Sprache und Sprachen in Berlin um 1800. Herausgegeben von Ute Tintemann und Jürgen Trabant
Language and Languages in Berlin around 1800. Edited by Ute Tintemann and Jürgen Trabant

Online-Publikation des gleichnamigen Tagungsbandes des Projektes
"Berliner Klassik. Eine Großstadtkultur um 1800".
Gefördert von der VolkswagenStiftung


Inhalt

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Impressum


Alle Texte im Überblick
Tintemann/Trabant:
Vorwort
Teil 1
Gessinger:
Campe und die Preisfrage zur Reinheit der deutschen Sprache
Böhm:
Mehrsprachigkeit am Waisenhaus der Französischen Kolonie
Volmer:
Sprachbewußtsein durch Diglossie
Wiedemann:
Deutsch-französische Rederaison
Gruschka:
Jiddisch und jüdische Identität: Euchels "Reb Henoch"
Schmidt:
Mendelssohns Versuch einer Bibelübersetzung
Teil 2
Trabant:
Mithridates in Berlin
Haßler:
Typologie und Anthropologie bei Hervás
Kaltz:
Kraus zu Pallas' »Vergl. Glossarium aller Sprachen«
Ute Tintemann:
Zu den Sprachstudien J. H. Klaproths
Schlieben-Lange/Weydt:
Jenischs Antwort auf die Preisfrage der Berliner Akademie
Marazzini:
Deninas Beitrag zur Geschichte der Sprachwissenschaft
Rousseau:
Schlözer et Humboldt

Thouard:
Humboldt et Bernhardi

Zollna:
Bernhardi und Destutt de Tracy
 

 

 

 

Barbara Kaltz

»Deutsche gründliche Kritik«

Christian Jacob Kraus zu Pallas' Vergleichendem Glossarium aller Sprachen

Abstract

On the instructions of Catherine the Great, the Berliner and natural scientist Peter Simon Pallas (1740-1811) compiled a comparative dictionary of the languages known at that time (2 volumes, Petersburg 1786/7-1789). The work comprises word lists that contain about 300 words (mostly nouns) translated from Russian into about 200 languages. Particularly in learned circles, Pallas's glossary met with great interest but also with criticism because of its methodological weaknesses. Christian Jacob Kraus (1753-1807), who taught at the University of Königsberg, wrote a review of the first volume concerning European and Asian languages for the Allgemeine Literatur-Zeitung. My paper aims to show how Kraus deals with the subject of his review, how he develops his conception of a scientifically sound comparison of languages within the framework of "philosophischen Universallinguistik" (philosophical universal linguistics) (Kraus 1787) out of his criticism of Pallas, and thus presents a perfect example of "deutscher gründlicher Kritik" (thorough German criticism) (Friedrich Adelung).

Inhalt

1. Zur Entstehungsgeschichte der Vocabularia

2. Zur Beurteilung des Werkes durch Christian Jacob Kraus

3. Zur Rezeption der Vocabularia im 19. Jahrhundert

4. Pallas' Wörterbuch und dessen Besprechung durch Kraus aus neuerer Sicht

Bibliographie

Anmerkungen

1. Zur Entstehungsgeschichte der Vocabularia

Im Januar 17871 erschien in Petersburg der erste Band des im Auftrag Katharinas II. (1729-1796, reg. ab 1762) von Peter Simon Pallas (1740-1811) herausgegebenen vergleichenden Wörterbuchs. In diesem ersten Band der Linguarum totius orbis vocabularia comparativa sind 130 Substantive in russischer Sprache mit ihrer Übersetzung in 200 europäische und asiatische2 Sprachen verzeichnet. Die Einträge, durchgehend in kyrillischer Schrift, sind nicht alphabetisch, sondern nach Sachgruppen angeordnet.3 1789 folgte der zweite Band mit weiteren 155 Stichwörtern4 und bereits 1790-1791 die von Theodor Jankoviç de Mirievo (1741-1814) besorgte Überarbeitung, in der auch 23 amerikanische und 30 afrikanische Sprachen berücksichtigt sind.5 Bezieht man diese mit ein, so kann das Universalglossarium, wie es seinerzeit genannt wurde, als die umfassendste vergleichende Sprachensammlung der Epoche gelten.6 Wie ich noch näher ausführen werde, war die Reaktion der Zeitgenossen auf das Wörterbuch überwiegend negativ. 1815 schreibt Friedrich Adelung dagegen, es habe »Epoche [gemacht] in der Geschichte des Sprachstudiums« (Adelung 1815: VII).7 Ich möchte im folgenden einige Aspekte der Rezeptionsgeschichte behandeln; wie wir sehen werden, ist sie bis heute wechselvoll geblieben: Auch in der sprachwissenschaftlichen Historiographie unserer Zeit fällt das Urteil über das Werk noch recht unterschiedlich aus.

Zuvor möchte ich kurz auf die Entstehung des Wörterbuchs eingehen, wobei ich aus Zeitgründen die »Vorarbeiter« und »Vorläufer« des Werkes (Adelung 1815: 35) - zu nennen sind hier insbesondere Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) und Hartwig Ludwig Christian Bacmeister (1730-1806) - nicht weiter berücksichtigen kann.8 Die Entstehungsgeschichte des Universalglossariums gibt insbesondere Aufschluß über Umfang und Formen der gelehrten Kommunikation jener Zeit. Zunächst ist festzuhalten, daß vom wissenschaftlichen Diskurs zum Thema Sprachvergleich entscheidende Impulse für das von Katharina II. initiierte und finanzierte Projekt eines vergleichenden Wörterbuchs aller damals bekannten Sprachen ausgingen.9 Für die Gelehrten jener Zeit war der Sprachvergleich keine primär sprachwissenschaftliche Angelegenheit. Es ging ihnen vielmehr wesentlich darum, neue Einsichten in die Verwandtschaft und die Geschichte der Völker zu gewinnen. Wie schon aus der Ankündigung des Wörterbuchprojekts hervorgeht, war eben dies auch Pallas' Zielsetzung: »Quel vaste champ de découvertes et quelle instruction pour l'histoire un littérateur judicieux ne pourra-t-il pas trouver dans une Collection de cette grande variété de peuples dont l'origine et les migrations nous sont, pour la plupart, absolument inconnues [...]«.10 Mit diesem »Prestigeprojekt« (Haarmann 1976: 5) der Petersburger Akademie der Wissenschaften waren im übrigen auch wissenschaftspolitische Absichten verbunden: es sollte zur Verbreitung der Ergebnisse russischer Sprachforschung in ganz Europa beitragen.11

