Sprache und Sprachen in Berlin um 1800. Herausgegeben von Ute Tintemann und Jürgen Trabant
Language and Languages in Berlin around 1800. Edited by Ute Tintemann and Jürgen Trabant

Online-Publikation des gleichnamigen Tagungsbandes des Projektes
"Berliner Klassik. Eine Großstadtkultur um 1800".
Gefördert von der VolkswagenStiftung


Inhalt

Abstracts in English

Suche

Lesehilfe

Impressum


Alle Texte im Überblick
Tintemann/Trabant:
Vorwort
Teil 1
Gessinger:
Campe und die Preisfrage zur Reinheit der deutschen Sprache
Böhm:
Mehrsprachigkeit am Waisenhaus der Französischen Kolonie
Volmer:
Sprachbewußtsein durch Diglossie
Wiedemann:
Deutsch-französische Rederaison
Gruschka:
Jiddisch und jüdische Identität: Euchels "Reb Henoch"
Schmidt:
Mendelssohns Versuch einer Bibelübersetzung
Teil 2
Trabant:
Mithridates in Berlin
Haßler:
Typologie und Anthropologie bei Hervás
Kaltz:
Kraus zu Pallas' »Vergl. Glossarium aller Sprachen«
Ute Tintemann:
Zu den Sprachstudien J. H. Klaproths
Schlieben-Lange/Weydt:
Jenischs Antwort auf die Preisfrage der Berliner Akademie
Marazzini:
Deninas Beitrag zur Geschichte der Sprachwissenschaft
Rousseau:
Schlözer et Humboldt

Thouard:
Humboldt et Bernhardi

Zollna:
Bernhardi und Destutt de Tracy
 

 

 

 

Brigitte Schlieben-Lange / Harald Weydt

Die Antwort Daniel Jenischs auf die Preisfrage der Berliner Akademie zur »Vergleichung der Hauptsprachen Europas« von 1794

Abstract

In his prize-winning paper concerning the comparative study of the major languages of Europe, the Berliner theologist Daniel Jenisch makes an assessment of the 14 major European languages, in which the literary works of their best poets orient his approach. First of all, in a brief theoretical section, Jenisch establishes four criteria - richness, emphatic quality, clarity/precision, and harmony - for his comparison of the languages. These are regarded by Jenisch (and similarly by Humboldt later) as individuals whose character is manifested in literary texts. Jenisch, however, rejected the question about the ideal language that was part of the prize question of the Berlin Royal Academy. He views each language as having merits but also disadvantages which distinguish it from the others. Jenisch's comparative study of languages brings to an end a method of comparing languages that goes back to Dante, namely the comparison of languages based on the works of their best authors.

Inhalt

Der Wettbewerb

I. Daniel Jenisch

II. Kulturelle und politische Voraussetzungen

III. Traditionen

1. Wettbewerbe
2. Die Einheit des Diskurses über Literatur und Sprache

IV. Jenischs Preisschrift

V. Charakterisierung der romanischen Sprachen

VI. Schluß

Bibliographie

Anmerkungen

Der Wettbewerb

Im Jahre 1796 erschien in Berlin das Buch Philosophisch-kritische Vergleichung und Würdigung von 14 ältern und neuern Sprachen Europens, namentlich: der Griechischen, Lateinischen; Italienischen, Spanischen, Portugiesischen, Französischen; Englischen, Deutschen, Holländischen, Dänischen, Schwedischen; Polnischen, Russischen, Litthauischen von Daniel Jenisch, Prediger in Berlin. Diese über 500 Seiten umfassende Schrift war die preisgekrönte Antwort auf den akademischen Wettbewerb, der von der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften zunächst 1792 ausgeschrieben und dann auf 1794 verschoben worden war. Der Ausschreibungstext der Akademie lautete: »Vergleichung der Hauptsprachen Europas, lebender und todter, in Bezug auf Reichtum, Regelmässigkeit, Kraft, Harmonie und anderer Vorzüge; in welchen Beziehungen ist die eine der anderen überlegen, welche kommen der Vollkommenheit menschlicher Sprache am nächsten?« Diese erstaunliche Schrift ist von den Historiographen der Linguistik kaum zur Kenntnis genommen worden. Einer der Gründe dafür ist sicher darin zu suchen, daß sie zu einer Zeit diskutiert und veröffentlicht wurde, die als Tiefpunkt der Geschichte der Preußischen Akademie angesehen wird, als eine Epoche, die zwischen zwei Glanzzeiten in der Geschichte dieser Akademie liegt.1 Diese Epoche, die vielen Betrachtern der Wissenschaftsgeschichte so unbedeutend erschien, liegt zwischen der Zeit, in der die Akademie der Wissenschaften, als französisch orientierte »Académie des Sciences et des Belles Lettres« unter Friedrich dem Großen europäisches Format und Prestige gewann, und vor jener Zeit, in der die Akademie unter Alexander und Wilhelm von Humboldt zum geistigen Mittelpunkt Europas wurde. Hier soll nicht untersucht werden, ob dieses Urteil zu Recht bestand. Es kann nicht bezweifelt werden, daß die Akademie zu dieser Zeit keine wichtigen Impulse an die Entwicklung der deutschen Philosophie des Idealismus ausgesandt hat. Es sollte jedoch untersucht werden, ob nicht eben dieses Urteil über diese Forschungstalsohle geradezu verhindert hat wahrzunehmen, daß in jener Zeit ein ruhiger Fortgang der Forschungsarbeit an den schon ins Auge gefaßten Problemen eine verstärkte Rezeption der Kantischen Ideen und neuer Synthesen die Arbeit an der Akademie bestimmt haben.

Im folgenden soll Jenischs bislang wenig zur Kenntnis genommene Schrift genauer behandelt werden, weil sie inhaltlich hochinteressant ist und weil sie im Schnittpunkt bemerkenswerter wissenschaftlicher Traditionen und Entwicklungen liegt. Sie setzt einerseits die Tradition der Akademiewettbewerbe zu sprachtheoretischen Fragen fort und stellt in gewisser Hinsicht einen Schlußpunkt der literaturorientierten Sprachbetrachtung dar; andererseits bereitet sie eine Sprachbetrachtung vor, die sich vorurteilsfrei mit der Vielfalt der menschlichen Sprachen beschäftigt.

I. Daniel Jenisch

Der Preisträger dieser Schrift, Daniel Jenisch, wurde 1762 zu Heiligenbeil in Ostpreußen geboren. Welches Ende er nahm, ist nicht ganz geklärt. Die herrschende Meinung sagt aus, daß er sich am 9. Februar 1804 in einem Anfall von Schwermut in die Spree gestürzt und so seinem Leben ein Ende gesetzt habe. Es gibt jedoch auch das Gerücht, er habe heimlich Berlin verlassen und sei in ein Kloster entwichen. Auf jeden Fall hat er ein sehr arbeitsreiches Leben geführt. Ab 1789 war er Prediger in Berlin, zunächst an der Marien- und später an der Nikolaikirche. Zugleich war er Professor der Altertümer an der Berliner Akademie der Bildenden Künste, Professor des Geschäftsstils bei der Bauakademie und hatte außerdem ein öffentliches Lehramt für Deutsche Literatur am noch heute bestehenden Französischen Gymnasium in Berlin inne. Er übersetzte altgriechische Texte (den Agamemnon des Aischylos, die Ethik des Aristoteles), er übersetzte das Handbuch der Philosophischen Kritik der Literatur von Harris aus dem Englischen und verfaßte selbst verschiedene literarische Werke: ein Epos Borussias in zwölf Gesängen, ein langes episches Gedicht über die Taten Friedrichs des Großen im Siebenjährigen Krieg und ein lyrisch-episches Gedicht über die Französische Revolution. Außer der preisgekrönten Schrift, die die vierzehn Sprachen vergleicht, verfaßte er weitere umfangreiche theoretische Schriften. Unter ihnen sind besonders die Schrift Über Grund und Werth der Entdeckungen des Herrn Professor Kantin der Metaphysik, Moral und Ästhetik (Accessit der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften, 1796), die Schrift über den Geist und Charakter des 18. Jahrhunderts (1800-1801) sowie der zweibändige Universalhistorische Überblick über die Entwickelung des Menschengeschlechts, als eines sich fortbildenden Ganzen: eine Philosophie der Culturgeschichte (1801) hervorzuheben. Er repräsentiert somit den Typ des Gelehrten im 18. Jahrhundert, der sich zu vielen verschiedenen Sachgebieten kompetent äußern kann. Selber Theologe, behandelt er philosophische, sprachtheoretische und literaturtheoretische Fragen. Dem entspricht auch die Tatsache, daß er gleichzeitig eine Vielzahl von Ämtern an höchst unterschiedlichen Institutionen wahrnimmt, als Prediger, als Lehrer und als Professor. Er ist also auch institutionell nicht in der Weise festgelegt, wie es im 19. Jahrhundert im Zuge der Professionalisierung Sprach- und Literaturwissenschaftler waren. Dieser Gelehrtentyp, der, institutionell nicht fest verankert, in mehreren Wissenschaftszweigen zu Hause ist, findet sich im 18. Jahrhundert auch in anderen Ländern. Typisch für den preußischen Nicht-Spezialisten (und Nicht-Fachidioten) Jenisch ist zusätzlich noch, daß er eine Vielzahl von Sprachen kennt und auch beherrscht, wie sich an seiner umfangreichen Übersetzungstätigkeit und an der Souveränität, mit der er mit den betreffenden Literaturen umgeht, ablesen läßt. Ein anderer Aspekt dieser Nicht-Spezialisierung ist die Tatsache, daß Jenisch nicht nur Literatur kritisiert und theoretisch bearbeitet, sondern daß er selbst auch Literatur verfaßt.

