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Barbara Kaltz »Deutsche gründliche Kritik«Christian Jacob Kraus zu Pallas' Vergleichendem Glossarium aller SprachenAbstract On the instructions of Catherine the Great, the Berliner and natural scientist Peter Simon Pallas (1740-1811) compiled a comparative dictionary of the languages known at that time (2 volumes, Petersburg 1786/7-1789). The work comprises word lists that contain about 300 words (mostly nouns) translated from Russian into about 200 languages. Particularly in learned circles, Pallas's glossary met with great interest but also with criticism because of its methodological weaknesses. Christian Jacob Kraus (1753-1807), who taught at the University of Königsberg, wrote a review of the first volume concerning European and Asian languages for the Allgemeine Literatur-Zeitung. My paper aims to show how Kraus deals with the subject of his review, how he develops his conception of a scientifically sound comparison of languages within the framework of "philosophischen Universallinguistik" (philosophical universal linguistics) (Kraus 1787) out of his criticism of Pallas, and thus presents a perfect example of "deutscher gründlicher Kritik" (thorough German criticism) (Friedrich Adelung). Inhalt1. Zur Entstehungsgeschichte der Vocabularia 2. Zur Beurteilung des Werkes durch Christian Jacob Kraus 3. Zur Rezeption der Vocabularia im 19. Jahrhundert 4. Pallas' Wörterbuch und dessen Besprechung durch Kraus aus neuerer Sicht
1. Zur Entstehungsgeschichte der VocabulariaIm Januar 17871 erschien in Petersburg der erste Band des im Auftrag Katharinas II. (1729-1796, reg. ab 1762) von Peter Simon Pallas (1740-1811) herausgegebenen vergleichenden Wörterbuchs. In diesem ersten Band der Linguarum totius orbis vocabularia comparativa sind 130 Substantive in russischer Sprache mit ihrer Übersetzung in 200 europäische und asiatische2 Sprachen verzeichnet. Die Einträge, durchgehend in kyrillischer Schrift, sind nicht alphabetisch, sondern nach Sachgruppen angeordnet.3 1789 folgte der zweite Band mit weiteren 155 Stichwörtern4 und bereits 1790-1791 die von Theodor Jankoviç de Mirievo (1741-1814) besorgte Überarbeitung, in der auch 23 amerikanische und 30 afrikanische Sprachen berücksichtigt sind.5 Bezieht man diese mit ein, so kann das Universalglossarium, wie es seinerzeit genannt wurde, als die umfassendste vergleichende Sprachensammlung der Epoche gelten.6 Wie ich noch näher ausführen werde, war die Reaktion der Zeitgenossen auf das Wörterbuch überwiegend negativ. 1815 schreibt Friedrich Adelung dagegen, es habe »Epoche [gemacht] in der Geschichte des Sprachstudiums« (Adelung 1815: VII).7 Ich möchte im folgenden einige Aspekte der Rezeptionsgeschichte behandeln; wie wir sehen werden, ist sie bis heute wechselvoll geblieben: Auch in der sprachwissenschaftlichen Historiographie unserer Zeit fällt das Urteil über das Werk noch recht unterschiedlich aus. Zuvor möchte ich kurz auf die Entstehung des Wörterbuchs eingehen, wobei ich aus Zeitgründen die »Vorarbeiter« und »Vorläufer« des Werkes (Adelung 1815: 35) - zu nennen sind hier insbesondere Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) und Hartwig Ludwig Christian Bacmeister (1730-1806) - nicht weiter berücksichtigen kann.8 Die Entstehungsgeschichte des Universalglossariums gibt insbesondere Aufschluß über Umfang und Formen der gelehrten Kommunikation jener Zeit. Zunächst ist festzuhalten, daß vom wissenschaftlichen Diskurs zum Thema Sprachvergleich entscheidende Impulse für das von Katharina II. initiierte und finanzierte Projekt eines vergleichenden Wörterbuchs aller damals bekannten Sprachen ausgingen.9 Für die Gelehrten jener Zeit war der Sprachvergleich keine primär sprachwissenschaftliche Angelegenheit. Es ging ihnen vielmehr wesentlich darum, neue Einsichten in die Verwandtschaft und die Geschichte der Völker zu gewinnen. Wie schon aus der Ankündigung des Wörterbuchprojekts hervorgeht, war eben dies auch Pallas' Zielsetzung: »Quel vaste champ de découvertes et quelle instruction pour l'histoire un littérateur judicieux ne pourra-t-il pas trouver dans une Collection de cette grande variété de peuples dont l'origine et les migrations nous sont, pour la plupart, absolument inconnues [...]