allen Christen präsent, die besagt, daß sprachliche Verschiedenheit, die Vielfalt der Sprachen, eine Strafe ist. Ganz besonders schön klagt darüber Dante in De vulgari eloquentia. Man setzt also eher - wie auch Dante - alles daran, die sprachliche Verschiedenheit zurückzudrängen und zu der oder zu einer Sprache des Paradieses zurückzukehren, als sich auf sprachliche Verschiedenheit einzulassen. Denen, die die Verschiedenheit der Sprachen nicht ganz so tragisch nahmen, war dann andererseits die sprachliche Verschiedenheit eher uninteressant. Die Verlangweiligung sprachlicher Verschiedenheit wurde nämlich seit Jahrhunderten in allen Schulen Europas unterrichtet: De Interpretatione von Aristoteles steht als zweites Kapitel des Organon auf dem Lehrplan sämtlicher Schulen des Abendlandes. Und dort wird mit der Autorität des Philosophus gesagt, daß sprachliche Verschiedenheit einfach nur eine materielle Verschiedenheit der Laute ist und nicht das Eigentliche, das Denken, betrifft. Die Menschen denken alle gleich. Die verschiedenen Sprachen sind einfach nur verschiedene Laute, um die universell identischen Gedanken zu bezeichnen und mitzuteilen. Die verschiedenen Laute sind also ein völlig überflüssiges Wortgeklingel, das man am besten überhört. Deswegen haben die Griechen keine Linguistik, sondern nur eine Grammatik ihrer eigenen Sprache. 1.2.Im 16. Jahrhundert aber, mit dem Wiederaufleben der wissenschaftlichen Neugier, werden die Sprachen doch nach und nach interessanter. Erstens interessiert die europäische Menschheit in dieser revolutionären Zeit einfach alles. Zweitens entwickelt der Humanismus ein tieferes Sprachverständnis: die Sprachen - zunächst nur die klassischen - bekommen allmählich eine semantische Tiefe und Besonderheit, angesichts deren sprachliche Verschiedenheit nicht mehr nur als überflüssiges Lautgeklingel angesehen werden kann. Drittens lassen die amerikanischen Eroberungen Menschen ins Blickfeld kommen, die völlig anders sind: Europa entdeckt die außereuropäischen fremden Menschen und deren Andersartigkeit und mit ihnen auch sprachliche Alterität. Viertens lassen Reformation und nationalstaatliche politische Organisation - und die darauf folgende wachsende literarische Produktion - die Volkssprachen zu geschätzten und geliebten sprachlichen Ausdrucksmitteln aufsteigen. So ist es beispielsweise kein Zufall, daß ein Viertel des Gesnerschen Mithridates dem Deutschen gewidmet ist, eben der Sprache der religiösen Erneuerung, die Luther schon 1524 neben die drei Kreuzessprachen gestellt hatte. Gesner bezieht sich daher in der Vorrede seines Mithridates auch auf die drei Kreuzessprachen als ein donum divinum, als Gottesgeschenk und großes Glück, durch das die Menschheit verbunden wird. Er will gerade nicht über die Babelische Verfluchung sprechen, sondern hebt die positiven Aspekte der Vielfalt hervor: Linguarum confusionis causa atque historia in sacris libris tradita, non est quod hic a nobis repetatur. Quemadmodum autem magna infelicitatis humane pars fuit sermonis confusio: ita nostris temporibus donum vere divinum & praeclare felicitatis loco iudicare debemus, totum fere orbem terrarum tribus illis in cruce consecratis linguis, quas passim homines studiosi exercent, denuo coniungi. Die Ursache und die Geschichte der Verwirrung der Sprachen, die in den heiligen Büchern überliefert ist, ist nicht das, was hier von uns wiederholt wird. Wie die Verwirrung der Sprache großen Anteil am menschlichen Unglück gehabt hat, so müssen wir es doch in unseren Zeiten als ein wahrhaft göttliches Geschenk und geradezu für ein großes Glück ansehen, daß fast der ganz Erdkreis durch die drei am Kreuz geheiligten Sprachen wieder verbunden wird, die die Gelehrten überall sprechen (Gesner 1555: 1r). Sympathie für die Vielfalt der - zumindest der heiligen - Sprachen, nicht Verzweiflung oder Gleichgültigkeit ist also der Ausgangspunkt für die linguistische Untersuchung. 