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Hartmut Schmidt Moses Mendelssohns Versuch einer Bibelübersetzung für jüdische und auch christliche LeserAbstract Moses Mendelssohn, a devout Jew and committed Berlin Enlightenment philosopher, created an edition of the Old Testament with which he pursued the following aims: a Bible edition in the tradition of the Hebrew Bible with all the usual commentaries complemented by a version of the text in modern German in Hebraic letters, the creation of a basic text for private use based on the German of the Lutheran Bible that took into consideration the level of literacy of its Jewish readers, the (only partly successful) stimulus for an edition of this German translation in German typeface to appear simultaneously as suggested reading for Christians as well,the refinement and modernization of the German language in contemporary Bible editions according to personal knowledge of the text and the traditional Jewish interpretation as the basis for cultural contact between German Christians and Jews. Only parts of Mendelssohn's translation exist: the most important ones are the Torah and the Psalter. However, his work on the Bible was continued by his friends and pupils under foreseeable difficulties. Even though Mendelssohn did not fulfil his aims, his work is a neglected highlight of High German in Berlin around 1800. Inhalt2. Mendelssohns Bibelübersetzung 3.1. Beispiele für die Nähe der Mendelssohn-Übersetzung zum Luthertext 3.2. Beispiele für Mendelssohns Modernisierungsarbeit (Genesis, Kapitel 1-36) 3.4. Mendelssohns Fassung des Dekalogs (2. Moses [Exodus], Kap. 20, 2-14)
1. VoraussetzungenDie Berliner Akademie der Wissenschaften hat den 34jährigen Moses Mendelssohn für seine Abhandlung über die Evidenz in Metaphysischen Wissenschaften durch ihren auf das Jahr 1763 ausgesetzten Preis geehrt, den zweiten Preis, nach Mendelssohn, erhielt Immanuel Kant. Am 7. Februar 1771 wählte die Akademie den erst 41jährigen Mendelssohn zum Mitglied (Albrecht 1986: 112, Grau 1993: 108). Da der König, Friedrich der Große, auf die vollzogene Wahl nicht reagierte, wertete die Akademie sein Schweigen als Ablehnung und ließ die Sache auf sich beruhen. Bis heute wird Mendelssohn durch die Akademie deshalb nicht unter ihren gewählten Mitgliedern genannt. Das Schweigen des Königs ist zum Schweigen der Akademie geworden. Ich möchte mit meinen Bemerkungen versuchen, zwar nicht die philosophische, aber die sprachliche Leistung Mendelssohns in einem wichtigen Teil seines Lebenswerks in Erinnerung zu rufen, und freue mich, daß das in einer Veranstaltung der Berliner Akademie geschehen kann, der er gern angehört hätte. Wolfgang Klein hat in seinem Festvortrag am 25. Juni 1999, dem Leibniztag der Akademie, gesagt: »Wenn Sie sich einmal überlegen, welche Leute hier in Berlin Deutsch reden und in welcher unterschiedlichen Form, dann ist es sehr schwer zu sagen, was eigentlich das Deutsche ausmacht« (Klein 2000: 156). Da das im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert hier in Berlin schon ganz genauso war, werde ich, bevor wir zum eigentlichen Thema kommen, ein paar Worte zur sprachlichen Situation sagen. Dabei müssen wir zwischen der offiziellen Schriftsprache und den verschiedenen Varianten der informellen Alltagssprache unterscheiden. Der Hof und die Akademie pflegten das Französische. Auch die in der Berliner Gesellschaft bedeutsame französische Gemeinde hatte sich zu Mendelssohns Lebzeiten noch nicht vom Französischen getrennt. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren in das berlinisch geprägte Deutsch ihrer Umgebung noch nicht wirklich integriert, Sprache der Synagoge war selbstverständlich das Hebräische, es wurde aber von vielen Gemeindemitgliedern nur unvollkommen verstanden. Auf den Berliner Märkten, die die Stadt mit allen lebenswichtigen Gütern versorgten, herrschten die Sprachformen der ganz überwiegend noch niederdeutsch orientierten märkischen Umgebung. Das waren auch die Sprachformen der aus dem Umland stammenden Bediensteten, der Lehrlinge und Gesellen, aber auch der Söhne des märkischen Adels an Berliner Schulen. Noch viel zu wenig wissen wir über die in Berlin praktizierten Sprachgewohnheiten der aus größeren Entfernungen stammenden Immigranten: religiöse und Wirtschaftsflüchtlinge, noch aktive oder schon invalide Soldaten, Lohnarbeiter; eine ziemlich bunte Mischung, die die Zahl der Alteingesessenen schon im 18. Jahrhundert um ein Mehrfaches überstieg, aus dem soeben erworbenen Schlesien, aus dem schon lange preußischen Pommern, aus der Pfalz, aus Böhmen und aus den gerade aktuellen Teilungen Polens. Eindrucksvoll und schriftsprachlich gefestigt sind die Texte der wichtigen Berliner Zeitungen und Zeitschriften. Eines der bedeutendsten Beispiele für ein publikumorientiertes gediegenes Schriftdeutsch bietet die von Friedrich Gedike und Erich Biester noch zu Mendelssohns Lebzeiten begründete und von 1783 bis 1796 herausgegebene Berlinische Monatsschrift mit einer dichten Folge sehr informativer Artikel über Sprachentwicklung und Sprachgebrauch, öffentliches