Lebhafter Ausdruck ist allenthalben schön
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.2002
Es tut so gut, einmal nach Italien auszureißen: Eine Berliner Tagung über Karl Philipp Moritz
Wolfgang Schneider
Im Jahr 1788 wurde das Abitur in Preußen erfunden, im selben Jahr begann der Bau des Brandenburger Tors. In der Besinnung auf Antike und Humanismus ging Berlin anderen deutschen Städten voran. Bis heute verbindet man mit Klassik in Deutschland allerdings einseitig die Idylle von Weimar, wenig erforscht ist der urbane, von der Spätaufklärung Gepräge Berliner Klassizismus um 1800. Dass das nicht so bleiben möge, ist das erklärte Ziel der Arbeitgemeinschaft "Berliner Klassik", die in Berlin eine Tagung über einen der wichtigsten Protagonisten jener Epoche veranstaltete: Karl Philipp Moriz (1756 bis 1793), der zwar in Hameln an der Weser geboren wurde, aber die letzten anderthalb Jahrzehnte seines kurzen Lebens in Berlin lehrte und schrieb. Ein freudiges philologisches Ereignis ist nah: In Kürze erscheint der erste Band der jahrzehntelang erwarteten historisch-kritischen Moritz-Ausgabe.
Man kennt und bewundert den Autor vor allem für den "Anton Reiser", den eindrucksvollsten Verbildungsroman der deutschen Literatur. Aber Moritz war nicht nur der erste autobiographische Selbstentblößer, sondern zugleich Vordenker der klassischen Autonomie-Ästhetik, die von Goethe und Schiller später ausgeführt wurde und bekanntlich alles andere als eine Poetik des sozialen Romans war. Wie passen solche scheinbaren Paradoxien zusammen? Kommt hier etwa jenes Entwicklungsschema zur Geltung, das Germanisten seit je gerne auf Autorenbiographien projiziren: frühe Radikalität, spätere Abgeklärtheit?
Die Zäsur der italienischen Reise, die Moritz 1786 bis 1788 unternahm, scheint das nahezulegen. Wie Goethe brach er aus seinen Lebensverhältnissen als Lehrer am Berlinischen Gymnasium zum grauen Kloster aus. In Rom wurde er zu Goethes gleichberechtigtem Partner in Kunst- und Literaturdebatten; mit seiner Unterstützung dann 1789 in Berlin Professor der Schönen Künste. Aber so sehr die biographische Kurve eine Wandlung vom sozialen Stürmer zum klassizistischen Stabilisator nahe legt: Die Tagung machte deutlich, dass die geistigen Kontinuitäten überwiegen. Moritz hat die sozialgeschichtliche Psychologie und die Autonomie-Ästhetik parallel verfolgt. Gerade weil er Ausbeutung am eigenen Leib kennengelernt hatte, bekam für ihn das Kunstschöne als das "in sich selbst Vollendete", als "freier Spielraum" so eminente Bedeutung. Die oft als akademisch empfundene klassische Ästhetik besitzt hier existentielle Schubkraft.
Mit dem "Magazin zur Erfahrungsseelenkunde" gab Moritz die erste psychologische Zeitschrift in Deutschland heraus. "Fakta, kein moralisches Geschwätz", lautete das Motto, unter dem die Lebensgeschichten von Exzentrikern, Verzweifelten, Psychopathen und Selbstmördern gesammelt und leib-seelische Zusammenhänge analysiert wurden. Einige Vorträge beleuchteten die Zeitschrift vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Berliner Publizistik. Stefan Goldmann (Berlin) untersuchte die Mitarbeit jüdischer Autoren, darunter so prominente Namen wie Moses Mendelssohn und Salomon Maimon. Claudia Stockinger (Göttingen) zeigte in ihrem luziden Referat, warum Moritz anders als viele Autoren nie in antisemitische Ressentiments einstimmte. Bei Mendelssohn und Maimon konnte er viele Parallelen zum eigenen Lebenslauf finden, vor allem die gegen die einfache Herkunft, gegen alle Entbehrungen und Widerstände durchgesetzte intellektuelle Entwicklung. So entsteht eine Art Konze
Mehrere Beiträge widmeten sich der "Götterlehre", dem lange Zeit erfolgreichsten Buch von Moritz. Während der "Anton Reiser" hundert Jahre lang nicht über die erste Auflage hinauskam, wurde die populäre Einführung in die griechisch-römische Mythologie immer wieder nachgedruckt. Künstler und Gemmenschneider des neunzehnten Jahrhunderts wie Thorvaldsen und Calandrelli arbeiteten ihre mythologischen Szenen anhand dieses Handbuchs aus, wie Gertrud Platz-Horster (Berlin) darlegte. Die antiken Mythen waren für Moritz nicht verkleideter Geschichtsbericht, sondern "Sprache der Phantasie".
Die Konturen einer "Ästhetik des Alltags" umriss Iwan d'Aprile (Potsdam). Der Italien-Reisende Moritz hatte kein antiquarisches Interesse an der Antike; die alten Römer sollten den Berlinern, deren Dialekt für ihn mit der "Würde des Menschen" nicht zu vereinbaren war, zum Muster werden. Durch autonome Ästhetik könne selbst die Berliner Verwaltung eine Aufwertung erfahren. Zwar sei ein Geschäftsbrief keine Belletristik, aber: "Lebhafter Ausdruck ist allenthalben schön." Dergleichen, so d'Aprile, habe nicht mit einer Rucknahme der Dilettantismuskritik des "Anton Reiser" zu tun. Der "falsche Kunsttrieb", der nur in melancholische Selbstbezüglichkeit führt, Literatur sei "empfindsame Ersatzbefriedigung" für Menschen, die wie Reiser von klein an "zu wenig eigene Existenz haben" - davon hat Moritz auch in seinen Ansätzen zu einer Ästhetik des Berliner Alltags Abstand gehalten.