Wenn Kleider plötzlich Leute machen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Berliner Seiten, 24.04.2002
Eine Tagung geht Berlins urbaner Topographie um 1800 nach
Gerhard Vinken
Ludwig Tieck, der Erfinder der Romantik, verläßt 1801 Berlin, weil er die "labyrinthische Regelmäßigkeit" der Stadt nicht mehr erträgt. Die preußische Hauptstadt hatte damals nach einer Phase dynamischen Wachstums von der Bevölkerungszahl her zu den größten Städten Europas aufgeschlossen. Berlin wird beliebtes Reiseziel, gleichzeitig rückt zum ersten Mal die Großstadt als ein Lebensraum eigener Ordnung und Qualität in das Bewußtsein. Diese neue Großstadterfahrung stellt die Tagung des Forschungsprojekts "Berliner Klassik- Die Königsstadt. Berliner urbane Topographie um 1800", veranstaltet von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, in den Mittelpunkt ihrer Erkundungen zur Berliner Klassik.
Enthierarchisierung und Auflösung, die Ausbildung neuer Orte und Ordnungen, die Möglichkeit von Konsensbildung und Identitätsstiftung an der Schwelle zur Moderne zogen sich als rote Fäden durch die Diskussionen. Ein Nebenprodukt dieser Bemühung ist die Rehabilitierung der Stadt als Ort deutscher Dichtung und Geistestätigkeit, werden doch Frühromantik und die deutsche Klassik herkömmlicherweise unter dem Paradigma der Idylle verhandelt, für die Weimar steht. Tieck. Wakkenroder, Achim von Arnim und Heinrich von Kleist, Fichte und die Humboldt-Brüder: Ihre Wege kreuzten sich um 1800 in Berlin.
Den Reisenden erschien dieses Berlin mit seinen offenen Plätzen und geordneten Prospekten als schöne Stadt, als kultivierte Oase in einer sprichwörtlich sandigen und wüsten Gegend. Thorsten Sadowsky (Odense, Dänemark) analysierte anhand zeitgenössischer Reiseliteratur über Wien und Berlin Motive dieser damals verbreiteten Gattung. Tumult, Gewimmel, sinnesverwirrende Mannigfaltigkeit und Unordnung sind feste Bestandteile jeder Großstadtbeschreibung. Die große Stadt erscheint als Mikrokosmos, als Bündelung der Vielfalt auf kleinem Raum. Stadterfahrung hieß aber immer auch literarisch orchestrierte Grenzüberschreitung: das Fremde, die Nacht, die Spelunken und Bordelle sind immer Wiederkehrende Bestandteile des Erzählrepertoires. Neben den Glanz der Königstadt tritt das traurige Berlin, die Ränder, die Behausungen des neuen Proletariats der Manufakturarbeiter, das Elend der Bettler.
Neue Unübersichtlichkeit
Fester Topos sind neben der Zügellosigkeit die Putzsucht der
Großstädter, insbesondere die "Verkleidung" des
Pöbels. Die allgegenwärtige Klage, man könne eine Dame nicht von
ihrer Köchin, den adeligen Herrn nicht von einem Kellner oder Frisör
unterscheiden, bezeichnet indessen nicht die tatsächliche Auflösung
der Standesschranken. Sie spiegelt die neue Erfahrung der anonymen
Öffentlichkeit einer Stadtgesellschaft, die die Schwächung der
verbindlichen Codes in Kleidung und Habitus umso spürbarer macht.
Moderegeln sind nicht mehr auf exklusive Gesellschaften begrenzt; sie werden in der Öffentlichkeit verhandelt und in den zahllosen neuen illustrierten Zeitschriften verbreitet. Claudia Sedlarz, die die Tagung konzipiert hat, liest die zeitgenössischen Geschmacksdiskurse, von Mode- und Einrichtungsfragen bis hin zur königlichen Baupolitik, vor dem Hintergrund der Auflösung ständischer Verbindlichkeiten. In der neuen Unübersichtlichkeit geben Geschmack und Stil neuen Halt. Insbesondere das von König und Akademie energisch als Leitstil durchgesetzte "Griechische" trägt zu einer Homogenisierung bei. Der Klassizismus mit seinem sprechenden antikischen Ornament bietet die Möglichkeit, den symbolischen Raum der Geschichte als neuen Bezugsrahmen im Stadtraum zu verankern.