und privates Schulwesen, wissenschaftliche Pädagogik, zeitgenössische Aufklärungsphilosophie, Menschenrechte und die Entwicklung der preußischen Gesetzgebung. Die wirkliche Vielfalt der Alltagssprache auf den Straßen, auf den Märkten, in den Produktionsstätten und in den Häusern und Familien der Stadt mit den angedeuteten umgangssprachlich-berlinischen, märkisch-niederdeutschen, auch sächsisch-mitteldeutschen, hugenottisch-französischen, jüdisch-deutschen und jiddischen Zügen stand längst auch unter dem Einfluß einer neuen, übergreifenden, mündlich und schriftlich realisierten Bildungssprache. Denken Sie nur an die vielen sprachlich so gelungenen Kirchenlieder Paul Gerhardts, die schon seit dem 17. Jahrhundert von Berlin aus den evangelischen und katholischen Kirchengesang bereichert haben. Die Berliner Bildungssprache folgte im späten 18. Jahrhundert aber nicht mehr ohne weiteres dem durch Adelung, den gebürtigen Pommer, vertretenen Ideal eines obersächsischen Hochdeutsch: »Ich habe noch nie einen vernünftigen Menschen gekannt, der sich gewünscht hätte, vollkommen wie ein Obersachse zu sprechen«, urteilt Erich Biester schon 1783 in seiner Berlinischen Monatsschrift (Berlinische Monatsschrift 1986: 17). Das berlinische Hochdeutsch folgte vielmehr einem Ausspracheideal, das sich durch die in der Stadt auch nach der Ablösung des Niederdeutschen beibehaltene klare Unterscheidung stimmhafter und stimmloser Konsonanten und die relative Bindung auch der Vokalaussprache an frühere niederdeutsche Realisationsmuster auszeichnete (zur Geschichte des berlinischen Deutsch vgl. Schmidt 1988 und 1992). Eben diese - damals im wesentlichen bürgerlich fundierte - hochdeutsche Bildungssprache wollte Mendelssohn auch für die jüdisch-deutsche Minderheit erschließen. Nun also zu Mendelssohns Bibelübersetzung, die zunächst dem Ziel der sprachlichen Bildung seiner »Nation«, wie er selbst in der Regel formulierte, dienen sollte. Sie sollte eine »gebildete Nation« werden, wie Mendelssohn es in seiner Antwort auf die Frage der Berlinischen Monatsschrift »Was heißt aufklären?« im September 1784 (die durch Johann Friedrich Zoellner, Propst an der Berliner Nicolaikirche, im Dezemberstück 1783 aufgeworfen worden war) forderte, wieder vor Kant, dessen berühmtere Antwort erst im Dezemberstück 1784 publiziert wurde. Der Weg zur gebildeten Nation führe über Kultur und Aufklärung: Man kann sagen: die Nürnberger haben mehr Kultur, die Berliner mehr Aufklärung; die Franzosen mehr Kultur, die Engländer mehr Aufklärung; die Sineser viel Kultur und wenig Aufklärung. Die Griechen hatten beides, Kultur und Aufklärung. Sie waren eine gebildete Nation, so wie ihre Sprache eine gebildete Sprache ist. - Ueberhaupt ist die Sprache eines Volks die beste Anzeige seiner Bildung, der Kultur sowohl als der Aufklärung [...] (Mendelssohn in Berlinische Monatsschrift 1784 [9. Stück]: 195 f.). Diese Überzeugung von der Funktion der Sprache im Entwicklungsprozeß zur gebildeten Nation war das wesentliche Motiv Mendelssohns für seine Arbeit an der Bibelübersetzung ins Deutsche und ihrer hebräischen Kommentierung, den zwei Sprachen, deren bessere Beherrschung durch seine »Nation« ihm unerläßlich schien (vgl. Bamberger 1936: 204). 2. Mendelssohns BibelübersetzungMendelssohn, geboren 1729 in Dessau, seit 1743 in Berlin, hatte an sich selbst erfahren, wie wichtig die sprachliche Integration in das literarische Hochdeutsch der deutschen Schriftsteller und Philosophen und auch in die Verkehrssprache der Kaufleute und Fabrikanten für die Anerkennung gewesen war, die er sich im Laufe weniger Jahre in Berlin und weit über Berlin hinaus erwarb. Im Dessauer Haus seines Vaters hatte er, wie Michael Albrecht es formulierte, »spätes West-Jiddisch« gelernt (Albrecht 1986: 15). In Berlin erweiterte er seine Sprachkenntnisse nicht nur durch vorzügliches Deutsch, sondern auch durch Latein, Griechisch, Französisch und Englisch (Livné-Freudenthal 1988: 45). Hebräisch, als Sprache seiner Religion, hatte er schon in Dessau und dann in Berlin bei seinem Lehrer David Fränkel gelernt. Mendelssohn strebte die kulturelle, rechtliche und soziale Integration der Juden in Preußen an, als die wichtigste selbst zu schaffende Voraussetzung dafür erschien ihm die sprachliche Integration. Für sich selbst erreichte er sehr bald den Respekt deutscher und europäischer Intellektueller als Schriftsteller und Philosoph. Er lebte in Berlin in der Spandauer Straße 68 im Haus der Buchhändlerfamilie Nicolai, seit 1752 hier mit Friedrich Nicolai unter einem Dach, und erlebte an diesem Ort mit Lessing und Nicolai intensive und für sein Lebensgefühl entscheidende Jahre einer Freundschaft zu dritt (vgl. Knobloch 1979: 237, Hermsdorf 1987: 66, 85). Zu seinen Korrespondenzpartnern, persönlichen Bekanntschaften und z. T. Freunden zählten in Berlin außerdem auch Johann Erich Biester, Johann Jakob Engel, Daniel Jenisch, Karl Wilhelm Ramler und Johann Georg Sulzer, über Berlin hinaus Leute wie Johann Bernhard Basedow, Alexander Gottlieb Baumgarten, Charles Bonnet, Joachim Heinrich Campe, Johann Joachim