«.10 Mit diesem »Prestigeprojekt« (Haarmann 1976: 5) der Petersburger Akademie der Wissenschaften waren im übrigen auch wissenschaftspolitische Absichten verbunden: es sollte zur Verbreitung der Ergebnisse russischer Sprachforschung in ganz Europa beitragen.11 Im Zuge der Vorbereitungen für das vergleichende Wörterbuch beauftragte die Zarin den Berliner Verleger Christoph Friedrich Nicolai (1733-1811) damit, eine Übersicht aller bekannten Sprachen und ein Verzeichnis der Wörterbücher und der Forschungsliteratur zur Frage des Ursprungs und der Verwandtschaft der Sprachen für sie anzufertigen. Das Manuskript des im Januar 1785 abgeschlossenen Tableau général de toutes les langues du monde avec un catalogue préliminaire des principaux dictionnaires dans toutes les langues et des principaux livres qui traitent de l'origine de toutes les langues, de leur étymologie et de leur affinité [...] wurde dann Pallas übergeben, der es nachweislich bei der Arbeit an den Vocabularia comparativa benutzte; nach ihm verwendete es auch F. Adelung für die Redaktion seiner Nachträge zum ersten Teil des Mithridates.12 Pallas war seit 1766 Professor für Naturgeschichte in Berlin und hatte sich mit zahlreichen Veröffentlichungen einen Namen gemacht.13 Er hatte zwar bei seinen Forschungsreisen selbst verschiedentlich Sprachproben gesammelt, war als Sprachforscher jedoch nicht ausgewiesen. Daß Katharina II. gerade ihn mit der Herausgabe der Vocabularia comparativa beauftragte, ist wohl mit seinem wissenschaftlichen Ansehen zu erklären. Den Anfang 1785 an ihn ergangenen Auftrag der Kaiserin übernahm Pallas nur widerstrebend,14 führte ihn aber gewissenhaft und überaus zügig durch. Schon im Mai des Jahres veröffentlicht er die bereits erwähnte Ankündigung des Wörterbuchs, den Avis au Public concernant un vocabulaire Polyglotte. Darin äußert er die Überzeugung, daß das Projekt zur endgültigen Klärung der Ursprachenfrage führen werde,15 stellt eine Übersicht der Sprachen nach ihrer Verwandtschaft und den Ländern, in denen sie gesprochen werden, in Aussicht16 und erläutert die - von Katharina II. selbst getroffene - Auswahl der Wörter:17 Pour servir de base à un Glossaire universel et comparatif de toutes les langues, SA MAJESTE IMPERIALE a fait Elle-même un choix des mots les plus essentiels et les plus généralement en usage chez les peuples les moins cultivés [...]. Dans ce choix on a donné la préférence aux substantifs et adjectifs de première nécessité et communs aux langues les plus barbares, ou qui servent à tracer les progrès de l'agriculture ou de quelques arts et connoissances élémentaires d'un peuple à l'autre (Pallas 1785 in Adelung 1815: 50). Pallas erhielt daraufhin Adelung zufolge »eine große Menge zum Theil höchst gehaltvoller Zuschriften berühmter Gelehrten [sic] des Auslands« (Adelung 1815: 55). Einer dieser Korrespondenten kritisiert ebenso höflich wie bestimmt die Entscheidung, dem Sprachvergleich im wesentlichen Substantive zugrunde zu legen, da diese zumeist Deverbativa seien.18 Dem Avis folgte im Jahr darauf das Modèle du vocabulaire, qui doit servir à la comparaison de toutes les langues, eine Liste von insgesamt 44319 russischen Wörtern mit lateinischen, deutschen und französischen Entsprechungen, die den Beiträgern bei der Sammlung von Sprachproben als Vorlage dienen sollte (vgl. Adelung 1815: 52). Die weite Verbreitung des Avis in französischer und deutscher Sprache20 sowie die Übersendung des Modèle an zahlreiche Sprachforscher21 sorgten dafür, daß der Erwartungshorizont der gelehrten Welt im Hinblick auf das Wörterbuchprojekt regelrecht "aufgebaut" wurde. So schrieb etwa Friedrich Gedike (1754-1803) 1785 in der Berlinischen Monatsschrift: »Welcher Gelehrte wird nicht begierig dieses Werk erwarten und der mächtigen Monarchin für diese neue große Bereicherung der Völker- und Länderkunde danken.