II. Kulturelle und politische Voraussetzungen

Vor welchem Hintergrund müssen wir Jenischs Preisschrift interpretieren? Ganz offensichtlich fällt diese Preisschrift in die Phase der Entfranzösisierung der Berliner Akademie nach dem Tode Friedrichs des Zweiten. Zu dessen Lebzeiten war die Akademie vollständig an Frankreich orientiert. Friedrich der Zweite selbst nahm deutsche Literatur kaum wahr; die Wettbewerbe wurden auf französisch formuliert, alle Veröffentlichungen der Akademie wurden auf französisch geschrieben oder mußten ins Französische übersetzt werden. Gegen Ende von Friedrichs Lebzeiten wurden keine neuen Mitglieder mehr in die Akademie aufgenommen; die neuen Impulse der Philosophie und Literatur in Deutschland, repräsentiert durch Namen wie Winckelmann, Voss, Wieland, Lessing, Kant, Herder und Goethe, wurden kaum zur Kenntnis genommen. Unmittelbar nach Friedrichs Tod berief Hertzberg 1786 fünfzehn neue Mitglieder in die Akademie, zum großen Teil Deutsche. Formey, der alte Sekretär der Akademie, interpretierte diese Veränderung sofort als »Verschwörung gegen die französische Sprache«.

// zum Seitenanfang //    Seite 119


Diese Veränderung in der Akademie entspricht einer allgemeinen Veränderung in den kulturellen und politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich. Frankreich verlor als kulturelles Vorbild an Bedeutung; die Französische Revolution beseitigte jenen Hof, der für die preußische Monarchie kulturelles Vorbild gewesen war. Die politischen Neuerungen der Französischen Revolution wurden zwar einerseits fasziniert, aber andererseits auch mit großer Resignation und Skepsis wahrgenommen. Dieser Verlust des kulturellen und politischen Modells Frankreichs schuf ein Vakuum.

Andererseits fallen die Entwicklung und Rezeption der Kantschen Philosophie und die Entstehung der deutschen Klassik in diese Zeit, die eine Stärkung des Vertrauens in die eigene kulturelle Produktivität und in die Ausdrucksfähigkeit der deutschen Sprache mit sich bringen. -

Insgesamt sind die 90er Jahre auch durch eine große Offenheit im Bereich der Bildung und Ausbildung gekennzeichnet. Die alten Bildungsinstitutionen und besonders die Universitäten als reine Lehranstalten werden als ungenügend empfunden. Dies betrifft besonders die Organisation der alten »Artes«, die bis zu diesem Zeitpunkt in den Universitäten lediglich die Funktion eines Propädeutikums hatten, das das Theologie- und Jurisprudenzstudium vorbereiten sollte. In der uns interessierenden Zeit bahnen sich erste Änderungen an. So ist etwa das Seminar für Klassische Philologie von Friedrich August Wolf an der Universität Halle die erste Institution, in der Fachphilologen, also Philologen, die nicht Hilfswissenschaften für andere Fächer betreiben, ausgebildet werden (vgl. Hültenschmidt 1985: 351-356). Dieser allgemein feststellbare Zug zur Professionalisierung, d. h. zur Ausbildung von Fachleuten für bestimmte Gebiete und zur stärkeren Abgrenzung der Fächer, zeigt sich besonders in der Philologie. Der Typus des nichtspezialisierten Universalgelehrten, wie er noch durch Jenisch repräsentiert wird, beginnt problematisch zu werden. Die 90er Jahre müssen in dieser Hinsicht als Umbruchzeit verstanden werden. Gerade für die Philologie ist es im ausgehenden 18. Jahrhundert noch völlig offen, wo sie ihren institutionellen Ort finden wird.

III. Traditionen

1. Wettbewerbe

Jenischs Preisschrift reiht sich in eine lange Folge von Antworten auf Wettbewerbsfragen der Berliner Akademie ein. Die Wettbewerbsthemen und die darauf eingegangenen Antworten sind bislang nur zu einem geringen Teil ausgewertet. Die Ausschreibung von Preisfragen stellte im 18. Jahrhundert eine völlig übliche und offenbar gut funktionierende Form der Wissenschaftslenkung, -konzentration und -politik dar. Man erreichte auf diese Weise - in einer Zeit, in der wissenschaftliche Kongresse noch nicht möglich waren - mit geringem Einsatz (für Jenischs Schrift gab es einen Preis von 50 Dukaten), daß eine Gruppe von Gelehrten sich intensiv mit einem bestimmten Problem auseinandersetzte.2 Preisfragen wurden nicht nur an den großen Akademien der Metropolen, sondern auch an den Provinzakademien Frankreichs ausgeschrieben.3

// zum Seitenanfang //    Seite 120


Nimmt man an, daß die Preisfragen der Akademien dazu dienten, die gemeinschaftlichen Bemühungen auf besonders aktuelle wissenschaftliche Fragen zu konzentrieren, so kann man die jeweils von einer Akademie formulierten Preisfragen als Indikator dafür werten, welche Fragen zu der jeweiligen Zeit als wichtig und der wissenschaftlichen Bearbeitung bedürftig galten. Die Fragestellungen der Berliner Akademie stellen ein ausgewogenes Mischungsverhältnis von naturwissenschaftlichen, philosophischen, moralischen, ästhetischen, historischen4 und sprachtheoretischen Problemen dar. Einige der wichtigsten sprachtheoretischen Schriften des 18. Jahrhunderts waren gerade Antworten auf Preisfragen der Berliner Akademie, so etwa die Antwort von Michaelis auf die Frage von 1759:

Quelle est l'influence réciproque des opinions du peuple sur le langage et du langage sur les opinions? (après avoir rendu sensible, comment un tour d'esprit produit une Langue, laquelle Langue donne ensuite à l'esprit un tour plus ou moins favorable aux idées vraies, on pourroit rechercher les moyens les plus pratiquables de remédier aux inconvéniens des Langues),

die Antwort von Herder auf die Frage von 1771:

En supposant les hommes abandonnés à leurs facultés naturelles, sont-ils en état d'inventer le langage? Et par quels moyens parviendront-ils d'eux-mêmes à cette invention? On demanderoit une hypothèse qui expliquât la chose clairement, et qui satisfît a toutes les difficultés.

und schließlich die beiden Preisschriften von Rivarol und Schwab zur Rolle des Französischen als Universalsprache als Antwort auf die Fragen von 1784:

Qu' est-ce qui a fait de la langue françoise la langue universelle de l'Europe? Par où mérite-t-elle cette prérogative? Peut-on présumer qu'elle la conserve?

Die nächste sprachwissenschaftliche Preisfrage der Akademie war dann bereits die, auf die Jenisch mit der uns hier beschäftigenden Schrift antwortete.

// zum Seitenanfang //    Seite 121


Charakteristisch für diese Situation ist, daß die Akademie fast gleichzeitig einen Wettbewerb mit einem verwandten Thema ausgeschrieben hat, nämlich »über die Vervollkommnung der deutschen Sprache«, der von Campe gewonnen wurde und zu dem auch Kinderling einen akzeptierten Beitrag geschrieben hat. Diese Aufgabe wurde im Jahre 1793, also nach unserer Wettbewerbsfrage, gestellt; jedoch wurde der Wettbewerb früher abgeschlossen, da die uns betreffende Frage 1794 wiederholt wurde.

Zwischen den beiden Preisfragen, der von 1784, auf die u. a. Rivarol und Schwab ihre Schriften einsandten, und der von 1792/1794, auf die Jenisch antwortete, besteht ein innerer Zusammenhang. Wir wollen deshalb noch einmal ausführlicher auf das Konzept der Universalsprache eingehen, auf das in der Preisfrage von 1784 Bezug genommen wird. Dieser Begriff ist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts keineswegs eindeutig. Einerseits, in einem restriktiven Verständnis, wird darunter eine Kunstsprache verstanden, die nur im Medium der Schrift besteht und der keine lautliche Realisierung entspricht. Diese Entwicklung einer »Pasigraphie« steht in der Tradition von Leibniz und seinen Vorgängern. Gerade im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts wurden wieder verstärkt Vorschläge zur Konstruktion einer Universalsprache in diesem Sinne gemacht (vgl. Couturat/Leau 1907). Andererseits kann aber mit Universalsprache auch eine natürliche Sprache gemeint sein, die die Funktionen des Lateinischen als allgemeiner Wissenschaftssprache übernimmt. Ein zentrales Problem der Wissenschaften im 18. Jahrhundert war ja genau das, daß das Lateinische seine Funktion als allgemeine Wissenschaftssprache verloren hatte und daß nicht klar war, ob eine einzelne moderne Sprache wie das Französische das Lateinische in dieser Funktion ablösen sollte oder aber ob eine Mehrzahl moderner Kultursprachen für diese Funktion ausgebildet werden sollte. So beklagt z. B. D'Alembert im Vorwort zur Encyclopédie den ungeheuren Zeitverlust, den die Erlernung der verschiedenen modernen Kultursprachen gegenüber der Erlernung des Lateinischen bedeute. In der Berliner Akademie hatte man sich nun für die Lösung entschieden, daß das Französische das Lateinische in dieser Funktion ersetzen sollte.5 Die Veröffentlichungen der Berliner Akademie wurden auf französisch verbreitet, damit die Ergebnisse gerade auch außerhalb der Grenzen des deutschen Sprachraums rezipiert werden konnten. Diese Entscheidung für das Französische als Wissenschaftssprache war übrigens keineswegs unumstritten und brachte eine Reihe von Problemen mit sich. So lehnte z. B. der Philosoph Christian Wolff die Berufung an die Akademie mit der Begründung ab, er sei des Französischen nicht in hinreichendem Maße mächtig.6 Die Frage nach der Universalsprache konnte aber auch noch weitergehend verstanden werden, nämlich als Frage nach einer allgemein verbreiteten Zivilisationssprache, die sich nicht nur auf die Wissenschaften beschränken würde. In diesem weiten Sinne interpretiert übrigens auch Rivarol die Fragestellung. Es sei angemerkt, daß im Gebrauch von universel, universaliser im 18. Jahrhundert durchaus auch noch die Bedeutung "Gemeinsprache", "Koiné" mitschwingt. Mit diesen Begriffen verbindet sich also nicht notwendigerweise ein Anspruch auf hegemoniale Geltung in der Wissenschaft oder in weiteren Bereichen. Für die Verwendung im Sinne von Koiné spricht etwa die Verwendung von universel bei Papon in Hinsicht auf das Provenzalische (Schlieben-Lange 1984).