Eschenburg, Christian Garve, Johann Gottfried Herder, Isaak Iselin, Friedrich Heinrich Jacobi, Immanuel Kant, Johann Kaspar Lavater, Karl Philipp Moritz (der Mendelssohn im März 1785 in der Berlinischen Monatsschrift einen Aufsatz über seinen Kunstbegriff widmete, s. Hermsdorf 1987: 154), Elise Reimarus, Christoph Martin Wieland, Johann Joachim Winckelmann (dem Friedrich II. ebenfalls die Akademiemitgliedschaft verweigerte, vgl. Grau 1993: 102) und Johann Georg Zimmermann (s. Albrecht 1986: 124 f.). Aber die eigene Emanzipation genügte Mendelssohn nicht. Er wollte eine Brücke von der deutschen Aufklärung zu der der Juden, der Haskala, bauen und so zwischen zwei noch getrennten Welten vermitteln. Nicht durch religiöse, aber durch kulturelle und sprachliche Assimilation hoffte er, die Lebensbedingungen seiner Glaubensbrüder in Berlin, in Preußen, in Deutschland zu verbessern. Diesem Ziel diente schon das 1779 gemeinsam mit seinem Freund David Friedländer veröffentlichte Deutsch-Lehrbuch für die Schüler der von ihm angeregten Jüdischen Freischule in Berlin (Albrecht 1986: 134). Mendelssohn begründete seine Übersetzungsarbeit am Bibelwerk 1779 so: Nach einiger Untersuchung fand ich, daß der Ueberrest meiner Kräfte noch hinreichen könne, meinen Kindern und vielleicht einem ansehnlichen Theil meiner Nation einen guten Dienst zu erzeigen, wenn ich ihnen eine bessere Uebersetzung und Erklärung der heiligen Bücher in die Hände gebe, als sie bisher gehabt. Dieses ist der erste Schritt zur Cultur, von welcher meine Nation leider! in einer solchen Entfernung gehalten wird, daß man an der Möglichkeit einer Verbesserung beynahe verzweifeln möchte (Jub.-Ausg., Bd. 12, 2: 148 f.; zit. nach Albrecht 1986: 135). Mendelssohn hatte bereits 1768 einen Kommentar zum alttestamentlichen Prediger Salomo verfaßt und bald veröffentlicht (Albrecht 1986: 106). Nun übersetzte er die Thora, also die 5 Bücher Moses, außerdem die Psalmen und das Hohe Lied. Seine Thora erschien in hebräischen Lettern in Berlin zwischen 1780 und 1783. 1780 kam der erste Teil von Mendelssohns Bibelübersetzung heraus, das erste Buch Moses. es erschien fast zeitgleich auch in deutschen Lettern, besorgt durch den Theologieprofessor Josias Friedrich Christian Löffler in Frankfurt/Oder. In Frankfurt, der brandenburgischen Universitätsstadt, gab es schon längst eine lebendige Tradition der Pflege hebräischer bzw. jüdischer Texte, hier war - nach dem Vorbild der frühen hebräischen Drucke in Soncino, Venedig, Lublin, Basel, Krakau und Amsterdam - 1697/99 einer der wichtigen großen Talmuddrucke entstanden, und auch Mendelssohns hebräischer Kommentar zur Logik des Maimonides fand 1761 in Frankfurt seinen Drucker (vgl. Albrecht 1986: 77). Löffler betont in seiner Vorrede von 1780, daß er mit seiner deutschen Ausgabe der Übersetzung, die »sich durch eine vorzügliche Genauigkeit, mit der sie dem masorethischen Text und der Grammatick folgt, und durch eine besondere Treue auszeichnet«, einen Wunsch Mendelssohns erfülle (Löffler in: Mendelssohn 1783b: IV und VIII). »Seiner Absicht nach hat er sichs zum Gesetz machen müßen, das hebräische Original in seiner ganzen Simplicität, bis auf [den] Ton der Erzählung und selbst bis auf das Unausgebildete der Sprache, in seiner Uebersetzung darzustellen« (Löffler ebd.: VIII f.). Die Psalmen erschienen in deutschen Lettern 1783, gewidmet Karl Wilhelm Ramler, in hebräischen Lettern in mehreren Bänden zwischen 1785 und 1790, das Hohe Lied erst nach Mendelssohns Tod zuerst in hebräischen Lettern 1788, in deutschen 1789. Die Gesamtausgabe des Alten Testaments in hebräischen Lettern mit der üblichen Zugabe des Kommentars von Raschi (Reb Salomo ben Isaak [bzw. Schlomo ben Jitzchak] aus Troyes, 1040-1105), dazu einem neuen Kommentar der Freunde und Fortsetzer des Bibelwerks (dem »Biur«), aber auch mit der konsequenten Fortführung einer hebräisch gedruckten deutschen Übersetzung, wurde 1806 abgeschlossen und erreichte schon bald danach mehrere neue Auflagen (vgl. Werner Weinberg in der Jub.-Ausg., Bd. 10, 1: LXXI und LXXIII). Mendelssohn hat den deutschen Text der durch ihn übersetzten Teile des Alten Testaments aus der Vorlage selbständig hergestellt. Durch den kommentierten Paralleldruck des hebräischen Textes und der deutschen Übersetzung in hebräischen Zeichen wollten er und seine Nachfolger den eigenen Glaubensbrüdern eine Grundlage für das bessere Verständnis und das Erlernen des Hebräischen und des Deutschen anbieten. Zumindest Mendelssohn selbst wollte aber vermutlich einen Text auch mit Brückenfunktion zur deutschen Lutherbibel schaffen. Die deutschen Ausgaben seiner Texte sollten seiner Gegenwart eine sprachlich modernisierte und sachlich korrigierte Textbasis wohl auch für den Dialog zwischen den Religionen bieten, die gerade durch die Nähe zur Lutherbibel bei Christen um Vertrauen warb. Nicht zuletzt ging es ihm aber schließlich um den Nachweis der poetischen Schönheit biblischer Dichtung. Deshalb hat er (1) viele Formulierungen Luthers, die ihm sachlich korrekt und sprachlich vorbildlich erschienen, bewußt übernommen. Im Vorwort zur Psalmenübersetzung sagt Mendelssohn: Ich bin so wenig in Neuerung verliebt gewesen, daß ich mich sogar, was die Sprache betrifft, genauer an Dr. Luther gehalten, als an spätere Uebersetzer. Wo dieser richtig übersetzt hat, scheinet er mir auch glücklich verdeutscht zu haben: und ich habe selbst die hebräischen Redensarten nicht gescheuet, die er einmal in die Sprache aufgenommen; ob sie gleich nicht ächtes Deutsch seyn mögen. Da sie der Gebrauch nun einmal der Sprache gleichsam einverleibt, und der Andacht geweihet hat; so verliert der Uebersetzer viel, der sie durchaus vermeiden will. (Mendelssohn über seine Übersetzungsprinzipien in: Jub.