«22 2. Zur Beurteilung des Werkes durch Christian Jacob KrausEntsprechend lebhaft war die Reaktion, als das vergleichende Wörterbuch im Druck erschien.23 Unter den in Deutschland veröffentlichten Rezensionen24 galt schon den Zeitgenossen diejenige von Christian Jacob Kraus (1753-1807) als die gewichtigste. Kraus, Kant-Schüler und Professor an der Königsberger Universität,25 hatte sich über seinen Freund Johann Georg Hamann (1730-1788) ein Exemplar des Universalglossariums beschafft, um es im Hinblick auf seine Romani-Studien einzusehen. Er beschloß dann, das Werk für die Allgemeine Literatur-Zeitung zu rezensieren, und nutzte dabei den Umstand, daß er von den Herausgebern nach dem Erscheinen seiner Besprechung des Grundriß der Geschichte der Weltweisheit (Lemgo 1786) von Christoph Meiners (1747-1810) einen »Contract als ordentlicher Mitarbeiter« erhalten hatte (siehe Kaltz 1985b: 234). An der Pallas-Rezension arbeitete Kraus monatelang, so daß nach seinen eigenen Worten daraus schließlich eine »Abhandlung« wurde; tatsächlich ist sie insgesamt 29 Spalten lang. Sie zeugt, so Kraus, zugleich von seiner »abscheuliche[n] Gelehrsamkeit« und der »Dreistigkeit, wie er mit Kaiserinnen umspringt«.26 Für F. Adelung war Kraus' Besprechung des Universalglossariums ein Musterbeispiel »deutscher gründlicher Kritik« (Adelung 1815: 111). Gründlich ist diese Kritik in der Tat insofern, als sie viele Details wie etwa die Fehlerhaftigkeit vieler Sprachproben27 berücksichtigt. Kraus wirft jedoch auch grundsätzliche Fragen auf, indem er auf die lexikographischen Prinzipien, den Aufbau, die gesamte Konzeption des Werkes eingeht. Die Besprechung wird ihm so zum Anlaß, seine eigenen Vorstellungen von einem wissenschaftlich fundierten Sprachvergleich im Rahmen einer »philosophischen Universallinguistik« zu erläutern (Kraus 1787: Sp. 16). Die Entscheidung des Herausgebers, die Sprachproben durchgängig in kyrillischer Schrift zu drucken,28 beurteilt Kraus nuanciert. Einerseits betont er, »das russische Alphabeth« verdiene wegen »seines Reichthums an Consonanten (ungeachtet seines Mangels an bestimmten Diphthongen) diesen Vorzug wohl«; andererseits bemängelt er, daß die Wörter mancher Sprachen, etwa des Französischen und Englischen, durch die Transkription »fast unkenntlich« gemacht werden (Kraus 1787: Sp. 3).29 Kraus urteilt in diesem Punkt ausgewogener als Volney (1806), der hierzu schreibt: »Avec tant d'irrégularités l'on ne peut donc reconnaitre dans l'alphabet russe cette perfection qui [...] lui a valu la préférence sur l'alphabet européen ou romain.«30 Bevor er anhand von Beispielen u. a. aus dem Lettischen die »Verstümmelungen und Verwechselungen der Ausdrücke selbst solcher Sprachen, die nahe an und selbst auf dem russischen Gebiete geredet werden« (Kraus 1787: Sp. 6) nachweist, äußert er sich grundsätzlich zur Notwendigkeit des »Geschäft[s] der kritischen Berichtigung«. Dabei geht es erstens um den »Sprachstoff«, d. h. »die Ausdrücke, welche von jeder Sprache zum Behuf des gedachten Zweckes dienen möchten«, zweitens um den »Sprachbau« (»die systematische Methode, wie Wörter verändert und verbunden werden um Verhältnisse und Zusammenhang der Gedanken auszudrucken«) und drittens um den »Sprachkreis«, d. h. »de[n] Umstand, welchen Menschen eigentlich, und wiefern ihnen jede gegebene Sprache als Eigenthum oder Anlehn zugehöre« (Kraus 1787: Sp. 5; ebenso Kraus 1809: 41f.). Ein solches »kritisches Berichtigungsgeschäft« erweist sich als vollends unumgänglich, wenn es um weniger bekannte Sprachen geht: Und wenn es nun schon