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Ute Tintemann Asia polyglottaZu den Sprachstudien von Julius Heinrich KlaprothAbstract Julius Heinrich Klaproth (1783-1835) is considered to be one of the most important orientalists of his time and one of the founders of East Asian studies. Above all, he conducted substantial research into the geography and the languages of the Asian continent. But it was precisely Klaproth's linguistic writings that were criticized many times by his contemporaries as a collection of purely lexical material. I would like to show through an analysis of Asia polyglotta (1823) that with this major work Klaproth was not only one of the first scholars to draw up an extensive classification of the languages of the Asian continent. Even more interestingly, it is precisely Klaproth's thinking on methodology that shows that he classified languages not just according to geographical but also to clearly defined linguistic criteria. Klaproth himself understood his work Asia polyglotta to be a revision of the largest contemporary collections of languages. Thus, he additionally planned the publication of a Mithridates français, i.e. a new edition of the Mithridates by Adelung and Vater that was the most comprehensive collection of languages at that time. Inhalt1. Die Erforschung Asiens als wissenschaftliches Projekt Klaproth 2. Asia polyglotta: Die Sprachen des asiatischen Kontinents im Vergleich 2.1. Klaproths Klassifikation der asiatischen Sprachen 2.3. Sprachverwandtschaften und Diluvium 2.4. Die Stammverwandtschaft aus linguistischer Perspektive 2.5. Aufbau und Struktur der Sprachbeschreibungen 3. Das Projekt eines neuen Mithridates
Julius Heinrich Klaproth (1783-1835), der Sohn des wohl berühmteren Berliner Chemikers Martin Heinrich Klaproth, war zu seiner Zeit einer der bekanntesten Orientalisten und gilt bis heute als einer der Begründer der Ostasienwissenschaften. Dennoch ist sein Werk, mehr noch als seine Person, in Vergessenheit geraten.1 Bekannt geblieben sind zumeist nur seine schroffen Angriffe, die er auf wissenschaftlichem Gebiet gegen viele seiner Kollegen in Form von Streitschriften richtete. Und nicht zuletzt prägte die scharf formulierte Schrift, mit der er sich gegen Champollion wandte und dessen Entzifferung der Hieroglyphen anzweifelte, nachhaltig das Bild des Wissenschaftlers in der öffentlichen Beurteilung. Klaproths »Ätzigkeit«, wie dies Wilhelm von Humboldt formulierte, trübte in der Rezeption häufig den Blick auf die eigentliche wissenschaftliche Tätigkeit dieses Asienforschers. Galt nun bereits die Person Klaproths den Zeitgenossen als streitbar, so galt auch seine wissenschaftliche Tätigkeit als umstritten. Einerseits wurde und wird die Bedeutung der Sprachstudien, die auf Grund ihrer Methode als überholt gelten, eher gering eingeschätzt.2 Andererseits erhielt Klaproth auf Fürsprache Wilhelm von Humboldts im Jahre 1816 die erste Professur für orientalische Sprachen und Literaturen in Preußen an der Universität Bonn; eine Professur, die er jedoch nie angetreten hat. Vielmehr lebte Klaproth bis zu seinem Tod 1835 als Privatgelehrter in Paris. Derart viele Widersprüchlichkeiten hinsichtlich der Person und des wissenschaftlichen oevres, fordern eine erneute und genauere Betrachtung geradezu heraus. Daher möchte ich im folgenden versuchen, zumal detaillierte Untersuchungen hierzu noch ausstehen, die Bedeutung des Linguisten Klaproth zu verdeutlichen. Anhand einer Analyse seines 1823 veröffentlichten Hauptwerkes Asia polyglotta möchte ich zeigen, daß sich Klaproths Sprachstudien nicht singulär als komparatistische Sammlungen von lexikographischem Material verstehen, sondern daß unter Berücksichtigung seiner theoretischen Überlegungen deutlich wird, daß diesen ein naturwissenschaftlich grundierter Ansatz unterliegt, der unter veränderten Prämissen eine Wiederbelebung des Projekts eines neuen Mithridates legitimiert. 