Im Zuge der Vorbereitungen für das vergleichende Wörterbuch beauftragte die Zarin den Berliner Verleger Christoph Friedrich Nicolai (1733-1811) damit, eine Übersicht aller bekannten Sprachen und ein Verzeichnis der Wörterbücher und der Forschungsliteratur zur Frage des Ursprungs und der Verwandtschaft der Sprachen für sie anzufertigen. Das Manuskript des im Januar 1785 abgeschlossenen Tableau général de toutes les langues du monde avec un catalogue préliminaire des principaux dictionnaires dans toutes les langues et des principaux livres qui traitent de l'origine de toutes les langues, de leur étymologie et de leur affinité [...] wurde dann Pallas übergeben, der es nachweislich bei der Arbeit an den Vocabularia comparativa benutzte; nach ihm verwendete es auch F. Adelung für die Redaktion seiner Nachträge zum ersten Teil des Mithridates.12

Pallas war seit 1766 Professor für Naturgeschichte in Berlin und hatte sich mit zahlreichen Veröffentlichungen einen Namen gemacht.13 Er hatte zwar bei seinen Forschungsreisen selbst verschiedentlich Sprachproben gesammelt, war als Sprachforscher jedoch nicht ausgewiesen. Daß Katharina II. gerade ihn mit der Herausgabe der Vocabularia comparativa beauftragte, ist wohl mit seinem wissenschaftlichen Ansehen zu erklären. Den Anfang 1785 an ihn ergangenen Auftrag der Kaiserin übernahm Pallas nur widerstrebend,14 führte ihn aber gewissenhaft und überaus zügig durch. Schon im Mai des Jahres veröffentlicht er die bereits erwähnte Ankündigung des Wörterbuchs, den Avis au Public concernant un vocabulaire Polyglotte. Darin äußert er die Überzeugung, daß das Projekt zur endgültigen Klärung der Ursprachenfrage führen werde,15 stellt eine Übersicht der Sprachen nach ihrer Verwandtschaft und den Ländern, in denen sie gesprochen werden, in Aussicht16 und erläutert die - von Katharina II. selbst getroffene - Auswahl der Wörter:17

Pour servir de base à un Glossaire universel et comparatif de toutes les langues, SA MAJESTE IMPERIALE a fait Elle-même un choix des mots les plus essentiels et les plus généralement en usage chez les peuples les moins cultivés [...]. Dans ce choix on a donné la préférence aux substantifs et adjectifs de première nécessité et communs aux langues les plus barbares, ou qui servent à tracer les progrès de l'agriculture ou de quelques arts et connoissances élémentaires d'un peuple à l'autre (Pallas 1785 in Adelung 1815: 50).

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Pallas erhielt daraufhin Adelung zufolge »eine große Menge zum Theil höchst gehaltvoller Zuschriften berühmter Gelehrten [sic] des Auslands« (Adelung 1815: 55). Einer dieser Korrespondenten kritisiert ebenso höflich wie bestimmt die Entscheidung, dem Sprachvergleich im wesentlichen Substantive zugrunde zu legen, da diese zumeist Deverbativa seien.18

Dem Avis folgte im Jahr darauf das Modèle du vocabulaire, qui doit servir à la comparaison de toutes les langues, eine Liste von insgesamt 44319 russischen Wörtern mit lateinischen, deutschen und französischen Entsprechungen, die den Beiträgern bei der Sammlung von Sprachproben als Vorlage dienen sollte (vgl. Adelung 1815: 52). Die weite Verbreitung des Avis in französischer und deutscher Sprache20 sowie die Übersendung des Modèle an zahlreiche Sprachforscher21 sorgten dafür, daß der Erwartungshorizont der gelehrten Welt im Hinblick auf das Wörterbuchprojekt regelrecht "aufgebaut" wurde. So schrieb etwa Friedrich Gedike (1754-1803) 1785 in der Berlinischen Monatsschrift: »Welcher Gelehrte wird nicht begierig dieses Werk erwarten und der mächtigen Monarchin für diese neue große Bereicherung der Völker- und Länderkunde danken.«22

2. Zur Beurteilung des Werkes durch Christian Jacob Kraus

Entsprechend lebhaft war die Reaktion, als das vergleichende Wörterbuch im Druck erschien.23 Unter den in Deutschland veröffentlichten Rezensionen24 galt schon den Zeitgenossen diejenige von Christian Jacob Kraus (1753-1807) als die gewichtigste. Kraus, Kant-Schüler und Professor an der Königsberger Universität,25 hatte sich über seinen Freund Johann Georg Hamann (1730-1788) ein Exemplar des Universalglossariums beschafft, um es im Hinblick auf seine Romani-Studien einzusehen. Er beschloß dann, das Werk für die Allgemeine Literatur-Zeitung zu rezensieren, und nutzte dabei den Umstand, daß er von den Herausgebern nach dem Erscheinen seiner Besprechung des Grundriß der Geschichte der Weltweisheit (Lemgo 1786) von Christoph Meiners (1747-1810) einen »Contract als ordentlicher Mitarbeiter« erhalten hatte (siehe Kaltz 1985b: 234). An der Pallas-Rezension arbeitete Kraus monatelang, so daß nach seinen eigenen Worten daraus schließlich eine »Abhandlung« wurde; tatsächlich ist sie insgesamt 29 Spalten lang. Sie zeugt, so Kraus, zugleich von seiner »abscheuliche[n] Gelehrsamkeit« und der »Dreistigkeit, wie er mit Kaiserinnen umspringt«.26 Für F. Adelung war Kraus' Besprechung des Universalglossariums ein Musterbeispiel »deutscher gründlicher Kritik« (Adelung 1815: 111). Gründlich ist diese Kritik in der Tat insofern, als sie viele Details wie etwa die Fehlerhaftigkeit vieler Sprachproben27 berücksichtigt. Kraus wirft jedoch auch grundsätzliche Fragen auf, indem er auf die lexikographischen Prinzipien, den Aufbau, die gesamte Konzeption des Werkes eingeht. Die Besprechung wird ihm so zum Anlaß, seine eigenen Vorstellungen von einem wissenschaftlich fundierten Sprachvergleich im Rahmen einer »philosophischen Universallinguistik« zu erläutern (Kraus 1787: Sp. 16).