so um die Angaben von schriftfesten oder leichterforschlichen europäischen Sprachen bewandt ist: wie viel mehr wird man in Absicht der aus Reisebeschreibungen und Handschriften gezogenen Angaben von Wörtern schriftloser Sprachen uncultivirter Nationen ähnliche und noch weit grössere Unvollkommenheiten besorgen müssen (Kraus 1787: Sp. 7). Bei schriftlosen Sprachen müsse zunächst sichergestellt sein, daß die »richtige Form der Wörter« ermittelt wurde. Das ist indessen im Universalglossarium häufig nicht der Fall, wie Kraus mit Beispielen aus der Zigeunersprache zeigt, von der er nach eingehenden empirischen Studien ein Wörterbuch und eine Grammatik verfaßt hatte:31 »Im Zigeunerischen heißt Schumiskirna nicht das Geräusch, sondern sie machen Lärm; Kohorna nicht der Nahme, sondern sie nennen [...]; endlich kamela nicht die Liebe, sondern er liebt [...]« (Kraus 1787: Sp. 12). Auf die Frage nach der Beschreibungsmethode für schriftlose bzw. noch völlig unbekannte Sprachen kommt Kraus im letzten Teil seiner Besprechung noch einmal zurück. Zunächst gelte es, diese nach »Stoff« und »Bau« »mit kritischer Sorgfalt« zu erforschen und präzise Angaben über den »Sprachbezirk, so weit man ihn kennt und nicht kennt«, zu machen. Erst auf der Grundlage solcher »kritische[r] Apparate« könne der Wortschatz dieser Sprachen »nach Laut und Sinn« angemessen erfaßt werden, [...] die Wörter selbst und zwar theils solche, ohne welche sich keine Sprache behelfen kann und deren Vergleichung mithin vornemlich zu Schlüssen über Verwandtschaft, theils solche, ohne welche sie gar wohl seyn könnte und deren Verbindung zu Schlüssen über allerley Arten von Gemeinschaft dienen möchte (Kraus 1787: Sp. 25). Wie etwa die Ausführungen zu Auswahl und Anordnung des Wortmaterials zeigen, formuliert Kraus seine Kritik gelegentlich indirekt: Die Begriffe, welche in diesem Bande vorkommen, betreffen, (einige abstracte, wie Gesicht, Gehör, Gefühl, Geruch, Geschmack, Kraft [...], Tiefe, Länge, Breite, abgerechnet, die besser in der Adjectiv- und Verbal-Form aufgefasst, und für den folgenden Band geblieben wären,) theils Verhältnisse des Geschlechts, des Alters, der Verwandtschaft, theils Gliedmassen und Bestandtheile des Leibes, theils Gegenstände und Erscheinungen der Natur; und sind in sofern wohl gewählt (Kraus 1787: Sp. 2). Die Anlage des Wörterbuchs32 bietet dem Rezensenten zufolge einen »zwiefache[n] Vorteil«; der zweite ist, wie er später ausführt, allerdings zugleich ein Nachteil: »jedes Wort, welches man für einen der Begriffe in einer der Sprachen wissen will, [lasse] mittelst der Bezifferung sich leicht auffinden«, und die »Aehnlichkeit der verschiedenen Sprachausdrücke für einerley Begriff, und in so fern auch die Verwandtschaft der Sprachen, nach einzelnen Wörtern genommen [...] [lasse] sich auf einen Blick übersehen« (Kraus 1787: Sp. 3). Das Problem bei dieser Anordnung sieht Kraus darin, daß sie »zum Behufe philosophischer Vergleichungen« keinesfalls die »zweckmässigste« ist: [Die] in gegenwärtigem Werke gewählte Parallelstellung, da von jeder Sprache jeder einzelne Ausdruck unter die einzelnen Ausdrücke von zweyhundert andern Sprachen für eben denselben Begriff, nach einer unveränderlichen Ordnung gesetzt, und sonach nicht nur die Wörter jeder Sprache ganz von einander getrennt, sondern auch schon auf bestimmte Art mit Wörtern anderer Sprache[n] combinirt sind, [ist] weder der Absicht, die man gehabt haben mag, das Maximum von Aehnlichkeit der Sprachen sichtbar zu machen, noch dem Wunsche, den man haben muss, jede Sprache mit jeder andern im Einzelnen wie im Ganzen auf die leichteste und freyeste Weise vergleichen zu können, angemessen (Kraus 1787: Sp. 23). Und hier wird seine Kritik sehr scharf; in aller Deutlichkeit wird dem Werk wissenschaftliche Brauchbarkeit abgesprochen: Wirklich was bleibt dem Linguisten oder Philosophen, der dies Werk benutzen