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Claudio Marazzini Carlo Deninas Beitrag zur Geschichte der SprachwissenschaftAbstract
The Italian theologist and historian Carlo Denina lived in
Berlin between 1782 and 1804, where he wrote his major
linguistic work, La clef
des langues (1804). In Berlin, he was not only able
to prepare this work by giving numerous talks at the Berlin
Royal Academy but, for the first time, he also had access
to important texts belonging to the European tradition of
language studies. Inhalt1. Zur Konzeption der Clef des langues 1.1. Zu einigen Grundannahmen des linguistischen paleocomparativismo 2. Berlin, Italien, Frankreich: Denina in der Tradition des europäischen Sprachdenkens 3. Die Untersuchung der romanischen Sprachen in der Clef des langues 4. Denina als Vorreiter bei der Erforschung der italienischen Dialekte 4.1. Deninas Untersuchungen zu den piemontesischen Dialekten
1. Zur Konzeption der Clef des languesObwohl sein Hauptwerk La Clef des langues erst 1804 erschienen ist, verweist bereits die thematische Unterteilung der drei Bände darauf, daß Denina noch der Tradition der Gelehrsamkeit des 18. Jahrhunderts verhaftet ist. Hierfür reicht ein Blick auf den Inhalt des ersten Bandes, in dem der Ursprung der Sprachen und der »lettere elementari« behandelt wird, d. h. Denina untersucht dort eine Reihe in verschiedenen Sprachen vorkommender phonetischer Phänomene. Diese werden allerdings nicht den einzelnen Sprachen zugeordnet, sondern den verschiedenen »lettere« (Buchstaben) oder Buchstaben-Kombinationen. So verwendet Denina bei den Diphthongen Beispiele, die vom Altgriechischen über das Lateinische zum Französischen und Deutschen führen. Darüber hinaus ist auch von den vier europäischen »lingue-madri«, den »Muttersprachen«, die Rede: dem Griechischen, dem Slawischen, dem Germanisch-Keltischen und dem Lateinischen. Abgesehen davon, daß Denina unter Bezug auf Leibniz und Wachter von einer Identität zwischen dem Keltischen, Germanischen und Deutschen ausging, ist dies der Teil seiner Arbeit, in dem der an die Skythentheorie gebundene paleocomparativismo als eine "vorwissenschaftliche"1 Form des Sprachvergleichs am deutlichsten hervortritt (vgl. Droixhe 1978). Diese Theorie nimmt zumindest in ihren Grundzügen den Rahmen der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft des frühen 19. Jahrhunderts vorweg und erscheint uns wie eine Vorläuferin der indoeuropäischen Sprachwissenschaft, weil sie davon ausgeht, daß die vier europäischen »Muttersprachen« auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgehen und daß diese Sprachen dank der Migration eines einzigen Volkes ins zentral-westliche Europa gelangt seien. Der diesem Volk zugesprochene Ursprungsort entsprach in etwa dem, der später den Indoeuropäern zugeordnet wurde (Denina 1804, I: 108 f.). Unter Rekurs auf diese Theorie sprach sich Denina auch gegen einen der Gemeinplätze der Sprachwissenschaft des 18. Jahrhunderts aus, und zwar gegen das Keltische als Ursprache. Bemerkenswert ist, daß Denina dieses Thema nicht auf einer allgemeinen Ebene abhandelt, sondern mittels lexikalischer Vergleiche versucht, für die vier »Muttersprachen« gemeinsame Nominalklassen zu finden, die nach spezifischen semantischen Feldern geordnet werden: den Naturelementen, der Zeit, den Namen der Götter, den menschlichen Körperteilen, den Vierbeinern, den Vögeln, den Wassertieren und Reptilien, den Bezeichnungen aus den Bereichen des sozialen Lebens und der physischen und moralischen Beschaffenheit. Bemerkenswert ist auch, daß Denina seine Ergebnisse mit einem Verweis auf das Sanskrit abschloß, um seine sprachvergleichende Analyse abzurunden. Das Sanskrit wurde jedoch nur beiläufig in einer Anmerkung am Schluß im Zusammenhang mit dem österreichischen Karmeliter Paolino da San Bartolomeo erwähnt. Dieser hatte in seinen in Italien publizierten Schriften über Indien Wortkataloge erarbeitet, die die Verwandtschaft zwischen dem Sanskrit und den romanischen sowie den germanischen Sprachen bestätigten. Im Gegensatz dazu kannte Denina die Werke von William Jones und der Akademie von Kalkutta nicht einmal dem Namen nach, obwohl ein wenn auch sehr schwaches Echo davon bereits nach Italien gedrungen war.2 Denina zitiert das Sanskrit also nur in einer einzigen Anmerkung auf der Seite 378 der Additions et corrections zum ersten Band der Clef des langues. Aber es besteht kein Zweifel daran, daß dieser Verweis, so begrenzt er auch war, den Rahmen des paleocomparativismo auf intelligente und kritische Weise vervollständigte und zudem eine Vorwegnahme späterer Ergebnisse darstellte. 