1.3.Dennoch weiß, wie gesagt, Gesner wenig über die Sprachen. Der Mithridates ist gerade einmal knapp 160 Seiten lang. Gesner weiß aus der Bibel und von Augustinus, daß es nach Babel zweiundsiebzig Sprachen gibt. Allerdings kennt er doch ein paar mehr. Wenn man die von Gesner alphabetisch erfaßten Sprachen zählt, kommt man jedenfalls auf eine Zahl von ca. 150. Diesen Widerspruch zwischen der Bibel und seinem eigenen Wissen thematisiert Gesner aber nicht. Aber auch 150 Sprachen sind natürlich, verglichen mit der Zahl der wirklich auf der Erde gesprochenen Sprachen, extrem wenig. Wir nehmen an, daß es - die Zählung ist natürlich extrem problematisch - heute noch ca. 6000 Sprachen gibt. Im 16. Jahrhundert gab es sicher noch viel mehr. Der geographische Raum, den Gesner bei seiner Sprachliste abdeckt, ist der Raum der alten europäischen Welt mit dem Mittelmeerraum und Vorderasien, eben jene Welt, die in den europäischen Büchern vorkommt. Gesner weiß daher nichts von Afrika, sein Asien reicht nur bis Indien. Ganz am Ende seines Buches tauchen die Sprachen der Neuen Welt kurz auf: Kolumbus habe zehn Männer mit nach Spanien gebracht, die alle - wie wir! - fließend sprechen (und damit Menschen sind) und die den Himmel turéi, das Haus bóa, das Gold cáuni, den guten Mann tayno, den Schurken mayani nennen (Gesner 155: 71r). Himmel, Haus, Gold, guter Mann, schlechter Mann. In diesen fünf Worten erscheint die ganze Tragödie der Begegnung der Amerikaner mit den Europäern. Der Hinweis auf den orbis novus ist trotz seiner Kürze aber wichtig, weil hier Amerika als Movens für das Interesse an sprachlicher Alterität aufscheint - und damit auch die Geburt der Linguistik aus dem europäischen Kolonialismus. 1.4.Aber Gesner weiß auch nicht sehr viel über die einzelnen Sprachen, von denen er etwas weiß. Gesner demonstriert die jeweilige Sprache - sofern er kann - am Vaterunser. Insgesamt habe ich 26 Vaterunser gezählt. Er ist nicht der erste, der eine Sprache durch das Vaterunser exemplifiziert, aber wohl doch der erste, der dies systematisch tut. Dieses Ausstellen der Sprache anhand dieses bekannten Textes soll einerseits die Besonderheit der Sprache vor Augen führen, andererseits einen vergleichenden Blick dadurch eröffnen, daß die Sprache jeweils an demselben bekannten Text gezeigt wird. Gesner macht sodann einige textaufschließende Bemerkungen zu dem Vaterunser. Im Anschluß an das englische »Our father« bemerkt er beispielsweise, daß fast alle Wörter germanisch oder sächsisch, entweder verändert oder unverändert, und daß einige Wörter französisch seien, nämlich trespasses und deliver. Das Augenmerk gilt also ganz dem Wortschatz. Die Grammatik rückt erst viel später ins Blickfeld der Linguisten. Gesner weiß aber ganz offensichtlich nicht, warum das Englische mit Französisch gemischt ist. Früher sei weniger Französisch in dieser Sprache gewesen, jetzt werde aus Snobismus viel Französisches und Lateinisches hineingemischt: »ita ut vulgus nisi adhibita interpretatione non intelligat«, »so daß das Volk nur durch eine zusätzliche Übersetzung etwas versteht« (Gesner 1555: 8v). Ganz offensichtlich liegt Gesner besonders viel an dem Hinweis auf die Sprachmischung und die frühere reine Germanität des Englischen. Daher folgt noch etwas über alte germanische Wörter, die Beda Venerabilis in De tempore anführt. Auch schlägt Gesners schweizerisches Interesse für die Milchwirtschaft durch - er hatte 1541 ein Buch De lacte geschrieben - wenn er bemerkt, daß Milcheimer, mulctram vas, mylkyng payle heißt und die gemolkene Milch meale. Wir sehen also, daß Gesners Aufmerksamkeit auf die Frage der Herkunft und der Verwandtschaft der Sprachen gerichtet ist. Dies sagt er auch ausdrücklich in der Widmung, auf der allerersten Seite des Buches, nämlich daß wir noch nicht verstehen, »welche Sprachen mehr oder weniger verwandt sind, die gänzlich unterschiedlich sind«, »quae inter se cognatae sint linguae plus minus, quae omnino distent«. Darum geht es also letztlich. Auch die Bemerkungen zu Sprachen, die er nicht so gut kennt wie das Englische, zielen im wesentlichen auf die cognatio, auf die Verwandtschaft der Sprachen, etwa wenn er bei den Sarmaten (»qui Poloni dicuntur«) und Slawen auf die Illyrer oder bei den Sciri auf die Vandalen verweist (Gesner 1555: 67r). Das keimende Interesse Europas an den verschiedenen Sprachen ist also primär auf die Geneaologie, auf die Aufdeckung der Verwandtschaft, bezogen. 