will, nunmehr übrig, als daß er entweder die Sprachvergleichungen so annehme, wie sie hier gleichsam resultatweise dargelegt sind, da denn aller Gewinn für Wissenschaften weg fiele , oder daß er, um von jeder Sprache sämmtliche Ausdrücke beysammen zu haben, und sonach mit dem freyesten Combinationsgeiste untereinander vergleichen zu können, selbige aus der Zerstreuung, worinn sie hier liegen, zusammenhole, und mithin gerade die Arbeit übernehme, die er wünschen müsste, von andern verrichtet zu sehen [...] (Kraus 1787: Sp. 24). Die bloße »Wortvergleichung« wird also als unwissenschaftlich verworfen; Kraus läßt nur einen grammatisch fundierten Sprachvergleich gelten: Und sonach kann eine kurze Vergleichung der charakteristischen Züge des grammatischen Baues der Sprachen vortrefflich dazu dienen, dem eben so mühsamen u. weitläuftigen, als misslichen und verführerischen Geschäfte der Wortvergleichung zum voraus sichere Wege vorzuzeichnen, und die gefundenen Resultate genauer auf ihren wahren Gehalt zurück zu bringen (Kraus 1787: Sp. 16).33 Entschieden wird Pallas' Annahme zurückgewiesen, das vergleichende Wörterbuch könne eine Antwort auf die vieldiskutierte Frage nach der »Ursprache« liefern: Am allerwenigsten aber wird sich daraus eine Ursprache unseres Geschlechtes, von welcher alle andere [sic] nur gleichsam so viele Mundarten wären, finden lassen: denn die Menge der Sprachen stehet gerade in umgekehrten Verhältnisse mit der Menschen-Cultur und Paraguay übertrifft, nach Dobrizhofer,34 jeden gleich grossen Raum von Europa eben so sehr an Menge der Sprachen, als es denselben an Wildheit und Barbarey übertrifft [...] (Kraus 1787: Sp. 27). Doch führt eben diese Widerlegung der Ursprachenhypothese zur Erkenntnis der menschlichen Sprachfähigkeit: Gleichwohl sind die Aussichten, welche sich auf dem Wege der philosophischen Universallinguistik zu allen Seiten eröffnen, immer reizend und gross. Denn auch die Beweise für das Nichtdaseyn einer Ursprache setzen auf einmal eine schöne Wahrheit, das Sprachvermögen als eine unserm Geschlechte angestammte Naturgabe ins Licht (Kraus 1787: Sp. 28). Damit wendet sich Kraus, wie auch in seinen Königsberger Vorlesungen, gegen die Annahme eines göttlichen Ursprungs der Sprache: »Es giebt aber keine Ursprache; die Sprache ist unzählige Male erfunden, und jedes Volk hat etwas dabei gethan« (Kraus 1809: 35). 3. Zur Rezeption der Vocabularia im 19. JahrhundertAuch für die Pallas-Rezeption des 19. Jahrhunderts ist die Mischung von Lob und Tadel, wie sie sich bei Kraus (1787) findet, charakteristisch. So lautet Volneys erste »conclusion« seines Rapport fait à l'Académie Celtique: »[...] pour la grandeur des vues, l'abondance des matières, la nouveauté piquante des résultats, les Vocabulaires de M. Pallas sont un livre d'un ordre distingué, infiniment supérieur à tout ce qui a paru jusqu'ici en ce genre«. Im Anschluß daran wird jedoch auf die »imperfections et les erreurs glissées dans ce livre« eingegangen (Volney 1806 in Adelung 1815: 170). Der bereits mehrfach erwähnte F. Adelung spricht in seinem überaus wohlwollenden Forschungsbericht von den »unendlich groß[en]« Vorzügen des Universalglossariums, aber auch von dessen »Mängeln«, den »unvermeidlichen« wie den »besondere[n]«, die »größtentheils vermieden werden konnten« (Adelung 1815: 181 f.). Die »unvermeidlichen« Mängel faßt er unter Berufung auf Kraus (1787) wie folgt zusammen: 1. Unvollständigkeit; 2. Schwierigkeit, die Töne fremder Sprachen in einer andern Sprache bestimmt auszudrücken, und 3. die Unmöglichkeit, in einem oder einigen Gelehrten alle Kenntnisse und Eigenschaften vereinigt zu finden, die zur Vollkommenheit einer solchen Arbeit nöthig wären (Adelung 1815: 181). Die »besonderen« Schwächen des Werkes sieht er, auch hier im Anschluß an Kraus (1787), in der mangelnden Berücksichtigung der Verwandtschaft von Sprachen, in der Auswahl der