1.1. Zu einigen Grundannahmen des linguistischen paleocomparativismoIn jedem Fall lassen sich im vorwissenschaftlichen paleocomparativismo einige "moderne" Aspekte wiedererkennen Die Übereinkunft darüber, daß erstens eine Verwandtschaft zwischen dem Griechischen, Lateinischen, Germanischen und Slawischen vorliege; daß es zweitens ein Volk gegeben habe, in dessen Migrationsbewegungen die Sprachen ihren Ursprung haben; und drittens, daß die Geschichte der Sprachwissenschaft eine Methode zur Rekonstruktion und damit zur Entdeckung von weit zurückliegenden, ansonsten nicht nachweisbaren Fakten bereitstellen müsse. In diesem Sinne bot sich die Sprachwissenschaft als eine neue Form der Geschichtsschreibung an, die es ermöglichte, über die Geschichte hinauszugehen, eben dorthin, wo die Geschichte aus Mangel an Belegen nicht hinreichen konnte. Diese letzte Idee war an sich nicht neu, denn man findet sie bereits bei Leibniz, der festgestellt hatte, daß »Linguae nobis praestant veterum monumentorum vicem« (Leibniz 1710: 1).3 Es scheint mir von besonderer Wichtigkeit, daß eine solche These von einem Gelehrten wie Denina aufgegriffen wurde, der sich, bevor er zur Sprachwissenschaft kam, als Historiker einen Namen gemacht hatte. Im übrigen handelt es sich um eine These, die die Sprachwissenschaft des 17. und 18. Jahrhunderts mit der des 19. Jahrhunderts und somit den "vorwissenschaftlichen" mit dem "wissenschaftlichen" Sprachvergleich verbindet. So ist es nicht verwunderlich, daß sie sich in der Abhandlung De l'étymologie en général von August Wilhelm Schlegel in derselben Weise wiederfinden läßt. Schlegel spricht von der »historischen Etymologie« als einem Leitfaden durch das Labyrinth der weit zurückliegenden Völkerwanderungen. Die Etymologie bleibe als einzige Möglichkeit, um begreifen zu können, in welcher Reihenfolge die unterschiedlichen Teile der Welt bevölkert wurden und welche die Urgeschichte des Menschen sei (Schlegel 1846: 112). Das heißt, auch wenn die Rekonstruktion der Ursprache außen vor gelassen wurde, fungierte die Etymologie weiterhin als Vorläuferin der Geschichte. So wurde sie auch bei Cattaneo aufgefaßt, um einmal einen italienischen Autor zu nennen, der in seinem Aufsatz aus dem Jahre 1841 Sul principio istòrico delle lingue europee (eigentlich 1842), bemerkte, daß eine neue Wissenschaft der Sprachen im Entstehen sei, »la quale come le scienze dei tempi e dei luoghi e dei monumenti, sarà nuovo lume all'istoria« (Cattaneo 1972: 161). Denina würde diesen Gedanken mit Sicherheit nicht abstreiten, und trotz vielfältiger Differenzen herrscht diesbezüglich Eintracht zwischen dem paleocomparativismo und der neuen historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft. Denn ebenso wie die Sprachwissenschaftler des 18. und die Idéologues des beginnenden 19. Jahrhunderts vertritt Denina folgenden theoretischen Ansatz zur Erklärung der Phylogenese der menschlichen Sprache: Die Ursprache sei aus einsilbigen Wörtern und Interjektionen entstanden, aus denen die menschliche Sprache auf ihrem Weg von ihrer ursprünglichsten und gegenständlichsten Ausprägung zum Gipfel der Abstraktion nach und nach immer komplexere Formen ausgebildet habe. Gegen diese These stellte sich nun Schlegel mit folgender Aussage: »Les langues ne se forment pas le cours du temps; au contraire, elle se déforment« (Schlegel 1846: 130). Hiermit wurden die Grundpfeiler der Sprachgeschichtsschreibung auf den Kopf gestellt. An die Stelle der Idee einer ursprünglichen Unvollkommenheit, auf die in der westlichen Kultur von der Renaissance bis zur Aufklärung die "klassischen" ästhetischen Theorien eines Bembo oder die philosophischen Theorien eines Condillac aufgebaut hatten, trat jetzt eine neue historische Sichtweise, die von einer "ursprünglichen Vollkommenheit" ausging. Wenn man wie die Brüder Schlegel davon ausging, daß die sprachliche Vollkommenheit in der Vergangenheit lag, mußte die Geschichte der Sprachen zwangsläufig als eine Chronik ihres fortwährenden Verfalls interpretiert werden. Dies ist sicherlich ein wichtiger und deutlicher Unterschied zwischen dem 18. und dem beginnendem 19. Jahrhundert, zwischen alter und neuer Sprachwissenschaft. 2. Berlin, Italien, Frankreich: Denina in der Tradition des europäischen SprachdenkensDeninas sprachwissenschaftliches Interesse hat sich durch die Lektüre "europäischer" Texte herausgebildet, die in der Berliner Akademie der Wissenschaften leichter zugänglich waren als in Italien. Unter den Autoren, die seine sprachwissenschaftlichen Studien maßgeblich beeinflußt haben, findet sich ein sehr bedeutender, mit dem er sich bereits im Piemont beschäftigt hatte, nämlich Leibniz.4 Ein Nachweis für die frühzeitige Beschäftigung Deninas mit den sprachwissenschaftlichen Schriften von Leibniz findet sich in den Lettere Brandenburghesi, die die Reise Deninas von Turin nach Potsdam im Jahre 1782 schildern.5 Aber abgesehen von der Lektüre der Texte der "europäischen Tradition", die durch seinen