2. Mithridates 1806-18172.1.Das bleibt noch jahrhundertelang so. Die Erkundung von Herkunft und Verwandtschaft der Sprachen ist auch noch die letzte Frage des zweiten Mithridates, des Mithridates von Adelung und Vater, den ich auch den ersten Berliner Mithridates nennen möchte. Ich könnte ihn natürlich auch den Dresdener, Hallenser oder Königsberger Mithridates nennen, wenn ich an die Wirkungstätten der Verfasser Adelung und Vater denke. Ich gemeinde ihn aber aus mehreren Gründen kühn unserer Berliner Klassik ein: - Erstens - und vor allem - sofern der Verlagsort Berlin gewesen ist, wo die Vossische Buchhandlung dieses gewaltige verlegerische Unternehmen von 1806 bis 1817 realisiert hat. Wie Berlinisch dieser Verlag ist, kann man in der Dokumentation der Arbeitsgruppe über die Verlage um 1800 lesen.1 - Zweitens gehört er hierher, weil, wie Vater immer wieder betont, die beiden Humboldts lebhaften Anteil an dem Werk genommen haben (Vater selbst ist inzwischen von Halle nach Königsberg umgezogen). Wilhelm von Humboldt hatte noch von Rom aus die Mitarbeit bei dem Baskischen zugesagt2 und schreibt dann auch die Zusätze und Berichtigungen zum Baskischen, die schon 1811 fertig sind, aber erst 1817 im letzten Band gedruckt werden. Die Humboldts liefern offensichtlich afrikanisches und amerikanisches Sprachmaterial für den dritten Band. In der Vorrede zu diesem Band (Adelung/Vater 1806-17, III: iii f.) dankt Vater den beiden Humboldts erneut, ebenso wieder im Vorwort zum vierten Band (Ebd., IV: v). Wilhelm von Humboldt ist ab 1808 immer einmal wieder in Berlin gewesen. Ich gebe allerdings zu, daß auch 1817 noch keiner der beiden Humboldts wirklich wieder in Berlin angekommen ist. - Drittens gehört der Mithridates in den Berliner Kontext, weil hier - und nirgendwo sonst in Deutschland - die Frage nach der Sprachvergleichung gestellt worden ist, wenn auch noch ganz altertümlich eingebettet in die Frage nach der »Vollkommenheit menschlicher Sprache«.3 Die Berliner Akademie stellt 1794 die Preisfrage, die Daniel Jenisch mit seiner großen Vergleichung der europäischen Hauptsprachen gewinnt.4 Im Rahmen der Akademie hat aber auch der Italiener Carlo Denina sprachvergleichend gearbeitet.5 Daß Berlin der wichtigste Ort vergleichender Sprachforschung in Deutschland war, ist eine der Grundannahmen unserer Tagung. Mit der Behandlung der Berliner Sprachforscher Pallas, Bernhardi, Klaproth wollen wir diese Annahme weiter belegen. - Und schließlich gehört der Mithridates natürlich hierher, weil das Adelung-Vatersche Unternehmen sozusagen die Berliner Alternative provoziert, nämlich Humboldts »Vergleichendes Sprachstudium«. Wenn ich von 1555 bis 1806-1817 springe, so überspringe ich eine Reihe bedeutender mithridatischer Unternehmungen, die an anderen Stellen in Europa realisiert wurden. Ich verweise nur auf die beiden größten: die Bücher von Hervás (1785-87, 1801-05)6 und die Vocabularia des in Petersburg wirkenden Berliners Pallas (1786/89).7 Vor allem der Saggio pratico von Hervás (1787) ist ein Mithridates wie derjenige von Gesner, d. h. ein Versuch, die Sprachen der Welt anhand des Vaterunsers zu charakterisieren. Adelung und Vater betonen immer wieder, wieviel sie Hervás verdanken. Wir werden das gleich noch an einem Beispiel sehen. 2.2.Wie sehr das europäische Wissen über die Sprachen inzwischen angewachsen ist, ersieht man schon allein aus der Tatsache, daß den 160 kleinen Oktavseiten von 1555 nunmehr, 1806-1817, über 3000 Seiten gegenüberstehen. Das ist eine Verzwanzigfachung des Volumens des Mithridates. Dem entspricht auch die Verzwanzigfachung der Vaterunser: den 26 Vaterunsern bei Gesner stehen »bey nahe fünfhundert« Vaterunser bei Adelung/Vater gegenüber. Die linguistische Bibliothek Europas hat sich in den zweieinhalb Jahrhunderten zwischen dem ersten und dem zweiten Mithridates vervielfacht. Das betrifft sowohl das linguistische