Wörter, in den mangelhaften Sprachangaben, im Fehlen »schon längst hinlänglich bekannte[r] Sprachen und Mundarten«, u. a. des Kroatischen und Norwegischen (Adelung 1815: 182-185). Zur Erklärung dieser »allerdings bedeutende[n] Mängel«, die indessen »unendlich durch grosse Vorzüge überwogen [werden]«, verweist er auf die »Eile«, »mit welcher das grosse Werk angefertiget worden« (Adelung 1815: 185).35 Zur Wirkung des Universalglossariums schreibt Adelung, »sein Einfluss auf alle nachherigen linguistischen Arbeiten [sei] doch sehr bedeutend, da es allen Sprachforschern von Lissabon bis Philadelphia die reichsten Materialien zu ihren Untersuchungen lieferte« (Adelung 1815: 189). Ganz besonders betont er dessen Bedeutung für den Mithridates von Adelung und Vater (1806-1817): Nie hätte der Mithridates, dieses dem deutschen Fleisse und deutschem Scharfsinne so ausschliesslich angehörige Repertorium, zu jener bis dahin unerreichten Vollständigkeit gebracht werden können, wenn seine Verfasser nicht so häufig in dem vergleichenden Wörterbuche Materialien gefunden hätten, wenn alle andere [sic!] Quellen sie verliessen (Adelung 1815: 191).36 Die Verfasser stießen dabei allerdings auch auf allerhand fehlerhaftes Material, wie etwa aus Wilhelm von Humboldts (1767-1835) Berichtigungen und Zusätze[n] zur Darstellung des Baskischen im Mithridates hervorgeht.37 Auch Jacob Grimm (1785-1863) äußert sich in seiner Abhandlung Über den Ursprung der Sprache (1851) zugleich lobend und kritisch über Pallas (1786): »Ohne zweifel wurde durch das von der Kaiserin Catharina in den jahren 1787-1790 veranstaltete Petersburger wörterbuch, wenn es auch auf noch sehr ungenügenden grundlagen aufgerichtet war, sprachvergleichung überhaupt wirksam angeregt und gefördert«.38 Ähnlich wird im Anschluß an kritische Bemerkungen in dem von William Duckett (1804-1863) herausgegebenen Dictionnaire de la conversation et de la lecture positiv hervorgehoben: Cependant, ces collections [d. h. die Sprachensammlungen von Pallas und die von Adelung/Vater, B. K.] eurent du moins cela d'utile, qu'elles mirent en saillie le besoin d'un principe pour la classification des échantillons de mots, qu'elles provoquèrent ainsi un goût plus vif pour une étude vraiment comparée des langues, et débarrassèrent de toutes considérations accessoires les recherches relatives à leurs rapports d'affinité (s. v. Linguistique, Duckett 1864: Bd. 12, S. 344). 4. Pallas' Wörterbuch und dessen Besprechung durch Kraus aus neuerer SichtWie eingangs erwähnt, herrscht noch in der neueren Historiographie keine Einigkeit über die wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung des Universalglossariums. Wendland (1992: 492) zufolge wurde Pallas für sein »Auftragswerk [...] unverständlicherweise (Hervorh. B. K.) bis in unsere Zeit hinein kritisiert«. Lauch (1968: 458) sieht das offensichtlich anders: »Heute wundern wir uns über den Anklang, den dieses Werk trotz seiner schon damals offensichtlichen Schwächen gefunden hat«. Ähnlich liegt für Arens (1969: 136) »das größte Verdienst des Werkes« darin, daß es »die Gelehrten Europas zur kritischen Stellungnahme« veranlaßt habe. Immerhin konzediert er, daß das Werk »Anschauungsmaterial [bot], das keinem einzigen Gelehrten bisher zu Gebote gestanden hatte«. Swiggers/Desmet (1996: 136) übernehmen diese Argumentation: »Fort imparfait, le travail de Pallas a eu le mérite de susciter quelques réactions, qui ont aiguisé la conscience méthodologique des savants.