Auslandsaufenthalt begünstigt wurde, war ihm auch die italienische Forschung nicht fremd. Das heißt, als Historiker hatte er natürlich Muratori gelesen, der ebenfalls Etymologe war und der als erster die Sprachgeschichte als Fach den Antiquitates zugeordnet hatte. Denina profitierte aber auch von seiner Erfahrung als Literaturwissenschaftler, die ihn recht früh zu einem Vergleich fremdsprachiger Literatur oder - in heutiger Terminologie - zur vergleichenden Literaturwissenschaft geführt hatte (vgl. Sinopoli 1996). Das vergleichende Studium der Literatur führte Denina demnach zumindest partiell zum vergleichenden Studium der Sprachen. Zumindest wurde es dadurch begünstigt, wenn man davon ausgeht, daß Denina mit seiner Berliner Ausgabe der Vicende della letteratura von 1784 zur Herausbildung eines vollständigen und effizienten Literaturvergleichs in Preußen beigetragen hatte (vgl. Marazzini 1984). Eines der hervorstechendsten Merkmale des linguistischen paleocomparativismo bestand, wie bereits erwähnt, in dem wenn auch nur knappen Vergleich mit dem Sanskrit. Aber genau dieser Vergleich mit der Sprache Indiens läßt die Unterschiede zu der im Entstehen begriffenen historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft erkennbar werden. Denn der Bezug auf das Sanskrit bedeutete weder, daß die Forscher eine wirkliche Kenntnis dieser Sprache hatten, noch daß sie vorhatten, sich diese anzueignen. Das unterscheidet sie wesentlich von den Komparativisten des 19. Jahrhunderts. Mit anderen Worten: Die Kenntnis des Sanskrit war noch nicht so verbreitet, daß dadurch die Forschung grundlegend verändert werden konnte. In bezug auf Denina gilt es zudem zu fragen, ob er die phonetische Analyse einer etymologischen Entwicklung hätte erarbeiten können, wenn er sie auf etwas Vergleichbares wie eine "historische Grammatik" übertragen hätte. Wie ich bereits erwähnte, wurden die Laute (und die sie repräsentierenden Buchstaben) bei seinen Untersuchungen zu Kriterien erhoben, unter denen die häufig heterogenen, in den verschiedenen Sprachen vorgefundenen Phänomene zusammengefaßt wurden. Das Prinzip, auf das sich Denina dabei berief, war folgendes: Einige Laute können sich auf Grund einer ihnen eigenen »simpatia naturale« in andere Laute verwandeln. Diese Herangehensweise verweist zurück auf das 18. Jahrhundert, denn sie findet sich in einer der wichtigsten Quellen Deninas, dem Traité de la formation méchanique des langues von Charles de Brosses (1765), wieder. De Brosses erklärt darin: »Les lettres s'attirent les unes les autres, non pas au hazard, mais dans un certain ordre dicté par la nature et par une opération insensible, née de l'organisation même« (De Brosses 1765, II: 161). Was genau bedeutet hier organisation? Ist sie wie bei De Brosses eine natürliche Disposition des menschlichen Artikulationsorgans, oder ist sie eine Folge des génie de la langue, der von den klimatischen Bedingungen oder von der Geschichte der Völker beeinflußt wird? Auch Denina greift bei seinem Versuch, Lautwandelphänomene zu erklären und zu begründen, auf die Idee einer »disposition organique« (Denina 1804, III: VII) zurück, die entweder auf eine physische Ursache oder auf eine auf physischen Ursachen oder aber auf dem bloßen Zufall beruhende Gewohnheit zurückgeführt werden könne. Es handelt sich hierbei also um eine »disposition naturelle« (Denina 1804, III: V), die in Völkern wirksam werde, die die Sprache eines anderen Volkes übernehmen; eine Fremdsprache, die notwendigerweise angepaßt wird. Allerdings könne diese Veränderungen bewirkende »disposition naturelle« auch innerhalb einer einzelnen Sprache, innerhalb ein und desselben Volkes oder sogar innerhalb einer familiären Gemeinschaft wirksam werden. Das Interesse der etymologischen Untersuchungen liege nicht in der Suche nach der Ursprache, sondern in der Ergründung des Lautwandels. Über diese Überlegungen gelangte Denina zu einer seiner Grundannahmen, die zum Teil an die etymologischen Prinzipien Turgots angelehnt sind. Nach dessen Überzeugung dürfen nur solche Sprachen miteinander verglichen werden, deren Verwandtschaft als erwiesen gelten kann, da nur auf diese Weise verläßliche Ergebnisse im Hinblick auf die etymologische Entwicklung erzielt werden könnten. Untersucht werden sollte folglich nicht die allgemeine Lautentwicklung, vielmehr gehe es darum zu erforschen, wie, wo und wann und in welcher Sprache sich eine bestimmte Veränderung vollzogen hatte.6 Dieses herausragende Verfahren wird mit erstaunlicher Bestimmtheit am Ende der Clef des langues zum Ausdruck gebracht, auch wenn es dem Autor schwerfiel, dieses Verfahren auch wirklich konsequent anzuwenden. Der heutige Leser hat daher den Eindruck, daß Denina in seinen Untersuchungen zuweilen von den eigenen, am Ende entwickelten Grundsätzen abweicht. Die