1. Die Erforschung Asiens als wissenschaftliches Projekt KlaprothsDie umfassende Erforschung Asiens ist das wissenschaftliche und von ihm lebenslang verfolgte Projekt Klaproths. Sein Interesse an Asien beginnt mit einem Selbststudium der chinesischen Sprache, das er bereits 1797 im Alter von 14 Jahren aufnimmt. Zu Klaproths frühen wissenschaftlichen Arbeiten zählt die Beschreibung orientalischer Bücher aus privaten und öffentlichen Sammlungen, indem er beispielsweise Verzeichnisse der in der königlichen Bibliothek in Berlin und der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg vorhandenen chinesischen Bücher erstellt. Das von Klaproth erstellte Verzeichnis der in Berlin vorhandenen Sinica sei, so Martin Gimm, kein Gesamtkatalog der damaligen Bestände, »sondern eher ein durch verschiedenartige Zusätze, Register, Textauszüge, Tabellen, Exkurse etc. erweitertes Arbeits- und Nachschlagebuch für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit den Berliner Materialien, [...] das ein imponierendes, zu seiner Zeit wohl kaum sonst nachzuweisendes Wissen um chinesische Bücher und Bibliographik zeigt« (Gimm 1995: 562). Ebenso wichtig wie seine editorischen und bibliographischen Arbeiten sind Klaproths Zeitschriftenprojekte. 1802, also im Alter von 18 Jahren, gibt er das Asiatische Magazin heraus, 1810 das Archiv für asiatische Litteratur, Geschichte und Sprache, von dem allerdings nur ein Band erschienen ist. In Paris ist er Mitherausgeber des Journal asiatique (1822-1835) und der Nouvelles annales des voyages (1827-1835).3 Durch die Herausgabe von Zeitschriften und den für diese verfaßten zahlreichen Beiträge möchte Klaproth neue Forschungsergebnisse jeglicher Art über Asien vermitteln. Seine eigenen Studien beziehen sich vor allem auf die Geographie - er hat über 40 Karten, meist als Anhang zu seinen Publikationen, gezeichnet4 -, die Geschichte und die Sprachen des Kaukasus, Zentralasiens, Chinas und seiner Randvölker sowie Japans und Koreas. Dieses sehr breit gestreute Interesse zeigt sich auch im Hinblick auf die von Klaproth erlernten orientalischen Sprachen, denn er hatte über das Chinesische hinaus Kenntnisse des Mandjurischen, d. h. der Sprache der chinesischen Herrscherdynastie, des Mongolischen, Türkischen, Arabischen und Persischen (vgl. Walravens 1999: 4). Umfangreiches geographisches, historisches und sprachliches Material für seine späteren Studien zum asiatischen Teil des russischen Reiches konnte Klaproth auf zwei im Auftrag der St. Petersburger Akademie der Wissenschaften durchgeführten Studienreisen sammeln.5 So begleitete er 1805 als Gelehrter zunächst eine russische Gesandtschaft in Richtung Peking, die jedoch nur bis an die chinesische Grenze gelangte.6 Klaproth reiste dann allein an der russisch-chinesischen Grenze weiter und kehrte erst 1807 nach St. Petersburg zurück. Im selben Jahr noch brach er als Leiter einer zweijährigen Expedition zur Erforschung des Kaukasus auf.7 Ein Teil des auf den Forschungsreisen gesammelten Sprachmaterials veröffentlicht Klaproth zunächst in Zeitschriftenaufsätzen (vgl. z. B. Klaproth 1810b) und im zweiten Band des Berichts seiner Kaukasusreise (Klaproth 1814). Ein Großteil dieses Materials fließt jedoch vor allem in seine große sprachvergleichende Studie Asia polyglotta ein (Klaproth 1823). 