Nach Auflösung der altständischen Ordnung wird im nachrevolutionären Frankreich die Nation zum neuen Bund stilisiert. Thomas Biskup (Cambridge) sucht parallele Entwicklungen in der Selbstdarstellung der preußischen Monarchie. Hauptakteure waren nun Militär und Volk anstelle des Hofstaats. Einfachheit und Lesbarkeit ersetzten höfisches Raffinement. Besonders der Kult um Friedrich den Großen wird dem Nationalkult um 1800 als zentrales Moment integriert. Neue Legitimation soll der Monarchie aus der ritualisierten Liebe zum König erwachsen. Monarch und Volk konstituieren die Nation, wobei die Rolle des Adels verschleiert wird.
Parallelwelten entstehen
Unter den bildungsbürgerlichen Eliten der Hauptstadt gab es
weitergehende Bestrebungen, die Zeremonielle zu Volksfesten im Sinne der
Aufklärung umzugestalten und zur patriotischen Mobilisierung zu nutzen.
Bei den Huldigungsfeiern anläßlich königlicher Hochzeiten
symbolisieren die Deligierten das Bild einer loyalen und geordneten Nation,
analog zu revolutionären Festpraktiken. Der Stadtraum sollte dabei in
einem geregelten Festkalender zu einem zeremoniell aufgeladenen Erinnerungsraum
überformt werden.
Unter der Überschrift "Identität und Immersion" untersuchte Florian Maurice (München) unterschiedliche neue "Erlebnisräume" als Ausdruck von Modernität und Urbanität in Berlin um 1800. Panorama, Liebhabertheater und Freimaurerloge sind ihm neue Räume, die einer Gesellschaft im Umbruch als Parallelwelten wechselnde Identitäten ermöglichen. Das Grundmodell liefern ihm die Geheimlogen: nach außen in mehrfacher Hinsicht abgeschlossene Räume, nach innen gestaltet als ein geschlossenes System der Bezüge. Neuheit und Künstlichkeit dieser Codes verbergen sich unter einer vagen Patina ehrwürdiger Tradition. Sie sind auf Entschlüsselung angelegt und gewähren, streng hierarchisiert, Teilhabe am Geheimnis und markieren Ausschluß. Der gesellschaftlichen Hierarchie entzogen, eignet den Logen ein radikal gleichmacherisches Element. Andererseits bietet die ausgefeilte Binnenstruktur zahllose Pöstchen und Titel, die in einer Zeit gesellschaftlichen Umbruchs verfehlte Erfolge kompensieren helfen.
Für die neue bürgerliche Öffentlichkeit steht das Spazierengehen, am besten über die Linden durch das 1793 errichtete Brandenburger Tor in den Tiergarten. Das ehemalige königliche Jagdrevier war als erster Volksgarten frei zugänglich, ebenso wie die königlichen Gärten bei Bellevue oder Charlottenburg. Auch das "Gartenfieber" ist ein Großstadtphänomen. Der eigene Garten, in dem die Familie zunehmend "übersommerte", versprach dem ermüdeten Städter Genuß und Heilung vom Gewühl und Tau der Stadt mit ihren freudlosen Gesellschaften (Anette Dorgerloh, Berlin). Wie das Griechische bot die Natur im Rekurs auf Allgemein Gültiges den neuen Eliten integrierende und identitätsstiftende Potentiale. Die privaten Gärten folgten seit Ende des 18. Jahrhunderts der neuen Mode der naturnah gestalteten sentimentalen Landschaftsgärten. Haus und Garten waren die Räume, in denen sich der bürgerliche Kult des Privaten entfalten konnte.