Zeitgenossen nahmen allerdings dessen ungeachtet hauptsächlich seine konkreten Analysen wahr. Ein Vertreter der Idéologues, Jean Denis Lanjuinais, lobte Denina gerade dafür, daß er »nahe Etymologien« (»etymologies prochaines«) zwischen verwandten Sprachen unter Berücksichtigung einer auf nachweisbaren Fakten beruhenden historischen Abfolge zusammengetragen hatte (Lanjuinais 1816: XXXVII f.). Auch wenn Deninas Überzeugung von der Notwendigkeit einer dezidierten Präzisierung des historischen Hintergrunds zur Erläuterung des Sprachwandels in seinem eigenen Werk nicht vollständig umgesetzt wurde, stellte sie zumindest zu einem Teil das abschließende Resultat seiner ausgiebigen Beschäftigung mit etymologischen Problemen dar. Diese Erkenntnis verweist bereits auf das 19. Jahrhundert, auch wenn die Vorgehensweise, nach der Denina das zahlreiche Sprachmaterial klassifiziert und bearbeitet hat, von der wissenschaftlichen historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft nicht als die ihrige anerkannt worden wäre. Zudem wurde das anspruchsvolle Projekt Deninas natürlich dadurch erschwert, daß er überwiegend auf gleichartige Informationen zu den verschiedenen von ihm untersuchten Einzelsprachen zurückgriff, wobei er dabei allerdings viel zu sehr auf die herangezogenen Forschungen angewiesen war. Seine Studien entstanden somit in Abhängigkeit von jenen Etymologen, die er als Grundlage für seine Analyse der einzelnen Idiome ausgewählt hatte, d. h. Wachter für das Deutsche, Whiter für das Englische und Covarrubias für das Spanische. Selbstverständlich besaß er zu einigen Sprachen mehr Informationen, während ihm von anderen Sprachen weniger interessante Beispiele und Sprachproben zur Verfügung standen. Seine eigentlichen Anstrengungen zielten darauf ab, ein - wenn auch unsystematisches und unvollständiges - Gesamtpanorama zu entwerfen. Denina beschränkte sich auf eine Untersuchung der europäischen Sprachen und war stolz auf diese Einschränkung seines Forschungsfeldes, die ihn von einem Court de Gébelin unterschied. Gleichzeitig führten die von ihm gelesenen Schriften Denina dazu, erneut über die Ursprache und die Bedeutung der Sprachwurzeln zu diskutieren, ähnlich wie dies auch Cesarotti in seinem Aufsatz Saggio sulla filosofia delle lingue getan hatte, der ungefähr im selben Zeitraum entstanden ist.7 Eine weitere Übereinstimmung mit Cesarotti liegt in dem schwach ausgeprägten Interesse für die grammaire générale. Für Denina bleibt das Ziel seiner Sprachstudien ein praktisches: Er möchte das Erlernen fremder Sprachen erleichtern. Aber dieses Ziel werde seiner Überzeugung nach nicht wie in der grammaire générale durch das Aufzeigen gemeinsamer universeller Eigenschaften erreicht, sondern durch eine Erschließung der jeweils spezifischen Sprachwandelphänomene einer jeden Sprache. Im Gegensatz zu Cesarotti hatte Denina durch seinen Umzug nach Berlin die Gelegenheit, in einem europäisch geprägten Umfeld zu arbeiten mit einer besser ausgestatteten "sprachwissenschaftliche Bibliothek" als in Italien, und wo vor allem durch die räumliche Distanz die questione della lingua in den Hintergrund rückte. Bevor Denina nach Preußen kam, hatte er ebenfalls bedeutende Schriften zur questione della lingua verfaßt, in denen er eine der »lingua cortigiana« verwandte gemäßigte Position vertrat, die dem Toskanismus der Accademia della Crusca kritisch gegenüberstand. Durch den Kontakt zur Berliner Akademie der Wissenschaften veränderte sich jedoch seine Sichtweise (vgl. Haßler 1999: 160-177), denn die stark ausgeprägte sprachwissenschaftliche Tradition der Akademie übte einen sichtlichen Einfluß auf ihn aus, auch wenn er im einzelnen nicht immer mit deren Positionen einverstanden war. So kann man in seiner Abhandlung Sur le caractère des langues lesen, wie Denina die Abhandlung Rivarols über die Vorherrschaft der französischen Sprache widerlegte.8 In erster Linie jedoch erweiterte und vervollkommnete Denina in Berlin seine in Italien begonnene Ausbildung. Zu den ihm bekannten Autoren wie Leibniz und Muratori, den Vertretern der italienischen und französischen Sprachdiskussion des 16. Jahrhunderts (darunter Ménage, Huet, Paulmy, Bembo, Varchi, Celso Cittadini, Castelvetro) kamen nun Aldrete, Skinner, Ihre, Whiter und Court de Gébelin hinzu.9 Darüber hinaus hatte Denina auf seiner Reise nach Preußen im Jahre 1782 die Gelegenheit, die Arbeiten Adelungs über die deutsche Sprache kennenzulernen.10 Die Autoren, die Deninas sprachvergleichende Studien beeinflußt haben, sind demnach zahlreich, aus der Sicht der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts sind es zu viele. 