Die Entscheidung des Herausgebers, die Sprachproben durchgängig in kyrillischer Schrift zu drucken,28 beurteilt Kraus nuanciert. Einerseits betont er, »das russische Alphabeth« verdiene wegen »seines Reichthums an Consonanten (ungeachtet seines Mangels an bestimmten Diphthongen) diesen Vorzug wohl«; andererseits bemängelt er, daß die Wörter mancher Sprachen, etwa des Französischen und Englischen, durch die Transkription »fast unkenntlich« gemacht werden (Kraus 1787: Sp. 3).29 Kraus urteilt in diesem Punkt ausgewogener als Volney (1806), der hierzu schreibt: »Avec tant d'irrégularités l'on ne peut donc reconnaitre dans l'alphabet russe cette perfection qui [...] lui a valu la préférence sur l'alphabet européen ou romain.«30

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Bevor er anhand von Beispielen u. a. aus dem Lettischen die »Verstümmelungen und Verwechselungen der Ausdrücke selbst solcher Sprachen, die nahe an und selbst auf dem russischen Gebiete geredet werden« (Kraus 1787: Sp. 6) nachweist, äußert er sich grundsätzlich zur Notwendigkeit des »Geschäft[s] der kritischen Berichtigung«. Dabei geht es erstens um den »Sprachstoff«, d. h. »die Ausdrücke, welche von jeder Sprache zum Behuf des gedachten Zweckes dienen möchten«, zweitens um den »Sprachbau« (»die systematische Methode, wie Wörter verändert und verbunden werden um Verhältnisse und Zusammenhang der Gedanken auszudrucken«) und drittens um den »Sprachkreis«, d. h. »de[n] Umstand, welchen Menschen eigentlich, und wiefern ihnen jede gegebene Sprache als Eigenthum oder Anlehn zugehöre« (Kraus 1787: Sp. 5; ebenso Kraus 1809: 41f.). Ein solches »kritisches Berichtigungsgeschäft« erweist sich als vollends unumgänglich, wenn es um weniger bekannte Sprachen geht:

Und wenn es nun schon so um die Angaben von schriftfesten oder leichterforschlichen europäischen Sprachen bewandt ist: wie viel mehr wird man in Absicht der aus Reisebeschreibungen und Handschriften gezogenen Angaben von Wörtern schriftloser Sprachen uncultivirter Nationen ähnliche und noch weit grössere Unvollkommenheiten besorgen müssen (Kraus 1787: Sp. 7).

Bei schriftlosen Sprachen müsse zunächst sichergestellt sein, daß die »richtige Form der Wörter« ermittelt wurde. Das ist indessen im Universalglossarium häufig nicht der Fall, wie Kraus mit Beispielen aus der Zigeunersprache zeigt, von der er nach eingehenden empirischen Studien ein Wörterbuch und eine Grammatik verfaßt hatte:31 »Im Zigeunerischen heißt Schumiskirna nicht das Geräusch, sondern sie machen Lärm; Kohorna nicht der Nahme, sondern sie nennen [...]; endlich kamela nicht die Liebe, sondern er liebt [...]« (Kraus 1787: Sp. 12).

Auf die Frage nach der Beschreibungsmethode für schriftlose bzw. noch völlig unbekannte Sprachen kommt Kraus im letzten Teil seiner Besprechung noch einmal zurück. Zunächst gelte es, diese nach »Stoff« und »Bau« »mit kritischer Sorgfalt« zu erforschen und präzise Angaben über den »Sprachbezirk, so weit man ihn kennt und nicht kennt«, zu machen. Erst auf der Grundlage solcher »kritische[r] Apparate« könne der Wortschatz dieser Sprachen »nach Laut und Sinn« angemessen erfaßt werden,

[...] die Wörter selbst und zwar theils solche, ohne welche sich keine Sprache behelfen kann und deren Vergleichung mithin vornemlich zu Schlüssen über Verwandtschaft, theils solche, ohne welche sie gar wohl seyn könnte und deren Verbindung zu Schlüssen über allerley Arten von Gemeinschaft dienen möchte (Kraus 1787: Sp. 25).

Wie etwa die Ausführungen zu Auswahl und Anordnung des Wortmaterials zeigen, formuliert Kraus seine Kritik gelegentlich indirekt:

Die Begriffe, welche in diesem Bande vorkommen, betreffen, (einige abstracte, wie Gesicht, Gehör, Gefühl, Geruch, Geschmack, Kraft [...], Tiefe, Länge, Breite, abgerechnet, die besser in der Adjectiv- und Verbal-Form aufgefasst, und für den folgenden Band geblieben wären,) theils Verhältnisse des Geschlechts, des Alters, der Verwandtschaft, theils Gliedmassen und Bestandtheile des Leibes, theils Gegenstände und Erscheinungen der Natur; und sind in sofern wohl gewählt (Kraus 1787: Sp. 2).

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Die Anlage des Wörterbuchs32 bietet dem Rezensenten zufolge einen »zwiefache[n] Vorteil«; der zweite ist, wie er später ausführt, allerdings zugleich ein Nachteil: »jedes Wort, welches man für einen der Begriffe in einer der Sprachen wissen will, [lasse] mittelst der Bezifferung sich leicht auffinden«, und die »Aehnlichkeit der verschiedenen Sprachausdrücke für einerley Begriff, und in so fern auch die Verwandtschaft der Sprachen, nach einzelnen Wörtern genommen [...] [lasse] sich auf einen Blick übersehen« (Kraus 1787: Sp. 3). Das Problem bei dieser Anordnung sieht Kraus darin, daß sie »zum Behufe philosophischer Vergleichungen« keinesfalls die »zweckmässigste« ist:

[Die] in gegenwärtigem Werke gewählte Parallelstellung, da von jeder Sprache jeder einzelne Ausdruck unter die einzelnen Ausdrücke von zweyhundert andern Sprachen für eben denselben Begriff, nach einer unveränderlichen Ordnung gesetzt, und sonach nicht nur die Wörter jeder Sprache ganz von einander getrennt, sondern auch schon auf bestimmte Art mit Wörtern anderer Sprache[n] combinirt sind, [ist] weder der Absicht, die man gehabt haben mag, das Maximum von Aehnlichkeit der Sprachen sichtbar zu machen, noch dem Wunsche, den man haben muss, jede Sprache mit jeder andern im Einzelnen wie im Ganzen auf die leichteste und freyeste Weise vergleichen zu können, angemessen (Kraus 1787: Sp. 23).