Ob Rivarol oder Schwab den Preis erhalten sollten, war lange Zeit zwischen den Preisrichtern umstritten, und die Teilung war letztlich ein Kompromiß, der zwischen zwei Parteien zustande kam, die einerseits Schwab, andererseits Rivarol favorisierten (Piedmont 1984). Dabei spielten auch die Muttersprache bzw. die Sprachkenntnisse der Preisrichter eine nicht geringe Rolle. Offensichtlich haben vor allem die französischen Preisrichter, die das Deutsche nicht lesen konnten, Rivarol favorisiert, während die Deutschen sich stärker für Schwab einsetzten. Rivarol legt die Frage der Akademie sehr weitgehend aus. Für ihn geht es nicht so sehr um die Ersetzung des Lateinischen als Wissenschaftssprache, sondern um den Vorrang des Französischen als allgemeiner Zivilisationssprache. Den Nachweis führt er in einem ersten Kapitel durch teilweise recht gut formulierte historische Argumentationen, im zweiten Kapitel eher durch eine Aneinanderreihung von Stereotypen, die letztlich als Versuche eines Sprechers verstanden werden müssen, die Überlegenheit der eigenen Muttersprache nachzuweisen. Aus heutiger Perspektive erscheint die Zuteilung des Preises an Rivarol nicht mehr recht verständlich. Sicher ist auch nach den langen Auseinandersetzungen um die Preisverleihung und angesichts der borniert-französischen Perspektive in der Akademie selbst ein Unbehagen über diese Preisverleihung zurückgeblieben, das wohl dazu beigetragen hat, daß 1792 noch einmal eine ähnliche Frage, ausgehend von anderen Voraussetzungen, formuliert wurde. Es ging nun nicht mehr darum, daß die Überlegenheit einer Sprache, des Französischen, gerechtfertigt werden sollte, sondern Grundlagen und Kriterien selbst der Beurteilung von Sprachen standen nunmehr zur Diskussion. Gerade an dem Unterschied der beiden Fragestellungen von 1784 und 1792 zeigt sich auch der oben (II.) skizzierte Prozeß der Entfranzösisierung.

2. Die Einheit des Diskurses über Literatur und Sprache

Jenischs Hauptargumentation folgt der Tradition, Sprachen hinsichtlich ihrer Eignung für bestimmte literarische Gattungen zu beurteilen. Diese Nähe der Diskurse über Literatur und über Sprache wird schon allein durch die institutionelle Verankerung von Rhetorik und Grammatik in Form der gemeinsamen Propädeutik in den Artes Liberales nahegelegt. Sie ist auch deutlich ersichtlich aus unzähligen Traktaten über Sprache, von Dantes Diskussion der italienischen Dialekte, die gerade unter dem Gesichtspunkt ihrer Eignung für hohe Literatur erfolgte, über Du Bellay, der das Französische auf seine Eignung für bestimmte literarische Gattungen hin befragte, bis hin zu Beauzees Encyclopédie-Artikel »Langue«, der im Schlußkapitel über die Bewertung von Sprachen genau auf solche aus der Rhetorik gewonnene Kriterien zurückgreift. Wahrscheinlich ist in dieser Tradition auch noch Humboldts Unterscheidung zwischen Bau und Ausbau von Sprachen zu sehen:7 Während für Humboldt die Phase des Sprachbaus historisch nicht mehr rekonstruierbar und zum Zeitpunkt der Sprachbetrachtung bereits abgeschlossen ist, vollzieht sich der Sprachausbau durch Entwicklung und Präzision der den Sprachen eigenen Charakteristika in bestimmten Diskursuniversen, vorzüglich in Philosophie und Poesie.

// zum Seitenanfang //    Seite 122


In einem 1988 veröffentlichten Aufsatz kritisiert E. Coseriu die Verwechslung von Kriterien zur Beurteilung von Sprachen und solchen zur Beurteilung von Texten (Coseriu 1988).8 Diese Unterscheidung erlaubt es uns, die akzeptablen Teile der Fragestellung genauer zu fassen, die sich hinter der im 18. Jahrhundert allgemein üblichen gemeinsamen Betrachtung und Bewertung von Sprachen und Literaturen verbirgt. Sie können als »Wie müssen die Sprachen beschaffen sein, daß sie sich besonders gut für diese oder jene "Textsorte" eignen?« rekonstruiert werden oder als: »Welche "Textsorten" sind in der betreffenden Sprachgemeinschaft soweit entwickelt worden, daß künftige Autoren schon vertraute Sprachmuster vorfinden?« In der heutigen Sprachwissenschaft kennt man die Unterscheidung von Sprachbau und Sprachausbau kaum mehr; demzufolge ist auch diese Fragestellung, die speziell den Sprachausbau betrifft, verloren gegangen, und man gibt sich, vorschnell und undifferenziert, mit dem oberflächlichen Hinweis darauf zufrieden, daß alle Sprachen alles ausdrücken können.

IV. Jenischs Preisschrift9

Angesichts der erwähnten Entfranzösisierung der Akademie in Berlin, der Tatsache, daß Frankreich seine Vorbildfunktion auf kulturellem Gebiet eingebüßt hat, und nicht zuletzt auch angesichts des latenten Unbehagens, das mit der Preisvergabe 1784 an Rivarol für viele verbunden war, erscheint es verständlich, daß die Akademie nunmehr die Frage nach den Voraussetzungen der Beurteilung von Sprachen stellt, nicht mehr nach der Rechtfertigung einer bereits festliegenden sprachlichen Vorherrschaft. Diesem veränderten Interesse entspricht die Themenstellung:

Vergleichung der Hauptsprachen Europas, lebender und todter, in Bezug auf Reichthum, Regelmäßigkeit, Kraft, Harmonie und andere Vorzüge; in welchen Beziehungen ist die eine der anderen überlegen, welche kommen der Vollkommenheit menschlicher Sprache am nächsten?

Jenisch stellt seiner Antwort die Frage in leicht modifizierter Form voraus:

Das Ideal einer vollkommnen Sprache zu entwerfen: die berühmtesten ältern und neuern Sprachen Europens diesem Ideal gemäß zu prüfen: und zu zeigen, welche dieser Sprachen sich demselben am meisten nähern? (S. III),

eine Modifizierung der Preisfrage gemäß der Schwerpunktsetzung des Autors, wie sie durchaus der Tradition der Akademie entsprach.

// zum Seitenanfang //    Seite 123


In der Vorrede schreibt Jenisch, daß er sein Werk in acht Wochen verfaßt hat. Freilich konnte er dabei auf seine große Belesenheit und Übersetzungserfahrung zurückgreifen. Er bemerkt ausdrücklich, daß es ihm um einen psychologisch-feinen Zugang zu den Sprachen gehe, nicht um einen transzendentalen. Man sieht daran deutlich, daß zu diesem Zeitpunkt die Bezugnahme auf Kant schon unumgänglich ist und daß Jenisch mit dieser Charakterisierung seinen literaturorientierten Ansatz legitimiert. Er gibt damit deutlich (S. VI, VIII) einem von der Literatur ausgehenden und diese interpretierenden Ansatz den Vorzug vor einer apriorisch deduktiven Methode, wie sie im philosophischen Ansatz Kants vorhanden war.10 Das Werk selbst enthält dann nach einer kurzen Einleitung zwei Teile. Im ersten, theoretischen Teil, »welcher die Grundsätze enthält, nach welchen die Vorzüge einer Sprache geprüft werden müssen« (S. 3-53), entwickelt er die Kriterien, nach denen er besagte Sprachen beurteilen will. Im viel umfangreicheren zweiten Teil (S. 56-498), »Prüfung der berühmtesten alten und neuern Europäischen Sprachen nach den aufgestellten Grundsätzen«, werden diese Kriterien systematisch auf die Beurteilung der genannten Sprachen angewandt.

1. Die Sprachauffassung

a) Vielfalt und Gleichheit

In dieser Schrift Jenischs zeigt sich, daß gegenüber den Vorgängern ein bemerkenswerter Wandel in der Auffassung vom Verhältnis der Einzelsprachen eingetreten ist. Jenisch hebt erstmals Verschiedenheit und Vielfalt der menschlichen Sprachen klar hervor. Dies wird die deutsche Sprachphilosophie, im Gegensatz zur französischen, auch weiterhin im 19. Jahrhundert charakterisieren. Jenisch befindet sich damit vor allem im Gegensatz zur Allgemeinen Grammatik, die von ihrer Anlage her die Unterschiede zwischen den Sprachen nivellieren und minimalisieren muß, da sie gerade auf der Suche nach Eigenschaften ist, die allen Sprachen gemeinsam sind.11 Mit seiner Auffassung, daß die Einzelsprachen prinzipiell gleichwertig sind, wendet sich Jenisch gegen die Annahme einer hegemonial überlegenen Sprache, wie Rivarol und die Preisfrage von 1784 sie im Französischen gesehen hatten. Es ist charakteristisch für das Sprachdenken von Jenisch, daß weder eine bestimmte Sprache noch ein bestimmter Sprachtyp als ideal oder überlegen herausgestellt werden; vielmehr versucht Jenisch, jede der vielen Sprachen in ihrer Eigentümlichkeit zu erfassen. Diese Annahme der prinzipiellen Gleichheit gilt auch für die Dialekte. So erwähnt Jenisch mehrfach die hervorragende Rolle der Dialekte beim Sprachausbau, und er behandelt charakteristische Merkmale der Varietäten des Niederdeutschen in gleicher Weise wie Eigentümlichkeiten anderer Sprachen (vgl. S. 93).12 Dieses bei Jenisch artikulierte Neuinteresse für die Vielfalt der Sprachen und die Annahme ihrer prinzipiellen Gleichwertigkeit beendet eine ganze Tradition des Sprachdenkens, die lange vor dem 18. Jahrhundert begonnen hatte: nicht nur, daß nunmehr die Annahme der besonderen Vollkommenheit des Französischen oder des Lateinischen als Wissenschaftssprache in Zweifel gezogen wird; zugleich wird auch der Mythos einer gottgegebenen Ursprünglichkeit und Vollkommenheit einer oder mehrerer Sprachen ad acta gelegt.