2. Asia polyglotta: Die Sprachen des asiatischen Kontinents im VergleichMit seinem 1823 in zwei Bänden in Paris erschienenen Hauptwerk Asia polyglotta, einer vergleichenden Studie zur Klassifikation der Sprachen des asiatischen Kontinents, stellt Klaproth sein Projekt des Sprachvergleichs dezidiert in den Dienst der Ethnographie: Um die verschiedenen Völkerstämme, welche den Erdkreis bewohnen, richtig von einander zu unterscheiden, ist die Sprachvergleichung, da wo Geschichte mangelt, das beste und einzige Mittel (Klaproth 1823: 35). Klaproth knüpft somit an die auf Leibniz zurückgehende Tradition einer Klassifizierung der Völker anhand ihrer Sprachen an.8 Gleichzeitig sieht er sein Werk als Revision des Universalglossariums von Peter Simon Pallas (1786), aber auch des ersten Bandes des Mithridates von Adelung und Vater (1806-17). Bei diesen Sprachsammlungen konstatiert er jeweils nicht nur inhaltliche und methodische Mängel, sondern kritisiert ebenfalls die mangelnden Sprachkenntnisse ihrer Verfasser.9 Obwohl es Klaproth in der Asia polyglotta nicht primär um die Deskription der Sprache als solche, sondern um eine exakte Klassifizierung der Völker und Sprachen Asiens und ihrer Abgrenzung voneinander geht und obwohl seine Studien lediglich auf einer Analyse von lexikalischem Material beruhen, eröffnen gerade seine methodischen Überlegungen einen Zugang zu dem Linguisten Julius Heinrich Klaproth. Um dieses zu verdeutlichen, wird sich die anschließende Analyse verstärkt um die Darstellung des kritischen Methodenbewußtseins von Klaproth bemühen und dieses interpretieren als den Versuch, mit Pallas über Pallas hinauszugehen. 2.1. Klaproths Klassifikation der asiatischen SprachenIm Gegensatz zum Mithridates von Adelung und Vater, der eine Klassifikation der asiatischen Sprachen in »ein- und mehrsylbige Sprachen« vornimmt (Adelung/Vater 1806-17, Bd. 1), teilt Klaproth diese in seiner Studie Asia polyglotta in 23 Sprachfamilien bzw. Sprachstämme ein (Klaproth 1823: 1-4). Soweit ich es überblicken kann, ist er damit der erste, der eine derart ausgearbeitete Einteilung der asiatischen Sprachen nach geographischen und linguistischen Kriterien vorweisen kann. Interessant ist vor allem die Zusammenstellung des ersten Sprachzweiges der »Indo-Germanen«. Klaproth ist der erste, der an dieser Stelle diesen von dem Geographen Malte-Brun 1810 geprägten Terminus »indogermanisch« für den Bereich der Sprachwissenschaft anwendet. Demgegenüber benutzt Franz Bopp diesen Terminus nicht, sondern spricht von den »indoeuropäischen« Sprachen, ein Terminus, der sich heute durchgesetzt hat (Wachter 1997). Zu diesem »indogermanischen« Sprachstamm zählt Klaproth die folgenden Völker: Dieses ist der am weitesten verbreitete Stamm in der Welt, denn seine Wohnsitze fangen auf Zeilon an, gehen über Vorder-Indien und Persien, über den Kaukasus, nach Europa, welchen Erdtheil er fast ganz inne hat, bis zu den Shetlandinseln, dem Nord-Kap und Island. Zu ihm gehören Indier, Perser, Afg'anen, Kurden, Meder, Osseten, Armenier, Slawen, Deutsche, Dänen, Schweden, Normänner, Engländer, Griechen, Lateiner und alle von Lateinern abstammenden Völker Europas (Klaproth 1823: 42). Nach der Entdeckung der Verwandtschaft des Sanskrit mit dem Persischen und den europäischen Sprachen 1786 durch William Jones, ist dies einer der ersten Versuche, den gesamten Sprachraum der indoeuropäischen Sprachen zu benennen. Zudem war es Klaproth bereits 1810 über eine vergleichende Analyse einiger afghanischer und persischer Sätze sowie eines vergleichenden Wörterverzeichnisses gelungen zu zeigen, daß das Afghanische zu dieser Sprachfamilie und nicht zu den semitischen Sprachen gehört, wie bis dahin angenommen wurde (Klaproth 1810c: 76-100). 