Und hier wird seine Kritik sehr scharf; in aller Deutlichkeit wird dem Werk wissenschaftliche Brauchbarkeit abgesprochen:

Wirklich was bleibt dem Linguisten oder Philosophen, der dies Werk benutzen will, nunmehr übrig, als daß er entweder die Sprachvergleichungen so annehme, wie sie hier gleichsam resultatweise dargelegt sind, da denn aller Gewinn für Wissenschaften weg fiele , oder daß er, um von jeder Sprache sämmtliche Ausdrücke beysammen zu haben, und sonach mit dem freyesten Combinationsgeiste untereinander vergleichen zu können, selbige aus der Zerstreuung, worinn sie hier liegen, zusammenhole, und mithin gerade die Arbeit übernehme, die er wünschen müsste, von andern verrichtet zu sehen [...] (Kraus 1787: Sp. 24).

Die bloße »Wortvergleichung« wird also als unwissenschaftlich verworfen; Kraus läßt nur einen grammatisch fundierten Sprachvergleich gelten:

Und sonach kann eine kurze Vergleichung der charakteristischen Züge des grammatischen Baues der Sprachen vortrefflich dazu dienen, dem eben so mühsamen u. weitläuftigen, als misslichen und verführerischen Geschäfte der Wortvergleichung zum voraus sichere Wege vorzuzeichnen, und die gefundenen Resultate genauer auf ihren wahren Gehalt zurück zu bringen (Kraus 1787: Sp. 16).33

Entschieden wird Pallas' Annahme zurückgewiesen, das vergleichende Wörterbuch könne eine Antwort auf die vieldiskutierte Frage nach der »Ursprache« liefern:

Am allerwenigsten aber wird sich daraus eine Ursprache unseres Geschlechtes, von welcher alle andere [sic] nur gleichsam so viele Mundarten wären, finden lassen: denn die Menge der Sprachen stehet gerade in umgekehrten Verhältnisse mit der Menschen-Cultur und Paraguay übertrifft, nach Dobrizhofer,34 jeden gleich grossen Raum von Europa eben so sehr an Menge der Sprachen, als es denselben an Wildheit und Barbarey übertrifft [...] (Kraus 1787: Sp. 27).

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Doch führt eben diese Widerlegung der Ursprachenhypothese zur Erkenntnis der menschlichen Sprachfähigkeit:

Gleichwohl sind die Aussichten, welche sich auf dem Wege der philosophischen Universallinguistik zu allen Seiten eröffnen, immer reizend und gross. Denn auch die Beweise für das Nichtdaseyn einer Ursprache setzen auf einmal eine schöne Wahrheit, das Sprachvermögen als eine unserm Geschlechte angestammte Naturgabe ins Licht (Kraus 1787: Sp. 28).

Damit wendet sich Kraus, wie auch in seinen Königsberger Vorlesungen, gegen die Annahme eines göttlichen Ursprungs der Sprache: »Es giebt aber keine Ursprache; die Sprache ist unzählige Male erfunden, und jedes Volk hat etwas dabei gethan« (Kraus 1809: 35).

3. Zur Rezeption der Vocabularia im 19. Jahrhundert

Auch für die Pallas-Rezeption des 19. Jahrhunderts ist die Mischung von Lob und Tadel, wie sie sich bei Kraus (1787) findet, charakteristisch. So lautet Volneys erste »conclusion« seines Rapport fait à l'Académie Celtique: »[...] pour la grandeur des vues, l'abondance des matières, la nouveauté piquante des résultats, les Vocabulaires de M. Pallas sont un livre d'un ordre distingué, infiniment supérieur à tout ce qui a paru jusqu'ici en ce genre«. Im Anschluß daran wird jedoch auf die »imperfections et les erreurs glissées dans ce livre« eingegangen (Volney 1806 in Adelung 1815: 170). Der bereits mehrfach erwähnte F. Adelung spricht in seinem überaus wohlwollenden Forschungsbericht von den »unendlich groß[en]« Vorzügen des Universalglossariums, aber auch von dessen »Mängeln«, den »unvermeidlichen« wie den »besondere[n]«, die »größtentheils vermieden werden konnten« (Adelung 1815: 181 f.). Die »unvermeidlichen« Mängel faßt er unter Berufung auf Kraus (1787) wie folgt zusammen:

1. Unvollständigkeit; 2. Schwierigkeit, die Töne fremder Sprachen in einer andern Sprache bestimmt auszudrücken, und 3. die Unmöglichkeit, in einem oder einigen Gelehrten alle Kenntnisse und Eigenschaften vereinigt zu finden, die zur Vollkommenheit einer solchen Arbeit nöthig wären (Adelung 1815: 181).

Die »besonderen« Schwächen des Werkes sieht er, auch hier im Anschluß an Kraus (1787), in der mangelnden Berücksichtigung der Verwandtschaft von Sprachen, in der Auswahl der Wörter, in den mangelhaften Sprachangaben, im Fehlen »schon längst hinlänglich bekannte[r] Sprachen und Mundarten«, u. a. des Kroatischen und Norwegischen (Adelung 1815: 182-185). Zur Erklärung dieser »allerdings bedeutende[n] Mängel«, die indessen »unendlich durch grosse Vorzüge überwogen [werden]«, verweist er auf die »Eile«, »mit welcher das grosse Werk angefertiget worden« (Adelung 1815: 185).35 Zur Wirkung des Universalglossariums schreibt Adelung, »sein Einfluss auf alle nachherigen linguistischen Arbeiten [sei] doch sehr bedeutend, da es allen Sprachforschern von Lissabon bis Philadelphia die reichsten Materialien zu ihren Untersuchungen lieferte« (Adelung 1815: 189). Ganz besonders betont er dessen Bedeutung für den Mithridates von Adelung und Vater (1806-1817):