b) Der Ausbau der Sprachen: Dichter und Philosophen

Ähnlich wie später Humboldt (vgl. Trabant 1986b) interessiert sich Jenisch besonders für die beobachtbare Geschichte der Sprachen, d. h. für die Phase ihres Ausbaus, an dem vor allem die Philosophen und die Dichter beteiligt sind. Sie sind diejenigen, die bestimmte Eigenschaften der Sprachen gemäß ihren Ausdrucksweisen weiterentwickeln und vervollkommnen. Diese Ausdruckszwecke sind für Jenisch besonders philosophische und poetische, weniger praktische, handwerkliche, in einem strengen Sinn wissenschaftliche. Diese Zweiteilung in philosophische und poetische Texte entspricht wohl der Unterscheidung zwischen Verstand und Einbildungskraft. Sie taucht in synthetischer Transformation wieder bei Humboldt auf.13

c) Die Charakterisierung der Sprachen als Individuen

Trabant weist eindrücklich darauf hin, daß es ein Zug der Sprachbetrachtung Humboldts ist, die Sprachen als Individuen zu charakterisieren (Trabant 1986a und b). Humboldt nähert sich diesem Gesamteindruck der Sprachen, ihrer Charakteristik, mit einem durchaus hermeneutischen Zugang. Diese Auffassung von der Einzelsprache scheint bereits bei Jenisch deutlich angelegt zu sein. So spricht er im theoretischen Teil von der »charakteristischen Energie der Nation und ihrer Original-Schriftsteller«. Er führt dazu aus:

So wie der träge oder muntere, der ruhige oder ungestüme Geist eines Menschen durch Wendung und Einkleidung und die ganze Vortragsart der Rede sich äußert: eben so trägt auch eine Nation die größere oder geringere Energie ihres eigentümlichen Charakters in ihre Sprache hinüber. Und da ferner jede Sprache, die sich besonders durch Schriftsteller gebildet, immer einige derselben als ihre Schöpfer oder wenigstens Vervollkommner, und jede kultivirte Nation einige ihrer Original-Autoren als solche anerkennt, in denen sich ihr (der Nation) ganzes Genie nach allen intellectuellen und moralischen Anlagen, auf eine hervorstechende Art, und in seiner ganzen Fülle äußert: so giebt es auch eine Energie der Sprache durch [...] die charakteristische Energie der Nation und ihrer Original-Schriftsteller (S. 27 f.).

// zum Seitenanfang //    Seite 124


Allerdings ist schon in der Vielschichtigkeit seiner Sprachbeschreibung, der Vielzahl der Kriterien, nach denen er die Sprachen beurteilt, und nicht zuletzt in der Multilateralität des Sprachvergleichs, den er durchführt, angelegt, daß er in seiner Charakterisierung der Sprachen nicht zu einzelnen obersten Prinzipien kommt, unter die sich die vielen Einzelheiten einer Sprache subsumieren lassen. Dieses war beispielsweise eines der Ziele von Humboldt, der durch das Erfassen vieler Einzelheiten doch zu einem Totaleindruck einer Sprache gelangen wollte:

Denn wenn auch der Totaleindruck jeder [Sprache] leicht aufzufassen ist, so verliert man sich, wie man den Ursachen desselben nachzuforschen strebt, in einer zahllosen Menge scheinbar unbedeutender Einzelheiten, und sieht bald, dass die Wirkung der Sprachen nicht sowohl von gewissen grossen und entschiednen Eigenthümlichkeiten abhängt, als auf dem gleichmässigen, einzeln kaum bemerkbaren Eindruck der Beschaffenheit ihre Elemente beruht (Humboldt, Bd. IV: 1, zit. n. Trabant 1986b: 174).14

Ähnliche Subsumptionen von Einzelzügen von Sprachen unter bestimmte Gestaltungsprinzipien finden sich in Ansätzen der modernen Typologie auch wieder, so z. B. bei Charles Bally, Coseriu und anderen.

2. Kriterien der Sprachcharakterisierung

Die Akademie hatte in ihrer Frage als Kriterien »Reichthum, Regelmässigkeit, Kraft und Harmonie« vorgegeben. Jenisch behält davon »Reichtum« bei, »Kraft« in Form des »Nachdrucks«, die »Harmonie« als »Wohlklang«; er ersetzt das Kriterium »Regelmäßigkeit« durch »Deutlichkeit«. Mit diesen Kriterien beziehen sich die Akademie und Jenisch auf bestimmte Diskurse über Sprache, die im 18. Jahrhundert üblich waren.15 Die Kriterien »Nachdruck« und »Wohlklang« sind zweifellos aus der Rhetorik übernommen; dagegen ist das Kriterium »Deutlichkeit« wohl der Logik (aber als perspicuitas auch der Rhetorik) zuzuordnen. Die Analogie hat in der französischen Diskussion um die Wortbildung und schließlich auch in der sensualistischen Philosophie eine große Rolle gespielt. Um die Traditionsgeladenheit dieser Kriterien richtig würdigen zu können, muß man sich vor Augen führen, daß die Diskussion um den ordre direct in der französischen Sprachtheorie der Aufklärung das zentrale Thema in der Auseinandersetzung zwischen Rationalisten und Sensualisten war (vgl. Ricken 1978), die gerade mit solchen Kriterien wie »Deutlichkeit« und »Nachdruck« geführt wurde. Die sensualistische Sprachauffassung in Frankreich neigt in der zweiten Jahrhunderthälfte dann stärker logischen als rhetorischen Positionen zu und orientiert sich an dem Ideal der Deutlichkeit und der Analogie. Im einzelnen begründet Jenisch seine Kriterien folgendermaßen:

a) Reichtum

Das Kriterium des Reichtums betrifft die Ausbildung des Wortschatzes in einer Sprache. Jenisch unterscheidet zwischen dem »extensiven« Reichtum und dem »intensiven« Reichtum. Beide betreffen den primären Wortschatz. Eine Sprache ist dann extensiv reich, wenn sie über eine große Menge von Wörtern »zur unmittelbaren Bezeichnung der sinnlichen Gegenstände« (S. 6) verfügt, d. h. über Wörter für die Dinge der außersprachlichen Wirklichkeit, was auch den Fachwortschatz einschließt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß Jenisch darauf hinweist, daß dieser extensive Wortschatz sich häufig an hervorstechenden Eigenschaften der Dinge orientiert.

// zum Seitenanfang //    Seite 125


Der intensive Reichtum ist dagegen ein Reichtum an »geistigen Anschauungen und Reflexions-Begriffen oder sogenannten Abstractionen« (S. 9). Die Philosophen bilden besonders den intensiven Reichtum einer Sprache aus; die Poeten nutzen in Beschreibungen und Metaphern den extensiven Reichtum an Ausdrücken zur Bezeichnung der sinnlich erfaßbaren Welt.

Die dritte Art von Reichtum, die Jenisch benennt, ist die »lexikalische Bildsamkeit«. Sie betrifft, in der Terminologie von E. Coseriu, den sekundären Wortschatz, also die Möglichkeiten der Wortbildung, die in einer bestimmten Sprache ausgebildet sind. Unter diesem Punkt findet auch das Kriterium der Regelmäßigkeit, das die Akademie in ihrer Frage vorgeschlagen hatte, einen systematischen Platz. In diesem Zusammenhang würdigt Jenisch besonders die Rolle der Dialekte bei der Ausbildung der lexikalischen Bildsamkeit.

b) Nachdrücklichkeit (Energie)

Dieses Kriterium wird von Jenisch nicht klar definiert, und was damit gemeint ist, läßt sich nur aus der Vielzahl seiner Beispiele und auf dem Hintergrund der rhetorischen Tradition des Sprechens über énergie, style nerveux usw. erschließen. Es geht hier wohl um die möglichst direkte, treffende und emotionale Übertragung des Gemeinten und Empfundenen auf den Gesprächspartner. Jenisch unterscheidet die lexikalische Energie, die besonders wohl die Bildhaftigkeit und die onomatopoetischen Qualitäten von Wörtern betrifft, wohl also auch das, was wir heute unter dem Begriff der »Konnotation« fassen würden, von der grammatikalischen Energie. Hinsichtlich der grammatikalischen Energie argumentiert er vor allem negativ: die modernen Sprachen mit ihren vielen Artikeln und Hilfsverben hätten gerade wenig Energie im Vergleich zu den alten Sprachen, in denen sehr viele Bestimmungen in einem einzigen Wortkörper zusammengefaßt sind. Schließlich führt Jenisch in diesem Zusammenhang auch noch den Begriff der »Nationalenergie« ein, von dem oben schon die Rede war.

c) Deutlichkeit und Bestimmtheit

Hier geht es um drei Aspekte: erstens darum, daß möglichst jeder Idee ein Wort zugeordnet werden soll (»lexikalische Bestimmtheit«); zweitens, im Falle der »grammatikalischen Bestimmtheit« soll ihr eine identifizierbare grammatische Form zuordenbar sein. Unter diesen Gesichtspunkten wären einerseits Polyseme und andererseits ein zu großer Synonymenreichtum abzulehnen. In diesem Zusammenhang schaltet sich Jenisch ausführlich in die zeitgenössische Auseinandersetzung um die Leistung des Artikels in den modernen Sprachen gegenüber dem Lateinischen ein (S. 32-42).16 Die dritte Art von Deutlichkeit betrifft die Syntax: eine »regelmäßige und natürliche Syntax« wäre ein Charakteristikum einer im Sinne der Deutlichkeit wohlgestalteten Sprache. Mit diesem Kriterium bezieht sich Jenisch explizit auf die Auseinandersetzung um den ordre direct.