Wissen über die einzelnen Sprachen als auch die Anzahl der Sprachen, über die die Europäer etwas wissen. Was das erste angeht: Es ist bekannt, daß mit dem Aufstieg der Nationalsprachen zu vollausgebauten Sprachen in allen Lebensbereichen auch die wissenschaftliche Bearbeitung dieser Sprachen einen großen Aufschwung genommen hat. Beim Französischen sind zum Beispiel seit dem 16. Jahrhundert, seit Louis Meigret 1550 und Robert Estienne 1549, zahlreiche Grammatiken und Wörterbücher erschienen. Was das Englische angeht, so zitiert Gesner zwei Autoren, nämlich Sebastian Münster und Beda Venerabilis, die aber beide mitnichten Bücher über das Englische geschrieben haben. Adelung und Vater haben dagegen nun fünfzig Bücher über das Englische in ihrer Bibliographie. Sie bringen nicht nur ein englisches Vaterunser, sondern sechzehn Versionen aus verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Dialekten. Natürlich haben Adelung und Vater genaueste Kenntnis über die englische Sprachgeschichte seit den Angelsachsen, sie wissen also genau Bescheid über den Grund der germanisch-französischen Mischung. Sie kennen die Dialekte des Englischen. Sie machen einige sehr gute Bemerkungen über die grammatische Struktur des Englischen, sie sprechen nicht mehr nur über den Wortschatz. Zweitens - und vor allem - hat sich die Zahl der Sprachen im neuen Mithridates enorm erhöht. Die europäische Geographie hat sich global geweitet. Der orbis novus, der bei Gesner nur in ein paar Zeilen aufscheint, ist in der europäischen Gelehrsamkeit angekommen und nimmt nun mehr als 800 Seiten, also ein Viertel des Mithridates, ein. Aber auch die andere Himmelsrichtung, Asien, ist präsent. Afrika öffnet sich über das Arabische und das Ägyptische hinaus. Dieser Blick auf die ganze Erde legt dann auch eine andere Präsentationsform nahe: das willkürliche Alphabet des alten Mithridates wird aufgegeben zugunsten einer geographischen Anordnung. Das war schon bei Hervás der Fall. Aber Adelungs Reise geht andere Wege: Die Reise über den Globus beginnt nicht wie bei Hervás in Feuerland, sondern in China, weil Adelung die »einsylbigen« Sprachen Ostasiens für ursprünglich - für »Erstlinge« - hält, d. h. sie beginnt im Paradies: »der Traum von der Lage des Paradieses ist die einzige Hypothese, welche ich mir erlaubt habe« (Adelung 1806: XI). Ansonsten geht es von Indien nach Westen und wieder zurück nach Japan und in die Südsee, dann nach Europa, von dort nach Afrika (dem hier ein ganzer Band gewidmet ist) und erst danach nach Amerika (wie bei Hervás von Süden nach Norden). 2.3.Trotz der qualitativen und quantitativen Explosion des linguistischen Wissens ist aber das Grundmotiv dieser Sprach-Enzyklopädie gleichgeblieben. Ja die angedeutete geographische Anordnung macht das Grundmotiv sogar besonders deutlich: das höhere Ziel, unter das sich die Sprachforschung stellt, ist es, »der Verwandtschaft und Herkunft alter und neuer Völker nachzuspüren«, wie bei Gesner: »quae inter se cognatae sint linguae plus minus, quae omnino distent«. Auf der ersten Seite schreibt Adelung folgendes: Eine Kenntniss der vielen unter dem Monde befindlichen Sprachen hat, auch wenn sie ohne höhere Zwecke, aus blosser Wissbegierde geschieht und erlangt wird, ihren Werth. Hält man es nicht für überflüssig, die Münzen, Trachten, Gebräuche u.s.f. der verschiedenen Völker in der Welt zu sammeln, und sich bekannt zu machen, warum sollte man nicht auch die verschiedenen Arten zu kennen wünschen, wie so viele Völker von so vielfachen Graden der Cultur sich ihre Gedanken, ihren Sinn und Unsinn mitteilen. Aber diese Kenntnis ist eines noch höhern Zweckes fähig, indem sie dem Geschichtsforscher dienen kann, der Verwandtschaft und Herkunft alter und neuer Völker nachzuspüren (Adelung 1806: x). Zwei Bemerkungen zu diesen ersten Sätzen des Mithridates: Erstens: Offensichtlich kann sich Adelung das Studium der Sprachen noch nicht als autonome, ihren Zweck in sich selbst tragende wissenschaftliche Betätigung vorstellen. Kenntnis der Sprachen befriedigt bloß die Wißbegierde, die Kuriosität. Sprachen sind wie