Nie hätte der Mithridates, dieses dem deutschen Fleisse und deutschem Scharfsinne so ausschliesslich angehörige Repertorium, zu jener bis dahin unerreichten Vollständigkeit gebracht werden können, wenn seine Verfasser nicht so häufig in dem vergleichenden Wörterbuche Materialien gefunden hätten, wenn alle andere [sic!] Quellen sie verliessen (Adelung 1815: 191).36

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Die Verfasser stießen dabei allerdings auch auf allerhand fehlerhaftes Material, wie etwa aus Wilhelm von Humboldts (1767-1835) Berichtigungen und Zusätze[n] zur Darstellung des Baskischen im Mithridates hervorgeht.37 Auch Jacob Grimm (1785-1863) äußert sich in seiner Abhandlung Über den Ursprung der Sprache (1851) zugleich lobend und kritisch über Pallas (1786): »Ohne zweifel wurde durch das von der Kaiserin Catharina in den jahren 1787-1790 veranstaltete Petersburger wörterbuch, wenn es auch auf noch sehr ungenügenden grundlagen aufgerichtet war, sprachvergleichung überhaupt wirksam angeregt und gefördert«.38 Ähnlich wird im Anschluß an kritische Bemerkungen in dem von William Duckett (1804-1863) herausgegebenen Dictionnaire de la conversation et de la lecture positiv hervorgehoben:

Cependant, ces collections [d. h. die Sprachensammlungen von Pallas und die von Adelung/Vater, B. K.] eurent du moins cela d'utile, qu'elles mirent en saillie le besoin d'un principe pour la classification des échantillons de mots, qu'elles provoquèrent ainsi un goût plus vif pour une étude vraiment comparée des langues, et débarrassèrent de toutes considérations accessoires les recherches relatives à leurs rapports d'affinité (s. v. Linguistique, Duckett 1864: Bd. 12, S. 344).

4. Pallas' Wörterbuch und dessen Besprechung durch Kraus aus neuerer Sicht

Wie eingangs erwähnt, herrscht noch in der neueren Historiographie keine Einigkeit über die wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung des Universalglossariums. Wendland (1992: 492) zufolge wurde Pallas für sein »Auftragswerk [...] unverständlicherweise (Hervorh. B. K.) bis in unsere Zeit hinein kritisiert«. Lauch (1968: 458) sieht das offensichtlich anders: »Heute wundern wir uns über den Anklang, den dieses Werk trotz seiner schon damals offensichtlichen Schwächen gefunden hat«. Ähnlich liegt für Arens (1969: 136) »das größte Verdienst des Werkes« darin, daß es »die Gelehrten Europas zur kritischen Stellungnahme« veranlaßt habe. Immerhin konzediert er, daß das Werk »Anschauungsmaterial [bot], das keinem einzigen Gelehrten bisher zu Gebote gestanden hatte«. Swiggers/Desmet (1996: 136) übernehmen diese Argumentation: »Fort imparfait, le travail de Pallas a eu le mérite de susciter quelques réactions, qui ont aiguisé la conscience méthodologique des savants.« An anderer Stelle bezeichnet Arens das Universalglossarium gar als »dilettantisch« (Arens 1980: 102).

Dagegen betont Archaimbault (2000: 363), daß die Vocabularia comparativa entscheidenden Einfluß auf die sprachvergleichende Forschung im Bereich der slawischen Sprachen hatte. Sie verweist in diesem Zusammenhang besonders auf Josef Dobrovský (1753-1829), den Begründer der slawischen Sprachwissenschaft.39 Haarmann (2001: 1087) hebt hervor, daß Pallas' Wörterbuch »erstmals Sprachproben vieler schriftloser Sprachen bietet«. Vor allem aber bemängelt er, daß die neueren historiographischen »Gesamtdarstellungen« dem Universalglossarium »unberechtigterweise«, wie allgemein den großen Sprachensammlungen des 18. und 19. Jahrhunderts, nur eine »Statistenrolle« einräumten und zudem ungenau und teilweise fehlerhaft darüber informierten (Haarmann 2001: 1082; vgl. hierzu auch Gipper/Schmitter 1979: 20 f.). Es herrsche eine »allgemeine Unsicherheit« bei der wissenschaftsgeschichtlichen Einordnung der Sprachensammlungen, weil erstens die Ergebnisse neuerer Detailstudien zu den »Leistungen« dieser Kompilationen in den Gesamtdarstellungen noch nicht angemessen berücksichtigt seien und zweitens die sprachwissenschaftliche Historiographie in einer Tradition stehe, »die den Wert einzelner Sprachensammlungen mit Vorliebe für philologische Einzeldisziplinen (z. B. Indogermanistik, Finno-Ugristik, Afrikanistik) aufzeigt, wobei ein interner Vergleich der Kompilationen unterbleibt« (Haarmann 2001: 1082). Haarmanns Kritik ist grundsätzlich wohl berechtigt. Wie schon Fodor in seiner Studie über Pallas und andere afrikanische Vokabularien vor dem 19. Jahrhundert festgestellt hat, sind indessen selbst Untersuchungen innerhalb von »Einzeldisziplinen« nicht gerade einfach, setzen sie doch neben der jeweiligen Fachkompetenz »nicht nur die Kenntnis der kyrillischen Schrift und der russischen Sprache des 18. Jahrhunderts, sondern auch gewisse russistische Studien« voraus (Fodor 1975: 2). Daraus läßt sich eigentlich nur der Schluß ziehen, daß eine im Sinne von Haarmann angemessene wissenschaftsgeschichtliche Einordnung der Vocabularia comparativa im Alleingang gar nicht zu leisten ist: Teamarbeit ist hier gefragt.