2.2. SprachverwandtschaftenKlaproths Klassifikation der asiatischen Sprachen ist im Zusammenhang mit seinen theoretischen Überlegungen zur Sprachverwandtschaft zu sehen. Denn Klaproth unterscheidet diesbezüglich zwei Arten der Verwandtschaftsbeziehungen, und zwar die »allgemeine Verwandtschaft der Sprachen« und die »Stammverwandtschaft«: Die allgemeine Sprachverwandtschaft besteht darin, dass in den Sprachen der verschiedensten Völker, bei denen der Bau des Schädels bedeutende Abweichungen zeigt, sich dennoch häufig genug Wörter finden, die dem Laute und der Bedeutung nach mit einander überein kommen (Klaproth 1823: 35). Klaproth versteht hierunter die bei Wörtern unterschiedlicher Sprachen vorkommenden phonetischen und semantischen Übereinstimmungen. So heiße "Ich" im Bretonischen und Georgischen me und »auf den Freundschaftsinseln« mi; "alles" heiße im Chinesischen fan und im Griechischen pan (Klaproth 1823: 39). Diese allgemeine Sprachverwandtschaft müsse man, so Klaproth, als erwiesen annehmen. Jedoch: »Sie scheint nicht anders erklaerbar, als durch die Überbleibsel einer Ursprache, die sich in allen Mundarten der alten und neuen Welt wieder finden [...]« (Klaproth 1823: IX). Weitere Äußerungen etwa zur Entstehung einer solchen Ursprache finden wir bei Klaproth nicht. Es gibt lediglich eine vierseitige Auflistung von ähnlichen Wörtern in ganz unterschiedlichen Sprachen (vgl. Klaproth 1823: 36-39). Das Fazit seiner Überlegungen zur allgemeinen Sprachverwandtschaft ist, daß diese zwar untersuchenswert, aber noch unerklärbar sei und folglich auch nicht als ein Kriterium zur Untersuchung »der Kunde der Völker« herangezogen werden könne (Klaproth 1823: 40). Demgegenüber definiert Klaproth die Stammverwandtschaft folgendermaßen: Diese findet statt, wenn in den Sprachen von Völkern, deren Verwandtschaft sich durch die Geschichte, oder durch physische Gleichförmigkeit ergiebt, eine bedeutende Menge von Wörtern vorkömmt, die bei übereinstimmendem Laute gleiche Bedeutungen haben; wo sich dann auch in dem grammatischen Baue der Sprache unverkennbare Ähnlichkeiten auffinden lassen. Wie im Persischen, Indischen, Germanischen und Slawischen, und überhaupt in allen Sprachen welche zu diesem Stamme gehören (Klaproth 1823: 40). Hier sind die Merkmale genannt, die eine Klassifikation der Sprachen nach ihrer Stammverwandtschaft erlauben. Neben sprachlichen Kriterien - d. h. Affinitäten auf der Ebene der Phonetik, der Lexik und der Grammatik - werden als weitere mögliche Kriterien Gemeinsamkeiten in der Geschichte bzw. in der Physis genannt. 2.3. Sprachverwandtschaften und DiluviumUm die Stammverwandtschaft der Sprachen nachweisen zu können, versucht Klaproth in dem Kapitel »Fluthen und Überschwemmungen« ein historisches Faktum zu rekonstruieren, das ihm als empirischer Beleg dienen soll (Klaproth 1823: 19-34). Denn im Hinblick auf ihre zeitgeschichtliche Einordnung weist er die allgemeine Sprachverwandtschaft einer antediluvianischen, dahingegen die Stammverwandtschaft einer postdiluvianischen Zeitstufe zu, zwischen denen »eine grosse Fluth«, wie Klaproth es ausdrückt, als Zäsur angesetzt wird. Die Stammverwandtschaft wird in seiner Argumentation auf das Diluvium zurückgeführt, und sie wird als Folge desselben präsentiert. Das Diluvium selbst wiederum versucht Klaproth aus dem Bereich des Mythos in ein historisch belegbares und mathematisch berechenbares Faktum zu überführen, und zwar über einen Vergleich der biblischen Geschichte mit Schilderungen eines vergleichbaren Ereignisses in der indischen Mythologie sowie der chinesischen Historiographie. Diese unterschiedlichen Quellen werden zunächst inhaltlich abgeglichen, und anschließend wird über mathematische Berechnungen und Vergleiche ihrer unterschiedlichen Zeitrechnungen der Zeitpunkt des Diluviums auf das Jahr 3076 v. Chr. festgesetzt. Unabhängig