Münzen, Trachten und Gebräuche Oberflächenphänomene, kulturelle Kräuselungen. Eine Sprachsammlung ist also ein Kuriositäten-Kabinett. Daß dies so ist, hat, wie dem zitierten Satz zu entnehmen ist, mit dem alteuropäischen Erbe zu tun: Sprachen sind bei Adelung nämlich uralt-aristotelisch verschiedene Arten, »Gedanken, Sinn und Unsinn mitzuteilen«, d. h. Mittel der Kommunikation, nicht mehr. Sie sind wie auch Trachten und Münzen mehr oder minder folkloristische Erscheinungsformen von Instrumenten, die einem bloß praktischen Zweck dienen. Münzen dienen zum Bezahlen, Trachten dienen zur Bekleidung, Sprachen der Kommunikation. Zweitens: Einem höheren Zweck dient die Kenntnis dieser Kuriositäten erst, wenn sie sich unter die Gesetzgebung der Geschichte stellt. Adelung steht damit in der Tradition nicht nur des alten Mithridates, sondern z. B. auch von Leibniz, der im ersten von dieser Akademie veröffentlichten Artikel, der »Brevis designatio« von 1710, Sprachforschung unter den Zweck der geschichtlichen Erforschung der Völker stellte: Ursprung und Verwandtschaft der Völker sollten aus den Sprachen abgelesen werden: ex indicio linguarum. Ich insistiere auf dieser heteronomen, historischen Legitimation der Sprachforschung, weil hier gerade die Differenz zum Projekt jenes »alternativen« Berliner Mithridates liegt, auf das ich hinauswill, zum Humboldtschen Projekt des vergleichenden Sprachstudiums. 2.4.Die Gelehrsamkeit, die Adelungs und Vaters grandioses Werk aufbietet, ist, wie angedeutet, stupend. Es wird aber auch schon unmittelbar klar, daß ein Einzelner die zu Beginn des 19. Jahrhunderts vorliegende linguistische Forschung eigentlich nicht mehr in den Griff bekommt, vor allem dann nicht, wenn - wie hier - sozusagen alles gezeigt werden soll: die Geschichte und die Kultur des jeweiligen Volkes, die Geschichte der Sprache, die Architektur der Sprache, die genealogischen Zusammenhänge, die eventuell mit typologischen Eigenschaften verbunden sind (Adelung geht von den einsilbigen asiatischen Sprachen aus, vom einsilbigen China als »Paradies«), und schließlich auch noch Einblicke in die Struktur der jeweiligen Sprache anhand des Vaterunsers. Das ist einfach zuviel, so daß sich der Eindruck einer Kuriositäten-Sammlung notwendigerweise verstärkt. Dennoch liegt gerade in dem letzten Zug, dem Aufzeigen struktureller Besonderheiten der einzelnen Sprachen, auch das Moment, mit dem der Mithridates seine historisch-heteronome Zielsetzung sprengt und auf eine andere Zwecksetzung der Sprachwissenschaft verweist. In diesem Zug ist der Mithridates allerdings auch nicht sehr originell, sondern verdankt viel seinem unmittelbaren Vorgänger, dem Saggio pratico von Hervás. Im Anschluß an ein Verfahren, das Hervás wenn vielleicht auch nicht erfunden, so aber doch systematisch eingesetzt hat, versucht nämlich auch der Adelung/Vatersche Mithridates, anhand des Vaterunsers strukturelle Einblicke in die einzelnen Sprache zu vermitteln. Das Instrument hierzu ist die Interlinearversion und der sich daran anschließende lexikologische und grammatische Kommentar. Das Mexikanische Paternoster (Nr. 409) sieht zum Beispiel folgendermaßen aus (Adelung/Vater 1806-17, III/3: 100): Vater kommentiert auf der folgenden Seite das mayectenehualo der zweiten Zeile: yectenehua ist zusammen gesetzt aus yectli: gut, tentli: die Lippen, und ehua erheben (indem die Nominal-Endung tli eben so, wie so oft tl, wegfällt), und ma vorn ist die Form des Optativs, lo hinten die des Passivs (Adelung/Vater 1806-17, III/3: 101). Dies ist direkt aus dem Saggio pratico von Hervás übersetzt, der die Interlinearversion übrigens viel konsequenter durchführt: ma yectenehuallo o-se buono-labbro-alzato-sia [oh-wenn gut-Lippe-erhöht-sei]. Daneben steht bei Hervás der folgende Kommentar: Ma ist eine optative und depreziative Partikel, und man übersetzt es am besten mit »o wenn!