In auffälligem Kontrast zu dieser Unsicherheit bei der Beurteilung von Pallas' Wörterbuch steht die Rezeption seiner Besprechung durch Kraus. Das Urteil darüber ist stets sehr positiv ausgefallen, angefangen von den Zeitgenossen über F. Adelung (1815: 110: »tiefe Kenntniss des Gegenstandes«; 112: »die hellsten Winke«), Voigt (1819: 206 f.: »ein wahres Meisterwerk«) und Benfey (1869: 268: »höchst ehrenwerte Andeutungen, Betrachtungen und Ausführungen über Sprachvergleichung und die Art, wie sie vorzunehmen sei«)40 bis hin in unsere Zeit, wo Kraus' Rezension seit ihrer "Wiederentdeckung" durch Arens (1969: 140: »verblüffende Klarsicht«) erneut verstärkt Beachtung findet.41

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Bibliographie

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1809: Encyklopädische Ansichten einiger Zweige der Gelehrsamkeit. 1. Teil. Königsberg: F. Nicolovius (= Vermischte Schriften, 3. Teil).

Lauch, Annelies

1968: Das Petersburger Vergleichende Wörterbuch und die Erarbeitung des nationalen Geschichtsbildes der Esten. Jetzes estnische Beiträge zum "Universalglossarium" Katharinas II. In: Helmut Grasshoff/Ulf Lehmann (Hg.), Studien zur Geschichte der russischen Literatur des 18. Jahrhunderts, Bd. 3, Berlin (Ost): Akademie-Verlag, S. 455-469 u. Anm. S. 617-620 (= Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Veröffentlichungen des Instituts für Slawistik; 28/III).

1969: Wissenschaft und kulturelle Beziehungen in der russischen Aufklärung. Zum Wirken H. L. Ch. Bacmeisters, Berlin (Ost): Akademie-Verlag (= Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Veröffentlichungen des Instituts für Slawistik; 51).

Pallas, Peter Simon

1785: Avis au Public concernant un vocabulaire Polyglotte, Petersburg: J. J. Weitbrecht (Nachdruck in Adelung 1815: 48-51).

1786: Linguarum totius orbis vocabularia comparativa; augustissimae cura collecta. Sectionis primae, Linguas Europae et Asiae complexae. Pars prior; St. Petersburg: Schnoor (Nachdruck Hamburg: Buske 1977).

Swiggers, Pierre / Piet Desmet

1996: L'élaboration de la linguistique comparative: Comparaison et typologie des langues jusqu'au début du XIXe siècle. In: Peter Schmitter (Hg.), Geschichte der Sprachtheorie, V: Sprachtheorien der Neuzeit II, Tübingen: Narr, S. 122-177.

Voigt, Johannes

1819: Das Leben des Professor Christian Jacob Kraus, öffentlichen Lehrers der praktischen Philosophie und der Cameralwissenschaften auf der Universität zu Königsberg, aus den Mitteilungen seiner Freunde und seinen Briefen, Königsberg: Universitäts-Buchhandlung (= Vermischte Schriften; 8. Teil).

Volney, Constantin François de

1806: Rapport fait à l'Académie Celtique, sur l'ouvrage russe de Mr. le Professeur Pallas, intitulé Vocabulaires comparés des Langues de toute la terre. In: Mémoires de l'Académie Celtique. s. l. (mit Anmerkungen versehener Teilabdruck in Adelung 1815: 141-174).

Wendland, Folkwart

1992: Peter Simon Pallas (1741-1811). Materialien einer Biographie, 2 Teile, Berlin: de Gruyter (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin; 80).


[1]

Die lateinische Vorrede wurde noch 1786 gedruckt, und nach dem lateinischen Titel des Werkes ist 1786 als Erscheinungsjahr angegeben. Dem russischen Titel folgt dagegen die Angabe 1787; vgl. hierzu Adelung (1815: 65).

[2]

Zur vergleichenden Darstellung der asiatischen Sprachen durch Julius Klaproth (Asia polyglotta, 1823) siehe Ute Tintemann in diesem Band.

[3]

Inhaltlich erinnert die Auswahl der Wörter deutlich an die thematisch geordneten Vokabularien, die seit der Frühen Neuzeit dem Erlernen von Fremdsprachen dienten (vgl. hierzu Kaltz 1995): Auf die Stichwörter für Gott und Himmel folgen die Verwandtschaftsbezeichnungen, die Körperteile etc. In Adelung (1815: 73-75) findet sich die vollständige Liste der Stichwörter; vgl. auch die nachstehend zitierten Ausführungen von Kraus (1787: Sp. 2).

[4]

Im zweiten Band sind auch andere Wortarten (u. a. Verben und Zahlwörter) vertreten; vgl. dazu Kraus (1787: Sp. 2), (Fodor 1975: 13) und Archaimbault (2000: 363). Ich beschränke mich in meinem Beitrag auf den ersten, von Kraus 1787 rezensierten Band.

[5]

Daß Katharina II. nicht Pallas, sondern Jankoviç mit der weiteren Bearbeitung des Wörterbuchs betraute, hängt vermutlich mit der zum Teil sehr scharfen Kritik am ersten Band der Vocabularia comparativa zusammen; vgl. hierzu Adelung (1815: 92) und Haarmann (2001: 1087). In der vierbändigen Bearbeitung des Werkes durch Jankoviç ist das Wortmaterial alphabetisch angeordnet. Während Fodor (1975: 13) und Gipper/Schmitter (1979: 21) diese Bearbeitung als »zweite Auflage« von Pallas (1786-1789) bezeichnen, spricht Archaimbault (2000: 361) wohl zutreffender von zwei verschiedenen Werken

[6]

So Haarmann (2001: 1086) und schon Benfey (1869: 268). - Zum Vergleich: der 1784 zunächst in italienischer Sprache erschienene Catálogo de las lenguas de las naciones conocidas von Hervás y Panduro verzeichnet 64 Wörter in 154 Sprachen und gibt die Übersetzung des Vater Unser in 300 Sprachen (vgl. hierzu Auroux/Lazcano 2000 und Haarmann (2001:1087-1090); im Mithridates von Adelung/Vater (1806-1817) sind bereits an die 500 Sprachen enthalten (vgl. Kaltz 2000 und Haarmann 2001: 1090 f.). Vgl. hierzu auch die Beiträge von Jürgen Trabant und Gerda Haßler in diesem Band.

[7]

F. Adelung (1768-1843), ein Neffe von Johann Christoph Adelung, war seit 1801 in Petersburg tätig. Zur Bedeutung seines »Forschungsberichts« bemerkt Haarmann (1976: 7) zutreffend, die »Vollständigkeit der Dokumentation [könne] vom heutigen Standort der Wissenschaft aus nicht mehr erreicht, geschweige denn vertieft werden«.

