Ich kenne kein Weimar
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2001
Die verdrängte Alternative: Akademieprojekt sucht nach der "Berliner Klassik"
Johan Schloemann
Es ist die Zeit, in der man solche Abhandlungen schreibt: "Versuch einer Vereinigung aller schönen Künste und Wissenschaften unter dem Begriff des in sich selbst Vollendeten". Und es ist die Zeit, in der man solche Erfahrungen macht: "Gelehrte, Juden, Offiziere, Geheime Räte, Edelleute, kurz alles was sich an andern Orten die Hälse bricht, fällt einander um diese, und lebt wenigstens freundlich an Tee- und Eßtischen beisammen." Die Schrift ist von Karl Philipp Moritz, 1785 in den "Berliner Monatsheften" veröffentlicht. Die Gesellschaftsbobachtung stammt von Jean Paul, der 1800 und 1801 mehrere Monate in Berlin lebte und dort, so der Würzburger Helmut Pfotenhauer, anders schrieb als zuvor, weil er "von der Großstadt aufgeregt, angezogen und abgestoßen" wurde. Zwei Geister, die sich nicht so recht in die Kategorien Aufklärung, Klassik oder Romantik einordnen lassen wollen - sie können, so Pfotenhauer, als Beispiel für "Zuspitzungen" in der Zeit um 1800 stehen, "die eine eigene Berliner Signatur zu haben scheinen". Mit dieser Analyse, jüngst auf einer Tagung an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften vorgetragen, erfüllte der Referent die Erwartungen, deretwegen man zusammengekommen war: Man sprach über die "Berliner Klassik" als "verdrängte Alternative zu Weimar".
Im Goethe-Jahr war der Germanist Conrad Wiedemann (TU Berlin) von der Überhöhung Weimars derart irritiert, daß er sich entschloß, der Weimarer eine Berliner Klassik entgegenzusetzen. Was zunächst als sanfte Provokation gedacht war, ist mittlerweile eine auf drei Jahre genehmigte Arbeitsgruppe an der Akademie. Ihr Ziel ist es, die Vielfalt des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in Berlin etwa von der Ablösung Friedrich des Großen bis zum Wiener Kongreß zu behandeln. Bereits jetzt scheint sich abzuzeichnen, daß die griffige Formel hilft, eine Forschung zu bündeln, die, so Wiedemann, "in viele Zentren und Epizentren ohne Bewußtsein einer Einheit zerfällt".
Bei einer solchen Synopse fällt ins Auge, wie viel unbearbeitetes Terrain es gibt. Etwa in der Musik: Der Musikhistoriker Laurenz Lütteken (Zürich) zeigte, wie das Fehlen eines großen Berliner Komponisten in dieser Zeit dazu geführt hat, das rege Musikleben der Stadt zu vernachlässigen. Die von Karl Friedrich Zelter 1809 gegründete "Liedertafel", ein patriotischer Verein und Keimzelle aller deutschen Männerchöre des neunzehnten Jahrhunderts, sei nahezu unerforscht. Als im Plenarsaal der Akademie vaterländischer Chorgesang als Klagbeispiel ertönte, zuckte Wiedemann, der Leiter des Projekts, zusammen, hatte er doch in seiner Programmrede eher vom offenen, widersprüchlichen Charakter des nachfriederizianischen Berlin geschwärmt und "eine vitale Streitkultur" skizziert, in der sich Romantiker wie Tieck gegen das "Staatsgriechentum" wandten. Wilhelm von Humboldts spätere Sprachtheorie der Verständigung sei auch ein Produkt des Dialogs und der Mehrsprachigkeit in den gelehrten Salons.
Daß man diesen lebendigen Stadtraum mit dem Konzept der "Klassik" fassen könne, ließen einige Tagungsteilnehmer allenfalls als Arbeitshypothese gelten; "Klassik" bedeute weniger die Suche nach der zeitlosen Einheit von Form und Inhalt als vielmehr eine "urbane Kulturblüte". Auch der Begriff der "Weimarer" oder der "deutschen Klassik" hat sich erst um die Ende zum zwanzigsten Jahrhunderts etabliert, daß Berlin in der darauf bauenden Großdichter-Mythologie ausgeblendet wurde, ist ein geistesgeschichtliches Faktum. Gleichwohl will sich die Berliner Arbeitsgruppe nicht auf die Rezeptionsgeschichte konzentrieren, sondern sie lieber selbst verändern, indem sie ihre Epoche, von der Architektur bis zur Schulpolitik, erschließt.
Der Auseinandersetzung mit anderen mächtigeren Ausformungen der Klassik will man dabei in Berlin nicht ausweichen. Als Klaus Manger auftrat, der in Jena den Sonderforschungsbereich "Ereignis Weimar-Jena: Kultur um 1800" leitet, wurde deutlich, daß Weimar und Berlin vielleicht doch einen schwesterlichen Streit begonnen haben. Während Wiedemann Weimar als "Fluchtort, Idylle, Klausur" charakterisiert, betonte Manger Jenas Bedeutung für die Gründung der Berliner Universität und sprach von der "Urbanität der Provinz". Das schmeckte ein wenig nach Goethes Widerwillen gegen Berlin. Den Begriff der Klassik vollends zu problematisieren, überließ man ausgerechnet einem der beiden Vertreter der klassischen Kultur, die man eingeladen hatte, um dem antiken Bezugspunkt der deutschen Geistesblüte zu beginnen: Christian Meier. Das Klassische sei "etwas provinziell und heimatlos geworden". Meier erzählte von der Besonderheit der Griechen und meinte, Berlin habe um 1800 "keine andere Wahl" gehabt, als sich auf die Griechen zu berufen. Manfred Fuhrmann berichtete von der Schwierigkeit, in der lateinischen Literatur eine Klassik auszumachen, und davon, wie Rom bei den Neuhumanisten zum "Abklatsch" Athens wurde. Beides änderte nicht daran, daß man auf den weiteren Verlauf des Vorhabens "Berliner Klassik" gespannt sein kann. Es gibt viel zu tun: Meier, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, gestand bei der Tagung, in seinem Leben "nicht eine Zeile" von Winckelmann gelesen zu haben.