«. Yectenehuallo setzt sich zusammen aus yectli »gut«, aus tentli »Lippe«, aus ehua »erhöhen«, daher entspricht yec-ten-ehuallo »gut-Lippe-erhöht-sei«, d. h. »gelobt sei mit guten Lippen«. Die Endsilbe lo ist eine das Passiv anzeigende Partikel (Hervás 1787: 117). Die Interlinearversion vollzieht sozusagen den ersten Schritt jeder modernen strukturellen Beschreibung einer unbekannten Sprache: sie segmentiert, d. h. sie führt die lexikalischen und grammatischen Konstituenten eines Satzes vor Augen. Und der Kommentar verdeutlicht und erläutert die strukturelle Besonderheit. Man erkennt durch dieses Verfahren durchaus schon, wie das Syntagma gebildet ist, welche grammatischen Elemente an die lexikalischen angefügt werden (ma und lo) und welche offensichtlich wegfallen (tli). Im lateinischen Ausgangstext des Vaterunsers steht hier ja sanctificetur "geheiliget werde" (dein Name). Man kann durch die Segmentierung gut nachvollziehen, wie das Mexikanische die Semantik von sanctificare "heiligen" wiedergibt: nämlich "gut-Lippe-erhöhen". Man sieht also sehr schön, daß das Nahuatl die Vorstellung des »Heiligens« nicht auf dieselbe Weise bildet wie die europäischen Sprachen und wie es diese mit seinem lexikalischen Material nachschafft.8 Hervás erfindet - und Vater folgt ihm dabei - mit dem einfachen Mittel der linguistischen Interlinearversion ein Verfahren, das bis heute gebraucht wird und das einen ersten Einblick in die strukturelle Eigentümlichkeit der Sprachen erlaubt. Es ist vor allem ein Verfahren, das die Aufmerksamkeit von der ausschließlichen Betrachtung der materiellen Form des Wortschatzes wie in den alten vergleichenden Wörterverzeichnissen à la Pallas (und der damit verbundenen Frage nach Verwandtschaft und Ursprung) auf die Grammatik und die Semantik lenkt und damit auf die tieferen strukturellen Verschiedenheiten der Sprachen, auf die Verschiedenheiten des sprachlich gestalteten Denkens. Humboldt wird dieses Verfahren übernehmen und aus diesen hier erst tastenden Versuchen die Forderung ableiten, daß jede Sprache in ihrem eigenen »inneren Zusammenhang«, d. h. in ihrer semantischen und grammatischen Besonderheit zu erfassen ist. Dieser Ansatz zu einer strukturellen Beschreibung der Sprachen weist also über das historisch heteronome Ziel des Mithridates hinaus - und damit auf das Projekt einer neuen Sprachwissenschaft, das Humboldt in seiner ersten Rede vor der Berliner Akademie entwirft und das ich den Berliner Mithridates nenne. 3. Mithridates 18203.1.Leibniz kannte noch einen zweiten Zweck des Sprachstudiums, den er allerdings nicht in seinem Berliner Akademie-Artikel angesprochen hatte, sondern in seiner Antwort auf Locke, in den Nouveaux Essais. Der Berliner Artikel, die schon erwähnte »Brevis designatio« von 1710, ist ganz der heteronomen Sprachforschung gewidmet: Es geht, wie der Titel sagt, um die »Ursprünge der Völker, wie man sie aus dem Indiz der Sprache ableiten kann«, »de originibus gentium ductis potissimum ex indicio linguarum«. Es geht um die cognatio, um die »Verwandtschaft und Herkunft alter und neuer Völker« (Adelung). Das ist der alte, der traditionelle Zweck der Linguistik, der die Sprachforschung unter die »höheren Zwecke« des Geschichtsforschers stellt. Dies ist im übrigen auch noch der Zweck der großen historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts, die in dieser Hinsicht überhaupt nicht neu ist, sondern ein ziemlich alter Hut. Wirklich neu und zukunftweisend ist der Zweck, den Leibniz in den Nouveaux Essais der Sprachwissenschaft zugewiesen hat. Die Nouveaux Essais sind allerdings erst 1765 postum erschienen, in vieler Hinsicht verspätet, um die Wirkung entfalten zu können, die ihnen gebührt hätte. Aber sie sind doch von Herder studiert worden und über diesen in die Sprachforschung hineingekommen. In den Nouveaux Essais begründet Leibniz die Sprachwissenschaft als eine Wissenschaft des menschlichen Geistes: On enregistrera avec le temps et mettra en dictionnaires et grammaires toutes les langues de l'univers, et on les comparera entre elles; ce qui aura des usages très grands tant pour la connaissance des choses, puisque les noms souvent répondent à leurs propriétés (comme l'on voit par les dénominations des plantes chez les différents peuples), que pour la connaissance de notre