-Ausg., Bd. 10, 1: 6 f.). Mendelssohns Erwähnung anderer Übersetzer, denen er nicht gefolgt sei, läßt darauf schließen, daß er andere zeitgenössische Übersetzungen zumindest gekannt hat. Ob es also doch auch andere Einflüsse gegeben hat, müßte durch weitere Textvergleiche geprüft werden. Besonders interessant wäre ein Vergleich mit der Übersetzung von Rabbi Josel Witzenhausen (1616-1686), die in die »gottorffische« Biblia Pentapla (1710-12) aufgenommen worden ist.1 (2) In allen Fällen, in denen Mendelssohn Korrekturen der deutschen Bibelsprachtradition aus sachlichen Gründen (Vorlagentreue) oder aus seinem Streben nach besserer Verständlichkeit angebracht erschienen, hat er neue Lösungen vorgeschlagen. (3) Obwohl Mendelssohn in manchen Fällen in der bewußten Bindung an den Luthertext archaisierende Lautformen und Morpheme pflegte (z. B. er entflohe, er sahe; er eilete, säete, schauete; er nennte; es entstund, er verstund, sie ward [alle Beispiele aus der Genesis]), bemühte er sich im Bereich der Lexemwahl deutlich um Modernisierung des Textes und um die Annäherung des Bibeltextes an die Sprache des späten 18. Jahrhunderts. (4) Vor allem in den Psalmen und im Hohen Lied bemühte sich Mendelssohn ganz entschieden auch um die Demonstration der literarischen Schönheit althebräischer Poesie. Die Psalmenübersetzung hatte er zunächst in der Absicht begonnen, die Poesie der Hebräer zu erneuern (vgl. Werner Weinberg in der Jub.-Ausg., Bd. 10,1: X ff., auch Knobloch 1979: 400 f.). 3. Textbeispiele3.1. Beispiele für die Nähe der Mendelssohn-Übersetzung zum Luthertext»An Luthers gewaltige Sprache reicht Mendelssohn ebensowenig heran wie irgendein anderer Übersetzer«, heißt es im Wolfenbütteler Mendelssohn-Katalog (Albrecht 1986: 137). Wir wollen uns das etwas genauer ansehen, vorher möchte ich aber auf das wichtigste Prinzip der Übersetzungskunst Mendelssohns aufmerksam machen: Mendelssohn übersetzt interpretierend. Für ihn gilt die Überzeugung der Rabbiner und aller frommen Juden, daß die hebräische Thora als Gottes Wort in ihrem Textbestand absolut festliege. Jede menschliche Bemühung um den Text der Thora aber habe deutenden Charakter und unterliege damit den Bedingungen der mündlichen Lehre. Mendelssohn sieht nun auch jede Übersetzung des Urtextes in eine andere Sprache als Leistung mit notwendigerweise interpretierenden und kommentierenden Qualitäten an, die unter der Verantwortung und unter dem Recht der Deutungs- und Denkfreiheit dessen erfolgt, der eine solche Leistung erbringt (vgl. dazu Witte 2002: 421 f.). Mendelssohns Bestreben nach interpretierender Modernisierung und nach Heilung dunkler Stellen durch erklärende Eingriffe findet in dieser Überzeugung ihre Rechtfertigung. Wir vergleichen Mendelssohns Text zunächst mit dem Luthers in einer Fassung (1911), die vor den eingreifenden Revisionen des 20. Jahrhunderts liegt und den Ausgaben der Zeit Mendelssohns recht nahe steht. Später werden auch andere Lutherdrucke angeführt. Ausführliche Textvergleiche bietet W. Weinberg in der Jubiläumsausgabe. 3.1.1. Genesis, 1. Kapitel
3.1.2. Ausgewählte Psalmenanfänge
3.2. Beispiele für Mendelssohns Modernisierungsarbeit (Genesis, Kapitel 1-36)3.2.1. Mendelssohn 1783b bemüht sich um das Verständnis dunkler Stellen(20, 16) [Abimelech zu Sarah:] L 1534: ich hab deinem bruder tausent silberling gegeben / Sihe / der sol dir eine decke der augen sein / fur allen die bey dir sind L 1984: [...] das soll eine Decke sein über den Augen aller, die bei dir sind, dir zugute M 1783b: [...] dieses diene dir zur Ehrenerklärung, gegen alle die bey dir sind [ähnlich in der Zürcher Bibel 1966: das soll eine Ehrenrettung für dich sein vor allen, die bei dir sind]. (30, 30) [Jakob zu Laban:] L 1534: der HERR hat dich gesegenet vmb meinen willen L 1545: der HERR hat dich gesegenet durch meinen fus [mit erklärender Anmerkung] L 1911: der HErr hat dich gesegnet durch meinen Fuß [ohne Erklärung] L 1984: der Herr hat dich gesegnet auf jedem meiner Schritte M 1783b: So hat der Ewige dich nach meinem Eintritt gesegnet (30, 41 f.) [Über Jakobs Trick zur besonderen Vermehrung des starken gefleckten Viehs:] L 1534: Wenn aber der laufft der früelinge herde war / legte er die [mit dunklen und hellen Streifen beschnitzten] stebe jnn die rinnen fur die augen der herde / das sie vber den steben empfiengen. Aber jnn der spetlinge laufft / legt er sie nicht hinein. L 1911: Wenn aber der Lauf der Frühlinge-Herde war, legte er die Stäbe in die Rinnen [...]