« An anderer Stelle bezeichnet Arens das Universalglossarium gar als »dilettantisch« (Arens 1980: 102). Dagegen betont Archaimbault (2000: 363), daß die Vocabularia comparativa entscheidenden Einfluß auf die sprachvergleichende Forschung im Bereich der slawischen Sprachen hatte. Sie verweist in diesem Zusammenhang besonders auf Josef Dobrovský (1753-1829), den Begründer der slawischen Sprachwissenschaft.39 Haarmann (2001: 1087) hebt hervor, daß Pallas' Wörterbuch »erstmals Sprachproben vieler schriftloser Sprachen bietet«. Vor allem aber bemängelt er, daß die neueren historiographischen »Gesamtdarstellungen« dem Universalglossarium »unberechtigterweise«, wie allgemein den großen Sprachensammlungen des 18. und 19. Jahrhunderts, nur eine »Statistenrolle« einräumten und zudem ungenau und teilweise fehlerhaft darüber informierten (Haarmann 2001: 1082; vgl. hierzu auch Gipper/Schmitter 1979: 20 f.). Es herrsche eine »allgemeine Unsicherheit« bei der wissenschaftsgeschichtlichen Einordnung der Sprachensammlungen, weil erstens die Ergebnisse neuerer Detailstudien zu den »Leistungen« dieser Kompilationen in den Gesamtdarstellungen noch nicht angemessen berücksichtigt seien und zweitens die sprachwissenschaftliche Historiographie in einer Tradition stehe, »die den Wert einzelner Sprachensammlungen mit Vorliebe für philologische Einzeldisziplinen (z. B. Indogermanistik, Finno-Ugristik, Afrikanistik) aufzeigt, wobei ein interner Vergleich der Kompilationen unterbleibt« (Haarmann 2001: 1082). Haarmanns Kritik ist grundsätzlich wohl berechtigt. Wie schon Fodor in seiner Studie über Pallas und andere afrikanische Vokabularien vor dem 19. Jahrhundert festgestellt hat, sind indessen selbst Untersuchungen innerhalb von »Einzeldisziplinen« nicht gerade einfach, setzen sie doch neben der jeweiligen Fachkompetenz »nicht nur die Kenntnis der kyrillischen Schrift und der russischen Sprache des 18. Jahrhunderts, sondern auch gewisse russistische Studien« voraus (Fodor 1975: 2). Daraus läßt sich eigentlich nur der Schluß ziehen, daß eine im Sinne von Haarmann angemessene wissenschaftsgeschichtliche Einordnung der Vocabularia comparativa im Alleingang gar nicht zu leisten ist: Teamarbeit ist hier gefragt. In auffälligem Kontrast zu dieser Unsicherheit bei der Beurteilung von Pallas' Wörterbuch steht die Rezeption seiner Besprechung durch Kraus. Das Urteil darüber ist stets sehr positiv ausgefallen, angefangen von den Zeitgenossen über F. Adelung (1815: 110: »tiefe Kenntniss des Gegenstandes«; 112: »die hellsten Winke«), Voigt (1819: 206 f.: »ein wahres Meisterwerk«) und Benfey (1869: 268: »höchst ehrenwerte Andeutungen, Betrachtungen und Ausführungen über Sprachvergleichung und die Art, wie sie vorzunehmen sei«)40 bis hin in unsere Zeit, wo Kraus' Rezension seit ihrer "Wiederentdeckung" durch Arens (1969: 140: »verblüffende Klarsicht«) erneut verstärkt Beachtung findet.41 BibliographieAdelung, Johann Christoph / Johann Severin Vater 1806-1817: Mithridates oder allgemeine Sprachenkunde mit dem Vater Unser als Sprachprobe in bey nahe fünfhundert Sprachen und Mundarten, 4 Teile, Berlin: Vossische Buchhandlung (Nachdruck Hildesheim: Olms 1970). Adelung, Friedrich 1815: Catherinens der Grossen Verdienste um die vergleichende Sprachenkunde, St. Petersburg: Drechsler (unveränderter Nachdruck mit einer Einleitung und einem bio-bibliographischen Register von Harald Haarmann, Hamburg: Buske 1976). Archaimbault, Sylvie 2000: Notice 5106 zu Pallas (1786). In: Histoire Epistémologie Langage hors série nº 3, S. 361-363. Arens, Hans 1969: Sprachwissenschaft. Der Gang ihrer Entwicklung von der Antike bis zur Gegenwart, Freiburg/München: Karl Alber. 1980: Geschichte der Linguistik. In: Hans Peter Althaus et al. (Hg.), Lexikon der germanistischen Linguistik, Tübingen: Niemeyer, S. 97-107. Auroux, Sylvain / Elisabeth Lazcano 2000: Notice 5105 zu Hervás y Panduro. In: Histoire Epistémologie Langage hors série nº 3, S. 359-361. Benfey, Theodor 1869: Geschichte der Sprachwissenschaft und orientalischen Philologie in Deutschland seit dem Anfange des 19. Jahrhunderts mit einem Rückblick auf die früheren Zeiten, München: Cotta (Nachdruck New York/London: Johnson 1965). Duckett, W[illiam] 1832: Dictionnaire de la conversation et de la lecture, Bd. 12, Paris: Firmin Didot 1864, (Eintrag linguistique, online unter: http://www.chass.utoronto.ca/epc/langueXIX/duckett/duck_linguistique.htm). Fodor, István 1975: Pallas und andere afrikanische Vokabularien vor dem 19. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Forschungsgeschichte, Hamburg: Buske. Gipper, Helmut / Peter Schmitter 1979: Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie im Zeitalter der Romantik, Tübingen: Narr, 2. Aufl. 1985. Haarmann, Harald 2001: Artikel Nr. 144: Die großen Sprachensammlungen vom frühen 18. bis zum frühen 19. Jahrhundert. In: Sylvain Auroux/Ernst F. K. Koerner/Hans-Josef Niederehe/Kees Versteegh (Hg.), Geschichte der Sprachwissenschaften. History of the Language Sciences. Histoire des Sciences du Langage, Bd. 2, Berlin: de Gruyter, S. 1081-1094. Jankowsky, Kurt R. 1972: The Neogrammarians. A Re-evaluation of their Place in the Development of Linguistic Science, Den Haag/Paris: Mouton. Kaltz, Barbara 1985a: Die "Encyclopädischen Ansichten" von C. J. Kraus: Ansätze zu einer kritischen Sprachwissenschaft. In: Etudes Allemandes 2, S. 115-133. 1985b: Christian Jacob Kraus' review of "Linguarum totius orbis vocabularia comparativa" ed. by Peter Simon Pallas (St. Petersburg, 1786). Introduction, translation and notes. In: Historiographia Linguistica XII.1/2, S. 229-260. 1995: L'enseignement des langues étrangères au XVIe siècle. Structure globale et typologie. In: Beiträge zur Geschichte der Sprachwissenschaft 5, S. 79-105. 1999: Christian Jacob Kraus (1753-1807) revisited. In: Gerda Haßler/Peter Schmitter (Hg.), Sprachdiskussion und Beschreibung von Sprachen im 17. und 18. Jahrhundert, Münster: Nodus, S. 297-315. 2000: Notice 5107 zu Adelung/Vater (1806-1817). In: Histoire Epistémologie Langage hors série nº 3, S. 363-366. Kraus, Christian Jacob 1787: Vergleichendes Glossarium aller Sprachen und Mundarten, gesammelt auf Veranstaltung der allerhöchsten Person. Erste Abtheilung, die europäischen und asiatischen Sprachen enthaltend. In: Allgemeine Literatur-Zeitung 235-237b, Sp. 1-29([in Auszügen abgedruckt in Adelung 1815 und Arens 1969). 1808-1819: Vermischte Schriften über staatswirthschaftliche, philosophische und andere wissenschaftliche Gegenstände. 8 Teile, Hg. Hans von Auerswald, Königsberg: Friedrich Nicolovius (8. Teil: Universitäts-Buchhandlung), (Nachdruck Brüssel: Culture et Civilisation 1970). 1809: Encyklopädische Ansichten einiger Zweige der Gelehrsamkeit. 1. Teil. Königsberg: F. Nicolovius (= Vermischte Schriften, 3. Teil). Lauch, Annelies 1968: Das Petersburger Vergleichende Wörterbuch und die Erarbeitung des nationalen Geschichtsbildes der Esten. Jetzes estnische Beiträge zum "Universalglossarium" Katharinas II. In: Helmut Grasshoff/Ulf Lehmann (Hg.), Studien zur Geschichte der russischen Literatur des 18. Jahrhunderts, Bd. 3, Berlin (Ost): Akademie-Verlag, S. 455-469 u. Anm. S. 617-620 (= Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Veröffentlichungen des Instituts für Slawistik; 28/III). 1969: Wissenschaft und kulturelle Beziehungen in der russischen Aufklärung. Zum Wirken H. L. Ch. Bacmeisters, Berlin (Ost): Akademie-Verlag (= Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Veröffentlichungen des Instituts für Slawistik; 51). Pallas, Peter Simon 1785: Avis au Public concernant un vocabulaire Polyglotte, Petersburg: J. J. Weitbrecht (Nachdruck in Adelung 1815: 48-51). 1786: Linguarum totius orbis vocabularia comparativa; augustissimae cura collecta. Sectionis primae, Linguas Europae et Asiae complexae. Pars prior; St. Petersburg: Schnoor (Nachdruck Hamburg: Buske 1977). Swiggers, Pierre / Piet Desmet 1996: L'élaboration de la linguistique comparative: Comparaison et typologie des langues jusqu'au début du XIXe siècle. In: Peter Schmitter (Hg.), Geschichte der Sprachtheorie, V: Sprachtheorien der Neuzeit II, Tübingen: Narr, S. 122-177. 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