davon, ob seine Berechnungen zur Beweisführung legitim sind, erscheint mir wichtig, daß Klaproth über seinen Versuch einer Überführung des Mythos von der Sintflut in eine historisch belegbare Naturkatastrophe einen Ausgangspunkt für seine weitere Argumentation schafft. Denn die nachweisbaren Stammverwandtschaften seien darauf zurückzuführen, daß zum Zeitpunkt des Diluviums die damals existierenden Völker nur auf den höchsten Bergen hätten überleben können, von denen aus sie sich dann im Anschluß daran wieder in der Welt verbreiten konnten (Klaproth 1823: 41-42). Über diese Argumentation ergibt sich in bezug auf die Klassifikation der Sprachstämme für Klaproth eine weitere Möglichkeit, diese über eine geographische Zuordnung zu belegen. Diese Möglichkeit wird von ihm insofern genutzt, indem er in den Einführungen zu den einzelnen Sprachfamilien jeweils das Gebirge benennt, von dem die Dislozierung des Volkes nach der Flut ausgegangen sei (vgl. Klaproth 1823: 43 f., 107 f., 109). Er entwirft hier also ein neues Modell zur Erklärung der Sprachenvielfalt, das jedoch nicht mit der Annahme einer Ursprache, sondern mit dem Diluvium des Jahres 3076 v. Chr. als historisch belegbarem Ereignis einsetzt und so die Erklärung der Sprachenvielfalt aus einer Gruppe von Stammsprachen ermöglicht, »so dass wir nicht nöthig haben den Thurm von Babel zu Hülfe zu nehmen« (Klaproth 1823: 40). Mit anderen Worten: Klaproth entwirft einen theoretischen Überbau, der seine Sprachklassifikation auf eine geographisch und methodisch nachweisbare Basis stellt bzw. in einen »fait positif« verwandelt. Ein solches an empirischen Fakten orientiertes Vorgehen läßt Klaproths Nähe zu den Ideen der Pariser Ideologen, und hier vor allem zur Tradition der »Societé des Observateurs de l'homme«, erkennen. 2.4. Die Stammverwandtschaft aus linguistischer Perspektive:Die Stammverwandtschaft der Sprachen ergibt sich, wenn in Hinblick auf die Sprache »eine bedeutende Menge von Wörtern vorkömmt, die bei übereinstimmendem Laute gleiche Bedeutungen haben; wo sich dann auch in dem grammatischen Baue der Sprache unverkennbare Ähnlichkeiten auffinden lassen« (Klaproth 1823: 40). Als Kriterium für die Zugehörigkeit zu einer Sprachfamilie werden neben Affinitäten auf der Ebene der Phonetik und des Lexikons Übereinstimmungen im grammatischen Bau der Sprachen genannt. Die strukturelle Affinität hält Klaproth jedoch nur für ein hinreichendes Kriterium, die Übereinstimmungen auf der Ebene des Lexikons hingegen für ein notwendiges Kriterium zur Bestimmung der Sprachverwandtschaft. Dem liegt die Annahme zu Grunde, daß die Wurzeln und Wörter einer Sprache im Hinblick auf die Phylogenese der Sprache erst durch die Grammatik überformt worden seien:10 Die Wurzeln und Woerter sind der Stoff der Sprachen, welcher durch die Grammatik geformt wird. Sie bleiben sich gleich, so wie der Diamant Diamant bleibt, er mag als Brillant, als Rosette, oder als Tafelstein geschliffen worden sein (Klaproth 1823: X). Durch seine eigenen Forschungsergebnisse - so die richtige Zuordnung des Afghanischen zu den indogermanischen Sprachen (Klaproth 1810c) - sieht Klaproth die Richtigkeit seiner theoretischen Überlegungen bestätigt. Daß in der Asia polyglotta ausschließlich lexikalisches Material der einzelnen Sprachen miteinander verglichen wird, ist jedoch auch methodologisch begründet. Denn für Klaproth bildete der Sprachvergleich letztendlich nur das Mittel zur Beschreibung der Völker, und er sah sich zudem wegen seines Anspruchs, alle asiatischen Sprachen zu berücksichtigen, mit dem Problem konfrontiert, daß zu etlichen dieser Sprachen noch gar keine grammatischen Beschreibungen vorlagen. 