// zum Seitenanfang //    Seite 126


d) Wohlklang

Mit diesem Kriterium lehnt sich Jenisch an den rhetorischen Diskurs über Sprache an. Dieses Kriterium ist trotz der zunehmenden Bücherproduktion im 18. Jahrhundert und der Ersetzung der intensiven durch die extensive Lektüre, d. h. durch den massiven Einbruch von Schriftlichkeit in die Welt des mündlichen Vortrags, noch außerordentlich lebendig. Jenisch beschreibt den Wohlklang vor allem als ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Vokalen und Konsonanten. In diesem Zusammenhang setzt er sich kritisch mit der allgemein verbreiteten Idee auseinander, die lautliche Seite der Sprache sei wesentlich von den klimatischen Bedingungen, unter denen die Völker leben, abhängig.17 Er führt als schlagendes Gegenargument an, daß das Italienische wesentlich wohllautender sei als das Lateinische, obwohl nicht anzunehmen sei, daß sich in der Zwischenzeit das Klima wesentlich geändert habe.

e) Abschließende Bemerkungen zum Kriterienkatalog

Die gesamte Anlage der Frage und noch mehr die Ausführung der Antwort durch Jenisch zielen nicht darauf ab, eine bestimmte Sprache als besonders vollkommen zu charakterisieren; vielmehr werden die verschiedenen Sprachen in Bezug auf einen Kriterienkatalog untersucht und relativ dazu in ihrer Komplexität charakterisiert. Es gibt also keine absolut vollkommene Sprache: Die Vorzüge der einen Sprache liegen auf diesem Gebiet, die der anderen auf jenem. Die Kriterien sind also bei Jenisch von vornherein so angelegt, daß keine Sprache für sich in Anspruch nehmen kann, allen Kriterien in vollkommener Weise zu genügen. Genügt eine Sprache einem Kriterium besonders, so schließt das bereits die Erfüllung eines anderen Kriteriums aus. Die Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen Kriterien sind sehr vielgestaltig. So verhalten sich Nachdruck und Deutlichkeit komplementär zueinander; der extensive Reichtum ist mit der lexikalischen Energie verbunden; der intensive Reichtum mit der Deutlichkeit. Bei einer konsequenten Anwendung des Kriterienkatalogs kann also nur eine differenzierte Charakterisierung der Spezifizität der Einzelsprachen entstehen. Dazu paßt auch, daß Jenisch durchaus dazu in der Lage ist, die Perspektive des Sprachbetrachters zu wechseln (dies im Gegensatz etwa zu Rivarol). Er vermag sich vorzustellen, daß für den Sprecher einer ganz anders gestalteten exotischen oder archaischen Sprache gerade unsere oder eine moderne Sprache merkwürdig wirken muß:

Gewiß würde jeder rohe Naturmensch unsre an Abstractionen, Artikeln, Verbindungs- und Uebergangspartikeln so reiche Sprachen eben so weitschweifig, schlaff und nachdrucklos finden, als uns die seinige dunkel und unbestimmt scheint (S. 21).

Es gehört auch zu Jenischs Sprachauffassung, daß er sich nicht auf eine Sprachdeterminierung in dem Sinne einläßt, daß er vom Bau einer Sprache her sie in ihren Ausdrucksmöglichkeiten und Charakteristika als vorherbestimmt ansieht. Gegen eine solche Auffassung wendet er sich mehrfach und sehr ausdrücklich. Es ist vielmehr für die Entwicklung, die eine Sprache nimmt, entscheidend, in welcher Weise und in welcher Richtung sie in ihrer Ausbauphase von den wichtigen großen Sprachgestaltern entwickelt wird.

Was eine Sprache vermag, bis zu welchem Grade der Feinheit sie sich ausbilden, bis zu welchem Schwunge sie sich erheben kann, das mag kein auch noch so tiefer Sprachforscher, besonders, wenn ihm diese Sprache nicht mütterlich ist, durch Vernunftgründe bestimmen: das kann nur durch die Meisterstücke genievoller Schriftsteller der Nation, welcher diese Sprache eigenthümlich ist, dargethan werden: und es würde daher anmaßend, es würde thöricht seyn, wenn z. B. irgend ein Philosoph, aus bloßen Vernunftgründen, verbunden mit eigener Kenntniß von den grammatikalischen Regeln der Polnischen und der Russischen Sprache, vielleicht auch einiger Autoren dieser Nation, bestimmen wollte, ob die eine oder die andere der genannten Sprachen einst große Meisterstücke in der höhern und niedern Dichtkunst oder große Redner und tiefsinnige Philosophen hervorbringen, und bis zu welchem Grade der Vollkommenheit in der schriftstellerischen Darstellung sie sich erheben könne! (S. 28).

Eine wichtige Funktion haben dabei die größten und wichtigsten Dichter und Denker einer Nation, denn sie wirken als Wegbereiter neuer Ausdrucksformen, und die von ihnen geschlagenen Pfade werden von den Späteren weiterentwickelt (S. 30). Diese Auffassung, nach der die Dichter und Denker verantwortlich für den sprachlichen Ausbau der Sprachen sind, erklärt auch, daß Jenisch dann im zweiten, illustrierenden Teil seiner Abhandlung so außerordentlich genau und umfassend auf die Meisterwerke der Literaturen der behandelten Sprachen eingeht. Als Folge dieser Sprachauffassung und dieses Ansatzes ist auch für Jenisch die Geschichte einer Sprache nie abgeschlossen; eine Sprache kann nie endgültig beurteilt werden; die Urteile gelten vielmehr immer nur für den augenblicklichen Zustand dieser Sprache; und der kann sich außerordentlich schnell ändern. So hätte man, meint Jenisch zum Ausbau der deutschen Sprache, vor Klopstock den mit ihm und durch ihn erreichten Grad an Bildsamkeit, Reichtum, Farbigkeit der deutschen Sprache schwerlich erahnen können. - Letztlich vertritt Jenisch also eine dynamische Konzeption der Sprache: Sprache ist für ihn nicht etwas Abgeschlossenes, nicht einmal etwas, dessen Entwicklung vorherbestimmt ist, sondern vielmehr eine Potenz, aus der die dafür Verantwortlichen einen hohen Grad an Vervollkommnung in verschiedenen Bereichen herausarbeiten können oder auch nicht, ein interessanter Gedanke, der die geistige Elite einer Nation oder Sprachgemeinschaft in die Verantwortung für ihre Sprache nimmt und eine Begründung auch des Literaturunterrichtes in der Schule impliziert. Es wäre lohnend, der Vitalität dieses Motivs und seiner Aufgabe in der Gegenwart nachzugehen. Sehr eindrucksvoll wird diese Grundauffassung im Schlußwort des Werkes dokumentiert, die Jenisch mit einem lateinischen Zitat »auf den Punkt« bringt.

Ich schließe mit einer Anmerkung, die nichts geringeres betrifft, als den Gesichtspunct, aus welchem diese, so wie überhaupt jede Sprachparallele, angesehen werden muß: und dieser ist - die gegenwärtige Stufe der Ausbildung der verglichenen Sprachen. Denn fragt man mich: Giebt es, so wie in der Mathematik veränderliche und unveränderliche Größen, also auch in der Sprache veränderliche und unveränderliche Vollkommenheiten? so antworte ich: Alle Vollkommenheiten (oder auch Mängel) einer Sprache sind veränderlich. Es ist das Motto jeder Sprache, und jedes Moments ihrer einzelnen Bestandtheile:

Multa renascentur, quae jam cecidere, cadentque

Quae nunc sunt in honore. Horat. de arte poet (S. 495).

// zum Seitenanfang //    Seite 127


V. Charakterisierung der romanischen Sprachen

Jenisch nimmt seinen Sprachvergleich nach Sprachgruppen vor, wobei er dann innerhalb der Sprachgruppen sprachliche Individuen wieder ausführlicher charakterisiert. So behandelt er immer zuerst ausführlich die beiden alten Sprachen, dann die »lateinischen Töchtersprachen«, dann die germanischen und schließlich die slawischen Sprachen. Das Ergebnis seines Sprachvergleichs sei hier kurz vorweggenommen: Das Griechische erscheint als diejenige Sprache, die die meisten Vorzüge auf sich vereinigen kann. Demgegenüber erscheint das Lateinische häufig als weniger ausgebildet, als weniger reich, weniger wohlklingend usw. In bezug auf Reichtum und Nachdruck sind von den modernen Sprachen das Englische und das Deutsche hervorzuheben, das Deutsche vor allem aufgrund seiner fast unbegrenzten Bildsamkeit. Hinsichtlich der Deutlichkeit ist das Französische allen anderen Sprachen überlegen, hinsichtlich des Wohlklangs das Spanische.

Die romanischen Sprachen werden als Gruppe von verwandten Sprachen behandelt; ihr gemeinsamer Ursprung aus dem Vulgärlateinischen unterliegt keinem Zweifel. Diese Tatsache gehörte zum stereotypen Wissen des 18. Jahrhunderts, ebenso wie auch die Bedeutung des Provenzalischen als erster romanischer Literatursprache (S. 443, 457; zum Provenzalischen S. 154 und 458).18 Die Gruppe der romanischen Sprachen wird aber nicht nur als Gruppe von historisch verwandten Sprachen behandelt, sondern Jenisch nimmt auch an, daß sie eine Reihe von »eigenthümlichen Berührungspunkten« haben (S. 56). Sie gehören also nicht nur genetisch, sondern auch typologisch zusammen. Alle vier Sprachen dieser romanischen Gruppe verfügen über einen hohen extensiven Reichtum und erscheinen damit gleich nach dem Englischen. In bezug auf ihre lexikalische Bildsamkeit sind sie jedoch allesamt arm.

Arm, wie ihre Römische Mutter, sind hier auch die Töchter. Auch sie brauchen die Vor- und Endsylben, wodurch sie ihre lexikalischen Biegungen und Ableitungen bewerkstelligen, eben so wenig regelmäßig, und durchgängig, als es (nachdem, was wir eben gesagt) die Lateinische that, und lassen dadurch nicht wenige Begriffe, und Nüanzen unbezeichnet, (wenigstens unbezeichnet durch bestimmte und eigenthümliche Wörter,) die sie lieber umschreiben. Ja wenn sie neue Begriffe oder Nüanzen derselben bezeichnen wollen, die ihre Mutter schon unbezeichnet gelassen, so bildeten sie gewöhnlich lieber neue Phrasen und Wendungen der Rede, als neue Wörter, oder neue Endungen alter und bekannter Wurzelwörter - wie wir dieß unten in dem Abschnitte von der lexikalischen Energie mit Beispielen belegen werden (S. 78).

Das moderne Französisch nimmt hier insofern eine Sonderstellung ein, als es die Wortbildungsmöglichkeiten noch weniger ausgebildet hat als das Italienische und Spanische. Anders war dies im 16. Jahrhundert, in dem verschiedene Dichter intensiv an der lexikalischen Bildsamkeit des Französischen arbeiteten. Übrigens ist auch diese Klage über die geringe Ausnutzung von Wortbildungsmöglichkeiten im Französischen ein Stereotyp des ausgehenden 18. Jahrhunderts.19 Die Zurückhaltung der romanischen Sprachen bei der Wortbildung gilt in ganz besonderem Maße für die Zusammensetzungen.

Was den Nachdruck angeht, so unterscheiden sich die neueren Sprachen insgesamt, also auch die romanischen, von den alten Sprachen, die durch eine »energische Sinnlichkeit« charakterisiert waren, während die neuen eher dem »Geist der Speculation, der feinen Abstraction« verpflichtet sind. Innerhalb dieser allgemeinen Charakterisierung gilt wieder, daß das Französische noch wesentlich weniger energisch als das Spanische und das Italienische ist. Das gilt auch für die grammatische Energie: alle romanischen Sprachen sind weniger nachdrücklich als das Lateinische, und das Französische hat diese Eigenart besonders weit ausgebildet.