. Aber in der Spätlinge Lauf legte er sie nicht hinein. L 1984: Wenn aber die Brunstzeit der kräftigen Tiere war, legte er die Stäbe in die Rinnen vor die Augen der Herde, daß sie über den Stäben empfingen. Aber wenn die Tiere schwächlich waren, legte er sie nicht hinein. M 1783b: Wenn das frühläufige Vieh erhitzt werden sollte [...]. Wenn aber das Vieh spätläufig ward [...]. (20, 18) [Über die Strafe der Unfruchtbarkeit der Frauen im Hause Abimelechs:] L 1911: Denn der HErr hatte zuvor hart verschlossen alle Mütter des Hauses Abimelechs um Saras, Abrahams Weibes, willen. M 1783b: Denn der Ewige hatte jede Gebährmutter im Hause Abimelechs verschlossen. 3.2.2. Mendelssohn präzisiert die ÜbersetzungsäquivalenteLuther 1911 (mit Angabe Mendelssohn 1783b wichtiger Varianten anderer Ausgaben) (6, 16) Fenster Beleuchtung (19, 3) ungesäuerte Kuchen ungesäuerte Fladen (10, 1) das Geschlecht der die Geburtsfolge der Kinder Noahs Kinder Noachs (33,8) Heer Hirtenlager (19, 28) Ofen Kalkofen (27, 28) Wein Most [für ein noch gärendes Getränk] (21, 19) 1534: pflassche Schlauch 1911: Schlauch (31, 38) deine Schafe und haben deine Schaafe Ziegen sind nicht und Ziegen nicht verlammet unfruchtbar gewesen (29, 15) [Laban zu Jacob:] mein Bruder mein Verwandter (15, 2) 1534: mein hauskelner der Verwalter meines Hauses 1545: mein Hausuogt 1911: dieser [...] wird mein Haus besitzen 1984: mein Knecht (4,22) allerlei Erz- und glänzendes Werkzeug Eisenwerk von Kupfer und Eisen (4,21) Geiger und Pfeifer Harfen- und Zitterschläger 3.2.3. Mendelssohn modernisiert den WortgebrauchLuther 1911 (mit Angabe Mendelssohn 1783b wichtiger Varianten anderer Ausgaben) (8, 11) Vesperzeit Abendzeit (29, 17) Lea hatte ein blödes Gesicht Leas Augen waren blöde (27, 12) begreifen betasten [Isaak den Jakob] (28, 9) Weib Ehefrau (26, 7) die Leute [...] fragten Wenn die Stadtleute sich von seinem Weibe nach seiner Frau erkundigten (6, 11) Frevel Gewaltthätigkeit (12, 10) Teurung Hungersnoth (34, 3) Dirne Jungfer (24, 61) Dirnen Kammermägde (17, 14) 1534: kneblin 1545: Mannsbild Mannsperson 1911: Mannsbild 1984: ein Männlicher (25, 23) zweierlei Leute zwey Nationen (s. Schlußbemerkung) (32, 31) meine Seele meine Person (19, 14) Eidame Schwiegersöhne (20, 16) tausend Silberlinge tausend Silberstücke (31, 28) törlich unvernünftig (26, 35) eitel Herzeleid viel Herzleid (31, 5) ehegestern vorgestern 3.2.4. Mendelssohn bevorzugt KompositaLuther 1911 Mendelssohn 1783b (21, 20) Schütze Bogenschütze (14, 12) Abrams Bruders Sohn ein Brudersohn des Abram (17, 11) ein Zeichen [...] des Bundes das Bundeszeichen (31, 45) Mal Denkmal (6, 7) Erde Erdboden (2, 5) Land Erdreich (2, 17) Baum der Erkenntnis Erkentnißbaum (4, 4) Fett Fettstücken (6, 3) Frist Fristtage (21, 8) Mahl Gastgebot (5, 29) Arbeit Handarbeit (16, 4) Frau Hausfrau (25, 27) ein Jäger [= Esau] ein Jagdverständiger (1, 30) allerlei grün Kraut alles grüne Kräuterwerk (23, 11) der Kinder meines Volks meiner Landesleute (7, 11) des Alters Noahs von dem Lebensalter Noach (3, 22) Baum des Lebens Lebensbaum (6, 17) lebendiger Odem Lebenshauch (5, 8) sein ganzes Alter alle Lebensjahre (30, 2) deines Leibes Frucht Leibesfrucht (2, 8) gegen Morgen zur Morgenseite (14, 11) alle Speise allen ihren Mundvorrath (7, 12) Und kam ein Regen Da war Regenguß (26, 14) an [...] großem Vieh Rindvieh (22, 6) Messer Schlachtmesser (28, 21) Gott Schutzgott (29, 13) seiner Schwester Sohn seinem Schwestersohne (19, 4) die Leute der Stadt Sodom Stadtleute, die Leute von Sedom (25, 16) zwölf Fürsten zwölf Stammfürsten (31, 46) Haufen Steinhaufen (6, 16) drei Boden [in der Arche] unterstes Stockwerk, zweytes Stockwerk, und drittes Stockwerk (13, 7) Hirten Viehhirten (21, 2) um die Zeit zum Zeitpunkt (32, 17) lasset Raum zwischen [...] lasset einen Zwischenraum seyn 3.2.5. Mendelssohn bevorzugt NominalisierungenLuther 1911 (mit Angabe Mendelssohn 1783b wichtiger Varianten anderer Ausgaben) (26, 5) Darum daß Abraham Zur Belohnung, weil [...] gehorsam gewesen ist Abraham [...] gehorsam war (14, 13) Diese waren mit Abram Bundesmänner des Abram im Bund (2, 4) Also ist Himmel und die Entstehungsgeschichte Erde worden des Himmels, und der Erde (14, 13) Da kam einer, der Da kam ein Flüchtling entronnen war (24, 23) Raum [...] zu herbergen Platz [...] zur Nachtherberge (31, 26) 1534: als die durchs schwerd wie Kriegesgefangene gefangen weren 1911: als wenn sie durchs Schwert gefangen wären (8, 9) da ihr Fuß ruhen konnte Ruhestädtte (19, 37) Von dem kommen her der Stammvater des Volks Moab die Moabiter (13, 3) er zog immer fort er reisete seine [...] von Mittag bis [...] Tagereisen von Mittag nach [...] (4, 20) die in Hütten wohneten Zeltenbewohner und Viehtreiber und Vieh zogen (31, 35) es gehet mir nach der weil ich eben Weiberschwachheit Frauen Weise habe So auch bei Adjektiven: (22, 12) daß du Gott fürchtest daß du gottesfürchtig bist (15, 2) Ich gehe dahin ohne Ich gehe kindlos herum Kinder 3.3. Mendelssohn hält sich bei den Namensformen enger an die hebräische Vorlage (alle Beispiele ebenfalls aus Genesis, Kapitel 