2.5. Aufbau und Struktur der SprachbeschreibungenBei seiner Darstellung der einzelnen Sprachen innerhalb der Sprachstämme stellt Klaproth den eigentlichen Wörterverzeichnissen jeweils eine geographische Einordnung voran. Gelegentlich finden sich auch allgemeine Anmerkungen zur Struktur der Sprache in der Art, wie sie auch in Adelungs und Vaters Mithridates vorkommen, wie folgendes Beispiel zeigt: Die Samojedische Sprache ist sehr kurz im Ausdrucke, und ihr Periodenbau wenig zusammenhängend. Die Worte werden schnell und hart, grössthenteils durch die Kehle ausgesprochen. In den Wurzeln zeigt sie bedeutende Ähnlichkeit mit anderen Asiatischen und entfernteren Sprachen [...] (Klaproth 1823: 140). Auf die einführenden Bemerkungen folgen dann jeweils Wörterverzeichnisse der entsprechenden Sprachen, die in den meisten Fällen komparatistisch angelegt sind. In der Art ihrer Ausfertigung fallen die Wörterverzeichnisse jedoch ganz unterschiedlich aus. So werden im Falle des Samojedischen beispielsweise Sprachvergleiche zu ganz entfernt liegenden Sprachen angestellt, d. h. im Sinne der von Klaproth definierten allgemeinen Sprachverwandtschaft (Klaproth 1823: 140-146). In anderen Fällen hingegen wie etwa bei der Charakterisierung der indogermanischen Sprachen werden nur Vergleichsbeispiele aus dem gleichen Sprachstamm ausgewählt, wie man an dem Auszug aus dem Wörterverzeichnis sehen kann, in dem das Afghanische mit den übrigen indoeuropäischen Sprachen verglichen wird (Klaproth 1823: 59): Deutsch - Afg'an: Auf den ersten Blick wird hier das für Sprachsammlungen der Zeit übliche onomasiologische Verfahren des Sprachvergleichs angewendet, indem anhand einer Übersetzung eines Beispielwortes in andere Sprachen die Affinitäten der Sprachen untereinander nachgewiesen werden. Klaproth stellt jedoch nicht einfach Übersetzungen des deutschen Wortes in die jeweils untersuchte Sprache und verschiedene ähnliche Sprachen nebeneinander. Vielmehr ist die Kongruenz in der Lautform und in der Bedeutung das Kriterium für den Vergleich von Wörtern. Das heißt, es handelt sich hier um einen typologisch angelegten Vergleich,11 bei dem über die Kongruenz der Merkmale Lautform und Bedeutung die Zugehörigkeit von Wörtern zur gleichen Sprachfamilie nachgewiesen wird. Im Hinblick auf die von ihm angestrebte empirische Exaktheit seiner Untersuchungen erreicht Klaproth durch das Aufstellen von genau festgelegten Kriterien für den lexikalischen Vergleich, aber auch durch die Berücksichtigung geographischer Aspekte eine größere Systematik in bezug auf die Klassifikation der Sprachen und Völker des asiatischen Kontinents als seine Vorgänger Pallas sowie Adelung und Vater. Dies entspricht auch der Selbsteinschätzung seines Werks. Denn obwohl Klaproth um die Lückenhaftigkeit, gerade auch der im Sprachatlas (Klaproth 1823a) präsentierten Sammlungen lexikalischen Materials weiß, ist er trotzdem davon überzeugt, daß die grundlegende Klassifikation des von ihm »festgesetzten Völker- und Sprach-Systems Asiens« auch einer vermehrten Kenntnis über diese Sprachen standhalten wird (Klaproth 1823: VIII). 3. Das Projekt eines neuen MithridatesAn komparatistisch angelegten Wörterverzeichnissen als Mittel zur Sprachbeschreibung hält Klaproth nach dem Erscheinen der Asia polyglotta fest, so auch bei der Planung seiner Revision des Mithridates von Adelung und Vater, ein Projekt, das er als Mithridates français (Klaproth 1824: 9) bezeichnet und ab 1823 über mehrere Jahre hinweg mit sehr viel Energie verfolgt. Den geplanten Aufbau seines Mithridates beschreibt er in einem Brief an den Verleger Johann Friedrich Cotta wie folgt: Der Mithridates zerfällt in zwei sehr bestimmte Theile. Der erste enthält ein vergleichendes Vocabular