3. Die Untersuchung der romanischen Sprachen in der Clef des languesIm zweiten Band seines Hauptwerks Clef des langues schränkt Denina sein Untersuchungsgebiet auf die europäischen Sprachen ein. Wie zu erwarten, nehmen die romanischen Sprachen dabei einen breiten Raum ein. Im Vergleich zu den großen wichtigen Themen, die die Diskussion der Sprachwissenschaft des 18. Jahrhunderts dominierten, fällt dieser Teil der Arbeit weniger faszinierend aus. Die Frage nach der Ursprache sowie die Frage nach den Wurzelwörtern als Trägern von "Urbedeutungen" rücken hier in den Hintergrund. Gleichzeitig ermöglichte dieser Teil dem Autor, sein konkretes Forschungsinteresse an historisch belegbaren Etymologien in Sprachen mit gesicherter Verwandtschaftsbeziehung unter Beweis zu stellen. Denina übernahm - wie nicht anders zu erwarten - die Substrat-Theorie, wie sie seit der Renaissance von den italienischen Forschern in ihrer klassischen Ausprägung formuliert wurde: »Loin de Rome les peuples qui étoient forcés d'apprendre et de parler la langue de leurs maîtres, répétoient les mots et les phrases comme elles avoient frappé leurs oreilles, et comme leurs organes étoient disposés à les articuler« (Denina 1804, II: 3). Man darf nicht vergessen, daß selbst Ascoli immer noch den Grund für den Lautwandel auf »ragioni organiche« zurückführte (Ascoli 1975: 7).11 Die Schwäche in Deninas Vorgehen liegt folglich nicht in seinen theoretischen Überlegungen begründet, sondern vielmehr in seinen Analysen. So unternimmt er zum Beispiel nach einer Eingrenzung seines Untersuchungsfeldes auf die italienische, französische, spanische und portugiesische Sprache den Versuch einer phonetischen Analyse, jedoch wird gerade hier der Unterschied zur historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft deutlich. Denn Denina behandelt weder die Vokale getrennt von den Konsonanten, noch unterscheidet er zwischen kurzen und langen Auslautvokalen im Lateinischen. Sein Vorgehen ist nicht systematisch, sondern dem Zufall unterworfen. Mit anderen Worten: es fehlt ihm eine "Methode", oder genauer gesagt, es fehlt genau jene Methode, die von der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft entwickelt wurde und die sich in Italien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgebreitet hat. Dennoch finden sich in der Clef des langues etymologische Grundgedanken, die wiederum auf eine lange Tradition zurückgehen. So ist die Vorstellung von der "kompensatorischen" Funktion des Sprachwandels in Deninas Werk klar erkennbar. Hierzu gehört die Annahme, daß die von den lateinischen Demonstrativpronomen abstammenden Präpositionen und Artikel in den romanischen Sprachen stellvertretend die Funktion der Kasus übernommen haben.12 Ebenso deutlich ist die Vorstellung von der Entstehung des italienischen Futurs durch die Kombination von Infinitiv und habeo in der Clef ausgedrückt, eine Erkenntnis aus der historischen Grammatik, die man bereits im 16. Jahrhundert bei Castelvetro findet (Marazzini 1989: 36). 4. Denina als Vorreiter bei der Erforschung der italienischen DialekteKommen wir nun zu dem Punkt, an dem Denina, nach einer allgemeinen Erörterung der Definition des Begriffs Dialekt,13 mit seinen Ausführungen zu den italienischen Dialekten beginnt. An der Untersuchung der Dialekte lassen sich die Unterschiede zwischen den Untersuchungsmethoden des 18. und 19. Jahrhunderts besonders gut ablesen. Somit läßt sich behaupten, daß die Begründung der neuen wissenschaftlichen Linguistik in Italien mit ihren Vertretern Bernardino Biondelli und Graziadio Isaia Ascoli aus der Erforschung der Dialekte hervorgegangen ist. Denn vor einer Erforschung der Dialekte gab es keine ernsthafte wissenschaftliche Untersuchung des Italienischen.14 Trotz der Anerkennung des Nutzens und der Relevanz der Dialekte bleibt es zunächst bei einem oberflächlichen, eher zufälligen Interesse, ohne daß die Dialekte konkret untersucht wurden, da zu diesem Zeitpunkt weder eine Methode zu ihrer systematischen Beschreibung noch zu ihrer Klassifikation zur Verfügung stand. Selbst Cattaneo beläßt es in seinem bereits zitierten Aufsatz über das Principio istorico delle lingue europee bei einer Aufforderung, dialektale Ausdrücke zu sammeln, die er als »rugginose reliquie« bezeichnete (Cattaneo 1972: 201). Das ist meines Erachtens ein entscheidender Punkt, denn die eigentlichen Klassifikationsverfahren setzten sich erst im 19. Jahrhundert durch. Unter der Berücksichtigung der Tatsache, daß bei Hervás ein Interesse für die italienischen Dialekte so gut wie nicht vorhanden ist und die alte Vorstellung wieder auftaucht, sie als "korrumpiertes Toskanisch" aufzufassen (Hervás 1785), sind es Denina und Carl Ludwig Fernow (1808), die noch vor Biondelli und Ascoli den Grundstein für die spätere Dialektologie in Italien legen. Denina ist der erste, der sich für die Dialekte als lebendige Sprachen interessiert sowie dafür, diese - modern gesprochen - mit den Mitteln der Feldforschung