1-36)Luther 1911 Mendelssohn 1783b Einige Personennamen (überwiegend so an fast allen einschlägigen Stellen): Adam und Heva (!) Adam und Cheva Isaak und Ismael Jitzchack und Jischmael Kain und Habel (!) Kain und Hebel Methusalem Metuschelach Noah Noach Pharao Pharo Rebecca Ribka/Rebka Ausgewählte Länder-, Völker-, Orts- und Flußnamen (z. T. in Varianten begegnend): (12, 10) Ägypten Mizraim (18, 20) Sodom und Gomorra Sedom und Amora (21, 31) Beer-Seba Beer-Scheba (21, 32) der Philister Land das Land Pelischtim (23, 2) Hebron Chebron (23, 2) Kanaan Kenaan (24, 10) gen Mesopotamien, zu der nach Aram-Naharaim, [...] Stadt Stadt Nahors des Nachors (25, 20) Mesopotamien Padan-Aram (25, 9) auf dem Acker in dem Felde des Ephrons, [...] des Hethiters Chittin Ephron (29, 1) das Land, das gen Morgen liegt das Land der Morgenländer (32, 11) Jordan Jarden Pflanzennamen: (30, 14) Dudaim-Beeren Alraun (30, 37) Pappelbäume, Haseln und Espenholz, Nußbaumholz, und Kastanien Kastanienholz 3.4. Mendelssohns Fassung des Dekalogs (2. Moses [Exodus], Kap. 20, 2-14)Die folgenden Abweichungen vom Luthertext sind besonders auffällig:
Unter den Varianten in der Dekalogverdeutschung Mendelssohns erscheinen mir am interessantesten die Abweichungen in den Formulierungen des ersten, fünften und zehnten Gebots: Mendelssohn geht sehr abwägend mit den verschiedenen Gottesnamen um. Die gelegentlich begegnende Ansicht, er habe Luthers »Herr« systematisch vermieden, ist nicht ganz richtig, die oben angeführten Psalmenstellen bezeugen das Vorkommen auch dieser Bezeichnung. Am Beginn der Genesis bleibt »Gott« zunächst die normale Entsprechung der hebräischen Gottesnamen, aber schon ab Kapitel 2, Vers 4 begegnet häufig die wortreichere Umschreibung »das ewige Wesen, Gott« und ab Kapitel 4, Vers 1 wird als Gottesname »der Ewige« sehr gebräuchlich, obwohl andere Varianten oder Kombinationen weiterhin möglich sind. So heißt es nach dem Jakobskampf: »du hast um den Vorzug gestritten mit göttlichen Wesen, und mit Menschen« (Genesis 32, 29). Eine besonders wichtige Verbindung der Bezeichnungen belegt die hier zitierte Formulierung des ersten Gebots »der Ewige, dein Gott«. Das fünfte und das zehnte Gebot geben Gelegenheit, eine andere, oft vergessene sprachliche Hochleistung Berliner Autoren vom Ende des 18. Jahrhunderts wenigstens noch zu erwähnen, das 1794 nach langen Kämpfen schließlich eingeführte Allgemeine Landrecht für die Preussischen Staaten, auf dessen Entstehung auch Mendelssohn durch seine Kontakte mit den beiden Hauptbearbeitern, den Juristen Ernst Ferdinand Klein und Karl Gottlieb Svarez (Schwarz), einen kleinen Einfluß hatte. Es erscheint uns heute nur natürlich, daß das preußische Landrecht sowohl Totschlag wie Mord unter strengste Strafen (Teil 2, 20. Titel, §§ 806, 826, 1193) stellt. An Mendelssohns Text (und der von ihm korrekt übersetzten hebräischen Vorlage) können wir lernen, daß der Gott des Alten Testaments im fünften Gebot des Dekalogs nicht das Töten, sondern nur das Morden untersagt, ein Unterschied, der strafrechtlich und militärpolitisch höchst brisante Folgerungen erlaubt. Das preußische Landrecht hob im 5. Titel des 2. Teils, §§ 196-208, für die preußischen Staaten und alle ihre Einwohner den im 10. Gebot zugelassenen Tatbestand der Sklaverei auf (»Sklaverei soll in den Königlichen Staaten nicht geduldet werden«, § 196) und schränkte das alte Recht der Sklaverei auch für »Fremde« ein (»Fremde, die sich nur eine Zeitlang in Königlichen Landen befinden, behalten ihre Rechte über die mitgebrachten Sklaven. Doch muß ihnen die Obrigkeit Schranken setzen, wenn sie diese Rechte bis zu lebensgefährlichen Mißhandlungen der Sklaven ausdehnen wollen«, § 198 f.). Dies geschah lange bevor diesen Schritt auch die so zivilisierten großen Sklavenhalterstaaten England, Frankreich, Portugal, Spanien und die USA vollzogen und lange bevor Jacob Grimm die Aufhebung der »Knechtschaft« wenigstens in ganz Deutschland durch einen eigenen Verfassungsvorschlag in der Frankfurter Nationalversammlung vergeblich anstrebte, ein Antragstext, der noch im Juli 1848 durch Grimms alten Freund Friedrich Wilhelm Carové auf die Abschaffung der Sklaverei hin präzisiert worden ist, durch Jacob Grimm so auch handschriftlich übernommen wurde, aber in der neuen Form nicht nochmals in die Verhandlungen eingebracht werden konnte (vgl. Schmidt 1987a: 183, 190 f.). 