Übersehen
Süddeutsche Zeitung, 9.10.2001
Jetzt wird die Berliner Klassik untersucht
Jens Bisky
Wie eine nicht enden wollende Folge quälend langer Breschnew-Jahre muss den Zeitgenossen die letzte Regierungszeit Friedrichs des Großen erschienen sein. Unter seinem Nachfolger wurde alles anders. Friedrich Wilhelm II. brachte die Lebenslust und eine strenge Zensur zurück. Er hatte eine Vorliebe für klassizistische Baukunst, erotische Libertinage, Gespenstergeschichten, Geheimbundwesen und Volksfrömmigkeit. All das stand auch am Beginn der Berliner Romantik. Tieck schrieb Gespenstergeschichten, Wackenroder erzählte von wahrhaft frommen Malern, Friedrich Schlegel schockierte mit seiner kalkuliert freizügigen "Lucinde". Als Gegenbewegung hat man diesen Anfang oft verstanden. War er nicht vielmehr Teil eines Größeren, einer einzigartigen urbanen Kultur, einer "Berliner Klassik"?
Das klingt vermessen. Alles Klassische geht gemessenen Schrittes. Rasche Fortpflanzung gehört nicht zu seinen Eigenschaften. Bis auf eine klassische Periode die nächste folgt, vergehen im Regelfall mehrere hundert Jahre. Die Deutschen mussten sich bisher mit der Weimarer Klassik begnügen. Im wilhelminischen Kaiserreich ist sie als "Deutsche Klassik" aufs Schild gehoben worden und schien hinfort nichts Gleichrangiges neben sich dulden zu wollen. Gerade die Romantik, die Heidelberger, die Jenaer oder die Berliner, war ohne Blick auf Weimar nicht zu denken.
In aller Stille hat nun an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ein Unternehmen begonnen, das schlicht und provozierend den Namen "AG Berliner Klassik" trägt. Das klingt zunächst nach Germanistik für die Berliner Republik, nach einem neuen Image für die arme Stadt mit ihrem Größenwahn und dem Gefühl, regelmäßig zu kurz gekommen zu sein. Es verbirgt sich aber dahinter eines der interessantesten Vorhaben der gegenwärtigen Literaturwissenschaft. Conrad Wiedemann, der an der Technischen Universität Berlin lehrt, hat es angeregt.
Es begann im Goethejahr mit dem Unbehagen darüber, dass zum Ruhme Weimars die kulturelle Blütezeit Berlins zwischen 1786 und 1815, zwischen dem Tod Friedrichs II. und dem Wiener Kongress verdrängt und marginalisiert worden ist. Verzichtet hat man damit darauf, eine "urbane Klassik" zu entdecken. Das stille, abgeschirmte, der Konzentration geweihte Weimar sei, so Wiedemanns erste Polemik, geschichtslos, immobil, "ohne Emanzipationslinie" und eine künstliche Erscheinung: getragen von vier eigens zusammengerufenen, schreibenden Männern, Wieland, Goethe, Herder, Schiller. Nach deren Tod war es dann vorbei. Die Berliner Klassik sei in allem das Gegenteil, auch besitze sie eine organische Vorgeschichte: die vielen Formen und Richtungen der Aufklärung in der Stadt. Berlin scheint im Unterschied zu Weimar die Stadt der Mobilität, der ungewöhnlichen, in hohem Maße autonomen Lebensentwürfe, der raschen Kommunikation und einer besonderen Erotik des Dialogs.
Dem Stadium der Polemik ist Wiedemanns Unternehmen inzwischen entwachsen. Im September des vergangenen Jahres wurde an der Akademie der Wissenschaften eine Arbeitsstelle eingerichtet, am vergangenen Wochenende hat man sich in Berlin zu einer ersten, kleinen Tagung getroffen. Weitere werden in regelmäßigen Abständen folgen.
Die "Berliner Klassik" verband im ständigen Gespräch Klassizismus, Romantik, Idealismus und Aufklärung. Das Lebenswerk der Berliner Heroen, Schinkel, Schleiermacher, Schadow und Kleist, lässt sich ohnehin nicht umstandslos einer der Richtungen zuordnen. Die größten Folgen für die deutsche Kulturgeschichte hatten zunächst auch nicht die Dichtung der "Berliner Klassik", sondern die Einführung staatlicher Schulen unter Zedlitz und Gedicke, die Einrichtung des humanistischen Gymnasiums und der Humboldtschen Universität. Man hat es hier nicht nur mit einem Dichter als Minister, sondern mit staatserhaltenden, den preußischen Staat rettenden, auch zum Krieg mobilisierenden Ideen und Entwürfen zu tun. Selbstverständlich gehören die Stein/Hardenbergschen Reformen, das Schicksal der Stadt unter der Napoleonischen Militärdiktatur, zur Geschichte der "Berliner Klassik", wenn man es bei der prägnanten, aber erklärungsbedürftigen Wendung belässt.
Die Provinz triumphiert
Vieles von dem, was Berlin zwischen 1786 und 1815 prägte, ist bereits untersucht worden, allerdings vereinzelt, oft das Benachbarte, eng Verwandte ignorierend. Die neue Arbeitsgruppe will die bisher versäumte, "integrale Wahrnehmung" erproben. Zunächst ist freilich Kärrnerarbeit zu leisten. Unter home.nexgo.de/sebastian1972 kann man sich über erste Ergebnisse informieren. An die 500 Zeitschriften sind bereits erfasst, Vereine, Clubs, Salons werden systematisch erschlossen, eine Bibliografie einschlägiger Tagebücher, Memoiren und Autobiografien liegt bereits vor.
Vielleicht unterschätzt man die Weimarer Klassik, wenn man in ihr lediglich den "Triumph eines provinziellen Kairos" sehen will. Aber wenn dagegen die "Dynamik eines urbanen, fast großstädtischen Kräftespiels" rekonstruiert werden soll, stellen sich augenblicklich interessante Fragen, etwa die nach dem Verhältnis allgemeiner Vernunft und der Rationalität des preußischen Beamtenapparats. Oder die nach dem Ende der "Berliner Klassik" in der dumpfen Provinzialität der zwanziger Jahre. Mitarbeiter werden noch gesucht.