In Rücksicht der grammatikalischen Energie haben die Lateinischen Töchtersprachen, durch die vielen Artikel, Hülfsverben und Bindewörter, und besonders durch den unerlaßlichen Gebrauch derselben in jedem Gange der Rede, im Vergleich mit den alten Sprachen, vorzüglich mit ihrer gemeinschaftlichen Mutter, der Lateinischen, etwas durchaus Schleppendes. Entstehung und allmählige Ausbildung dieser grammatikalischen Angehänge der Lateinischen Schwestern dürften auf die nämliche Art erklärt werden können, wie wir's oben mit dem Artikel versucht haben (S. 310 f.).

// zum Seitenanfang //    Seite 128


In diesem Zusammenhang behandelt Jenisch auch ausführlich das in dieser Zeit vieldiskutierte Problem des Artikels als Kennzeichen der modernen Sprachen.20

In bezug auf die Deutlichkeit stimmen wieder alle romanischen Sprachen darin überein, daß ihr Lexikon einen hohen Grad an »Unbestimmtheit« besitzt.21 Es ist interessant, daß Jenisch das vieldiskutierte Problem der »indétermination des mots« bei den romanischen Sprachen situiert. Interessant ist auch die Erklärung, die er dafür gibt:

Die Ursache dieser lexikalischen Unbestimmtheit, oder besser, Vielsinnigkeit eines großen Theils sehr wesentlicher Wörter der Lateinischen Töchtersprachen, scheint besonders darin zu liegen, daß diese Sprachen, als Töchter einer alten ausgestorbenen, und an sich selbst so wenig bildsamen Sprache, als die Lateinische ist, nicht kühn genug gewesen, die an sich schon so engen Gränzen dieser Bildsamkeit mehr zu erweitern, als sie es wirklich gethan, und daß sie bei der durch die fortschreitende Cultur immer-nothwendiger gemachten Bildung neuer Wörter für neue Begriffe, statt neuer Wörter oder neuer Zusammensetzungen der alten, sich mehrentheils bloß mit neuen Wendungen und Deutungen der Alten begnügt haben. Folgendes Beispiel wird den Sinn dieser Anmerkung in's Licht setzen (S. 368).

Alle untersuchten romanischen Sprachen haben sich hinsichtlich der grammatikalischen Feinheit und der Wortstellung deutlich vom Lateinischen fortentwickelt, und zwar alle in der gleichen charakteristischen Weise.

Eine Eigenthümlichkeit haben sie alle, vor ihrer Lateinischen Mutter, in dem doppelten Imperfectum, deren eines sie fast auf die nämliche Art, wie der Grieche den Aoristus, brauchen, nämlich wenn die Rede von einer unbestimmten Zeit oder von dem ist, was gewöhnlich geschieht. Artikel, Declination, Conjugation, Hülfsverben - in allem diesen sind sie durchaus gleich (S. 372).

Auch hier sind diese Schwestersprachen sich einander gleich. Alle reihen, in dem gewöhnlichen Fluß der Rede, die Worte nach der natürlichen Ideenassociation aneinander; dieß ist ihnen allgemeine und feste Regel der Syntax. Doch ist auch hier der Franzose sclavisch gebunden, wenn seine Brüder einer beträchtlichen (obgleich in Rücksicht der allgemeinen Mutter, der Lateinischen, sehr eingeschränkten) Freiheit genießen (S. 374 f.).

An Wohlklang übertreffen die romanischen Sprachen in jeweils spezifischer Weise das Lateinische. Das Spanische überragt in dieser Hinsicht seine romanischen Schwestern und auch die anderen modernen Sprachen.

// zum Seitenanfang //    Seite 129


Jenisch faßt also die romanischen Sprachen als eine Sprachgruppe auf, die eine ganze Anzahl von charakteristischen Merkmalen gemeinsam hat. Man kann sein Vorgehen durchaus als in dem oben skizzierten Sinne typologisch interpretieren.22

Innerhalb der romanischen Sprachen nimmt das Französische insofern eine Sonderstellung ein, als jeweils das Merkmal, das die ganze Sprachgruppe charakterisiert, im Französischen am weitesten entwickelt ist.

- Innerhalb der insgesamt wenig bildsamen romanischen Sprachen ist das Französische am wenigsten bildsam; dies betrifft in besonderem Maße die Zusammensetzungen.

- Alle romanischen Sprachen sind weniger nachdrücklich als die alten Sprachen, und das Französische ist noch erheblich weniger nachdrücklich als das Italienische und Spanische.

// zum Seitenanfang //    Seite 130


- Was grammatische Energie und grammatische Feinheit betrifft, haben alle romanischen Sprachen sich in gleicher Weise von dem Lateinischen entfernt; auch hier geht das Französische wieder am weitesten, z. B. bei der Setzung des Artikels, der Setzung der Personalpronomen und der Fixierung der Wortstellung.23

Das Französische wird also einerseits im Zusammenhang mit den übrigen romanischen Sprachen charakterisiert.24 Innerhalb dieser Sprachengruppe hat es sich am weitesten vom Lateinischen entfernt; es repräsentiert am ausgeprägtesten den neuen romanischen Typ. Andererseits wird die Darstellung des Französischen aber vom Gegensatz zum Deutschen beherrscht. Beide Sprachen stehen sich in mehrfacher Hinsicht diametral gegenüber. Das Französische ist diejenige der romanischen Sprachen, die am unbildsamsten ist. Sie ist die feinste und gleichzeitig die ärmste; sie ist zu weit ausgebildet; sie hat einen großen intensiven Reichtum für das Gefühlsleben, für den »Conversationsstyl«, entwickelt. Sie hat nur eine geringe Energie, ist im Grunde überbildet (S. 298). Sie ist charakterisiert durch Einförmigkeit (uniformité). 25 Dies verleiht ihr jedoch eine große Leichtigkeit und Gewandtheit. Auch »eine gewisse Art von Wohlklang« (S. 455) kann man dem Französischen nicht absprechen. Allerdings hält es Jenisch durchaus für möglich, daß das Französische im Zuge der Französischen Revolution und der neuen (bzw. alten) während der Revolution gepflegten Textsorten eine neue Art von Energie gewinnt.26

Zu dem so erfaßten Französischen stellt das Deutsche in den meisten Punkten das genaue Gegenstück dar. Es ist eine sehr bildsame Sprache, die wenig fixiert ist. Sowohl seine Bildsamkeit als auch sein extensiver Reichtum ist zumindest teilweise durch seine Dialektvielfalt, die sehr positiv bewertet wird (S. 63, 93), bedingt. Eines seiner Hauptcharakteristika ist die fast unbegrenzte Möglichkeit der Wortzusammensetzung. Freilich hat auch das Deutsche eine Reihe von Mängeln aufzuweisen, vor allem seine besonders unnatürliche Wortstellung (S. 393) und seine schwere Erlernbarkeit (S. 410).

Über die kontrastive Gegenüberstellung des Deutschen und des Französischen stellt sich also im Rahmen des Buchs von Jenisch eine zweite Ordnungsachse her: neben der vergleichenden Charakterisierung der einzelnen Sprachgruppen geht es offensichtlich besonders um die kontrastive Charakterisierung des Deutschen und des Französischen. Der Hauptgegensatz zwischen den beiden Sprachen zeigt sich in der Gegenüberstellung von »fein ausgebildet« und »bildsam« (S. 55). Das Französische hat viele seiner Möglichkeiten bis zu einem extremen Punkt realisiert und ausgebildet; das Deutsche hat im Gegensatz dazu nur wenige Möglichkeiten genutzt, so daß es als bildsame und offene Sprache nur dem Zugriff der sprachschöpferischen Subjekte offen daliegt. Das Französische zeichnet sich durch Deutlichkeit und Gewandtheit aus, das Deutsche durch Energie. Jenisch spricht durchaus mit Anerkennung von den bislang nur kärglich ausgeschöpften Möglichkeiten des Deutschen in der Wortbildung, im Nachdruck; was jedoch die Feinheit und die Gewandtheit angeht, so kann er das Deutsche nur tadeln.

Halten wir den S. 370. erklärten Begriff der Gewandtheit an die Germanischen Sprachen: so werde ich wohl die Gründe nicht weitläufig entwickeln dürfen, warum ich die Deutsche Sprache in dieser Hinsicht für das abstechendste Widerspiel der gewandtesten aller neuern Sprachen, der Französischen, erkläre. Diese unnatürliche Wortstellung, dieser ewig vor- und nachschleppende Artikel, dieser Mangel an Participien und participialischen Wendungen, (besonders, da die Participien, wenn sie dem Substantiv nachstehen, weder in Casu noch in Numero, noch in Genere declinirt werden), diese zeilenlangen Hülfswörter, wie z. B. "ich werde geliebt werden, ich würde geliebt worden seyn", und das häufige Trennen dieser Hülfsverben von dem Stammwort durch fremde Mittelideen, - geben unserer Sprache etwas unglaublich Unbehülfliches, für den Leser Weitschweifiges, Verworrenes, für den Schriftsteller Unhandbares (S. 396 f.).

In dem Abschnitt von der Französischen Wortstellung schilderten wir den Zustand der Gemächlichkeit, in welchem sich der Geist befindet; wenn ihm die Begriffe so allmählich, und in so schöner Regelmäßigkeit vorgezählt werden, als dieß vorzüglich in der Französischen Sprache geschieht. Bei einem Deutschen, durch eigensinnigen Sprachgebrauch oder rhetorische Kunst verschränkten Perioden, fühlt sich die Seele gleichsam auf einer, im Halbdunkel liegenden, Warte, von welcher herab sie die Ideen, welche ihr vorgeführt werden, jetzt mehr, jetzt weniger, hervorragen, jetzt wieder im Gedränge mit andern sich verlieren sieht: nun glaubt sie, die Idee zu haschen: aber andre neuherzugedrängte verstecken sie wieder: nun fürchtet sie, den Begriff ganz zu verlieren; aber dann springt er, mit neuen vergesellschaftet, wieder hervor. Dieser Zustand des Ahnens, des Zweifelns, der schwebenden Ungewißheit zwischen Furcht und Hoffnung, ist offenbar das Widerspiel von dem Zustande der Ruhe, der Festigkeit, des sichern Umherschauens, den die Aufmerksamkeit erfordert, die Aufmerksamkeit, die überall, wo sie auf leichte und schnelle Auffassung der Begriffe hingerichtet ist, bestimmte, feste, unverrückbare Puncte liebt (S. 400 f.).