direkt zu untersuchen. In diesem Zusammenhang sei auch an Deninas Erklärung in seiner 1790 in der Prusse littéraire veröffentlichten Autobiographie erinnert, in der er seine »origine de ma vocation à Berlin«, d. h. die Ursache seiner sprachwissenschaftlichen Berufung auf ein "italienisches Schlüsselerlebnis" zurückführte. Und zwar entwickelte sich sein Interesse für etymologische Studien, als er wegen eines Konflikts mit den Zensurbehörden für ein halbes Jahr in seinen Geburtsort Revello verbannt wurde und ihm dort keine Bücher zur Verfügung standen. Anstelle des Studiums von Büchern widmete er sich der Erforschung des lokalen patois und stellte fest, daß dieser patois wie alle anderen Dialekte aus dem Gebiet der Grafschaft von Saluzzo Affinitäten zu den Dialekten des Dauphiné und der Provence aufwies. Sein lose gesammeltes Material sollte für die Erstellung eines etymologischen Wörterbuchs des Piemontesischen nach dem Vorbild des Glossars von Du Cange dienen. Denina schreibt: »Je prenois plaisir à comparer ces dialectes l'un avec l'autre, et je voyois qu'ils étoient tous sortis du latin, mais défigurés d'une manière différente« (Denina 1790: 448).15 Hier zeigt sich also über Deninas etymologisches Interesse hinaus sein besonderes Interesse an sprachvergleichenden Studien und an der Feldforschung. Allerdings verfügte er nur über einen eingeschränkten Einblick in die Struktur der italienischen Dialekte. So war er beispielsweise nie nach Süditalien gereist, seine Kenntnisse aus erster Hand reichten demnach nicht über Rom hinaus. Von der Problematik der Quellenlage einmal abgesehen liegt der Verdienst Deninas in der Clef des langues darin, die Relevanz des Dialektes erkannt und sein Verhältnis zur Sprache richtig eingeschätzt zu haben. Die Dialekte seien, so Denina, nicht als "die Söhne" einer Sprache zu verstehen, sondern vielmehr als deren "Brüder", da sie bereits vor der Herausbildung dieser Sprache existierten; denn beide stammen ursprünglich von ein und derselben Sprache ab, aus der sich dann die Nationalsprache herausgebildet habe (Denina 1804, II: 30). Anders ausgedrückt, sind die Dialekte denselben Weg wie die Nationalsprachen gegangen. In diesem Zusammenhang kommt er dann auf das Toskanische zu sprechen, jenem Dialekt, der in Italien zur Nationalsprache wurde. Passagen wie diese zeugen von einem hohen Grad an Wissenschaftlichkeit, weil Denina hier jenseits jeder Polemik an jene Forschungstradition anknüpft, die auf der Debatte um die questione della lingua basiert. Dies unterscheidet ihn von den in Italien gebliebenen Forschern, die bei ihren Studien zur italienischen Sprache weniger distanziert und somit weniger objektiv und "wissenschaftlich" vorgingen. Gegen die Darstellung der Geschichte der italienischen Sprache innerhalb der Clef des langues ist also nichts einzuwenden. Wenn überhaupt, sind Deninas Ausführungen nur an den Stellen problematisch, an denen er nachzuweisen versucht, worin die anderen Dialekte vom Florentinischen abweichen, d. h. also in seinen phonetischen und grammatikalischen Analysen. Auch wenn er erkennt, daß das Florentinische im Vergleich zu den anderen Dialekten Italiens eine höhere Affinität zum Lateinischen aufweist, so fehlen ihm doch die Mittel, um seine Annahmen systematisch zu verifizieren. Hier taucht erneut das Problem des Korpus auf, denn dieses Korpus ist in ähnlicher Weise wie Deninas Kenntnis der italienischen Dialekte nur begrenzt. Es ist daher kein Zufall, daß die Passagen zum Piemontesischen viel ausführlicher ausfallen. Dieses Mißverhältnis haben auch Stussi und Cortelazzo hervorgehoben. Sie loben auf der einen Seite geniale Aspekte in Deninas Arbeit, wie beispielsweise die Unterteilung Italiens in eine östliche (Toskana, Romagna und die drei Inseln) und in eine westliche Romania (von den Alpen zu den Pyrenäen und zur Region Navarra) (Cortelazzo 1980: 119). Auf der anderen Seite benennen sie seine wirklichen Versäumnisse, wie beispielsweise »l'attenzione pressoché nulla riservata all'Italia meridionale e lo sfuocato cenno alla Sicilia« (Stussi 1982: 50). Es war jedoch zu jener Zeit nicht einfach, überhaupt einen Norditaliener zu finden, dem der Süden Italiens vertraut gewesen wäre. Denina scheint jedoch nicht einmal die sprachliche Situation Sardiniens, das wie der Piemont vom Haus Savoyen regiert wurde, gekannt zu haben. Es ist offensichtlich, daß es insgesamt an Wissen und ausreichender Kenntnis über die einzelnen Dialekte mangelte.16 Deshalb können wir Denina nicht vorwerfen, daß er trotz seiner speziellen Kenntnisse in bezug auf die Dialekte des Piemont keine Unterscheidung zwischen den provenzalischen und den frankoprovenzalischen Gebieten macht. 