aller Sprachen der Welt, und ist der Bequemlichkeit wegen, nach den geographisch angenommenen Welttheilen classificirt. Der andere enthält, wie Adelungs Mithridates, Abhandlungen über die Sprachen, Ansichten über ihre Grammatik, und Sprachproben mit interlinear Übersetzung und Zergliederung (Klaproth 1999: 109). Für den zweiten Teil des neuen Mithridates übernimmt Klaproth den Aufbau des alten. Gleichwohl ist ihm daran gelegen, dessen Fehler zu revidieren: So soll das Vaterunser als Sprachprobe aufgegeben12 und statt dessen Originaltexte, d. h. »bei Sprachen die Litteratur haben [...,] Stücke aus den besten Prosaisten gewählt werden« (Klaproth 1999: 83 f.). Im Gegensatz zum alten Mithridates sollen auch »die Schriftzeichen und Alphabete aller Nationen« wiedergegeben werden. Die Wiedergabe von Texten in der Originalschrift, das Bemühen um eine exakte Transkription sind ein Problemfeld, mit dem sich Klaproth seit Beginn seiner Forschungen immer wieder beschäftigt. Erste Transkriptionsmodelle zur exakten Wiedergabe der Lautwerte für Buchstaben aus nicht-lateinischen Alphabeten legt Klaproth 1810 in der Zeitschrift Archiv für asiatische Litteratur, Geschichte und Sprachkunde vor.13 Auch dieses ist ein Ausdruck seines wissenschaftlichen Bemühens um empirisch nachweisbare Genauigkeit. Den ersten Band zu den asiatischen Sprachen will Klaproth selbst herausgeben (Klaproth 1824: 10). Als weitere Bearbeiter für den Mithridates sind die jeweils besten Kenner der einzelnen Sprachen vorgesehen, so beispielsweise Wilhelm von Humboldt für die amerikanischen Sprachen, Jean Pierre Abel-Rémusat für das Japanische und andere ostasiatische Sprachen, Franz Bopp für das Sanskrit und Adelbert von Chamisso für die Südseesprachen (vgl. Klaproth 1999: 84). Es werden also die wirklichen Experten ihres Faches für das Projekt bemüht. Das Mithridates-Projekt wird von Klaproth mindestens bis 1829 weiter verfolgt, es scheitert jedoch vermutlich an den Auseinandersetzungen mit dem Verleger Cotta, der den Druck immer wieder hinauszuzögern scheint, wie aus dem Briefwechsel hervorgeht. 4. ZusammenfassungAbschließend gilt es festzuhalten, daß sich die Bedeutung von Klaproths Sprachstudien in verschiedenen Bereichen niederschlägt. So ist er einer der ersten, der nicht nur eine weitreichende Klassifikation der asiatischen Sprachen auf der Basis linguistischer und geographischer Kriterien vornimmt, sondern der darüber hinaus versucht, diese in ein empirisch und historisch begründetes Modell zur Erklärung der Sprachenvielfalt einzubinden. Philosophische Fragestellungen etwa im Hinblick auf Sprache und Denken, aber auch Fragen nach dem Zusammenhang von Sprache und Kultur bleiben in Klaproths Sprachstudien vollkommen ausgeblendet. Jedoch dieses schmälert dennoch nicht Klaproths eigentliche Verdienste, die vor allem sich darin begründen, daß die Vielzahl der Einzeluntersuchungen auf der Grundlage seiner vielfältigen Sprachkenntnisse das Interesse europäischer Gelehrter überhaupt erst auf verschiedene asiatische Völker gelenkt hat. So gilt beispielsweise seine Abhandlung über die Sprache und Schrift der Uiguren von 1820 als »ein Meilenstein in der Erforschung türkischer Sprachen und insbesondere derer der türkischen Völker Zentralasiens« (Scharlipp in Klaproth 1820: V). Daß Klaproth sich auf Grund seines wissenschaftlichen Selbstverständnisses zudem als Förderer einer »Vergleichenden Sprachkunde«, verstanden als »science des faits« (Bulletin 1824: 3), sah, bezeugt seine aktive Mitarbeit am Bulletin des sciences historiques, antiquités, philologie (Bulletin 1824). In dieser Zeitschrift wurde versucht, über eine eigene Rubrik der »philologie ethnographique«14 als »science naissante« ein