// zum Seitenanfang //    Seite 131


VI. Schluß

In der bewegten und offenen Epoche der deutschen kulturellen Neuorientierung nach dem Tod Friedrichs des Zweiten leistet Jenisch einen bemerkenswerten, kohärenten und originellen Beitrag zum Sprachdenken seiner Zeit. Man kann sogar sagen, daß er einige Gesichtspunkte, die später, zu Anfang des 19. Jahrhunderts, gerade die Stärke der deutschen Sprachphilosophie ausmachen sollen, als einer der ersten explizit formuliert. Dies gilt ganz sicher für die Würdigung der Vielfalt der Sprachen, gegen die Annahme einer großen Einheitlichkeit im Stil durch die Allgemeine Grammatik und gegen die Behauptung einer Hegemonie einer bestimmten Sprache. Dieser klare Blick für das Vorkommen der Sprachen «im Plural« impliziert auch eine tolerante Würdigung der verschiedenen Sprachen als prinzipiell gleichrangig. In diesem Zusammenhang finden sich bei ihm auch schon Ansätze zu einer Würdigung der Sprachen als Individuen, wie sie dann bei Humboldt beherrschend wurde.

Während also Jenisch einerseits sehr klarsichtig und originell neue Positionen des Sprachdenkens umreißt, erscheint er andererseits doch als typischer Vertreter des 18. Jahrhunderts und mithin von Traditionen, die mit dem 18. Jahrhundert enden. Er repräsentiert den Typ des universell gebildeten Nicht-Spezialisten, der sich gleichermaßen kompetent zu theologischen und philosophischen Fragen äußern kann wie zu sprachtheoretischen und naturwissenschaftlichen, der eine Vielzahl von Sprachen sehr gut kennt und liest, aus ihnen übersetzen kann und in ihren Literaturen und Philosophien zu Hause ist. Er nimmt am wissenschaftlichen Leben in der Form teil, wie es im 18. Jahrhundert beherrschend und üblich war. Er schreibt zu einer Frage der Berliner Akademie in acht Wochen 500 Seiten und konzentriert sich auf ein Thema, das als aktuell und der kollektiven Bearbeitung bedürftig erkannt worden ist.

Insbesondere kann man ihn auch deshalb als am Ende einer Tradition stehend betrachten, weil bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Einheit des Diskurses über Sprache und Literatur auseinanderbricht. Nachdem jahrhundertelang über die Sprachen auch und gerade in Hinsicht auf ihre Eignung für bestimmte literarische Gattungen nachgedacht worden ist, wird diese Fragestellung nunmehr, mit der Aufspaltung der Philologie in Literaturwissenschaft und Sprachwissenschaft, obsolet. In diesem Sinne ist Jenisch gerade ein Vertreter der Verbindung eines durchaus auf der Höhe der Zeit befindlichen Sprachdenkens einerseits und einer ausgedehnten Literaturkenntnis und abgewogener literarischer Urteilsfindung andererseits,27 bei der Literaturkenntnis nicht nur eine reiche Leseerfahrung umfaßt, sondern auch die Äußerung von begründeten Geschmacksurteilen, die nicht zuletzt auch in eigener literarischer Praxis fundiert sind.

Wir haben festgestellt, daß Jenisch einer der letzten ist, der Kriterien zur Sprachbewertung aus der Kenntnis der poetischen und philosophischen Schriften der jeweiligen Sprachgemeinschaft zieht. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts äußert sich die professionelle Linguistik zu diesen Fragen nicht mehr. Ihr gelten alle Sprachen quasi a priori als prinzipiell gleichwertig; die Phase der Ausbildung der Sprachen in philosophischen und literarischen Texten ist ihrem Blickfeld weitgehend entrückt. Freilich sind damit vorwissenschaftliche Intuitionen über Eigenschaften von Sprachen nicht ausgelöscht, und der Diskurs über die Bewertung der Sprachen, der seine Kriterien aus der Eignung für bestimmte Gattungen oder Textsorten bezieht, besteht, wenn auch als »gesunkenes Kulturgut« auf verschiedenen Ebenen weiter, z. B. bei Werbeaktionen an Schulen für die Wahl bestimmter Fremdsprachen, bei Äußerungen von Minderheitensprechern über ihre Sprachen usw. Es stellt sich die Frage, ob man sich der bei Linguisten allgemein verbreiteten resignativen Abstinenz gegenüber dieser Frage anschließen soll, anders ausgedruckt, ob wir auf die Formulierung von Erkenntniszielen verzichten sollen, weil wir dem vorhandenen Forschungsinstrumentarium mißtrauen.

// zum Seitenanfang //    Seite 132


Bibliographie

Albrecht, Jörn

1970: Le français langue abstraite? Tübingen: Francke.

Bahner, Werner / Neumann, Werner (Hg.):

1985: Sprachwissenschaftliche Germanistik - Ihre Herausbildung und Begründung, Berlin: Akademie Verlag.

Bally, Charles

1950: Linguistique générale et linguistique française, Bern: Francke.

Bartholomèss, Christian

1850-51: Histoire philosophique de l'Académie de Prusse depuis Leibnitz jusqu'à Schelling, 2 Bde., Paris: Ducloux.

Bouterwek, Friederich

1850: Geschichte der Poesie und Beredsamkeit seit dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Cabanis, Pierre Jean George

1804: Coup d'oeil sur les révolutions et sur la réforme de la médecine, Paris: Crapart, Caille & Ravier.

Coseriu, Eugenio

1968: Sincronía, diacronía y tipología. In: Actas del XI Congreso Internacional de Linguistíca y Filología Románicas. Madrid 1965, Bd. I, Madrid, S. 269-281.

1980: Der Sinn der Sprachtypologie. In: Torben Thrane u. a. (Hg.): Typology and Genetics of Language. Kopenhagen: The Linguistique Circle (= Travaux du Cercle Linguistique de Copenhague; 20), S. 157-170.

1988: Die Ebenen des sprachlichen Wissens. Der Ort des "Korrekten" in der Bewertungsskala des Gesprochenen (aus dem spanischen Manuskript übersetzt von S. Höfer). In: Jörn Albrecht u. a. (Hg.), Energeia und Ergon. Sprachliche Variation, Sprachgeschichte, Sprachtypologie. Studia in honorem Eugenio Coseriu. Bd. I, Tübingen: Narr, S. 327-375.

Couturat, Louis / Leau, Léopold

1907: Histoire de la langue universelle, Paris: Hachette.

Dilthey, Wilhelm

1900: Die Berliner Akademie der Wissenschaften, ihre Vergangenheit und ihre gegenwärtigen Aufgaben. In: Deutsche Rundschau 103, S. 416-444 und Deutsche Rundschau 104, S. 81-118.

Ginguenè, Louis Pierre

1835: Histoire littéraire d'Italie, Paris: Michaud.

Harnack, Adolf

1900: Die Geschichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 3 Bde., Berlin: Reichsdruckerei.

Hültenschmidt, Erika

1985: Wissenschaftshistoriographie und soziologische Theorie. F. A. Wolf und die Entstehung der modernen Philologie und Sprachwissenschaft. In: Hans Ulrich Gumbrecht/Ursula Link-Heer (Hg.), Epochenschwellen und Epochenstrukturen im Diskurs der Literatur- und Sprachhistorie, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 341-356.

Jenisch, Daniel

1796a: Philosophisch-kritische Vergleichung und Würdigung von 14 ältern und neuern Sprachen Europens, namentlich: der Griechischen, Lateinischen; Italienischen, Spanischen, Portugiesischen, Französischen; Englischen, Deutschen, Holländischen, Dänischen, Schwedischen; Polnischen, Russischen, Litthauischen, Berlin: Maurer.

1796b: Über Grund und Werth der Entdeckungen des Herrn Prof. Kant in der Metaphysik, Moral und Aesthetik. Ein Acceßit der Königl. Preuß. Akademie der Wissenschaften in Berlin. Nebst einem Sendschreiben des Verf. an Kant über die bisher günstigen u. ungünstigen Einflüsse der kritischen Philosophie, Berlin: bei Friedrich Vieweg dem älteren.

1800-1801: Geist und Charakter des achtzehnten Jahrhunderts: politisch, moralisch, ästhetisch und wissenschaftlich betrachtet, Berlin: Kgl. Preuß. Akad. Kunst- und Buchh.

1801: Universalhistorischer Ueberblick der Entwickelung des Menschengeschlechts, als eines sich fortbildenden Ganzen: eine Philosophie der Culturgeschichte, 2 Bde., Berlin: Voß.

Jespersen, Otto

1922: Language, its Nature, Development and Origin, London: G. Allen & Unwin.

Knoop, Ulrich

1982: Das Interesse an den Mundarten und die Grundlagen der Dialektologie. In: Werner Besch u. a. (Hg.), Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung, Bd. 1, Berlin/New York: de Gruyter, S. 1-23.

Lefmann, Salomon

1897: Franz Bopp. Sein Leben und seine Wissenschaft. Nachtrag, Berlin: Reimer.

Mongin, Charles

1803: Philosophie Elémentaire ou Méthode analytiquée aux sciences et aux Langues, 2 Bde., Nancy: Haener et Delahaye.

Paulsen, Friedrich

1900: Die Akademie der Wissenschaften zu Berlin in zwei Jahrhunderten. In: Preussische Jahrbücher 99, S. 410-453.

Piedmont, René M.

1984: Beiträge zum französischen Sprachbewußtsein im 18. Jahrhundert. Der Wettbewerb der Berliner Akademie zur Universalität der französischen Sprache, Tübingen: Narr.

Pörksen, Uwe

1983: Der Übergang vom gelehrten Latein zur deutschen Wissenschaftssprache. Zur frühen deutschen Fachliteratur und Fachsprache in den naturwissenschaftlichen und mathematischen Fächern (ca. 1500-1800). In: LiLi 51/52 (Fachsprachen und Fachliteratur), S. 227-258.