4.1. Deninas Untersuchungen zu den piemontesischen DialektenWir haben vorher gesehen, daß Denina durchaus bewußt war, daß ein Teil der alpinen Dialekte, und hier insbesondere jene Dialekte aus den Tälern um seine Geburtsstadt Revello, den französischen Mundarten des Dauphiné und der Provence ähnlich sind. Dennoch geht Denina von einer Einheit der "piemontesischen" Mundarten aus, und infolgedessen werden alle Ergebnisse eines sprachlichen Wandels als "piemontesisch" gedeutet. Das piemontesische Sprachgebiet wird so zum "Schauplatz" sprachlicher Varianten. So bemerkt er, daß die italienische capra ("Ziege") nach dem Prinzip der Metathese im Piemontesischen zu crava, im Alto Piemonte an der Grenze zum Gebiet des Dauphiné aber zu ciabra wird. Das Ergebnis des Lautwandels wird also richtig eingeschätzt, und Denina versucht, das entsprechende "Gesetz" dazu zu formulieren: »Dans le haut Piémont qui touche au Dauphiné on change constammment la ca en cia, tandis que le François le change en ch« (Denina 1804, II: 60). Hier beschreibt Denina den Lautwandel von französisch chèvre zu piemontesisch crava und schließlich ciabra als charakteristisch für die »montagnards des deux côtés des Alpes« (Denina 1804, II: 60). Seine Analyse der Mundarten wurde dadurch erschwert, daß einige Merkmale des später so genannten "Frankoprovenzalischen" auch in den westlichen Tälern des Piemonts zu finden waren, so wie im Fall von c + a > c´ (vgl. Ascoli 1882-85: 101). Selbst Bernardino Biondelli ging noch 1853 in derselben Art und Weise vor, indem er zwei Typen des Piemontesischen unterschied; den einen bezeichnete er als das eigentliche Piemontesisch, d. h. als il piemontese, und den anderen als l'alpigiano. Diese Mundarten verglich er nun mit dem Italienischen und Französischen. Daher wurde dem piemontesischen Wort cavret das Wort ciabrì aus dem alpigiano, das italienische capretto und das französische chevreau gegenübergestellt. Die dialetti alpigiani definierte Biondelli demzufolge als jene, »che più si accostano alle forme occitaniche« (Biondelli 1853: 478). Da Biondelli in der Durchführung systematischer vorging und in der lexikalischen Gegenüberstellung ein durchgehendes Schema anwandte, fällt seine Untersuchung zwar eindeutiger aus, sie weist aber letztlich in konzeptueller Hinsicht keinen erheblichen Unterschied zu der Deninas auf. In der von Denina in der Clef des langues vorgenommenen Beschreibung der piemontesischen Mundart läßt sich auch die Schwierigkeit des Autors erkennen, unveränderliche und zuverlässige "Lautgesetze" zu formulieren. So etwa bei der Analyse der Lautentwicklung des lateinischen Vokals a. Denina beobachtet, daß der Vokal a in der ersten Silbe des Wortes souvent zu ai diphthongiert werde, wie zum Beispiel bei faire und fait, die dem italienischen fare und fatto entsprechen. Abgesehen davon, daß die diphthongierte Form faire im gesamten geographischen Raum des Piemont eigentlich nicht vorkommt (dort lautet die Form fé), in einigen Tälern aber dennoch gebraucht wird, erstaunt hier die Verwendung des Adverbs souvent ("häufig"), mit der Denina die Wahrscheinlichkeit ausdrückt, daß ein Lautwandel vorliegt (Denina 1804, II: 59). Nun steht die Bemerkung "häufig" aber im Widerspruch zu der uneingeschränkten Gültigkeit eines Lautgesetzes, die Denina selbst an anderer Stelle formuliert hat. Zu den gesicherten Merkmalen, die Denina für das Piemontesische beobachtet hat, gehören weiterhin das Vorkommen des für das Französische charakteristischen Lautes eu /ö/? der Wegfall der Endsilben und das daraus resultierende Vorkommen oxytoner Wörter (parole troncate) unter Beibehaltung der Endkonsonanten wie -t oder das -p (tempus > temp, curtus > curt).17 Der Vergleich mit dem Französischen führt Denina zu der Schlußfolgerung, daß der piemontesische Dialekt »à tous égards l'intermédiaire de la langue italienne et de la langue françoise« sei (Denina 1804, II: 61). Dem piemontesischen Dialekt wird also eine besondere Rolle zugesprochen. Kurz vor der Publikation der Clef des langues zog Denina in dem Brief Dell'uso della lingua francese (1803) die Ähnlichkeit des Piemontesischen mit dem Französischen als Argument heran, um seinen radikalen Vorschlag zu rechtfertigen, das Französische zur offiziellen Sprache des napoleonisch besetzten Piemont zu machen (vgl. Denina 1985: 65-102). Da der piemontesische Dialekt zwischen dem Italienischen und dem Französischen stehe, könne der Übergang zum Französischen als schmerzfreie Option angesehen und somit ohne Einschränkungen vorgeschlagen werden. Die Untersuchung des Dialekts stand hier demnach im Dienste der Sprachpolitik. Denina schließt unter anderem einige Betrachtungen über die Geschichte der piemontesischen Mundart an, und er behauptet, daß der Dialekt in der Vergangenheit bereits alternierenden Prozessen der Italianisierung und der Französisierung ausgesetzt gewesen sei.18 In den Arbeiten Deninas fehlt es also insgesamt nicht an präzisen und konkreten Sprachanalysen sowohl zu Dialekten als auch zu Sprachen. Ebenso fehlt es ihm auch nicht an einer komplexen Betrachtungsweise, die ihm ermöglicht, sprachliche Tatsachen als Zeichen politischer und sozialer Entwicklungen zu interpretieren. 