Forum zu verleihen. Beispielsweise werden im ersten Band des Bulletins neben den großen Sprachenzyklopädien von Hervás y Panduro und Adelung/Vater die Principes de grammaire générale von Destutt de Tracy (1815) oder die Literatur der Grammatiken von Johann Severin Vater (1815) besprochen. Auch eine positive Einschätzung von Klaproths Leben und Werk findet man dort (Bulletin 1824: 25-32). BibliographieAdelung, Friedrich 1815: Catherinens der Grossen Verdienste um die vergleichende Sprachkunde, St. Petersburg: Drechsler (Nachdruck Hamburg: Buske 1976). Adelung, Johann Christoph / Vater, Johann Severin 1806-17: Mithridates oder allgemeine Sprachenkunde mit dem Vater Unser als Sprachprobe in bey nahe fünfhundert Sprachen und Mundarten, 4 Teile, Berlin: Vossische Buchhandlung (Nachdruck Hildesheim/New York: Olms 1970). Anonym 1823 [Rezension]: Ueber Sprachen und Geschichte Asiens. Asia polyglotta. Von J. Klaproth. In: Beilage zur Allgemeinen Zeitung, Nr. 172, S. 685-687 (als Anhang in Adelung 1815). Auroux, Sylvain / Hordé, Tristan 1992: Les grandes compilations et les modèles de mobilité. In: Sylvain Auroux (Hg.), Histoire des idées linguistiques, Bd. 2, Liège: Mardaga, S. 538-579. Auroux, Sylvain / Désirat, Claude / Hordé, Tristan 1992: La question de l'histoire des langues et du comparatisme. In: Brigitte Schlieben-Lange u. a. (Hg.), Europäische Sprachwissenschaft um 1800, Bd. 3, Münster: Nodus, S. 123-133. Bopp, Franz 1816: Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache, Frankfurt/Main: Andreä (Nachdruck London: Routledge & Thoemmes 1995). Breuillard, Jean 1998: Être linguiste en Russie au XVIIIe siècle. In: Cahiers Ferdinand de Saussure 51, S. 77-93. Bulletin 1824: Bulletin des sciences historiques, antiquités, philologie, Bd. 1-2. Coseriu, Eugenio 1983: Sprachtypologie und Typologie sprachlicher Verfahren. In: Manfred Faust/Roland Harweg u. a. (Hg.), Allgemeine Sprachwissenschaft, Sprachtypologie und Textlinguistik: Festschrift für Peter Hartmann, Tübingen: Narr, S. 269-279. Gimm, Martin 1995: Zu Klaproths erstem Katalog chinesischer Bücher, Weimar 1804 - oder: Julius Klaproth als "studentische Hilfskraft" bei Goethe? In: Hedwig Schmidt-Glintzer (Hg.): Das andere China. Festschrift für Wolfgang Bauer zum 65. Geburtstag, Wiesbaden: Harrassowitz, S. 559-599. Klaproth, Julius (Heinrich von) 1810: Archiv für asiatische Litteratur, Geschichte und Sprachkunde, Bd. 1, St. Petersburg: Academischer Verlag (zitiert als Archiv 1810). 1810a: Parallele der vorzüglichsten Schriftarten Asiens mit dem Deutschen Alphabet. In: Archiv 1810, S. 1-8. 1810b: Kaukasische Sprachen. In: Archiv 1810, S. 9-75. 1810c: Ueber den Ursprung der Aghuanen. In: Archiv 1810, S. 76-100. 1812: Reise in den Kaukasus und nach Georgien, Halle/Berlin: Buchhandlungen des Hallischen Waisenhauses (Nachdruck Leipzig: Zentralantiquariat der DDR 1970). 1814: Kaukasische Sprachen. Anhang zur Reise in den Kaukasus und nach Georgien, Halle/Berlin: Buchhandlungen des Hallischen Waisenhauses (Nachdruck Leipzig: Zentralantiquariat der DDR 1970). 1820: Abhandlung über die Sprache und Schrift der Uiguren, Paris: Königliche Drukkerei (Nachdruck mit einem Vorwort v. Wolfgang-Ekkehard Scharlipp), Hamburg: Buske 1985). 1823: Asia polyglotta, Paris: J. M. Eberhardt. 1823a: Asia polyglotta. Sprachatlas, Paris: J. M. Eberhardt. 1824: [Rezension]: Mithridates oder allgemeine Sprachkunde... In: Bulletin, Bd. 1, S. 6-10. 1999: Julius Klaproth (1783-1835). Briefe und Dokumente (Hg. Hartmut Walravens), Wiesbaden: Harrassowitz. Lauch, Annelies 1969: Wissenschaft und kulturelle Beziehungen in der russischen Aufklärung. Zum Wirken H. L. C. 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