Ricken, Ulrich:

1978: Grammaire et philosophie au siècle des lumières, Lille: Publications de l'Université de Lille III.

Risop, Alfred

1910: Die romanische Philologie an der Berliner Universität, 1810-1910, Erlangen: Junge.

Rivarol, Antoine de

1784: Dissertation Sur L'Universalité De La Langue Françoise, Berlin: Decker.

Roche, Daniel

1981: Die "Sociétés de pensée" und die aufgeklärten Eliten des 18. Jahrhunderts in Frankreich. In: Hans Ulrich Gumbrecht / Rolf Reichardt / Thomas Schleich (Hg.), Sozialgeschichte der Aufklärung in Frankreich, Bd. 1, München/Wien: Oldenbourg, S. 77-115.

Schlieben-Lange, Brigitte

1984: Über Ursprung, Fortschritt und Universalität des Provenzalischen in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte 8, S. 5-53.

1987a: Die "indétermination des mots" - Ein sprachtheoretischer Topos der Spätaufklärung. In: Werner Neumann / Bärbel Techtmeier (Hg.), Bedeutung und Ideen in Sprachen und Texten. Festschrift für Werner Bahner. Berlin: Akademie Verlag, S. 135-146.

1987b: Das Französische - Sprache der Uniformität. In: Zeitschrift für Germanistik 8, S. 26-38.

1988: Die Traditionen des Sprechens und die Traditionen der klar-konfusen und klar-distinkten Ideen über das Sprechen. In: Jörn Albrecht (Hg.), Energeia und Ergon. Sprachliche Variation - Sprachgeschichte - Sprachtypologie. Festschrift für E. Coseriu, Bd. III, Tübingen: Narr, S. 451-462.

1992: Reichtum, Energie, Klarheit und Harmonie. Die Bewertung der Sprachen in Begriffen der Rhetorik. In: Susanne R. Anschütz (Hg.), Texte, Sätze, Wörter und Moneme. Festschrift für Klaus Heger zum 65. Geburtstag, Heidelberg: Heidelberger Orientverlag, S. 571-586.

Sismondi, Jean Charles Léonard Sismonde de

1813: De la littérature du Midi de l'Europe. 4 Bde. Paris: Treuttel & Wurtz.

Trabant, Jürgen

1983: Das Andere der Fachsprache. In: LiLi 51/52 (Fachsprachen und Fachliteratur), S. 27-47.

1986a: Apeliotes oder Der Sinn der Sprache, München: Fink.

1986b: Der Totaleindruck. Stil der Texte und Charakter der Sprachen«. In: Hans Ulrich Gumbrecht / Karl Ludwig Pfeiffer (Hg.), Stil. Geschichten und Funktionen eines kulturwissenschaftlichen Diskurselements, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 169-188.

Tremblay du, Jean Frain

1703: Traité des Langues, où l'on donne des Principes & des Règles pour juger du mérite & de l'excellence de chaque Langue, & en particulier de la Langue Françoise, Paris: Delespine (Nachdruck Genf: Slatkine Reprints 1972).

Weinrich, Harald

1961: Die clarté der französischen Sprache und die Klarheit der Franzosen. In: Zeitschrift für romanische Philologie 77, S. 528-544.


[1]

So Paulsen 1900: 410-453; Dilthey 1900: 416-444 und 81-118 endet vor dieser Epoche; Risop 1910 setzt danach ein; auch die Darstellungen bei Bartholomèss 1850-51 und Harnack 1900 sind für diese Epoche weniger gut dokumentiert. Jenischs Preisschrift wird erwähnt bei Bahner/Neumann 1985: 88 ff. - Weiterhin entsprach Jenischs Fragestellung nicht den Interessen der Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts. Das ist deutlich ersichtlich aus Lefmanns abfälliger Beurteilung von Preisfrage und Preisschrift (Lefmann 1897: X f.). Er stößt sich besonders an dem niedrigen Rang, den das Deutsche von Jenisch auf der Vergleichsskala zugewiesen bekomme. Sehr positiv und einsichtig urteilt dagegen Jespersen 1922: 29-31, der besonders Jenischs Unparteilichkeit anerkennt und betont, daß Jenischs Fragestellung noch der Bearbeitung und Entwicklung in der Sprachwissenschaft harrt.

[2]

Es wäre interessant, einmal die Geschichte der Sozialformen wissenschaftlicher Auseinandersetzung und des wechselseitigen Einflusses von Sozialformen und Diskursformen zu untersuchen.

[3]

Zur Bedeutung der Provinzakademien in Frankreich zusammenfassend: Roche 1981.

[4]

Allgemein besteht die Tendenz, die Bedeutung historischer Fragestellungen im 18. Jahrhundert zu unterschätzen. Die historischen Preisfragen der Preußischen Akademie betrafen sowohl preußische als auch antike Geschichte.

[5]

Dazu LiLi 51/52 (1983), besonders den Beitrag von Pörksen.

[6]

Urkunden Band, S. 249 ff. (Angabe nach Paulsen 1900: 424).

[7]

Zur Unterscheidung von Bau und Ausbau von Sprachen bei Humboldt siehe Trabant 1986b.

[8]

Vgl. auch Schlieben-Lange (1992), einen Artikel, der zur Zeit der Erstveröffentlichung vorliegenden Aufsatzes schon auf französisch geschrieben, aber noch nicht veröffentlicht war. Zur Charakterisierung des Französischen siehe Albrecht 1970 und Weinrich 1961.

[9]

Die Seitenangaben in Klammern beziehen sich im folgenden auf Jenisch 1796a.

[10]

Er setzt sich noch an mehreren Stellen mit dem Werk Kants auseinander, z. B. S. VI, 13, 54 f., 115.

[11]

Ähnliche Unterschiede der Schwerpunktsetzung finden wir zwischen europäischem Strukturalismus und Transformationsgrammatik.

[12]

Zur Geschichte und Bedeutsamkeit der Dialektologie in Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert: Knoop 1982.

[13]

Vgl. Trabant 1983; ob philosophische Texte auch schön sein dürfen, fragt sich auch Cabanis in seiner Medizingeschichte (= Cabanis 1804).

[14]

Übrigens spielt der Begriff des Totaleindrucks einer Sprache auch schon bei Jenisch eine Rolle, z. B. S. 332 und passim.

[15]

Ähnliche Kriterien verwendet schon Jean Frain du Tremblay in seinem Traité des Langues von 1703. Er vergleicht das Griechische, das Lateinische und das Französische, und zwar nach folgenden Kriterien: »De la clarté du Discours«, S. X, »De la pureté du Discours«, S. XI, »De la netteté du Discours«, S. XII, »De l'abondance des Langues«, S. XIII, »De l'énergie ou de la force des Langues«, S. XIV. Auffällig ist, daß Frain du Tremblay hier auch einen klaren Unterschied zwischen Kriterien, die den Discours betreffen, und solchen, die die Langues betreffen, macht. Ähnliche Kriterien verwendet dann auch wieder ausführlich: Mongin, Philosophie Elémentaire (1803), ebenfalls bei einem Vergleich zwischen Griechisch, Latein und Französisch.

[16]
[17]

Die These der Veränderung der Sprachen durch das Klima, wie sie vor allem von Frain du Tremblay formuliert worden war, wurde im 18. Jahrhundert stereotyp wiederholt.

[18]

Dazu Schlieben-Lange 1984. Zu diesem stereotypen Wissensbereich gehört auch die Annahme, daß die provenzalische Poesie von der arabischen abhängig sei und z. B. den Reim von ihr übernommen habe (hier S. 458); so äußert sich u. a. Sismondi (1813).

[19]

Insgesamt kann man sagen, daß zu dieser Zeit die Möglichkeiten der Wortbildung als besonders charakteristisch für das Deutsche, besonders im Gegensatz zum Französischen, angesehen wurden. Dies finden wir bereits bei Schottel, im 19. Jahrhundert besonders bei Becker und Schmitthenner.

[20]

So wird der Artikel als Kennzeichen der Modernität z. B. von Court de Gébelin hochgelobt.

[21]

Zur Gesamtdiskussion um die »indétermination des mots« vgl. Schlieben-Lange 1987a.

[22]

Wir verwenden hier den Begriff der Typologie, so wie es E. Coseriu mehrfach dargelegt hat, z. B. in Coseriu (1968) und (1980), als Beschreibung der Prinzipien, die mehreren Erscheinungen einer Sprache oder Sprachgruppe zugrunde liegen.

[23]

Interessant wäre es, Jenischs Ergebnisse mit Coserius Typologie der romanischen Sprachen (ein-schließlich der Charakterisierung des Französischen als besonders »unromanischer« Sprache) und der gegenüberstellenden Charakterisierung von Deutsch und Französisch durch Charles Bally (1950) zu vergleichen.

[24]

Am Rande sei vermerkt, daß das Portugiesische diejenige romanische Sprache ist, die Jenisch wohl am wenigsten und sicher auch nur aus Schriftzeugnissen kennt, wie sich aus Bemerkungen zur Aussprache erschließen läßt. So behandelt er es auch recht lieblos, bestätigt ihm immer wieder, daß es »nichts Eigenthümliches« vorzuweisen habe und daß es nur durch seine »Unmerkwürdigkeit merkwürdig« (S. 374) sei.

[25]

Zum programmatischen Stellenwert von »uniformité« in der Revolution vgl. Schlieben-Lange 1988.

[26]

Jenisch nimmt an, daß sich das Französische durch die Revolution stark verändert, besonders wieder an Nachdruck gewinnt: »Die Revolution, die dem feinsten Volk Europens eine gewisse Spartanische Energie (unausgemacht ob moralisch gut oder böse) mitgetheilt zu haben scheint, wird ihren Einfluß in der Zukunft unfehlbar auch auf ihre Geisteswerke und ganze Sprache verbreiten« (S. 316). »Die Revolution hat den Franzosen ein neues Feld für die Beredsamkeit eröffnet; und die Reden eines Mirabeau, Barnave, Mounier, Vergniaud, Brissot, Sieyes, Robespierre, die uns der Moniteur lesen läßt, erinnern, durch viele und sehr glänzende Züge, an die schöne Blüthe der Beredsamkeit in Athen und Rom« (S. 195).

[27]

Vgl. dazu z. B. die Literaturgeschichten von Bouterwek (1850), Sismondi (1813), Ginguéné (1835) u. a.


© 2004 Berliner Klassik | Top