[8]

Zur Bedeutung von Leibniz in diesem Zusammenhang vgl. besonders Gipper/Schmitter (1979: 20) und Haarmann (2001: 1082-1084). Über Bacmeisters eigene Sprachsammlung informieren u. a. Adelung (1815: 23-34) und Lauch 1969.

[9]

Lauch (1969: 200) führt das Projekt der Zarin »hauptsächlich« auf das Erscheinen des ersten Bandes des Monde primitif analysé et comparé avec le monde moderne von Court de Gébelin (1773-1781) und die Veröffentlichung von Bacmeisters Avertissement im selben Jahr zurück. Das in vier Sprachen (russisch, französisch, lateinisch und deutsch) gedruckte Avertissement sollte mit einem Sprachprobenaufsatz als Grundlage für Bacmeisters geplante Sprachensammlung dienen, die jedoch nie abgeschlossen wurde. Sein Material wurde von Pallas benutzt; vgl. Lauch (1969: 176 ff.). Zum möglichen Einfluß des Monde primitif auf das Wörterbuchprojekt siehe auch Fodor (1975: 181, Anm. 18) mit weiteren Literaturhinweisen.

[10]

Pallas 1785 in Adelung (1815: 49); ausführlicher hierzu s. unten sowie Lauch (1968: 459 f.).

[11]

Vgl. Lauch (1969: 207). Für Wendland (1992: 708) steht außer Frage, daß dieses Ziel erreicht wurde: »Das Universalglossarium als Pallas? wichtigster Beitrag zur Linguistik [tatsächlich: sein einziger, B. K.] hat die in Rußland betriebenen Sprachforschungen in ganz Europa bekannt gemacht, in der Folgezeit sprachvergleichende Untersuchungen angeregt und Diskussionen über eine neue sprachvergleichende Methode ausgelöst.«

[12]

Von dem Manuskript ist nur der Vorbericht im Druck erschienen (in Adelung 1815: 43-47); daraus geht hervor, daß Nicolai in seinem Tableau général fast 300 Sprachen berücksichtigt hat (vgl. Adelung 1815: 45). Adelung charakterisiert das Tableau als eine Arbeit, die »gewissermaßen eine Epoche in der Linguistik bezeichnet, indem sie den Stand dieser Wissenschaft um das Jahr 1785 angiebt« (Adelung 1815: 43). - Adelungs Nachträge zum 1. Teil sind im vierten und letzten Band des Mithridates von Adelung/Vater 1806-1817 enthalten; vgl. Kaltz (2000: 364).

[13]

Zu Pallas? Leben und Werk siehe die ausführliche Monographie von Wendland 1992.

[14]

Wie sein Brief an J. Banks vom August 1785 zeigt, in dem er diesem die Übersendung des Avis au public (siehe unten) ankündigt und ihn um Mitarbeit bittet: »You will receive by one of the next Ships a parcell of Advertisement about a General Vocabulary of all Languages, which our Empress has begun to collect & which I am, though much against my inclination (Hervorh. B. K.), charged to compleat & to print. As we want much the American & African languages, & also the Cornish, the Galik of the Isle of Man, the English of the Orkney's, & other Dialects of the British Empire, You will make a very agreable present to Her Majesty, if You can procure translations of the Vocabulary proposed by Her Maj. into any of those Languages« (zit. n. Wendland 1992: 496).

[15]

Vgl. Pallas 1785 in Adelung 1815: 50: »Mais personne jusqu'ici n'avoit embrassé l'ensemble des langues [...] Cette vaste entreprise, qui pourra enfin conduire à résoudre le problème de l'existence d'une langue primitive, étoit réservé [sic] à notre siècle.«

[16]

Vgl. Pallas 1785 in Adelung 1815: 51: »Un tableau général des Langues, tant selon leurs rapports, que selon leurs patries, pourra servir d'introduction à ce travail [...].«

[17]

Ausführlicher hierzu Adelung (1815: 39 ff.), Lauch (1969: 200 f.) und Fodor (1975: 17 ff.). Wie Fodor (1975: 5 f.) bemerkt, ist Adelungs Darstellung hinsichtlich des Anteils der Zarin an den Vocabularia Comparativa »mit Vorsicht zu behandeln«.

[18]

Schreiben von Ryklof Michael van Goenz Cuninghame [recte: Goens; er war Professor an der Universität Utrecht und starb 1810] an Pallas vom 24. Dezember 1785, abgedruckt in Adelung (1815: 55-64); darin heißt es auf S. 64: »Une chose, qui m'a surpris dans Votre Prospectus, mais que j'ai peut-être mal saisie, c'est que vous paroissez faire moins de cas des verbes. Vous savez, Monsieur, que l'immortel HEMSTERHUIS dans son système de l'analogie et étymologie de la langue Grecque, système applicable à la plupart des langues anciennes, dérivoit la plupart des substantifs de verbes et croyoit par conséquent ceux-ci antérieurs.«

[19]

D. h. erheblich mehr, als in die Vocabularia comparativa aufgenommen wurden; die Gründe für die Kürzung sind nah Fodor (1975: 9) nicht bekannt.

[20]

Von dem Avis erschienen in Rußland zwei Ausgaben; in deutscher Fassung wurde er 1785 in der Berlinischen Monatsschrift und 1786 in den Wöchentlichen Nachrichten abgedruckt. Vgl. hierzu Wendland (1992: 492) und Lauch (1968: 459).

[21]

Auf Befehl der Kaiserin wurde die Vorlage auch an alle Gouverneure des russischen Reichs und die russischen Gesandten im Ausland geschickt; vgl. dazu Adelung (1815: 52 f.), Fodor (1975: 9) und Wendland (1992: 495). Pallas wandte sich auch selbst brieflich an ausländische Gelehrte und bat sie um Mitarbeit (vgl. oben Anm. 13).

[22]

Friedrich Gedike, »Plan und Ankündigung eines Universalglossariums der Rußischen Kaiserin«, in Berlinische Monatsschrift 6 (1785) (zit. n. Wendland 1992: 501). - Bei Adelung heißt es, das Werk sei »von ganz Europa mit der größten Ungeduld« erwartet worden (Adelung 1815: 64).