5. Denina auf der Schwelle zwischen linguistischem paleocomparativismo und historisch-vergleichender SprachwissenschaftEines der Defizite von Deninas Analysen besteht, wie bereits gesagt, in der Unausgewogenheit der Daten des von ihm verwendeten Korpus, da Denina darauf verzichtet, ein eigenes Korpus zu erstellen. Das heißt, er verzichtet auf das übliche Vorgehen, einen bestimmten Text auszuwählen und dann von lokalen Sprechern in die jeweiligen Sprachen übersetzen zu lassen. So hatte beispielsweise Gesner im 16. Jahrhundert für seinen Mithridates eine Reihe von Übersetzungen des Vaterunser verwendet. Katherina II. hatte eine Liste von dreihundert Wörtern in zweihundert Sprachen übersetzen lassen, Salviati verwendete eine in zwölf italienische Dialekte übersetzte Novelle Boccaccios. Das Vaterunser wurde außerdem von Hervás y Panduro und von Adelung und Vater benutzt (Foresti 1980: insbes. 7-9). Adriano Balbi benutzte in seinem Atlas Ethnographique 1826 einen Wortkatalog, der auf die Elemente, die menschlichen Körperteile und die Zahlen begrenzt war (das lexikalische Korpus war zwar eingeschränkt, der Sprachenkatalog hingegen war beeindruckend). Denina schloß sich dieser gängigen Vorgehensweise nicht an, so wie er sich auch nicht für eine angemessene phonetische Transkription des dialektalen Materials interessierte. Denina kannte allerdings das ältere und ambitionierte Transkriptionssystem von Charles de Brosses. De Brosses hatte eine Transkriptionstechnik entworfen, die ganz auf die Buchstaben des lateinischen Alphabets verzichtete, indem er sie durch abstrakte "geometrische" Zeichen ersetzte. Aber das phonetischen Alphabet von de Brosses sollte nicht nur der Beschreibung dienen, sondern auch gleichzeitig etymologische Informationen sichtbar machen, da seiner Ansicht nach in der Transkription die ursprünglichen Wurzeln direkt erkennbar würden, die sonst durch die Unterschiedlichkeit der Schriften der verschiedenen Sprachen verdeckt blieben. Wie man sieht, basierten die phonetischen Transkriptionstechniken des 18. Jahrhunderts und die des 19. Jahrhunderts auf sehr unterschiedlichen Voraussetzungen. Auf jeden Fall blieben Denina sowohl die alten als auch die neuen Transkriptionstechniken fremd. Ebenso fremd blieb ihm die Suche nach alten Schriftdokumenten zu den Dialekten, die er für eine Erforschung ihrer Grammatik und ihrer Entwicklungsgeschichte hätte hinzuziehen können. Dieser Zugang zu den Dialekten wird erst von Biondelli (1853) gewählt, der, wo immer es möglich war, Dokumente antiker Texte parallel zu den Ergebnissen seiner eigenen Untersuchungen verwendete. Dies ist auch die Linie, die den Erfolg der "historischen Schule" begründete, die die Glottologie als spezifisches und sehr ausgefeiltes Forschungsgebiet entwickelte, wie die Jahrgänge des Archivo Glottologico Italiano belegen. Dies gilt sowohl in bezug auf die Dialekte als auch in bezug auf die italienische Standardsprache. Der Unterschied zwischen Denina und der neuen Wissenschaft beruht folglich auf einer grundsätzlich anderen philologischen Herangehensweise sowie auf einem unterschiedlichen Kenntnisstand hinsichtlich der Phonetik und der historischen Grammatik. Daran läßt sich meiner Ansicht nach gleichsam der wesentliche Unterschied zwischen dem 18. und dem 19. Jahrhundert festmachen. Abschließend läßt sich sagen, daß sich die Clef des langues in ihrer Anlage durch einen ambitionierten Anspruch und durch gelungene Einzelbeobachtungen auszeichnet. Ein kritischer Blick auf die Ergebnisse, die Denina tatsächlich erreicht hat, ist in jedem Fall gerechtfertigt; aber ich glaube, daß man vor allem heute, nach der Revision der Geschichte der Sprachwissenschaft, nicht mehr darüber hinwegsehen kann, daß der Anteil Deninas an der Glottologie mehr als nur eine Marginalie darstellt. Vielmehr erzielte er auf diesem Gebiet die besten Ergebnisse, die ein Italiener zur Zeit des paleocomparativismo am Übergang zur historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft erreichen konnte. Aus dem Italienischen von Franziska Kramer BibliographieAdelung, Johann Christoph / Vater, Johann Severin 1806-17: Mithridates oder allgemeine Sprachenkunde mit dem Vater Unser als Sprachprobe in bey nahe fünfhundert Sprachen und Mundarten, 4 Teile, Berlin: Vossische Buchhandlung (Nachdruck Hildesheim/New York: Olms 1970). Ascoli, Graziadio Isaia 1882-85: L'Italia dialettale. In: Archivio glottologico italiano 8, S. 98-128. 1975: Scritti sulla questione della lingua (Hg. 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