4. Zusammenfassung und SchlußMoses Mendelssohn war in seiner Thora-Übersetzung bestrebt, die Bildungssprache seiner Zeit zu gebrauchen, aber den Anschluß an die Bibelsprache Luthers möglichst zu wahren. Er hat sich um Klarheit, Präzision und - am eindrucksvollsten in den Psalmen - um die Vermittlung der poetischen Schönheit der Vorlage bemüht. Zu den modernen Sprachmitteln zählten für ihn die Techniken der Nominalisierung und die Bevorzugung des Gebrauchs von Komposita. Zum Streben nach Präzision gehörten Vorlagentreue (auffällig in seiner Dekalogfassung) und die Wahrung der hebräischen Namentraditionen. Das Ideal der Klarheit des Ausdrucks zeigt sich in der selbständigen Behandlung dunkler Textstellen, für die er deutende Lesarten oder auch Paraphrasen bevorzugt; so lesen wir: »Sie [...] erblickten eine Caravane (Reisegesellschaft)« (Genesis 37, 25), die Kombination eines zwar lange vor ihm in deutsche Texte eingeführten, aber in der älteren Lutherbibeltradition noch vermiedenen Wortes mit beigegebener Erläuterung (Luther 1534 hat hier: »einen hauffen Ismaeliter [...] mit jren Kamelen«, sonst - mehrfach - »Reisezüge«, z. B. Hiob 6, 18 f.). An manchen Stellen sind Mendelssohns Übersetzungsmittel besonders auffällig, so wenn er von »Mansen und Weibsen« spricht (Genesis 1, 27) und für Luthers »alles, was männlich ist« (Genesis 34, 15) den Ausdruck »alles Mansen« wählt. So auch, wenn in der Thora im Stil des späten 18. Jahrhunderts von Nationen die Rede ist (Genesis 25, 23; Luther: »Leute«), und das sogar auch im privatesten Kontext (allerdings hat auch Luther 1534 in den apokryphen Stücken zu Esther schon ein vereinzeltes »gegen alle Nation«). Bei Mendelssohn lautet die Verheißung an Rebekka: »Der Ewige ließ ihr sagen: / Zwey Völker sind in deinem Leibe, / Zwey Nationen sondern sich von deinem Eingeweide, / Nation ist mächtiger als Nation, / Aelter wird dem Jüngern dienen« (Genesis 25, 23; bei Luther 1534 auch hier: »zweyerley leut«). Derartige Auffälligkeiten der Wortwahl sind zwar oben nur angedeutet worden, doch begegnen sie öfter und verdienen Beachtung. Mendelssohn starb am 4. Januar 1786, im gleichen Jahr, am 17. August, auch Friedrich II. Damit entfiel für die Berliner Akademie der Wissenschaften die Gelegenheit, ihr gewähltes Mitglied vom Nachfolger des großen Königs, Friedrich Wilhelm II., womöglich noch vor dem Amtsantritt des Ministers Johann Christoph von Wöllner, bestätigen zu lassen. Mendelssohns eigener Anteil an der Bibelausgabe konnte nicht fortgeführt werden, auch nicht seine Arbeit an einem Kommentarband zur »deutschen« Ausgabe, den Josias Löffler in seiner Einleitung angekündigt hatte. Löffler selbst gab seine Theologieprofessur in Frankfurt/Oder 1788 auf, als Wöllners Religionsedikt zwischen 1788 und 1793 die Zustände an den preußischen Universitäten für die Aufklärer aller Fakultäten radikal verschlechterte, ging als Generalsuperintendent in das thüringische Gotha und brach die Arbeit an seiner deutschen Ausgabe von Mendelssohns Thora ab (vgl. Barthel 1983: 276). Zwar hatte es nach dem Druck von 1780 im Jahr 1783 noch eine zweite (die oben zitierte) Auflage der »deutschen« Genesis gegeben, aber die Brücke, die Moses Mendelssohn mit der Herausgabe seiner Thora-Übersetzung in deutscher Schrift auch für das christlich-jüdische Religionsgespräch errichten wollte, wurde nicht vollendet. Das Echo auf der christlichen Seite nach der Thora-Übersetzung beschränkte sich im wesentlichen auf gelehrte Rezensionen, obwohl das Gespräch der Intellektuellen in Berlin gegen Ende des 18. Jahrhunderts - wenigstens vor und nach Wöllner - durch die Religionsgrenzen offensichtlich weniger behindert wurde als an anderen Orten und zu späteren Zeiten. Die Berliner jüdische Gemeinde des 18. Jahrhunderts führte ihre Existenz auf eine Entscheidung des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm zurück, der 50 Familien der 1671 aus Wien vertriebenen Juden durch ein Edikt vom 21. Mai 1671 (also noch vor dem Hugenottenedikt, vgl. Zedlitz 1834: 350) einlud, in die preußische Hauptstadt überzusiedeln. Im Jahr 1782 urteilte ein Österreicher erstaunt und anerkennend über das Verhältnis der Religionen in Berlin: »Allein die enge, die ganz innige Vertraulichkeit, mit der hier der Jud und der Christ zusammen lebt, kann man nur von einem Volke erwarten, das durch die Weisheit seines Landesvaters zur Duldung und zur Verachtung angeborner Vorurtheile gelenket ward« (Friedel 1987: 177). Ganz ähnlich darf wohl Johann Friedrich Abegg verstanden werden, der über seine Reiseeindrücke und Besuche bei David Friedländer und Markus Herz und, vermittelt durch David Friedländer, bei den Berliner evangelischen Pröpsten und Akademiemitgliedern Wilhelm Abraham Teller und Johann Friedrich Zöllner berichtete (Abegg [1798] 1976: 103). Moses Mendelssohn, »der erste Philosoph, den das moderne Judentum hervorgebracht hat« (Guttmann 1933: 303), war in Berlin und weit über Berlin hinaus zum Wegbereiter der rechtlichen, sozialen, sprachlichen und kulturellen Assimilierung der deutschen Juden geworden, er selbst »wurde als voll akzeptiertes Mitglied in den Kreis der Berliner Aufklärer einbezogen« (Simon 1984: 208), aber eine dauerhafte, nicht nur für eine intellektuelle Oberschicht, sondern für alle Gruppen seiner Glaubensgenossen geltende Integrationsbereitschaft der deutschen Gesellschaft hat auch er nicht erfahren. Wie er selbst mit seiner Familie die alltägliche Intoleranz des Berliner Stadtpöbels erlebte, hat er deutlich beschrieben: Allhier in diesem sogenannten duldsamen Lande lebe ich [...] durch wahre Intoleranz [...] von allen Seiten beschränkt [...]