[23]

Diese Reaktion mag erstaunen angesichts der Tatsache, daß das Werk abgesehen von den Exemplaren, die von der Zarin verschenkt wurden, nur eine relativ geringe Verbreitung hatte, da nur wenige Exemplare in den Handel kamen; vgl. hierzu Adelung (1815: 93), Wendland (1992: 492) und Arens (2001: 1086). Volney 1806 bestätigt die Seltenheit des Werks in Paris: »[...] nous devons des remercimens réitérés à M. de Grave, pour le cadeau qu'il nous a fait du premier volume d'un livre si rare à Paris que le second volume ne s'y trouve point, que ce premier lui-même manque à la bibliothèque Impériale, et qu'avant ce jour, je ne connaissais qu'une seule personne (Mr. Pougens) qui en eùt [sic] un exemplaire [...]« (in Adelung 1815: 142).

[24]

Darunter eine anonyme Besprechung in der Allgemeinen Deutschen Bibliothek (Bd. LXXVIII, 2. Stück, 311-333), die Adelung (1815: 152) zufolge »in keiner Rücksicht eine Vergleichung mit Krausens Recension aus[hält]«. Die zeitgenössische Pallas-Rezeption ist ausführlich in Adelung (1815: 107 ff.) dargestellt; vgl. hierzu auch Lauch (1969: 204 ff.).

[25]

Zu seinem Leben und Werk siehe Voigt 1819, Kaltz 1985a und 1999.

[26]

So schreibt er in einem Brief vom 23. August 1787: »Höchst lästig ist mir die Recension oder vielmehr die Abhandlung über das russische Kaiserliche Glossarium geworden [...] Läßt Schütz sie wirklich abdrucken, woran ich fast zweifele, so werden Sie über die abscheuliche Gelehrsamkeit Ihres Alten [...] sowohl, als über seine Dreistigkeit, wie er mit Kaiserinnen umspringt, etwas tüchtiges zu lachen bekommen« (zit. n. Voigt 1819: 202 f.).

[27]

Natürlich ist Kraus auch nicht entgangen, daß das von Pallas in seinem Avis angekündigte »allgemeine Gemälde der Sprachen nach den Ländern, worinn sie geredet werden«, in dem Werk fehlt (Kraus 1787: Sp. 4).

[28]

Offenbar geht diese Entscheidung auf Katharina II. zurück; vgl. Fodor (1975: 27).

[29]

Ähnlich ist bei Volney 1806 in Adelung zu lesen: »Mais lorsque je vins à examiner avec scrupule comment, dans les 150 mots du vocabulaire, nos sons français se trouvent rendus en caractères russes, je reconnus que la plupart de ces mots étaient défigurés, altérés même, de manière à devenir méconnaissables« (Adelung 1815: 157).

[30]

Volney 1806 in Adelung (1815: 164; vgl. auch 145 f.). Adelung bemerkt dazu übrigens kritisch: »Das lateinische oder französische Alphabet kann doch wohl nicht ausschliesslich das Europäische genannt werden, so lange es noch eine deutsche und russische Schrift in Europa giebt.«

[31]

Zu Kraus? Romani-Studien vgl. Kaltz (1985a: 124-126) und (1999: 305-307).

[32]

»Eingerichtet aber ist der ganze Vortrag so, daß auf den gespaltenen Quartseiten in zwey Columnen, die Benennungen der nach ihrer Verwandtschaft hintereinander geordneten Sprachen und Mundarten beziffert herablaufen und die Ausdrücke, welche sie für den Begriff haben, der ebenfalls beziffert und russisch ausgedrückt obenan stehet, der Reihe nach zur Seite mit sich führen« (Kraus 1787: Sp. 3).

[33]

Mir ist unverständlich, wie Swiggers/Desmet (1996: 139) aus diesem (auch von ihnen zitierten) Passus schließen können, Kraus erläutere den Zusammenhang von Grammatik und Lexikon nicht und stelle zu sehr auf die Ähnlichkeit der Wörter ab (»On doit toutefois reconnaître que Kraus n'explicite pas le lien [...] entre grammaire et lexique et qu'il insiste peut-être trop sur la similarité de mots«).

[34]

Kraus bezieht sich hier auf Martin Dobrizhoffer (1717-1791), der lange Jahre als Missionar in Paraguay lebte und u. a. eine Historia de Abiponibus veröffentlichte; vgl. hierzu Kaltz (1985b: 254, 257).

[35]

Ähnlich hatte bereits Volney von der »brièveté, j'ose dire excessive, du tems employé à ce travail immense« gesprochen (Volney 1806, in Adelung 1815: 171).

[36]

Vgl. auch Adelung (1815: 104): »Und nun vergleiche man hiemit das grosse Sprachen-Archiv, den Mithridates, und besonders den ersten und dritten Theil, um mit Erstaunen das Wachstum unserer Kenntnisse in diesem Zweige des menschlichen Wissens in der kurzen Zeit von zwanzig Jahren zu sehen«. - Daß Vater, F. Adelung und Humboldt Pallas? Werk für den Mithridates ausgewertet haben, wird auch von Hartmann (2001: 1091) betont.

[37]

Wilhelm von Humboldt, Berichtigungen und Zusätze zum ersten Abschnitte des zweyten Bandes des Mithridates über die Cantabrische oder Baskische Sprache, in Adelung/Vater, Bd. 4, 1817: 277-360, hier S. 334; siehe hierzu auch Gipper/Schmitter (1979: 22) und Kaltz (2000: 365).

[38]

Grimm (1851: 2), zit. n. Lauch (1968: 459).

[39]

Zu Dobrovskýs »Berichtigungen« der »böhmischen« Einträge im Universalglossarium vgl. Adelung (1815: 174-176); siehe auch Haarmann (1976: 13) und Lauch (1969: 205 f.).

[40]

Vgl. hierzu auch Jankowsky 1972: 32): »During the 19th century references to Kraus are scanty, but he is certainly known. Theodor Benfey, for example, has much praise for him and quotes from him extensively [...]«.

[41]

Vgl. hierzu Kaltz (1985b: 235 f.); ergänzend zu den dort genannten wissenschaftsgeschichtlichen Arbeiten siehe jetzt auch Swiggers/Desmet (1996) und Kaltz (1999).


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