esprit et de la merveilleuse variété de ses opérations (Leibniz 1765: 293, H. v. m.). Diese Passage ist die Geburtsurkunde der Linguistik als einer Wissenschaft von den Sprachen, die ihren Zweck in sich hat. Eine solche autonome Wissenschaft ist natürlich nur möglich, wenn man die Funktion der Sprache in ihrer Tiefe erkennt. Das war Adelung ganz offensichtlich noch versagt. Leibniz aber weiß - in der Tradition Bacons und Lockes -, daß die Sprachen »connaissances«, Kenntnisse, enthalten, bzw. daß die Sprachen kognitive Strukturen sind. Er wendet aber das englische Lamento über die Sprachen als »a mist before our eyes« (Locke) oder als idola fori, als böse alte Geister, die uns an der Erkenntnis der Wahrheit hindern (Bacon), ins Positive. Für den Philosophen der Verschiedenheit ist es wunderbar, daß der menschliche Geist die Welt mit tausend verschiedenen Augen ansieht. In dieser positiven Bewertung der semantischen Besonderheit der natürlichen Sprachen greift Leibniz auf die Tradition des europäischen Humanismus zurück, der zuerst in den Sprachen etwas Kostbares und Wunderbares gesehen hatte, ein donum divinum, wie Gesner sagte. Die Sprachen sind, um das berühmte Leibniz-Zitat anzubringen, der beste Spiegel des menschlichen Geistes, »le meilleur miroir de l'esprit humain« (Leibniz 1765: 290). Deswegen muß man sie untersuchen, als »merveilleuse variété des opérations de notre esprit«. Dieser Gedanke wird über Herder nach Berlin transportiert: In seiner Abhandlung über den Ursprung der Sprache, die er für die Berliner Akademie geschrieben hat, radikalisiert Herder die kognitive Wende der Sprachreflexion: Der erste Gedanke des Menschen ist auch das erste Wort. Sprache ist vor allem und an erster Stelle Denken, als solches ist sie Spezifikum des menschlichen Wesens. Gewiß ist Sprache auch Kommunikation, Kommunikation ist aber nichts besonders Menschliches, das (animalische) Leben überhaupt ist Kommunikation. Menschlich an der Sprache ist aber das Kognitive. Das heißt Sprache und Denken werden von Herder radikal ineinsgesetzt. Das hatte Herder schon in den Fragmenten im Anschluß an Leibniz getan. In seiner Berliner Abhandlung begründet er das philosophisch. 3.2.Dieses zutiefst kognitive Wesen der Sprache einerseits und - was damit zusammenhängt - die »merveilleuse variété des opérations de notre esprit« andererseits werden nun in Berlin wahrhaft zum Zentrum der Sprachwissenschaft gemacht. Was der Mithridates noch nicht so recht fassen kann, wenn er die Sprachforschung unter die Gesetzgebung der Geschichte stellt, wird hier in diesem Hause explizit programmatisch entfaltet: eine autonome Erforschung der Sprache, die keines höheren Zweckes bedarf, weil sie ihren Zweck in sich trägt. Denn ihr Objekt, die Sprache, hat einen Zweck, der der höchste der Menschheit ist, den Zweck nämlich, die Welt zu denken. Eine solche Wissenschaft braucht daher nicht unter irgendwelche höheren Zwecke gestellt zu werden. Sie ist Wissenschaft des menschlichen Geistes. Am 29. Juni 1820 begründet Humboldt hier an der Berliner Akademie den Neuen Mithridates. Ich halte die erste Akademie-Rede Humboldts damit - gegen die fest eingefahrene Historiographie der Linguistik, die ähnlich eingefahren ist wie die Historiographie der deutschen Geistesgeschichte mit ihrem exklusiven Blick auf die Weimarer Klassik - für einen Neuanfang der Sprachwissenschaft, der mindestens ebenso bedeutsam ist wie der als klassisch angesehene Beginn der Sprachwissenschaft 1816 und 1819, mit Bopps Conjugationssystem und Grimms Deutscher Grammatik. 1820 ist die Geburtsstunde des Neuen Mithridates, einer kognitiven, strukturellen Sprachwissenschaft, die allerdings erst im 20. Jahrhundert erblüht - und inzwischen ja auch schon wieder an ihr Ende gelangt ist. Es ist eine Wissenschaft von den Sprachen der Welt, die darauf beruht, daß der Mensch sein Denken zunächst als Sprache faßt. Die Wissenschaft von den Sprachen ist daher vor allem die Erforschung der wunderbaren Varietät der Operationen unseres Geistes. 