. Ich ergehe mich zuweilen des Abends mit meiner Frau und meinen Kindern. Papa! Fragt die Unschuld, was ruft uns jener Bursche dort nach? Warum werfen sie mit Steinen hinter uns her? (zit. n. Hermsdorf 1987: 96). Sein Engagement für eine moderne, das Textverständnis über Luther hinaus klärende Bibelübersetzung gehörte für den Philosophen, den Menschenfreund und praktizierenden Juden Moses Mendelssohn sicherlich in das natürliche Gesamtkonzept einer Aufklärung, die auch die gegenseitigen Vorurteile der Religionen und »Nationen« in Frage stellte. Dem Ziel der »gebildeten Nation« wollte er gerade über die sprachliche (und mehrsprachliche) Erziehung nicht nur einer Bildungsschicht, sondern der deutschen Juden insgesamt und so wohl auch der ebenso aufklärungsbedürftigen Christen näher kommen. Daß auf diesem Weg auch die Eignung des Deutschen als Übersetzungssprache durch genauen Vergleich mit dem Hebräischen, durch Reflexion, Modernisierung und Übung zur semantischen und syntaktischen Präzision und zur Ausschöpfung neuer Wortbildungsmöglichkeiten trainiert werden mußte, war ihm wohl klar, jedenfalls hat er das in seiner Spracharbeit praktiziert. Daniel Jenisch, Prediger an der Berliner Marienkirche, Mitbegründer der »Gesellschaft Deutscher Sprach- und Literaturforscher zu Berlin« (s. Koch 1793 und Schmidt 1987b: 748), gab 1789 Moses Mendelssohns kleine philosophische Schriften. Mit einer Skizze seines Lebens und Charakters heraus (s. Jub.-Ausg., Bd. 10, 1, 1985: LXV). Jenisch war einer der bedeutendsten Kenner der großen europäischen Kultursprachen und ihrer Literaturen (vgl. Schmidt 1985: 188 f. und Schlieben-Lange/Weydt 1988). In seiner durch die Berliner Akademie gekrönten Preisschrift Philosophisch-kritische Vergleichung und Würdigung von vierzehn ältern und neuern Sprachen Europas (Berlin 1796) charakterisierte Jenisch die sprachliche Leistung Mendelssohns als eines der wichtigsten guten deutschen Autoren. Aus seiner Würdigung dürfen wir entnehmen, daß Mendelssohn in Berlin nicht nur vorzügliches Hochdeutsch gelernt hat, sondern - auch nach dem Urteil einsichtiger Zeitgenossen - durch sein deutsches Sprachvermögen die moderne Form der deutschen Schriftsprache mitgestaltet hat. Hören wir Daniel Jenisch: Mendelssohn, einer der feinsten Geister der Deutschen, ist an eindringendem Scharfsinn unstreitig von Kant; aber an echt-zierlicher Schreibart, an Feinheit, Keuschheit und Gewandtheit des Ausdrucks, noch von keinem unserer Deutschen Philosophen [...] übertroffen worden. [...] dieser sanfte Schmelz, diese natürliche Kunst, diese Griechische Ründung, entzückt den prüfenden Kenner nur in den Werken des Verfassers der Briefe über die Empfindungen, des Phädon und der Morgenstunden. [...] durch Form und ästhetische Einkleidung bleiben sie musterhafte Denkmäler unserer Sprache (Jenisch 1796: 261 f.). Ich habe Jenischs Urteil für heute nichts mehr hinzuzufügen, auch wenn es auf unserer Tagung nicht um die von Jenisch hier aufgeführten Mendelssohn-Texte ging. Mendelssohn selbst hätte einem solch überschwenglichen Lob ernstlich widersprochen, weil ihm jeder Höhenflug fernlag. Vielleicht darf ich aber noch einen nicht die Bibel betreffenden Satz von Mendelssohn selbst zitieren, mit dem er seine schon erwähnte Beantwortung der Frage »Was heißt aufklären?« im September 1784 in der Berlinischen Monatsschrift beschloß. Mendelssohn mahnte seine Leser am Ende zur Bescheidenheit: Eine gebildete Nation kennet in sich keine andere Gefahr, als das Uebermaaß ihrer Nationalglükseligkeit; welches, wie die vollkommenste Gesundheit des menschlichen Körpers, schon an und für sich eine Krankheit, oder der Uebergang zur Krankheit genannt werden kann. Eine Nation, die durch die Bildung auf den höchsten Gipfel der Nationalglükseligkeit gekommen, ist eben dadurch in Gefahr zu stürzen, weil sie nicht höher steigen kann. - Jedoch dieses führt zu weit ab von der vorliegenden Frage! (Berlinische Monatsschrift 1784: 200). Nun danke ich Ihnen, daß ich in den Räumen der Akademie über das verhinderte Akademiemitglied Moses Mendelssohn sprechen durfte, der in Berlin nicht einmal einen bescheidenen Platz an der Seite seiner Freunde, des Dichters G. E. Lessing und des Philosophen I. Kant, oder auch des Komponisten C. H. Graun, unter dem Schweif des Pferdes des großen Königs Unter den Linden einnehmen konnte, dem Ort, den Christian Rauch angemessen fand für die preußischen Intellektuellen. BibliographieAbegg, Johann Friedrich 1976: Reisetagebuch von 1798. Erstausgabe (Hg. Walter u. Jolanda Abegg in Zusammenarbeit mit Zwi Batscha), Frankfurt am Main: Insel. ADB 1875-1912: Allgemeine Deutsche Biographie. München und Leipzig: Duncker & Humblot. 56 Bände. Albertsen, Leif Ludwig 1975: Die Eintagsliteratur der Goethezeit. [Mit] Proben aus den Werken von Julius von Voß. Bern und Frankfurt/M.: Lang. Albrecht, Michael 1986: Moses Mendelssohn 1729-1786. Das Lebenswerk eines jüdischen Denkers der deutschen Aufklärung, Weinheim: VCH (Katalog der Wolfenbütteler Mendelssohnausstellung 4.-24. 9. 1986). Allgemeines Landrecht 1794: Allgemeines Landrecht für die Preussischen Staaten. Unveränderter Abdruck der Ausgabe von 1821, 2 Teile in 4 Bänden, Berlin: Nauck 1835. Bamberger, Fritz 1936: Moses Mendelssohn. 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