3.3.Die Grundgedanken dieser neuen Sprachwissenschaft sollen abschließend mit einigen Zitaten aus Humboldts Akademie-Rede »Über das vergleichende Sprachstudium« belegt werden: 1. Der erste Satz der Rede erhebt die Forderung nach Autonomie der Sprachforschung, die Humboldt ein »Studium«, nicht »Wissenschaft« nennt: Das vergleichende Sprachstudium kann nur dann zu sichren und bedeutenden Aufschlüssen über Sprache, Völkerentwicklung und Menschenbildung führen, wenn man es zu einem eignen, seinen Nutzen und Zweck in sich selbst tragenden Studium macht (Humboldt 1903-36, IV: 1). 2. In den Abschnitten 5, 13 und 16 wird die Synthesis des Denkens als Einheit von Reflexion und Artikulation in der Redeweise der kantischen Philosophie skizziert.9 Sprache ist ein »intellektueller Instinct der Vernunft«, dessen Aufgabe es ist, das »Erkennbare« zu »bearbeiten« (IV: 27), bzw. in der Redeweise des späteren Hauptwerks, den Gedanken zu bilden: »Die Sprache ist das bildende Organ des Gedanken« (VII: 53). 3. Diese »Arbeit des Geistes« (VII: 46) realisiert sich aber immer in den verschiedenen menschlichen Sprachen: Durch die gegenseitige Abhängigkeit des Gedankens, und des Wortes voneinander leuchtet es klar ein, dass die Sprachen nicht eigentlich Mittel sind, die schon erkannte Wahrheit darzustellen, sondern weit mehr, die vorher unerkannte zu entdecken. Ihre Verschiedenheit ist nicht eine von Schällen und Zeichen, sondern ein Verschiedenheit der Weltansichten selbst. Hierin ist der Grund, und der letzte Zweck aller Sprachuntersuchung enthalten (Humboldt 1903-36, IV: 27). Die Erforschung der verschiedenen Weltansichten oder der wunderbaren Vielfalt der Operationen des menschlichen Geistes ist die Begründung für die im ersten Satz geforderte Autonomie der Sprache. 4. Deswegen besteht nun der Kern des vergleichenden Sprachstudiums auch darin, die Sprachen der Welt als solche »Weltansichten« zu erforschen - zunächst in ihrer Struktur und schließlich, wenn es möglich ist, in ihrem Charakter. Die Forderung nach wirklich strukturellen Beschreibungen wird von Humboldt gerade als Alternative zu den bestehenden Mithridatessen formuliert. Im ersten Teil der folgenden Passage hat Humboldt die Wortreihen eines Pallas oder Hervás und die »abweichenden Eigenthümlichkeiten« in Hervás oder Adelung/Vater im Blick, denen er die systematische Ordnung des »inneren Zusammenhangs« gegenüberstellt. Ein Korollar dieser Forderung ist übrigens, daß man Abschied nimmt vom Vaterunser: die verschiedenen Versionen des Vaterunser sind nämlich keine Originaltexte, sondern Übersetzungen und erlauben es daher gerade nicht, die spezifische Struktur der jeweiligen Sprachen richtig zu erfassen. Der Neue Mithridates führt uns also nicht etwa 6000 Vaterunser vor Augen, sondern gar keins: Man hat genug zu thun geglaubt, wenn man einzelne abweichende Eigenthümlichkeiten der Grammatik anmerkte, und mehr, oder weniger zahlreiche Reihen von Wörtern mit einander verglich. Aber auch die Mundart der rohesten Nation ist ein zu edles Werk der Natur, um, in so zufällige Stücke zerschlagen, der Betrachtung fragmentarisch dargestellt zu werden. Sie ist ein organisches Wesen, und man muss sie, als solches, behandeln. Die erste Regel ist daher, zuvörderst jede bekannte Sprache in ihrem inneren Zusammenhange zu studiren, alle darin aufzufindenden Analogien zu verfolgen und systematisch zu ordnen (Humboldt 1903-36, IV: 10). Der »innere Zusammenhang« ist nichts anderes als das, was die moderne Sprachwissenschaft die »Struktur« genannt hat. Dieser Mithridates kann nicht nur zweiundzwanzig Sprachen, auch nicht »bey nahe fünfhundert«, er läßt sich auf die sprachliche Verschiedenheit der ganzen Menschheit ein. Dieser König von Pontus unterwirft sich auf keinen Fall dem Imperium einer einzigen Sprache, selbst wenn es die des Paradieses sein sollte.10 BibliographieAdelung, Johann Christoph / Vater, Johann Severin 1806-17: Mithridates oder allgemeine Sprachenkunde mit dem Vater Unser als Sprachprobe in bey nahe fünfhundert Sprachen und Mundarten, 4 Teile, Berlin: Vossische Buchhandlung (Nachdruck Hildesheim: Olms 1970). 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